Soll man Zucker bei Babys meiden?
"Mein Kind bekommt im ersten Lebensjahr keinen Zucker!" erklärte mir eine Freundin vor ein paar Jahren kurz nach der Geburt ihrer ersten Tochter entschlossen. Ich fragte sie ganz ehrlich verdutzt: "Warum das denn?" Ich kann mich nicht mal mehr erinnern, was sie geantwortet hat - aber der Satz hat mich irgendwie nachhaltig beeindruckt. Sie war eine sehr perfektionistische Mutter - alles wurde auf Zusätze geprüft, die Kinder bekamen nur pädagogisch wertvolles Holzspielzeug, es wurde ausgiebig getragen, gestillt, familiengebettet und biokistenbeliefert.
Das Mutter-Dasein meiner Freundin wirkte sehr geplant, durchdacht, einfach generalstabsmäßig. Bis dahin war mir nicht klar gewesen, dass man das Kinderhaben so kopflastig und akribisch angehen kann. Ich hatte zwar noch keine konkrete Vorstellung davon, wie es tatsächlich ist, Kinder zu haben - irgendwie hatte ich es mir aber auf jeden Fall simpler vorgestellt. Wenn man ihren Ausführungen lauschte, klang alles, als sei es eine Wissenschaft. Sie wirkte dabei aber jederzeit kompetent, gelassen und schien immer alles im Griff zu haben - ich habe sie wirklich sehr bewundert und war als Nicht-Mutter schon ordentlich beeindruckt.
Als mein erstes Kind kam, war ich erst mal geschockt, wie einfach es eben nicht ist - mir hatte das tatsächlich niemand vorher gesagt - ich kannte nur das rosarote Bild glücklicher Neu-Familien. Dass Babys durchaus auch wenig schlafen und viel schreien und ganz viel unzufrieden sein können, das hatte ich so nicht erwartet und ich fühlte mich im ersten Lebensjahr ziemlich oft, als würde ich schrecklich versagen. "Kein Zucker im ersten Lebensjahr" war damals für mich ein Projekt, mit dem ich hoffte, meine mütterliche Kompetenz wenigstens auf Teilgebieten zeigen zu können.
Als meine Mutter etwa ein halbes Jahr nach der Geburt meiner Tochter feststellte, dass sie doch nun alt genug sei, auch mal an einem Stück Schokolade zu lutschen, erklärte ich ihr, dass meine Kinder keinen Zucker vor dem ersten Geburtstag bekämen. Meine Mutter sah mich ganz entgeistert an und fragte, wozu das gut sein solle. Und wie das gehen solle - schließlich sei doch im Grunde überall Zucker drin. Ich erklärte ihr, dass es mittlerweile genügend Produkte gäbe, denen kein zusätzlicher Zucker zugefügt wurde, man müsse eben nur genau hinsehen. Ich zeigte ihr ein Paket ungesalzener, ungezuckerter (aber auch weitestgehend geschmackfreier) Zwiebäcke aus dem DM-Regal. Sie schüttelte den Kopf und meinte: "Na wenn Du meinst - so ein Quatsch, das arme Kind".
Zucker und Karies
Eins der häufigsten Argumente für die möglichst langfristige zusatzzuckerfreie Ernährung ist Karies. Es wird angenommen, dass Zucker im Babyalter die Entstehung von Karies begünstigt.
Das ist so nicht richtig. Karies wird von einem Streptokokken-Bakterium ausgelöst, das 99 % aller Menschen in ihrer Mundschleimhaut haben. Es ist durchaus möglich, dass man als Elternteil das Baby nicht mit den eigenen Kariesbakterien ansteckt, indem man peinlich genau darauf achtet, dass das Kind niemals dem eigenen Speichel in Berührung kommt.
Das heißt jedoch: niemals den gleichen Löffel nutzen oder die Temperatur von Nahrung mit den Lippen testen, nicht in der Nähe des Kindes niesen und beim Küsschen austauschen darf niemals ein Tröpfchen Speichel im Spiel sein. Aber Vorsicht: Eine einzige Unachtsamkeit reicht zur Ansteckung aus ;-).
Aber selbst wenn man es schafft, die eigenen Kariesbakterien nicht an das Baby weiter zu geben - die Wahrscheinlichkeit liegt bei nahezu 100 %, dass es doch irgendwann infiziert wird. Sei es durch die Verwandtschaft (schließlich ist Oma mit dem Kind auch mal alleine und sich der Brisanz des Themas nicht ganz so bewusst) oder durch andere knutschende, knuddelnde, sabbernde Babys und Kleinkinder in Spielgruppen oder Kitas.
Kariesbakterien produzieren aus niedermolekularen Kohlenhydraten Säuren (vornehmlich Milchsäure), die den Zahn angreifen können in dem sie dem Zahnschmelz Mineralien entziehen. Der Speichel kann jedoch die Zähne remineralisieren, daher ist es nicht von Bedeutung, wie viel Zucker man isst, sondern wie häufig. Bleibt dem Speichel ausreichend Zeit, zwischen den Mahlzeiten, die Säuren zu neutralisieren, ist kein Schaden zu erwarten. Erst wenn eine kontinuierliche Kohlenhydratzufuhr erfolgt (Dauernuckeln an Flaschen, Kaubonbonreste), kann das zu Beschädigungen der Zahnoberfläche führen, durch die die Bakterien eindringen können.
