"Der Mythos des verwöhnten Kindes" - Alfie Kohn


Cover "Der Mythos des verwöhnten Kindes" Alfie KohnRegelmäßigen Lesern unseres Blogs ist sicher nicht entgangen, dass eines der für mich prägendsten Bücher überhaupt  "Liebe und Eigenständigkeit"* von Alfie Kohn war. Das Buch ist meines Erachtens eines der wichtigsten, das je über Kinder geschrieben wurde. Es enthält so viele wichtige und interessante Gedanken  und Perspektiven, die wunderbar zum Nach- und Umdenken anregen und meine Erziehung nachhaltig zum Positiven beeinflusst haben.
 
Ich war natürlich sehr erfreut, als ich erfuhr, dass der Beltz-Verlag Kohns Buch "The myth of the spoiled child" aktuell in deutscher Sprache unter dem Titel "Der Mythos des verwöhnten Kindes - Erziehungslügen unter die Lupe genommen"* heraus gebracht hat. Wir haben freundlicherweise ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt bekommen. Ich möchte in diesem Artikel die Inhalte der acht Kapitel, für Euch kurz zusammenfassen.
 

Kapitel 1 - Von nachgiebigen Eltern, verwöhnten Kindern und anderen altbekannten Buhmännern


Im ersten Kapitel des Buches geht es um die ewige "Früher war alles besser"-Litanei. Kohn zeigt, dass seit Jahrzehnten, ja sogar seit Jahrhunderten das Verhalten von Kindern immer gleichbleibend beklagt wird. Früher habe es mehr Grenzen gegeben, früher haben Kinder viel besser gehorcht... nur schaut man zurück, stellt man fest, dass auch früher nur beklagt wurde, wie besser alles früher war. Es gibt keine Belege dafür, dass dies tatsächlich zutrifft.

Kohn geht anschließend auf die permissive Erziehung ein. Diese ist nach Baumrind gekennzeichnet von einem hohen Maß an einer Berücksichtigung der kindlichen Bedürfnisse und einem geringen Grad an Autorität. Diese Form der Erziehung wird dafür verantwortlich gemacht, dass Kinder sich heutzutage (vermeintlich) schlechter benehmen, weil sie kaum Grenzen erfahren. Allerdings gibt es keinen einzigen Beweis dafür, dass die permissive Erziehung die am weitesten verbreitete ist. In Umfragen geben gerade mal 37 % der Eltern an, so erziehen - 55 % würden ihre Erziehung eher als streng bezeichnen. Ebenso wenig ist empirisch belegbar, dass heutzutage ein höherer Grad an Narzissmus bei Kindern herrsche, als früher. Dabei wird Narzissmus vielmehr von mangelnder elterlicher Empathie und Gefühlskälte - also durch den autoritären Erziehungsstil - gefördert.

Es gibt außerdem Untersuchungen, wonach Kinder, die durch Ungehorsam, Streitsüchtigkeit, und Gemeinheit auffallen, nicht verwöhnendend erzogen werden, sondern eher mit kontrollierende Erziehung groß werden. Eine solche Erziehung mittels Strafen und Bestechung führt außerdem dazu, dass Kinder nicht über die Stufe reinen Selbstinteresses hinaus wachsen.
 

Kapitel 2 - Der Dauerbrenner: Kinder sollen tun, was ihnen gesagt wird


In Artikeln oder Büchern über Erziehung herrscht ein Leitmotiv - nämlich wie man Kinder dazu bekommt, das zu tun, was man ihnen sagt. Im Grunde betrachtet die Mehrheit der Eltern genau das als Aufgabe und setzt zu diesem Zwecke starre Grenzen, die sie konsequent überwachen. Dabei gibt es zahlreiche Studien, die belegen, dass sich Strenge langfristig auf die Aggressivität, die Ängstlichkeit und die Hilfsbereitschaft von Kindern auswirkt.

Daher betrachtet es Kohn als nutzbringender, eine Erziehung zu praktizieren, die auf bedingungsloser Liebe, einer hohen Entscheidungsfreiheit und Bedürfnisorientierung basiert und bei der Fehlverhalten nicht bestraft, sondern als Möglichkeit gesehen wird, Probleme zu lösen und Werte zu vermitteln. Dabei sollten stets die Motive des kindlichen Verhaltens hinterfragt werden, um es zu verstehen. Auch die Wissenschaft belegt, dass diese Art der Erziehung Kinder glücklicher und kompromissbereiter macht - sie fördert außerdem Empathie und Großzügigkeit.

