Sollte man den Geschwistern etwas Kleines schenken, wenn ein Kind Geburtstag hat? °FAQ°

Natürlich wollen wir alle das Beste für unsere Kinder. Es ist schwer auszuhalten, wenn sie traurig sind, weil ein Geschwisterkind an einem Tag mehr als sie selbst bekommt. Das kann sein, weil es an diesem Tag Geburtstag hat. Oder vielleicht ist es zu einer Party oder Übernachtung bei seinen Freunden eingeladen, das Geschwisterkind aber nicht.

Vielleicht ist ihm auch ein Zahn ausgefallen und die Zahnfee kam zu Besuch. Möglicherweise wird ein Geschwister eingeschult, und die anderen müssen nun mit ansehen, wie es stolz die größte Schultüte aller Zeiten vor sich herträgt, während sie selbst noch in den Kindergarten gehen. Es gibt so viele potentiell unfaire Momente im Leben von Kindern. Und es kann sein, dass diese Momente unsere Kinder extrem stark mitnehmen. Dass sie weinen, wüten und sich anscheinend gar nicht mehr beruhigen können. Nur verständlich, dass wir liebende Eltern ihren Frust ein wenig abmildern wollen. Was macht da schon das eine oder andere kleine Mitgeschenk? Eine Mini-Schultüte, wenn der große Bruder eine Maxi-Schultüte bekommt? Oder eine kleine Aufmerksamkeit für das Nicht-Geburtstagskind?

Mädchen hat Geburtstag

Echter Trost versus unechter Trost


Nun, das kleine Geschenk suggeriert dem Gehirn des Kindes, dass man Enttäuschung und Schmerz nicht aushalten, sondern sich davon ablenken muss. Ein Enttäuschung-Abmilderungs-Geschenk stellt eher das faule Basissystem des Kindergehirns zufrieden. Dieses mag schnelle Bedürfnisbefriedigung! Wenn man es regelmäßig füttert, ist der "innere Schweinehund" eines Tages stärker, als der vernünftige präfrontale Kortex, der uns befähigt, Dinge aufzuschieben, Frust auszuhalten und Pläne für die Zukunft zu schmieden.

Wenn Eltern immer wieder versuchen, ihren Nachwuchs vor Frustrationen zu schützen (was ich durchaus verstehen kann!), lernt das Gehirn, dass es den Schmerz von Enttäuschungen beiseite schieben und sich auf schnelle Bedürfnisbefriedigung stürzen sollte. Letzteres lässt das Gehirn eine Art Belohnungshormon ausschütten - der Mensch fühlt sich daraufhin für einen Moment gut.  (Wir kennen das selbst, wenn wir einen Scheißtag hatten, und uns auf dem Heimweg zum Trost ein neues Buch kaufen...) [Bauer, J. Selbststeuerung. Die Wiederentdeckung des freien Willens. 5. Auflage. München: Blessing, 2015, S. 56]

Gehirn
Das Kind lernt von seinen Eltern dann aber nicht Resilienz, sondern sich bei Schmerz mit "schönen Dingen" abzulenken. Das ist keine besonders zielführende Verknüpfung, weil Ablenkung keinen echten Trost spendet. Ablenkung ist eine Ersatzbefriedigung, und diese nutzen sich leider schnell ab. Das Gehirn braucht immer schneller mehr davon. Echter Trost, also das emotionale Beiseitestehen durch uns Eltern, dagegen ist für das Gehirn viel nachhaltiger und befriedigender. Wir Menschen sind soziale Tiere, unsere Gehirne reagieren stark auf Zuwendung anderer Menschen. Wenn wir von anderen gesehen werden, wenn wir Aussicht auf soziale Anerkennung haben und Liebe sowie Zuwendung erhalten, setzt unser Gehirn körpereigene Opioide frei [Insel/Fernald, 2004, How the brain processes social information: Searching for the social brain, In: Annual Review of Neuroscience 27, S. 697].