Die Bakterien benötigen auch Zeit für ihre Zerstörungen - zwei mal am Tag die Zähne gründlich geputzt, sorgt - neben einem ungestörten Speichelfluss - für eine gesunde Mundhygiene, in der Karies kaum entstehen kann. Apropos gründliche Mundhygiene: Ich habe ganz aktuell Schallzahnbüsten für unsere Familie entdeckt - es ist unglaublich, wie sauber die putzen! Ich selbst nutze die Philips Sonicare und habe auch welche für die Kinder bestellt. Beide Kinder sind total begeistert - vor allem beim Kleinen war Zähneputzen bisher eher ein K(r)ampf - mittlerweile kann er es kaum erwarten, die Zähne zu putzen.
Ganz schlecht scheint es allgemein um die Zahnpflege generell nicht zu stehen - in Deutschland sind 70,1 % der Kinder mit 12 Jahren noch kariesfrei (Vierte Deutsche Mundgesundheitsstudie).
Den Kariesbakterien ist auch ziemlich egal, welchen Zucker sie in Säure umwandeln - am beliebtesten sind Einfachzucker (Fructose, Dextrose und Glucose) und Zweifachzucker wie Saccharose (Haushaltszucker) oder Laktose (Milchzucker). Aber auch beim Verzehr längerkettiger Kohlenhydrate spalten sich durch den Speichel Ein - und Zweifachzucker bereits im Mund ab. Wenn man also das vermeintliche Kariesrisiko als Grund für die zusatzzuckerfreie Ernährung nennt, dann müsste man konsequent alle kohlenhydrathaltigen Lebensmittel (Nudeln, Kartoffeln, Brot) komplett meiden.
Nach dem Verzehr eines Getreidebreies, befinden sich im Mund also diverse Zuckerarten - ob da nun Fruktose aus einem Obst oder schnöder Haushaltszucker dabei ist, ist eigentlich unerheblich - den Bakterien schmeckt es in jedem Falle. Je länger die Speisereste im Mund verbleiben, desto effektiver können die Bakterien den Zahn angreifen. So lange jedoch der Speichel seine Aufgabe durch eine ausreichende Ruhepause erfüllen kann und die Zuckerreste weg geputzt werden, ist es vollkommen egal, ob der Zucker nun aus dem Getreide, dem Obst oder der Milch (Laktose!) stammt oder ob es Haushaltszucker ist. Zumindest kariestechnisch ist es also vollkommen unerheblich, ob Haushaltszucker in der Nahrung ist oder nicht.
Gewöhnung an den süßen Geschmack durch Zucker
Okay - Karies hin oder her - aber mit gezuckerten Lebensmitteln gewöhnt man Kinder doch an den süßen Geschmack? Das kann dazu führen, dass die so auf den Geschmack geprägt sind, dass sie nur noch Süßes wollen.
Der Gedanke ist so abwegig sicher nicht - lässt jedoch ein paar Tatsachen außer acht. Zunächst einmal ist Muttermilch ein ziemlich süßes Getränk - in den ersten Lebensmonaten trinkt ein Kind nichts anderes. Und mit 7 g reiner Laktose auf 100 ml ist sie nicht soo weit entfernt von Cola und Fanta mit 9-10 g Zucker. Die Prägung auf Süßes erfolgt also schon durch die Muttermilch (oder auch die Flaschenmilch).
Außerdem ist die Lust auf Süßes auch evolutionsbiologisch sinnvoll und auch angeboren. Süß waren früher ausschließlich die reifen Früchte - Nahrung mit einem hohen Vitamingehalt und hoher Energiedichte. Da diese nur begrenzte Zeit zur Verfügung stand und sehr gesund war, war es sinnvoll, möglichst viel davon zu essen, also Lust auf Süßes zu haben. Zudem gibt es nichts in der Natur, das süß schmeckt und giftig ist - "süß" ist also eine Art Sicherheitsgeschmack, den unserer Kinder von Natur aus bevorzugen. Die Natur hat nicht vorausgesehen, dass es irgendwann nährstoffarme, stark verarbeitet Nahrungsmittel geben würde, die eben besser nicht in rauen Mengen verzehrt werden sollten.
Mit ein paar Gramm Industriezucker werden wir also den biologisch ohnehin auf Süßes geprägten Geschmack unserer Kinder also nicht nachhaltig beeinflussen.
Zucker ist ungesund
Das ist so nicht ganz richtig. Nicht Zucker ist ungesund, sondern zu viel Zucker. Kurzkettige Kohlenhydrate sättigen im Verhältnis zu ihrem Kaloriengehalt sehr wenig, weswegen man verhältnismäßig viel von ihnen konsumieren muss, um satt zu werden. Dies kann über kurz oder lang zu Übergewicht führen. Maßgeblich ist jedoch nach wie vor die Gesamtzahl der über den Tag zu sich genommenen Kalorien.
