Bedürfnisorientierte Begleitung hyperaktiver Kleinkinder - Teil 3 Hilfe zur Eigenregulation

Gastartikel von Lea Ibell

In den vorherigen Teilen dieser Reihe über die bedürfnisorientierte Begleitung von hyperaktiven Kindern schrieb unsere Gastautorin Lea Ibell, Mutter eines Kindes mit ADHS, über  Freiraum(überforderung) und Grenzen(übertretung) und spezielle Bedürfnisse von hyperaktiven Kindern und deren Befriedigung. Heute soll es um die Unterstützung der Eigenregulation von Kindern mit ADHS gehen.

Oft wissen Kinder mit ADHS genau, wie sie handeln wollen/sollen, benötigen aber eine „Umsetzungshilfe“ als Gefahrenschutz, Reizfilter und Korrektiv, denn sie...


Müdigkeit, Krankheit, Stress und Frustrationen verstärken ihre regulatorischen Schwierigkeiten. Die Eigenregulationsfähigkeit nimmt im Laufe der Zeit zu. Allerdings wird unregulierte Emotion mit zunehmender Kraft auch immer gefährlicher.

Bei uns hat sich eine enge Begleitung und unseres Sohnes und ggf. Eingreifen oder „Mitsteuern“ bei vielen Alltagsaktivitäten als hilfreich – und bis heute unabdingbar – erwiesen:

  • Wir halten ihn zurück/fest, sobald er sich oder andere gefährdet (Fremd-Regulation).
  • Wir halten uns zurück, während wir ihm seine Gefühle spiegeln (passive Co-Regulation).
  • Außerdem versuchen wir, manche Impulse umzulenken, seine Aufmerksamkeit und motorische Kontrolle zu verstärken und Handlungsalternativen vorzuschlagen (aktive Co-Regulation).

Schützende Fremdregulation


Fremdregulierendes Eingreifen ist präventiv und endet mit seinem Anlass. Die Bezugsperson sollte so früh einschreiten, dass bereits der Handlungsbeginn, spätestens die Ausführung verhindert wird. Dies setzt eine intensive Begleitung, Kenntnis der „Risikosituationen“ und eine ständige Abwägung voraus („Ist es besser einzugreifen oder die Sache laufen zu lassen?“). Ein präventiver Umgang hat für das Kind den Vorteil, dass es seinen eigenen „Kontrollverlust“ seltener erlebt und vor negativen Erfahrungen bewahrt wird. In ihrem Buch analysiert Dietz eine Situation, in der ihr Sohn angeblich ein anderes Kind mit der Schere stechen wollte:

„Felix konnte […] seine Bewegungen nicht abbremsen und schnitt in die Blume hinein. Die Erzieherin sah seine feinmotorischen Schwierigkeiten, deshalb erwartete sie, dass er langsam und konzentriert arbeitete, langsamer als die anderen, damit es ordentlich würde. Dass er weiterhin so schnell ausschnitt und dabei sogar herumhampelte, wertete sie als fehlendes Bemühen. […] Ein kurzes Festhalten und seine ausladende Bewegung mit der Schere wäre gestoppt worden. Das Mädchen wäre nicht erschrocken, es wäre keine Aufregung entstanden, und Felix wäre nicht vor allen Kindern zurechtgewiesen, bestraft und stigmatisiert worden. Er wäre nicht vom Basteln ausgeschlossen worden, sondern hätte weiter teilnehmen können.“ [1]

V.a. wenn das Kind reizüberflutet und übererregt ist, ist aktives Einschreiten oft die einzige Methode, um die Situation zu unterbrechen. Co-Regulierungsversuche scheitern meist, weil das Kind einen nicht hört. (Diesen Zustand kann man als Eltern irgendwann erkennen: Kind ist nicht mehr erreichbar, sein Blick „flackert“, es wirkt „wie in einer anderen Welt“, lacht oder schreit/weint „übertrieben“, wird akut durch Emotionen gesteuert und ist aufgrund der mangelnden Selbsteinschätzung und Steuerungsfähigkeit unberechenbar.)

Die Intensität des Eingriffs sollte an die kindliche Regulationsfähigkeit angepasst sein (so sanft wie möglich: z.B. kann es erst erforderlich sein, das Kind festzuhalten, um eine Handlung zu unterbrechen, später reicht vielleicht, Stopp zu rufen). Manchmal genügt bereits ein akut ablenkender Reiz, z.B. wenn die Eltern singen oder knurren oder die Süßigkeitenkiste rausholen... Zu viel Fremdregulation kann der Entwicklung der Eigenregulationsfähigkeit schaden. Deshalb sollte m.E. nur bei Gefahr oder wenn das kindliche Wohlbefinden es unbedingt erfordert, aktiv eingeschritten werden – nicht schon, wenn ein Verhalten „nur“ als nervig oder peinlich empfunden wird. Je besser sich das Kind selbst regulieren kann, desto mehr können fremdregulierende Eingriffe durch vorausschauende Co-Regulierung ersetzt werden.