Muten wir also ruhig den Geschwisterkindern die kleine Enttäuschung zu, dass es an diesem einen Tag im Jahr um ihr Geschwister geht, dass es Geschenke erhält und gefeiert wird. Wir stärken dadurch ihre emotionale Stabilität. In zukünftigen frustrierenden Situationen werden unsere Kinder nicht zusammenbrechen, sondern die Enttäuschung meistern können, weil ihr Gehirn das schon einmal mithilfe einer Bezugsperson ausgehalten hat. Das gemeinsame Annehmen des Schmerzes lässt das Gehirn Hormone ausschütten, die entspannen und beruhigen. Das Kind fühlt sich nach dem begleiteten Weinen und Wüten erschöpft, aber trotzdem irgendwie zufrieden. Das soziale Miteinander der Situation, die mitfühlende Resonanz der Eltern, haben das ausgelöst. Je öfter unsere Kinder das schaffen, desto stärker wird ihre Resilienz. Sie sind auf emotionaler Ebene gewachsen.

Die Antwort auf die Frage, ob man Geschwistern auch etwas mitschenken sollte ist also: Nein, besser nicht. Das kindliche Gehirn ist noch im Aufbau. Um zu lernen, später mit großen Rückschlägen umzugehen, sollte es im Kindesalter kleinere (natürliche) Frustrationen aushalten lernen.

Was ist mit einer heruntergefallenen Eiskugel?


Seien wir nicht päpstlicher als der Papst. Wenn einem Kind eine Eiskugel heruntergefallen oder der Saft umgekippt ist, kann man natürlich eine/n neue/n kaufen, sofern das eigene Budget das hergibt. Bei einem aus Versehen losgelassenen 10-Euro-Heliumluftballon würde ich jedoch empfehlen, eher die Trauer zu begleiten, als einen anderen zu kaufen.

Trauriges Mädchen mit Eis

Wie geht man mit ungerecht verteilten Geschenken von Großeltern um?


Manchmal mögen und verwöhnen Großeltern den einen Enkel, ignorieren aber das Geschwisterkind weitestgehend. Das ist super ungerecht. Ich gehe davon aus, dass Eltern zunächst einmal das Gespräch mit den Großeltern suchen, aber oft bringt das keine Einsicht. Sollte das bei euch so sein und ihr wollt gern die Ungerechtigkeit ausgleichen, indem ihr dem nichtbeachteten Enkel auch etwas schenkt, nur zu. In jüngerem Alter klappt das vielleicht sogar noch. Kinder spüren jedoch sehr gut, ob sie weniger geliebt werden. Es ist wichtig, den eigenen Kindern zu vermitteln, dass sie liebenswert und gut sind, wie sie sind, auch wenn die Großeltern das nicht sehen. Ein Gespräch über narzisstische Großeltern kann helfen, wenn die Kinder alt genug sind (etwa ab dem Grundschulalter).

Kann man als Patentante/Oma/Opa/Freundin der Familie den Geschwistern etwas mitschenken?


Euer Patenkind/Enkel hat Geburtstag, ihr bringt ihm ein Geschenk mit und wollt den Geschwistern eine Tüte Gummibärchen o.ä. mitbringen? Klar, macht das! Das ist voll lieb von euch <3. (Kleiner Tipp: Fragt vielleicht vorher die Eltern, ob ihnen das Recht ist.)

Und ein Geschenk zur Geburt für das Geschwisterkind?


Ist erlaubt, logo! Denn die Geburt eines Babys markiert für die Geschwister einen wichtigen Wendepunkt im Leben. Das darf ruhig mit einem Geschenk gefeiert werden! Wichtiger ist jedoch Aufmerksamkeit. Bitte begrüßt immer zuerst das Geschwisterkind! Spielt ein wenig mit ihm, redet mit ihm (nicht übers Baby), kuschelt es. Später, in einer ruhigen Minute, könnt ihr dann das neue Baby begrüßen. Dem ist übrigens vollkommen egal, wenn es erst als Zweiter begrüßt wird.