Es wird darüber hinaus der Frage nachgegangen, warum allgemein davon ausgegangen wird, dass die heutige Erziehung zu nachgiebig sei. Das liegt unter anderem daran, dass häufig nicht ausreichend differenziert wird. Die Menschen verwenden bspw. die Bezeichnung "Verwöhnen" für mehrere Sachverhalte - einerseits für das Überschütten von materiellen Dingen, andererseits für (zu) viel Aufmerksamkeit und Zuwendung - beiden Sachverhalten liegen jedoch vollkommen unterschiedliche Erziehungsmodelle zugrunde. 

Kind lächelt

Außerdem erwarten Erwachsene von Kindern Respekt - verhalten sich jedoch selbst nicht respektvoll den Kindern gegenüber. Ahmen diese dann nach, wie man mit ihnen umgeht, wird das sofort als Indiz für das Versagen der Erziehung gesehen. Nach wie vor erwarten die meisten Erwachsenen nämlich bedingungslosen Respekt - meinen aber eigentlich Unterwürfigkeit.  Kein Wunder, dass ihnen Kinder, die als gleichwertige Gesprächspartner aufwachsen, respektlos vorkommen.

Darüber hinaus ordnen viele Erwachsene Erziehungsstile in Schubladen ein - entweder man erzieht autoritär, traditionell (gerne als autoritativ bezeichnet) oder vollkommen ohne Grenzen. Da naturgemäß die traditionelle Erziehung als ideal betrachtet wird, wird davon ausgegangen, dass andere Erziehungsweisen automatisch dazu führen müssen, dass Kinder lügen, stehlen, schlagen und bösartig sind, wenn man ihnen - anders als bei der vermeintlich idealen traditionellen Erziehung - keine Grenzen setzt und Strafen androht.

Äußern Kinder Bedürfnisse, wird das als manipulativ empfunden, versuchen Eltern diese zu erfüllen, gelten sie sofort als zu nachgiebig. Nachgiebigkeit wird deshalb als etwas schlechtes betrachtet, weil davon ausgegangen wird, dass sich Kinder, die man sich selbst überlässt, nicht so entwickeln, wie es erstrebenswert wäre. Tief in unserer Gesellschaft ist der Anspruch verwurzelt, dass Kinder den Mund halten sollen und tun, was man ihnen sagt.

Dabei wollen Kinder vielmehr ihr Leben mitbestimmen und mit Respekt behandelt werden. Die - ohne jede Grundlage (siehe dazu auch unsere kritische Analyse des Buches "Warum Kinder zu Tyrannen werden" von Michael Winterhoff) - gern verbreitete Angst vor verzogenen und verwöhnten Kindern führt dazu, dass Eltern gegen ihr Bauchgefühl handeln oder ihnen dieses schon vollkommen abhanden gekommen ist. So lassen sie Kinder vorsätzlich nach Ratgebern schreien, obwohl ihnen das in der Seele weh tut. Kohn schreibt: 
"Wir müssen uns fragen, wie viele Kinder nicht bekommen haben, was sie brauchen, weil ihre Eltern befürchten mussten, als zu wenig durchsetzungsfähig zu gelten" (S. 65).

Kapitel 3 - Mythos Helikopter-Erziehung und Überfürsorge


Ein weiterer Vorwurf, dem Eltern sich heutzutage verstärkt ausgesetzt sehen, ist der, dass sich Eltern zu sehr in das Leben ihrer Kinder einmischen. Da werden in der Öffentlichkeit Eltern belächelt, die ins Büro des Direktors ihrer Kinder stampfen, um die Leistungen ihrer Gymnasiasten zu diskutieren. Dabei werde so getan, als handle es sich um ein weit verbreitetes Phänomen. Es gibt jedoch nur sehr wenige wissenschaftliche Untersuchungen dazu und die, die es gibt, werden gerne aus dem Zusammenhang gerissen und falsch interpretiert. Kohn führt in diesem Kapitel mehrere Beispiele dafür an.