Kind rennt riesiger Seifenblase hinterher

Bedürfnisorientierte Co-Regulierung


Unterstützende Co-Regulation erfolgt nicht „von außen“, sondern mit dem Kind. Eine spiegelnde, beruhigende oder motivierende Begleitung hilft ihm, das „Steuer“ nicht zu verlieren. Voraussetzung ist eine vertrauensvolle (Ver-)Bindung, über die emotionale Stabilität vermittelt werden kann. Empfindungen und Bedürfnisse werden dabei aus Sicht des Kindes (Du-Formulierung) handlungsbegleitend souffliert, ähnlich einer „inneren Stimme“. Im Gegensatz zu Fremdregulation steht nicht das Bewahren vor, sondern das Ermöglichen von (Selbstwirksamkeits-)Erfahrungen im Vordergrund. Das „Mitsteuern“ muss kind- und momentbezogen erfolgen. Maßgeblich sind die gegenwärtigen Handlungen des Kindes, seine Gefühle müssen erkannt werden (im Zweifel stimmt meistens: „Du bist jetzt sehr aufgeregt“). Zu vermeiden sind (insb. verallgemeinernde) Fehl-/Überinterpretationen, z.B.: „Du willst wohl immer an erster Stelle stehen.“

Das Kind muss in der/durch die Situation begleitet werden, wobei Rückgriffe auf Erinnerungen sinnvoll sein können (z.B.: „Ohjeh, jetzt hast du wieder Sand geworfen, letztes Mal hast du ihn ja ins Auge bekommen...). Auch Bestärkung sollte aus kindlicher Perspektive erfolgen, z.B.: „Ach toll, jetzt hast du es wirklich geschafft, versuch doch nochmal!“ (Statt der direkten Ansprache, wenn man elterliche Gefühle mitteilen will: „Ich finde es toll, dass du...“, steht so die Freude des Kindes über die eigene Leistung im Vordergrund).

Es bietet sich an, bei der Co-Regulierung andere Begriffe zu verwenden als bei fremdregulierenden Eingriffen. Während man etwa ein Kind fremdregulierend zum Halten bewegt, indem man ruft: „Stopp! Vorsicht, bleib stehen!“ (notfalls Kind festhaltend), kann es co-regulierend heißen: „Toll, der fremde Hund! Du freust dich so, dass du am liebsten zu ihm springen würdest. Aber halt besser an! Langsam!“

Eigene Emotionen zurückhalten


Sofern man als Eltern eigene Bedürfnisse mitteilen möchte, sollte die Co-Regulierung abgebrochen und zu Ich-Botschaften übergegangen werden (nicht z.B. versteckt das Kind beeinflussen: „Du willst sicher auch endlich ins Bett.“, „Peinlich, alle schauen uns an, du willst bestimmt schnell raus hier.“ oder „Du weinst jetzt zwar, aber eigentlich sieht dein Bild doch ganz toll aus!“).

Eine soufflierende Begleitung einem selbst gegenüber, z.B. wenn das Kind einen haut, ist zwar möglich (z.B.: „Jetzt hast du dich so über mich aufgeregt, dass du mich gehauen hast“), aber oft künstlicher als die unmittelbare Reaktion („Autsch, das hat weh getan!“).

Wenn man sich selbst über das Kind aufregt oder genervt ist, darf nicht co-reguliert werden. Denn wenn das Kind die negativen Gefühle spürt, wird es sich aus dem Kontakt zurückziehen und auf spätere Co-Regulierungsversuche misstrauisch reagieren. Es dürfen während der Co-Regulation auch nie höhnische oder ironische Kommentare gemacht werden (z.B.: „Jetzt bist du wohl zufrieden, weil alle weinen“), weil sie die „innere Stimme“ des Kindes beeinflussen und damit seinem Selbstbild immens schaden können. (Besser direkt die Meinung sagen und sich ggf. später entschuldigen.)

In welchen Situationen ist Co-Regulation sinnvoll?


Generell sollte nach Bedarf und nach den eigenen Kapazitäten co-reguliert werden. In Situationen, die als konfliktträchtig bekannt sind, sollte man vorsorglich eine 1:1-Begleitung vorsehen (daher z.B. nicht allein mit mehreren Kindern in einen Indoor-Spielplatz gehen). Insbesondere bei Provokationen ist eine verständnisvolle „Übersetzung“ der kindlichen Bedürfnisse wichtig. Auch in Konfliktsituationen muss die Bezugsperson mit anhaltender Zuwendung reagieren, um den „Draht“ zum Kind nicht zu verlieren. Denn sobald das Kind „aussteigt“, kann es (durch die dann erforderliche Fremdregulation) leicht zu einer weiteren Eskalation kommen. Es sollte aber nicht nur „in Notfällen“ co-reguliert werden, damit das Kind auch positive Emotionen besser steuern lernt (damit es irgendwann nicht mehr „aus Spaß“ eine Gabel durch die Luft wirft o.ä.). Förderlich ist Co-Regulation beim „Freispiel“, um z.B. den Erstkontakt zu anderen Kindern zu erleichtern.