Zucker erfüllt keinen lebensnotwendigen Nutzen - der Körper kann die Energie auch aus längerkettigen Kohlenhydraten gewinnen. Daher kann man sein Kind also unproblematisch zuckerfrei ernähren - was nach dem aktuellen Stand der Wissenschaft auch mit Sicherheit die gesündeste Alternative wäre. Es spricht aber nichts dagegen, das Baby auch mal genussvoll an einer Schokoreiswaffel lutschen zu lassen oder mal einen Stracciatella-Brei zu verfüttern.
Die Industrie ist mittlerweile auf das Bedürfnis der "Zuckerfreiheit" eingegangen - da wird dann mit Agavendicksaft oder Honig gesüßt oder das Produkt stolz "ohne Zusatz von Zucker" angepriesen... Nur bestehen Agavendicksaft und Honig - ebenso wie der Industriezucker - aus den Einfachzuckern Glucose und Fructose... und ist damit nicht wirklich gesünder oder kalorienärmer. Und "kein zusätzlicher Zucker" heißt noch lange nicht, dass nicht schon die natürlichen Zutaten jede Menge davon enthalten. Es ist daher durchaus wichtig, den Gesamtkohlenhydrateanteil eines Lebensmittels im Auge zu behalten.
Maßvoller Genuss von Zucker
Es ist unbedingt empfehlenswert, den Zuckerkonsum eines Kindes im Auge zu behalten. Denn es gilt hier eindeutig: Weniger ist mehr. Aber ein Grund zur grundsätzlichen Verteuflung besteht nicht. Ich denke, dass es vor allem wichtig ist, einen gesunden Umgang mit Süßem zu erlernen. Ich habe in unserer Kita erlebt, wie Kinder reagierten, die dauerhaft (also auch noch mit 5 bzw. 8 Jahren) restriktiv vom Zucker ferngehalten wurden. Das ging so weit, dass die Mutter eigenes Wasser, eigenes Mittagessen und eigene Milch für die Kinder mitbrachte. Sie durften grundsätzlich nichts Süßes essen. Ich kann das gut nachvollziehen - als Mutter möchte man es besonders gut und richtig machen, aber sie merkte gar nicht, wie sehr sie ihre Kinder damit ins Abseits stellt. Bei gemeinsamen Festivitäten gibt es immer Theater, weil das Kind vom Kuchenbuffet natürlich nicht Mamas extra gebackenen Bio-Dinkel-Möhrenkuchen essen möchte, sondern genau den mit den bunten Streuseln drauf. Es spielten sich wirklich dramatische Szenen ab und die Kinder versuchen bei jeder sich bietenden Gelegenheit, den anderen Kindern ein paar Gummibärchen abzuluchsen. Ich habe auch gesehen, dass sie heimlich Süßigkeiten einsammelten und bunkern. Durch das Fernhalten sind sind sie permanent Objekte der Begierde und wenn sie alt genug ist, werden sie sich womöglich in rauen Mengen selbst welche beschaffen.
Die WHO empfiehlt übrigens, dass maximal 10 % der täglichen Energiezufuhr aus freiem Zucker aufgenommen wird. Das hieße für 1- bis 3-Jährige Kinder etwa 33 g Zucker und bei 4- bis 6-Jährigen etwa 45 g am Tag. Es wird außerdem empfohlen, eine weitere Reduzierung auf 5 % anzustreben - die eben genannten Werte sollten also idealerweise noch halbiert werden. Wenn man diese Werte mal in Lebensmittel "umrechnet", dann kommt man ein bisschen ins Staunen. Daher schaue ich mittlerweile beim Einkaufen sehr kritisch auf die Liste mit den Inhaltsstoffen. Allein bei Cerealien kann man Produkte zwischen 7 und 60 g Zucker/100 g erwerben! Auch der Griff zur Limo ist wirklich veheerend - ein Fünfjähriger würde die 5 %-Zuckergrenze bereits mit einer kleinen Fanta (230 ml) erreichen.
Ich habe es geschafft, meine Tochter im ersten Lebensjahr konsequent zusatzzuckerfrei zu ernähren. Oma durfte zum ersten Geburtstag endlich ein Stück Schokolade anbieten. Es wurde angewidert verschmäht. Heute mag sie wie fast jedes andere Kind Süßigkeiten, greift aber lieber bei Herzhzaftem. Beim Geschwisterkind bin ich dann mit meinem Zuckerfreivorsatz gleich an die Grenzen gestoßen. Da wurde dem kleinen Bruder von der Großen mit 8 Monaten das Eis zum Ablecken hingehalten oder heimlich ein Keks in die Hand gedrückt - was soll man da bei so viel Liebevolligkeit machen?
Nachdem wir im Kleinkindalter längere Diskussionen über Süßigkeiten hatten, haben wir zur Regulierung des Naschens eine Regel eingeführt, die seit Jahren sehr gut funktioniert. In der Woche gibt es grundsätzlich keinen Süßkram, am Wochenende darf nach jeder Hauptmahlzeit eine Kleinigkeit genascht werden.
© Danielle feat. Laetizia87 (Vielen Dank!)