In unserer Gesellschaft herrscht eine Streben nach schneller Selbständigkeit und Unabhängigkeit - daher wird eine enge Bindung und lange Zuwendung kritisch gesehen. Fürsorglichkeit wird teils belächelt. Die extremste Form der Überfürsorge ist das Helikoptern, bei dem das elterliche Eingreifen exzessiv und dem Entwicklungsstadium des Kindes unangemessen ist. Die Frage dabei ist, wer das beurteilen will. Das Maß an benötigter Fürsorge variiert von Kind zu Kind.

Auch in Bezug auf Helikoptereltern wird ein Blick in die Forschung geworfen und festgestellt, dass sie weder häufig ist noch dass sie negativen Auswirkungen hat, wenn die Eltern den Kindern zuliebe handeln und nicht aus eigenem Interesse. Ein Teil der helikopternden Eltern nutzt nämlich die Kinder, um ihre eigenen emotionalen Bedürfnisse zu befriedigen. Daher lohnt sich ein Blick auf die Motivation, bevor Eltern pauschal be-/verurteilt werden.

Betrachtet man die Studien näher, stellt man fest, dass die Überbehütung kein Erscheinungsbild der selbstbestimmten, autonomen Erziehung ist, sondern vielmehr eine Ausprägung der kontrollierenden Erziehung. Statt mit Autorität wird hier subtil mit Schuldgefühlen und bedingter Liebe gearbeitet - positive Zuwendung gibt es nur, wenn das Kind das gewünschte Verhalten zeigt, schlechtes Verhalten wird bestraft. Das Kind wird auf Schritt und Tritt überwacht - dabei ist nicht Fürsorge das Hauptmotiv, sondern Kontrolle mit dem Ziel, dass das Kind tut, was man ihm sagt.
 

Kapitel 4 - Wofür soll Scheitern gut sein


Dieses Kapitel zeigt, wie die Furcht vor zu viel Nachgiebigkeit allmählich von der Erziehung auf die Bildung und die Freizeitgestaltung übergeht. Es wird mittlerweile als feststehende Tatsache betrachtet, dass Kinder die Erfahrung des Scheiterns machen sollten, um auf "das wirkliche Leben" vorbereitet zu werden. Daher schade es, wenn wir unsere Kinder ständig vor Unannehmlichkeiten beschützen wollen.

Es wird in der traditionellen Erziehung davon ausgegangen, dass Menschen nur dann ihr Bestes geben, wenn sie für ihre Leistung eine Belohnung erhalten.  Daher, so der Umkehrschluss, wird die Motivation sinken, wenn eine solche nicht in Aussicht gestellt wird. Dabei wird jedoch die Kraft der intrinsischen Motivation unterschätzt - diese treibt uns von innen heraus an - wir tun Dinge, weil wir es selbst wollen. Studien haben schon längst eindrucksvoll gezeigt, dass Menschen Dinge umso weniger gern tun, je mehr man sie dafür belohnt.


Die Annahme, wonach Kinder durch Scheitern in der Kindheit auf die Härte der Realität im Erwachsenenleben vorbereitet werden, entbehrt jeder Grundlage. Den Umgang mit negativen Erlebnissen verkraftet man nicht dadurch besser, dass man zielgerichtet über Jahre frustriert wird. Kindern hilft viel mehr in einen stabilen Familiengefüge aufzuwachsen und Unterstützung und Respekt zu erfahren. Das gibt Ihnen genug Selbstvertrauen, um mit kritischen Situationen umzugehen.

Unabhängig davon bietet das Leben eine Fülle an Situationen, in denen Kinder scheitern, es ist nicht notwendig, solche künstlich herbei zu führen. Außerdem haben Studien gezeigt, dass nicht das Scheitern uns für das Scheitern stark macht, sondern Erfolg. Gibt man Kindern bspw. eine unlösbare Aufgabe, an der sie zwangsläufig scheitern und danach eine deutliche einfachere, sind sie vom Scheitern bei der ersten so paralysiert, dass sie die zweite kaum lösen können. Sind sie hingegen beim ersten Mal erfolgreich, gehen sie mit Elan weitere Aufgaben an. Ständige Frustration führt also vielmehr zu einer Spirale aus Resignation, als zu einer Abhärtung. Häufiges Scheitern verursacht in aller Regel auch ein schlechtes Selbstbild. Kinder strengen sich dann häufig absichtlich weniger an, damit sie ihr (erwartetes) Scheitern vor sich selbst erklären können (self-handicaping).

