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Saugverwirrung durch künstliche Sauger - Alternativen

Gastbeitrag von Lucccy 

Schnuller und Flaschensauger können eine Saugverwirrung verursachen - wie man eine solche erkennen kann und stillfreundlich zufüttert 


KünstlicheSauger können in verschiedener Weise Einfluss auf die Stillbeziehung haben. Ich persönlich musste diesen Einfluss in den ersten Wochen meiner Stillzeit schmerzlich lernen. In der Klinik hatte mein Baby bereits reichlich Kontakt mit verschiedenen künstlichen Saugern. Zu Hause saß ich dann mit einem dauerstillenden Baby auf der Couch und hatte starke Schmerzen. Die Hebamme konnte aber weder wunde Brustwarzen feststellen noch Fehler beim Anlegen entdecken.

Ich habe mich dann alleine durchgekämpft, weil am Stillen sehr viel lag und ich viel Unterstützung durch meinen Mann hatte. Die örtlichen Stillberaterinnen und das sehr hilfreiche Forum von Stillen-und-Tragen.de kannte ich damals leider noch nicht.

stillendes BabyErst später habe ich durch eine Stillberaterin erfahren, dass ich ein Baby mit einer Saugverwirrung hatte. In der Klinik hieß es noch, es würde Saugverwirrung nicht geben – aus meiner Perspektive weiß ich jetzt auch, warum das dort so kommuniziert wird: als die Auswirkungen der künstlichen Sauger spürbar wurden, waren wir längst entlassen. Viel zu spät habe ich auch von Embryotox erfahren, sonst hätte ich die schlimmsten Tage sicher mit Schmerzmitteln besser ertragen können.

Ich möchte nicht behaupten, dass jedes Baby Probleme mit künstlichen Saugern haben wird – das entspricht nicht der Realität. Ich möchte mit diesem Beitrag aber einfach auf dieses mögliche Problem hinweisen und auch Alternativen zu den gängigen, risikobehafteten Wegen aufzeigen.

Ich möchte, dass jede Mutter informiert entscheiden kann, ob sie das Risiko, das von künstlichen Saugern ausgeht, eingehen möchte, oder ob sie lieber die Alternativen nutzt und so auf Nummer Sicher geht.

Welchen Einfluss können künstliche Sauger haben? 


Eine Möglichkeit ist das Auftreten einer Saugverwirrung. Darunter versteht man die Schwierigkeit von Babys zwischen den verschiedenen Trinktechniken an der Brust und an künstlichen Saugern zu wechseln. Eine Saugverwirrung zeigt sich nicht ausschließlich durch die vollständige Verweigerung des Stillens, sondern kann sich u.a. auch durch schlechtes Gedeihen (Zunehmen) oder durch Schmerzen der Mutter beim Stillen zeigen.

Manche Babys werden beim Trinken unruhig, lassen immer mal wieder die Brustwarze los und schlucken hörbar selten – dies kann auf eine ineffektive Trinktechnik durch Saugverwirrung hinweisen und im Effekt zu einer geringen Zunahme führen, die wiederum eine Zufütterindikation darstellt. Verändertes Verhalten beim Stillen kann allerdings auch auf einen Wachstumsschub oder auf einen Stillstreik hinweisen.

Manchmal treten spürbare Probleme erst mit zeitlicher Verzögerung auf, dazu gehören beispielsweise Probleme durch beißende Babys in Zahnungsphasen – das Beißen ist entspannend für das Baby und bei künstlichen Saugern kommt dann u. U. noch ein extra Schluck aus dem Flaschensauger, wogegen Mama laut aufschreit.

Grundsätzlich ist Saugverwirrung behandelbar. Den individuellen Weg sollte man mit einer fachkundigen Person (Stillberaterin von LaLecheLiga oder AFS-Stillen, Hebamme mit Stillfortbildung wie z.B. IBCLC) besprechen. Meist gehört zur Behandlung der Verzicht auf alle künstliche Sauger. Der Einsatz von Stillhilfsmitteln (Beispiele folgen unten) kann sinnvoll sein, um die Ernährung des Babys zu sichern, bis es eine effektive Trinktechnik an der Brust erlernt hat. Ebenso kann die Einnahme von stillfreundlichen Schmerzmitteln durch die Mutter diesen Prozeß begleiten.
 
Weiter ist es beim Einsatz künstlicher Sauger möglich, dass beim Kind eine Umgewöhnung stattfindet. Hierbei gewöhnt sich das Kind an den künstlichen Sauger z. B. den Schnuller und bevorzugt dann diesen zur Beruhigung. Diese Kinder haben sich wohlmöglich „selbst abgestillt“, als der Anteil Beikost groß genug war und das verbliebene Saugbedürfnis am Schnuller befriedigt werden konnte. Je nach Erwartungshaltung und „Plan“ der Mutter kann dieser Weg für Mutter und Kind passen.