Baby spielt mit Puppe

© Snowqueen

Kommentare:

  1. Ehrlich gesagt bin ich etwas erstaunt von diesem Artikel, besonders die klare Handlungsempfehlung hat mich verblüfft. Ich finde, dass je nach Familiensituation durchaus andere Wege empfehlenswert sein können. Ich handhabe es eher andersrum: Wir sind eine Großfamilie, der Papa berufsbedingt öfters mal nicht zu Hause, sodass es alleine gar nicht so einfach ist, einen schönen Kindergeburtstag auszurichten. Ja, unsere Kinder müssen es lernen auch mit frustrierenden Situationen klarzukommen, da bin ich der gleichen Ansicht. Und das ergibt sich doch ganz natürlich im Alltag, dass muss ich doch nicht als pädagogische Situation an einem Geburtstag konstruieren. Ja, und die Eltern sollten darauf achten Wut, Trauer und körperliche Schmerzen nicht durch Ablenkung, Geschenke oder Naschis "wegzuwischen oder abzukürzen", sondern ihnen emotional bei zu stehen. Wenn dies normalerweise im Alltag so läuft, ist es meiner Erfahrung nach nicht so wichtig, wie es in Sondersituationen wie bei Geburtstag oder Einschulung gehandhabt wird. Bei uns ist es einfach eine Familientradition, dass die anderen Geschwister noch eine Kleinigkeit (Pixibuch, Badekugel) bekommen. Dadurch entsteht bei uns eine lockere Grundsituation, es starren nicht alle auf ein Kind, was auch einige der Geburtstagskinder zu schätzen wissen, die ganze Situation ist entzerrt. Die Kinder sind doch im Alltag viel aufnahmebereiter und generell entspannter, die Eltern wohl auch. Und auch da schaue ich, ob eines meiner Kinder so müde, überreizt oder erschöpft ist, das es einfach nicht mehr kann. Dann versuche ich auch zu vermeiden, dass noch ein Schlag obendrauf kommt, sondern überlege zusammen mit dem Kind was es jetzt machen kann, um sich wieder besser zu fühlen (kuscheln, reden, was vorlesen, rumtoben), damit es gar nicht erst in eine emotionale Zusammenbruchtssituation kommt, sondern der Welt wieder gestärkt gegenübertritt. Ich hoffe, ich konnte meine Gedanken einigermaßen rüberbringen, generell bin ich ein großer Fan Eures Blogs und empfehle ihn oft anderen Eltern weiter. LG Lisa

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    1. Liebe Lisa, das hast du sehr schön beschrieben und gut argimentiert. Vielen Dank! <3 Snowqueen

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  2. Wir handhaben es anders. Solange es für unsere familiäre Situation am besten passt, gibt es für die Geschwister auch eine Aufmerksamkeit.
    Dabei vermeiden wir sonst selten Frustsituationen für unsere Kinder. Und das Leben bietet viele…
    Wie schön, dass Lisa oben schon so gut argumentiert hat. Besonders stimme ich zu, dass für manche Kinder die Alleinaufmerksamkeit schwierig ist. Das genannte Entzerren der Situation ist für unserer Älteste wirklich wichtig. Zumal am Ehrentag. 
    Elterngeburtstage feiern wir genauso ohne Kindergeschenke wie den Geburtstag unseres Sternenkindes… Da gibt es keine Klagen und keinen Frust. Aber liebevolle Zuwendung. Von allen.

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  3. Guten Tag!

    Ich stehe gerade vor der Frage der Geschwistertüte. Ja, ich bin auch dafür dass der 1. Schultag des Großen im Vordergrund steht und der kleine eben dabei aber nicht die Hauptperson ist. Ich weiß aber aus unzähligen Situationen im Alltag, dass der Kleine Bruder den Tag zur Hölle machen wird, wenn er leer ausgeht. Und das wiederum vermiest dem Großen den Tag. Im Alltag bin ich immer da um Ungleichgewichte und den Frust die sie mit sich bringen zu begleiten. Aber wie alle wissen kostet das Kraft und Zeit. Zeit die dem Großen fehlt. Im Alltag kriegen wir das mit viel Mühe aufgefangen aber an diesem besonderen ersten Schultag bin ich geneigt die kleine Tüte mit einem Bleistift einem Blöckchen und einem ÜEi zu füllen, damit der Große die Aufmerksamkeit an diesem einen Tag ungeteilt genießen kann. Ohne dass Mama den schreienden 3,5 jährigen über den Schulhof trägt.
    An Geburtstagen halte ich das tatsächlich so. Geschenke bekommt das Geburtstagskind. Die Brüder beschenken sich auch gegenseitig. Das haben wir von Anfang an so gelebt. Zum Glück klappt es. Hätte auch anders kommen können