Das vorsätzliche Scheiternlassen sendet zudem auch eine klare Botschaft an unsere Kinder - nämlich, dass Mama oder Papa hätten helfen können, es aber nicht getan haben. Wie sich das für sie anfühlt, kann man sich vorstellen.

 

Kapitel 5 - "Nur unter dieser Bedingung..." - Vom Unsinn von Strafen, Noten und Wettbewerb


Im fünften Kapitel geht es zunächst um die weit verbreitete Haltung "Wer nichts leistet soll nichts bekommen". Die Allgemeinheit fühlt sich ganz offensichtlich verpflichtet, aus moralischen Gründen gute Leistungen zu belohnen und schlechten Leistungen diesen Lohn zu versagen. Nach einem kurzen Exkurs zum Loben (worüber Kohn ausführlich in seinem Buch "Liebe und Eigenständigkeit" schrieb) wird auf das Wettbewerbsmodell unserer Gesellschaft eingegangen. Bei sportlichen Aktivitäten und in der Schule geht es vor allem darum, miteinander zu wetteifern und besser als andere zu sein. Dabei gibt es empirische Belege dafür, dass viel bessere Leistungen vollbracht werden, wenn man miteinander statt gegeneinander arbeitet.

Ständiger Wettbewerb führt dazu, dass sich unsere Kinder immer wieder unzulänglich fühlen, da naturgemäß einem Gewinner zahlreiche Verlierer gegenüber stehen. Und die Verlierer sind natürlich oft frustriert. Im vorherigen Kapitel wurde bereits belegt, dass Frustration keine Motivation erzeugt. Auch Schulnoten fungieren als Belohnung - mit dem Effekt, dass sie extrinsische Motivation fördern. Kinder, die keine Noten bekommen, lernen nicht für Zensuren, sondern um des Lernens willen - dass das auch tatsächlich funktioniert, zeigen alternative Schulen eindeutig.
 
 

Kapitel 6 - Der Angriff auf das Selbstwertgefühl


Um das Selbstwertgefühl und die Frage, ob junge Menschen ein viel zu übersteigertes haben, geht es im sechsten Kapitel. Der  Grundgedanke der traditionellen Erziehung in Bezug darauf ist, dass das Maß an Zufriedenheit, das Kinder haben dürfen, einem bestimmten Maß an Leistungen gegenüber stehen muss. Entsprechend sind auch Lobe, Sticker oder gute Noten nur dann zu vergeben, wenn strenge Bedingungen erfüllt werden. Kinder sollen sich also vornehmlich dafür wertvoll fühlen, was sie tun, nicht dafür, was sie sind. Wenn Menschen ein hohes Selbstwertgefühl haben, ohne dass sie entsprechende Leistungen vollbracht haben, führt das vermeintlich dazu, dass sie faul sind und sich nicht mehr anstrengen. Diese Einschätzung der menschlichen Natur ist jedoch falsch - das ist eindeutig belegt.

Für das Selbstwertgefühl ist es auch maßgeblich, ob es an Bedingungen geknüpft ist. Ein bedingtes Selbstwertgefühl entsteht dann, wenn ein Kind nur wertgeschätzt wird, wenn es bestimmte Bedingungen erfüllt. Vor allem eine Erziehung mit hoher Kontrolle, Strafen und Loben kann dazu führen, dass Kinder sich nicht bedingungslos angenommen fühlen. Dabei brauchen Kinder für eine gesunde Entwicklung die Gewissheit, dass ihre "Liebenswürdigkeit" nicht von ihrem Verhalten abhängt.
 

Kapitel 7 - Warum Selbstdisziplin überschätzt wird


Es ist eine relativ unkritisch hinterfragte Annahme, dass Selbstdisziplin eine erstrebenswerte Eigenschaft sei. Immer wieder wird bemängelt, dass unseren Kinder diese fehlen würde. Als Beispiel für die Bedeutung der Selbstdisziplin wird oft die "Marshmallow-Studie" angeführt. Diese soll ergeben haben, dass Kinder, die es schaffen, den angebotenen Marshmallow nicht sofort zu essen und dafür später einen zweiten zu bekommen, im späteren Leben erfolgreicher waren.