Flaschensauger 


Sauger von AventAuch wenn es einem in der Werbung anders vermittelt werden soll: Flaschensauger machen ein anderes Mundgefühl als die Brust und erfordern eine andere Trinktechnik (auch Modelle mit „Vakuumtechnik“), denn Stillen ist mehr als reines Saugen, sondern eine komplexe Bewegungsfolge aus Saugen, melkenden Zungenbewegungen und Schlucken. Flaschensauger erzeugen einen anderen Reiz am Gaumen als die Brust (Sauger sind egal ob aus Latex oder Silikon einfach stabiler als die weibliche Brust) und lösen dazu durch den Druck noch den Saugreflex aus.

Das kann dazu führen, dass das Baby diesen Reiz auch beim Stillen erwartet. Je nach verwendetem Saugertyp machen die Babys den Mund auch weniger weit auf, als es fürs Stillen sinnvoll wäre. Wer Flaschensauger parallel zum Stillen verwenden möchte, sollte darauf achten, einen Weithalssauger zu verwenden, da bei diesem Saugertyp die Mundöffnung des Babys größer sein muss.

Außerdem kann der ausgelöste Saugreflex dazu führen, dass sich das Baby mehr Milch trinkt, als es beim Stillen trinken würde. Dadurch wird der Abstand zur nächsten Stillmahlzeit länger und es besteht die Gefahr, dass sich die Milchmenge bei der Mutter verringert. Hier kann eine aufrechtere Fütterposition helfen, da das Kind die Milch so leichter aus dem Mund laufen lassen kann als im Liegen. Außerdem kann es beim Flasche füttern nach Bedarf hilfreich sein, die Flasche durch eine Hülle abzudecken, so dass man nicht sehen kann, wieviel ml das Baby schon getrunken hat. Damit vermeidet man ein unbewusstes Animieren zum Austrinken.

Schnuller


Da Schnuller nicht mit dem Fütterungsvorgang in Verbindung gebracht werden, kommen manche Babys mit dem Einsatz von Schnullern parallel zum Stillen gut zurecht. Es gibt aber auch Babys, die auf den Schnuller als einzigem künstlichem Sauger mit Saugverwirrung reagieren. Wer das Bedürfnis hat, den Schnuller einzusetzen, sollte ihn das erste Mal nach 6 Wochen problemlosen Stillens geben. Treten am Anfang der Stillbeziehung Probleme wie wunde Brustwarzen etc. auf, gilt die 6-wöchige Wartezeit nach Lösung des Problems.

Als Alternative zum Schnuller kann in Clusterfeeding-Phasen das Schnullern am (kleinen) Finger eines Elternteils oder auch eine andere Beruhigungsmethode wie z. B. das Tragen im Tuch bei Bewegung (Herumgehen, Pezzi-Ball) eine Alternative sein.

Ein ergänzender Hinweis noch zum Einsatz von Schnullern: durch den Vorgang des Schnullerns wird beim Baby ein Hormon gebildet, dass schläfrig macht.  Dies kann dazu führen, dass ein Baby Mahlzeiten verschläft, was Effekte auf die Zunahme des Babys und die Milchbildung der Mutter haben kann.

Stillhütchen 


StillhütchenDer Einsatz von Stillhütchen sollte nur bei gegebener medizinischer Indikation erfolgen. Oft werden Stillhütchen schnell verteilt, wenn Flachwarzen vorliegen oder die Mutter über wunde Brustwarzen klagt, doch hier wäre es oft sinnvoll, andere Maßnahmen zu ergreifen. Als mögliche Alternativmaßnahmen stehen einem verschiedene Techniken zum „Anreichen“ der Brust zur Verfügung oder auch Hilfsmittel wie Brustwarzenformer oder Nipletten. Stillhütchen werden indikationsgerecht eingesetzt beim Stillen von Frühgeborenen oder SGA-Babys (Babys, die für die Schwangerschaftswoche bei der Geburt zu klein sind), bei Babys mit Problemen des Mundraumes oder bei der Umgewöhnung von der Flasche zur Brust.

Beim Einsatz von Stillhütchen ist zu bedenken, dass durch die veränderte Reizweiterleitung Probleme mit der Entleerung der Brust auftreten können, was einen Milchstau oder eine Verringerung der Milchmenge zur Folge haben können. Bei den heutigen Stillhütchen ist das Risiko allerdings geringer als früher, da die Stillhütchen dünner gefertigt werden.

Ein weiteres Risiko beim Einsatz von Stillhütchen kann bei mangelnder Hygiene auch die Besiedelung mit Pilzen und Bakterien sein. Sollte der Einsatz von Stillhütchen notwendig sein, so ist es sinnvoll, darauf zu achten, dass das Hütchen einen „Nasenausschnitt“ fürs Baby hat. Dadurch wird der störende Effekt der Stillhütchen etwas verringert.