Besonders wichtig ist es, bei Situationsänderungen/Stimmungsumschwüngen zu co-regulieren (z.B.: "Jetzt ist es für XY kein Spiel mehr! Schau mal... Du hattest dich so gefreut, als er kam, er fand es auch ganz lustig und hat gelacht. Aber dann hast du seine Brille weggeworfen und jetzt ist er wütend...“).

Kind springt sehr hoch

 

In welchen Situationen ist Co-Regulation nicht sinnvoll?


Während einer intensiven Unterhaltung mit dem Kind, wenn man als Eltern einfühlsam zuhört, fragt oder Zusammenhänge erklärt, kann man meiner Erfahrung nach schlecht co-regulieren. Auch wenn das Kind mit einem spielen oder von einem angeleitet werden möchte, sollte man nicht weiter co-regulieren, sondern die „Ebene“ wechseln. Aus diesem Grund sind besonders Eltern und „übliche Bezugspersonen“ zur Co-Regulierung geeignet, während fernere Verwandte und Freunde oft eher als Spielpartner angesehen werden, sodass über das Zusammenspiel ohnehin eine Regulation stattfindet.

Sobald sich das Kind durch die Begleitung gestört fühlt oder signalisiert, dass es alleine spielen möchte, muss sie abgebrochen werden, um dem Kind das „Steuer“ zu überlassen.

Ein Übergang von der Co-Regulation/Begleitung zur Fremd-Regulation/Autorität muss dem Kind klar deutlich gemacht werden, z.B. durch ein Signalwort mit Geste, Berührung oder Blickkontakt (z.B.: „Stopp!“, „Nein!“, „Ich zähle jetzt bis 3...“). Man sollte nicht nach fremdregulierenden Eingriffen sofort wieder co-regulieren (sondern erst über den Eingriff reden, Kind direkt loben/kritisieren, sich wieder vertragen o.ä.), weil es für das Kind sonst verwirrend sein kann, die Bezugsperson zugleich „bei sich“ und „gegen sich“ zu erleben.

Co-Regulation zur Förderung der Eigen- und Fremdwahrnehmung


Durch das Spiegeln seiner Gefühle kann man dem Kind helfen, sie selbst besser wahrzunehmen. Auch widersprüchliches Verhalten und seine Folgen können kommentiert und das Kind zur Selbstreflexion angeregt werden (z.B.: „Weil du so fröhlich warst, bist du auf XY zugestürmt, so dass er umgefallen ist“). Empfindungen anderer Leute sollten erklärt und eingeordnet werden (z.B.: „Leider hat er sich erschreckt, als du gegen ihn gestürmt bist. Jetzt sagt er, dass er nicht mehr dein Freund sein will. Dass ist traurig. Vielleicht meint er es nicht so schlimm und ihr könnt später wieder zusammen spielen.“). Negative Kommentare können aufgefangen und relativiert werden (z.B.: „Die Frau hat das wohl sehr gestört, als du ihren Hund fangen wolltest. Sie denkt, du wolltest sie mit Absicht ärgern, dabei warst du nur so aufgeregt...“).

Co-Regulation zur Steuerung des Erregungsniveaus


Anstatt sich von der (Über-)Erregung des hyperaktiven Kindes anstecken zu lassen, sollte die Bezugsperson selbst beruhigend wirken, z.B. durch leise Stimme und langsame Bewegungen. Wirft das Kind etwa überschwänglich mit Besteck, kann ruhig kommentiert werden: „Oh, jetzt hast du vor Aufregung die Gabel durch die Luft geworfen.“ und versucht werden, die Erregung „einzufangen“, indem man das Kind zum Innehalten und Reflektieren bringt: „Das sah richtig lustig aus, wie XY die Zunge gerollt hat, das hat dich so aufgeregt. Kannst du auch so Zungerollen?“ Sobald die „Verbindung“ zum Kind hergestellt und die Erregung gedämpft ist, kann man, sofern das Kind nicht selbst auf die Idee kommt, weiter zu essen, fragen: „Hast du eigentlich noch Hunger?“ o.ä., sodass es auf die fehlende Gabel aufmerksam wird und sie aufhebt. Keinesfalls sollte man nach einem gelungenen gemeinsamen „Runterregulieren“ die Stabilität wieder gefährden, indem man das Kind autoritär zum Aufheben der Gabel auffordert!