Dabei ging es in dieser Studie gar nicht um die (individuelle) Selbstkontrolle der Kinder, sondern es wurde untersucht, wie sich verschiedene Situationen auf die Fähigkeit zu Warten auswirken. Dabei wurde festgestellt, dass das Umfeld einen viel stärkeren Einfluss darauf hatte, als der Charakter der Kinder. Und die Untersuchung ergab auch nicht, dass die Kinder, die anfangs warten konnten, im späteren Leben über mehr Selbstkontrolle oder Willenskraft verfügen. Das ist ein eindrucksvolles Beispiel dafür, wie Studienergebnisse aus dem Zusammenhang gerissen und in einem völlig anderen Kontext instrumentalisiert wiedergegeben werden.

Unabhängig davon kann man sich die Frage stellen, ob es überhaupt immer erstrebenswert ist, zu warten und ob die Fähigkeit nicht auch maßgeblich von den Vorerfahrungen geprägt sind. Außerdem ist bei der Selbstkontrolle zwischen der durch äußeren Einfluss entstandenen und der innerlich motivierten (einsichtigen) zu unterscheiden. Ein hohes Maß an Selbstkontrolle, das durch die Anwendung von Strafen und Belohnung erzielt wird, geht häufig auch mit geringer Spontanität und einem blassen Gefühlsleben einher.

Auch Durchhaltevermögen wird immer wieder als erstrebenswerte Fähigkeit betrachtet. Dabei kann dieses recht schnell in Verbissenheit ausarten und kontraproduktiv sein. Nicht alles ist es wert, über längere Zeiträume getan zu werden. An einer Sache festzuhalten hindert uns daran, uns weiter zu entwickeln oder die Sache aus einer anderen Perspektive zu betrachten, die vielleicht auf einem anderen, effizienteren Weg zum Erfolg geführt hätte. Tun Menschen etwas mit Freude, brauchen sie keine Selbstdisziplin - ihre intrinsische Motivation beflügelt sie dabei wie von allein.   

 

Kapitel 8 - Erziehung zur sanften Rebellion


Diejenigen, die beklagen, dass unsere Kinder durch zu nachgiebige Erziehung faul, selbstsüchtig und anspruchsvoll geworden sind, haben immer die selben Lösungsvorschläge: strengere Grenzen, mehr Konsequenzen, Anhalten zu früher Selbständigkeit. Es herrscht außerdem die Ansicht, dass Kinder sich ein positives Selbstwertgefühl durch Leistungen erarbeiten müssen und sich Lobe verdienen müssen. Kurz gesagt: Kinder sollen sich gut benehmen und hart arbeiten und sich den Ansprüchen der wirklichen Welt anpassen. Sie sollen Regeln befolgen und einfach tun, was man ihnen sagt.

Alfie Kohn regt mit seinem Buch an, dass Kinder vielmehr ermuntert werden sollten, sich um die Rechte und Bedürfnisse anderer zu kümmern und den Mut aufzubringen, das, was man ihnen sagt, infrage zu stellen. Wir sollten uns fragen, welche Art Menschen unsere Kinder werden sollen. Wollen wir Kinder erziehen, die sich ihrer Umwelt anpassen oder Kinder, die die bestehende Ordnung infrage stellen und sich über empörenswerte Dinge empören und Veränderungen in Schule und Gesellschaft einfordern?

Viele Eltern wollen, dass ihre Kinder selbstbewusst, stark und unabhängig denkend werden, dass sie sich im Leben durchsetzen, sich behaupten und dem Gruppendruck widerstehen... Aber bitte nur so lange, wie sie ihnen selbst nicht so gegenübertreten. Wir müssen unseren Kinder erlauben, uns herauszufordern und aufhören Auseinandersetzungen gewinnen zu wollen und darauf zu bestehen, unseren Willen durchzusetzen, wenn unsere Kinder diese Fähigkeiten erlernen sollen. Gute Entscheidungen zu treffen lernen Kinder vor allem, in dem sie Entscheidungen treffen - und nicht, indem sie Anweisungen befolgen. Dazu müssen wir ihnen viel Verantwortung übertragen und unser Maß an Kontrolle verringern. 
 
