Wie in fast allen das Kleinkind betreffenden Erziehungssituationen gilt auch für die Verkehrserziehung: Was das Hänschen nicht lernt, lernt Hans ... nur mit Mühe und intensiver Arbeit. Daher plädiere ich für ein sehr frühes Heranführen an die Regeln im Straßenverkehr.
Wie lernen Kinder, sich sicher im Straßenverkehr zu bewegen?
Meine Töchter waren gerade ein Jahr alt geworden, als sie ihre ersten wackeligen Schritte machten. Zu diesem Zeitpunkt habe ich begonnen, an jeder Straße ganz demonstrativ anzuhalten und zu sagen (und zu gebärden): „Das ist eine Straße. Straßen sind gefährlich! Du darfst nur bei Mama an der Hand über die Straße.“ Das war günstig, denn da sie nur langsam vorwärtskamen, konnten sie mir in dieser Situation noch nicht weglaufen. Außerdem lassen sich solche einfachen und immer wiederkehrenden Abläufe schon früh gemeinsam einüben.
Es hat gar nicht lange gedauert, da haben sie an allen Straßen (und an allen Ausfahrten auch ...) ganz zuverlässig angehalten und haben gebärdet: „Straße. Verboten. Mama Hand.“ und haben mir ihre Hand hingehalten. Niedlicherweise war es sogar so, dass sie manchmal schon zehn Meter vor der Straße angehalten haben, um mir zu zeigen, dass sie wissen, dass sie dort anhalten sollen. Sie waren ganz furchtbar stolz darauf, mir das selbstständig zeigen zu dürfen, und haben sich über jede positive Rückmeldung („Du hast dich erinnert! An Straßen musst du anhalten und Mama die Hand geben.“) sehr gefreut.
Heute – sie sind zweieinhalb – wird diese Regel überhaupt nicht infrage gestellt, denn sie existiert für die Kinder einfach „schon immer“. Es ist tief in ihnen verankert, dass sie an einer Straße anhalten müssen, und sie tun das auch mit dem Laufrad sehr zuverlässig. Trotzdem würde ich mich bei so kleinen Kindern im Straßenverkehr nie allein darauf verlassen, dass sie eine gelernte Regel in jeder Situation einhalten können.
Ein einziges Mal hatten wir eine Situation, die anders lief. Vor unserem Kindergarten verläuft eine Spielstraße. Dort fährt kein Auto weit und breit, aber es ist eine Straße. Eine meiner Töchter warf ihre Puppe voller Übermut in die Höhe und besagte Puppe landete auf der Spielstraße.
Ich habe sofort beide Kinder festgehalten, bin auf die Knie heruntergegangen, habe ein ganz geschocktes Gesicht gemacht und geflüstert (!): „Au weia! Jetzt ist die Puppe auf der Straße! Das ist gefährlich! Gefährlich! Auf die Straße darf man nicht. Die Straße ist verboten!“ Beide Kinder guckten ganz bedröppelt. Wir haben dann gemeinsam sorgfältig in beide Richtungen geschaut und ich habe die Puppe dann schnell gerettet. Das war für beide ganz offensichtlich sehr beeindruckend, denn wir haben noch viel an diesem und anderen Tagen darüber geredet.
Ampeln, Straßen und Zebrastreifen erklären
Mit achtzehn Monaten haben wir dann angefangen, Ampeln zu erklären. Soweit das Erklären eben möglich ist. Wir haben ihnen gesagt, dass wir nur dann über die Straße gehen dürfen, wenn die Fußgängerampel das grüne Männchen zeigt. Jedes Mal, wenn wir an der Ampel standen, habe ich das Ampellied gesungen. Das haben beide Töchter sehr schnell verstanden und ab diesem Zeitpunkt immer kommentiert, wenn die Ampel auf Grün sprang.
Zusätzlich haben wir ihnen auf dem Flohmarkt jede eine kleine Spielzeugampel gekauft. Damit konnten sie dann selber Rot, Gelb und Grün einstellen, was die langweilige Wartezeit bei Rot erheblich verkürzte.
Mit zwanzig Monaten begannen wir, an jeder Straße ohne Ampel anzuhalten, sorgfältig in beide Richtungen zu schauen und eines der Kinder zu fragen, ob ein Auto kommt. Erst danach gingen wir hinüber, die Kinder immer noch an unserer Hand. Der tolle Nebeneffekt ist übrigens, dass sie ab diesem Alter bereits sagen konnten, wo ihr linkes beziehungsweise rechtes Bein, ihr Arm, Ohr etc. ist!
Mit vierundzwanzig Monaten fingen wir an, Zebrastreifen zu erklären. Es war mir wichtig, dass meine Kinder verstehen, dass sie dort trotzdem aufpassen müssen, ob die Autos wirklich für uns anhalten. Wir blieben also auch dort stehen, schauten und gingen erst los, wenn sicher war, dass die Fahrzeuge tatsächlich angehalten hatten.
Ohne Fangespielen geht es besser!
Schon weit vor jeder Verkehrserziehung habe ich mir Gedanken darüber gemacht, wie ich es verhindern kann, dass meine Töchter mir auf dem Gehweg davonrennen.
Bei zwei Kleinkindern, die vielleicht noch in unterschiedliche Richtungen rennen, wird es in einer Großstadt schnell gefährlich, zumal wir direkt an einer viel befahrenen Hauptstraße wohnen. Deshalb habe ich mich dafür entschieden, zunächst einmal mit meinen Kindern nicht Fange zu spielen. Ich bin ihnen nie hinterhergerannt oder hinterhergekrabbelt, denn ich wollte nicht, dass sie das Weglaufen vor mir als Spiel kennenlernen.
Mein Beweggrund war die Überlegung, dass so kleine Kinder einfach noch nicht einschätzen können, wann das Spiel „Weglaufen“ lustig ist und wann gefährlich. Für kleine Kinder kann es schwierig sein, dieselbe Handlung je nach Umgebung unterschiedlich zu bewerten.
Wenn eine meiner Töchter bei einem Spaziergang in eine andere Richtung gegangen ist als ich, bin ich deshalb auch nie hinter ihr hergerannt. Ich bin maximal schnelleren Schrittes gegangen und habe sie erst überholt, bevor ich sie dann von vorn angesprochen habe. Keinem meiner Kinder habe ich je von hinten auf die Schulter gefasst, um sie am Weitergehen zu hindern – ich wollte vermeiden, dass daraus ein Weglaufspiel entsteht.
Fazit
Mit der Verkehrserziehung kann schon früh begonnen werden. Dabei geht es zunächst um einfache, immer wiederkehrende Abläufe: an der Straße anhalten, gemeinsam schauen, an der Hand bleiben und aufmerksam beobachten, was im Straßenverkehr passiert. Wichtiger Bestandteil ist auch hier die kontinuierliche positive Rückmeldung an das Kind, wenn es sich an die Regeln gehalten hat.
Gleichzeitig dürfen wir bei kleinen Kindern nicht davon ausgehen, dass eine gut gelernte Regel schon bedeutet, dass sie eine Verkehrssituation selbstständig sicher einschätzen können. Das entwickelt sich erst nach und nach. Verkehrserziehung ersetzt deshalb bei kleinen Kindern nicht die Aufsicht, sondern begleitet sie auf dem Weg zu immer mehr Sicherheit und Selbstständigkeit.
© Snowqueen