Wie genau das Kind sich am wirkungsvollsten beruhigt, muss durch Beobachtung herausgefunden werden. Mein Sohn z.B. beruhigt sich nicht allein im Kinderzimmer, sondern mit Nuckelflasche in der Hängematte. Solche Beruhigungsstrategien kann man co-regulierend fördern.

Kind schmeißt Laub umher


Co-Regulation zur Aufmerksamkeitssteuerung


Durchhalten von Tätigkeiten und Übergange können erleichtert werden, indem man die (abschweifende) Aufmerksamkeit des Kindes auf die begonnende Aktivität zurück bzw. auf eine neue Anforderung lenkt. Statt zu verlangen: „Beeil dich mit den Schuhen, damit wir schnell los können“, kann es co-regulierend lauten: „Du willst eigentlich weiter spielen... Ah, XY wird auch abgeholt, sie zieht sich gerade die Schuhe an. Schau mal, deine stehen heute ja im Fach! Wenn du dich hinsetzt, kannst du sie leichter anziehen...“). Oft ist es sinnvoll, das Kind auf seine eigene Handlung aufmerksam zu machen, z.B. es zu motivieren, den Blick auf seine Hände zu richten. So kann auch eine bessere Koordination und Körpereigenwahrnehmung gefördert werden.

Co-Regulation zur Umlenken von Impulsen und zur Handlungsautomatisierung


Im besten Fall können Impulse umgelenkt und Handlungsalternativen befördert werden. Jeder Ansatz der Kinder zur Umlenkung negativer Impulse sollte aufgegriffen werden (Manchmal ist die erste Möglichkeit, Anspannung auf sozialadäquatem Wege herauszulassen: laut Kreischen, Zähneknirschen, Schnalzen oder Fingernägelkauen!). Es ist mitunter schwer, eine Umlenkungshandlung zu erkennen, z.B. wenn das Kind statt seinem Bruder auf den Kopf zu springen, sich knapp daneben fallen lässt oder statt einem ins Gesicht zu hauen, die Hand im letzten Moment zur Schulter führt. Doch es ist wichtig, solche Regulationsversuche anzuerkennen und dem Kind bewusst zu machen (z.B.: „Ui, das war richtig gefährlich, fast wärst du XY auf den Kopf gesprungen. Toll, dass du das geschafft hast, neben ihn zu fallen. Auf den Kopf darf man ja nie springen, damit der nicht kaputt geht! Aber XY hat sich trotzdem erschreckt, schau mal, sein Gesicht“).

Auch verändertes (Sozial-)Verhalten kann vorgeschlagen werden (z.B.: „Du willst mit XY spielen. Am besten gehst du erstmal einen Schritt zurück, damit er keine Angst vor dir hat...“)

Ungünstige Handlungsmuster können „ausgebremst“ und alternative Bewegungsabläufe eingeübt werden, damit das Kind sie als geeigneter zur Bedürfnisbefriedigung erleben und verautomatisieren kann. Auch sollte das Kind bei Ablenkung behutsam an sein eigentliches Vorhaben erinnert werden, sodass es die Entscheidung, welchem Bedürfnis es Vorzug gibt, bewusst treffen kann.

Entspannung des Alltags durch Anerkenntnis und Befriedigung der kindlichen Bedürfnisse


Die Anerkenntnis und bestmögliche Befriedigung der z.T. abweichenden oder gegensätzlichen Bedürfnisse des Kindes kann für alle Beteiligten akut entspannend sein – unabhängig davon, ob sich dadurch das Verhalten des Kindes ändert. So hat sich unser familiärer Alltag bereits entspannt, seit wir über das hyperaktive Verhalten unseres Sohnes häufiger hinwegsehen, weniger konsequent reagieren und ihm zugleich auch weniger Freiraum lassen. Dabei wenden wir eine im doppelten Sinne zurückhaltende Regulierung an: Wir begleiten ihn eng und regulieren bei Bedarf sofort mit/fremd. Wir benennen seine Gefühle und auch seine „anderen“ Empfindungen und Bedürfnisse. Unser Sohn übernimmt immer öfter selbst die Regie und macht so auch verstärkt positive Erfahrungen im sozialen Kontakt. Neulich erklärte er seinem Freund, nachdem er ihn mit Spielzeug beworfen hatte: „Die Natur hat es so eingerichtet, dass ich mich nicht allein runterschrauben kann. Wenn du kommst, geht mein Motor automatisch hoch. Das kommt, weil ich dich so gerne mag...“ So erntete er statt Abweisung ein Lächeln. 
 
© Lea Ibell
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[1] Dietz, „Sitz doch endlich still“, Ulm 2003, S. 80 f.

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