 

Meine Meinung zum Buch

 
Dieses Buch ist wirklich wunderbar, denn es entlarvt herrlich unterhaltsam die Denkfehler, auf denen die traditionelle Erziehung basiert. Man hat zwar im Gefühl, dass die Annahmen unzutreffend sind, kann dies aber oft nur schwer in Worte fassen. Endlich sind die diffusen Gedanken, die einen  zu diesem Thema bewegen, klar und strukturiert zusammengefasst. Man versteht, wie die Ansätze der traditionellen Erziehung zustande kommen und wie man ihnen argumentativ entgegen treten kann. Nach diesem Buch ist man emotional sehr gestärkt in Bezug auf den eigenen Weg der autonomen, selbstbestimmten Erziehung. Sofern vorhanden, nimmt es die Angst vor dem Verwöhnen, zeigt, wie wichtig liebevolle Zuwendung ist und wie Selbstbestimmung unsere Kinder stark macht. Kohn Aussagen sind wissenschaftlich fundiert untermauert - allein das Literaturverzeichnis umfasst ganze 30 (!) Seiten.
 
"Der Mythos des verwöhnten Kindes"* ist ein weiteres, sehr wertvollen Puzzleteil in meiner Attachment-Parenting-Bibliothek. Eltern, die AP praktizieren sehen sich ja häufig dem Vorwurf ausgesetzt, sie würden die Kinder zu nachgiebig erziehen und sie damit zu sehr verwöhnen. Das sei vermeintlich die Ursache für das allgemein zunehmend schlechte Benehmen "heutzutage". In diesem Zusammenhang fand ich eine Passage im letzten Kapitel sehr amüsant:

Man stelle sich vor, eine Schülerin erscheint in der Schule in einem Badeanzug und wird zum Direktor zitiert. Dieser erklärt, dass das Kind so nicht in die Schule kommen könne und fordert es auf, sich umzuziehen. Das Kind erklärt, es ziehe an, was es wolle - der Direktor habe keinen Grund, ihm das zu verbieten. Der Direktor schließt das Mädchen daraufhin von der Teilnahme am Unterricht aus. Das Thema wäre sofort in den Medien - Boulevardmagazine würden die Geschichte gierig verbreiten und der allgemeine Tenor wäre ganz sicher, dass die Kinder heutzutage einfach nicht ordentlich erzogen würden. Sofort wären Grenzenlosigkeit und Nachgiebigkeit in der Erziehung als Ursachen gefunden und ausgiebig kritisiert worden. Dass im ganzen Land mehrere hunderttausend andere Schüler ganz brav und angemessen gekleidet im Unterricht saßen, würde dabei sicher vergessen. Und wie viele davon unglücklich darüber sind, immer angepasst sein zu sollen, auch.

Das Buch ist eine wunderbare Ergänzung zu "Liebe und Eigenständigkeit", das ich auch weiterhin immer noch als allererstes empfehlen würde. Ich habe Stoff und Anregungen für unzählige interessante neue Artikel gefunden (weswegen wir das Buch leider nicht wie sonst verlosen können ;-). Wenn Ihr das Buch erwerben möchtet, unterstützt Ihr unseren Blog, wenn ihr das über diesen Link* macht.
 
 
© Danielle


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Zuletzt aktualisiert am 12.05.2015

Kommentare:

  1. Danke für den Lesetipp. Sollte ich mal wieder etwas Büchergeld übrig haben, werde ich mich drauf stürzen ;)

    Liebe Grüße,

    Sarah

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  2. Danielle, wie immer danke ich dir!!! Das Buch werde ich mir umgehend besorgen. Scheint es doch alles zu bestätigen, was ich ohnehin schon denke und für richtig halte. Liebe Grüße Sonja

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  3. Das hört sich ähnlich an wie "das kompetente Kind" von jesper juuls. Liebe und Eigenständigkeit gehört auch zu meinen liebsten Büchern über erziehung

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  4. Schöner Artikel!

    Doch eine Frage habe ich an die Autorin. Im letzten Artikel über das Tokensytem hieß es, dass es sinnvoll wäre, nicht einzugreifen, wenn einem Kind von einem anderen Kind beispielsweise die Schippe weggenommen würde. Da es selbst diese Erfahrung (traurig sein, wenn mir jemand was wegnimmt) viele Male selbst machen müsse ohne dass ein Erwachsener hilfreich eingreife,da das Kind nur so Empathie lerne und sich seinerseits in die Situation eines anderen Kindes hineinversetzen könne, wenn diesem so etwas passiert.
    Aus meiner Situation steht das im Widerspruch zu Kohns These,dass Scheitern lassen eher schädlich ist und zu dem an das Kind die Botschaft sende, bspw.: Mami schaut zu/weg,obwohl sie sieht, dass ein Unrecht geschieht/ich Hilfe brauche.