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    1. Liebe Diana, stimmt, das könnte ich noch im Artikel ergänzen. Das es manchmal eben doch sinnvoll ist, eine Ausnahme zu machen, eben damit der schöne Tag nicht durch geschrei kaputt gemacht wird. Gute Anmerkung, danke!

      Liebe Grüße, Snowqueen

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  4. Als Einzelkind und Erstlingsmama kann ich noch nicht so viel persönlich zu dem Thema beitragen außer, dass ich die Idee von Geschwisterschultüten u. ä. schon immer befremdlich fand. Ich hatte mich vorher immer über den Zweck dieser winzigen Schultüten in den Geschäften gewundert.
    Ich habe nun mal meinen Mann befragt, der vier jüngere Brüder hat, wie es bei ihnen so war. Er kann sich nur am Anfang an etwas Theater von seinem nächsten Bruder erinnern. Als seine Eltern dann an seinem Geburtstag Kind Nr. 2 auch eine Kleinigkeit schenken wollten, ist er wohl damals ausgerastet und hat gesagt, es ist SEIN Geburtstag und sein Bruder hat doch eine Woche später selbst Geburtstag und bekommt dann sowieso Geschenke. Damit war das Thema dann vom Tisch, und zwar für alle fünf. Manche Kinder wollen und brauchen eben mal einen Tag im Jahr, an dem sie im Mittelpunkt stehen. Das kommt bei fünf Kindern schließlich nicht so oft vor.
    Außerdem erlebe ich es oft, dass diese ganzen Extrageschenke nur für die kleinen Geschwister sind. Werden die Jüngeren einschult, müssen die Älteren "vernünftig" sein, weil sie ja schon groß sind. Ich glaube nicht, dass das gut ist.
    Aber wer weiß, vielleicht will ich auch mal später völlig entnervt eine Geschwistertüte kaufen, doch mein Mann wird mich sicherlich daran hindern. ;-)

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    1. Die kleinen Schultüten kenne ich als Vorschultüten. Ich hab als Kind so eine bekommen als ich in die Vorschule kam.

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  5. Ich finde den Artikel auch komisch. Wo ist denn der Unterschied, ob die Eltern ein kleines Geschenk machen oder ob die Oma nun noch eine Tüte Gummibärchen mitbringen?
    Bei uns gibt es Geschwistergeschenke von den Großeltern, also Kleinigkeiten: ein paar Nüsse, einen Obstriegel oder etwas in der Größenordnung, aber nicht um Eifersucht zu vermeiden. Bis jetzt hat noch kein Kind Eifersucht auf Geschenke gezeigt (Manchmal kommt die Familie ja erst am Wochenende oder beim Kindergeburtstag wird ja auch nur das Geburtstagskind beschenkt.)Die Großeltern machen das einfach, weil sie dem anderen auch gerne etwas schenken wollen. Wenn nun Eltern das auch gerne tun, sehe ich da auch kein Problem.

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  6. Schöner Artikel! Die kleinen Tüten liebe ich... hab früher viel basteln müssen, als es sie noch nicht gab. Ich arbeite mit Schulverweigerern, die dann doch den nächsten Anlauf wagen oder z.B. eine Ausbildung beginnen. Die freuen sich ein Loch in den Bauch über die Geste und die Würdigung. Zum Thema Geschwistergeschenk: wozu, der Tag ist auch für sie schön, es ist spannend, gibt gutes Essen oder sogar Kuchen. Ich beziehe "andere" lieber in die Vorbereitungen ein, Stelle das Schenken in den Vordergrund.

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