    Seht ihr es auch so, dass beide Ansichten sich gegenüberstehen? Und wie würdet ihr euch da positionieren?

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    1. Ich finde den Teil des Artikels auch nicht vollkommen klar, aber es geht wohl um künstliches Scheitern. Die Situation, in der das andere Kind die Schippe wegnimmt, ist ja nicht künstlich von den Eltern herbeigeführt. Ich würde das auch nicht Scheitern nennen.

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    2. Hallo,

      ja, es geht darum, Kinder vorsätzlich scheitern zu lassen - also direkt Situationen herbei zu führen, um sie abzuhärten.

      Bei der Sandkastensituation würde ich nicht von einem Scheitern reden. Man ist in dem Moment ja da, tröstet das Kind und spricht mit ihm über die Lösung des Problems. Man signalisiert also: Ich bin da und ich stehe dir bei. Das Problem ist in solchen Situationen ja auch, dass Kinder sich schnell daran gewöhnen, dass Mama "es schon macht" und sich daher dann darauf verlassen. Es spricht ja auch nichts dagegen, die Auseinandersetzung zu begleiten, bspw. indem man das andere Kind freundlich anspricht und für das Kind (wenn es noch nicht in der Lage ist) fragt - dann aber auch ein "Nein" akzeptiert und Alternativen vorschlägt. So fühlt sich das Kind nicht im Stich gelassen, aber durchlebt den Schmerz, der für die Empathieentwicklung wichtig ist.

      Viele Grüße!
      Danielle

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  5. Ich fürchte, auch in der Gesellschaft und nicht nur im Elternhaus muss ein gewisses Umdenken stattfinden... Der Abschnitt zur "sanften Rebellion" erinnert mich stark an eine Begebenheit aus meiner Schulzeit: Auf unserem Gymnasium wurden wir immer wieder aufgefordert, kritisch zu hinterfragen und selbstständig zu denken. Eine gute Freundin von mir besprach also bei der halbjährlichen Notenvergabe ganz ausgiebig mit einer Lehrerin, dass und weshalb die Vergabe mündlicher Noten nach dem Schema "Wer sich oft meldet bekommt eine gute Note" ungerecht ist (unter anderem weil sie aufgrund von Mobbing richtiggehend Panik davor hatte, sich im Unterricht aktiv zu Wort zu melden, was sie jedoch aus Scham so nicht aussprach) und machte sogar konkrete Vorschläge, wie man die Leistung der Schüler unter Berücksichtigung ihrer Persönlichkeitsstruktur fairer beurteilen könnte. Die Lehrerin hörte ihr aufmerksam zu, gab ihr in allen Punkten Recht (!) und beendete dann das Gespräch mit "... Aber so ist das System halt. Du hast mündlich eine 5. Da du schriftlich eine 1 hast, kommen wir gesamt auf eine 3 für's Zeugnis. Melde dich doch einfach öfter." -_-

    Natürlich waren wir da keine 11 Jahre mehr alt. Aber Erziehung endet ja auch nicht mit dem Einsetzen der Pubertät...

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    1. Liebe Fledermama,

      definitiv! Das ist etwas, was mir auch sehr großes Bauchweh bereitet. Das Schulsystem ist in weiten Teilen einfach nur schlecht. Das fängt ja schon in der Kita an, wo kaum gespielt und stattdessen wild gefördert wird. Der Blick aufs Kind ist defizitorientiert und auf kindliche Bedürfnisse wird kaum Rücksicht genommen.

      Ich beobachte aber, dass freie alternative Schulen in den letzten Jahren immer mehr Zulauf haben - Eltern beschließen, ihre Kinder nicht in die Leistungstretmühle zu geben, sie legen vielmehr Wert darauf, dass den Kindern die Freude am Lernen nicht sofort genommen wird.

      Da Kinder ein immer selteneres Gut werden, hoffe ich inständig, dass ihr "Wert" auch immer mehr steigt und das Umfeld sich entsprechend wandelt.

      Liebe Grüße!
      Danielle

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