Saugfreies Zufüttern 


Als Alternative zum Einsatz künstlicher Sauger kommen saugfreie Zufütterungsmethoden in Frage. Dies bietet sich für Mütter an, die ihre Babys gerne mit Zwiemilch - also stillen und Säuglingsnahrung kombiniert- ernähren möchten oder müssen.

Als Methode, bei der auch andere Personen neben der Mutter füttern können, bietet sich das Füttern per Becher oder Löffel an. Für das "Bechern" kann man ein kleines Schnapsglas verwenden, alternativ gibt es in Apotheken einen Fütterbecher zu kaufen. Fütterbecher sind übrigens „Cent-Artikel“, so dass die Anschaffung des Fütterbechers an Stelle von Flaschen und Saugern nicht teurer ist. Wer es komfortabler und flaschenähnlicher von der Handhabung möchte, kann den Medela Softcup anwenden. Geübte Anwender schaffen mit dem Bechern auch Mengen von 50-100 ml.

Eine andere Möglichkeit des stillfreundlichen Zufütterns ist das Zufüttern per Brusternährungsset. Die Anwendung des Brusternährungssets sollte am besten von einer erfahrenen Person wie einer Stillberaterin begleitet werden. Für die Anwendung alleine zu Hause empfehlen Stillberaterinnen oft diese Anleitung.

Eine weitere Methode soll hier noch Erwähnung finden, auch wenn sie nicht komplett saugfrei ist. Recht verbreitet in Geburtskliniken und bei Hebammen scheint das Fingerfeeding zu sein. Hierbei saugt das Baby an einem Finger des Fütternden, an dem ein Schlauch klebt, in den über eine Spritze Milch gegeben wird. Diese Methode ist aber nicht komplett saugfrei und kann daher auch das Saugverhalten des Babys beeinflussen. Ob Fingerfeeding im Einzelfall sinnvoll ist, sollte daher eine fachkundige Person entscheiden.

Wie kann es zu einer Saugverwirrung kommen 


Grundsätzlich gilt, dass Probleme durch den Einsatz künstlicher Sauger wahrscheinlicher sind, je jünger das Baby ist und je öfter künstliche Sauger genutzt werden. Trotzdem können auch ältere Babys nach einmaligem Gebrauch eines künstlichen Saugers Probleme entwickeln – eine sichere Prognose ist bei diesem Thema schwer möglich.

Avent TrinkbecherManche Frauen stellen auch Probleme in „die andere Richtung“ fest: bisher ausschließlich gestillte Kinder können mit Flaschensaugern, Trinklernbechern und Schnullern nur wenig anfangen. Auch hier kommt es auf die Perspektive an, ob das ein großes Problem ist, oder ob die Eltern sich freuen, auf die Anschaffung von Trinklernflaschen etc verzichten zu können und das Baby direkt ab Beikosteinführung aus einem normalen Becher/Glas trinken zu lassen. Wer auf den Komfort von Trinklernbechern nicht verzichten möchte, findet mittlerweile auf dem Markt auch Trinklernbecher ohne Saugaufsatz wie z.B. das Avent Allaround System.

Die Wissenschaft zum Thema Saugverwirrung 


Leider liegt mir das „Handbuch für die Stillberatung“ der LaLecheLiga nicht im Original vor, aber an mehreren Stellen im Netz habe ich daraus folgendes Zitat gefunden: 
"Viele Stillexperten haben beobachtet, dass ein Neugeborenes auf den Wechsel zwischen Brust und Flasche während der ersten Lebenswochen mit Verwirrung reagieren kann (Neifert, 1995). Diese Verwirrung kann dadurch verursacht werden, dass das Baby seine Zunge, seinen Kiefer und seinen Mund beim Stillen anders bewegt als beim Saugen an einer Flasche, einem Beruhigungssauger (Schnuller) und den meisten Formen der Stillhütchen (Newman, 1990). In einer Studie zeigte sich, dass 30 % der Mütter, deren Babys im Krankenhaus Flaschen erhalten hatten, von ernsthaften Stillproblemen berichteten, gegenüber 14 % der Mütter, deren Babys keine Flasche erhalten hatten (Cronenwett, 1992).  
Kittie Frantz, eine frühere LLL Stillberaterin, Kinderkrankenschwester und Ausbilderin für Stillberatungskurse an der Universität von Kalifornien, Los Angeles, schätzt, dass künstliche Sauger während der ersten drei bis vier Wochen bei 95 % der Babys zu einer Saugverwirrung führen. Manche Babys reagieren nach einer Woche, während der sie mit der Flasche gefüttert wurden, mit einer Saugverwirrung, andere bereits nach ein oder zwei Flaschen – oder anderen künstlichen Saugern. Ein Baby, das in den ersten drei oder vier Wochen gut an der Brust trinken gelernt hat, ist weniger anfällig für eine Saugverwirrung. 
[…]
Dr. Ruth Lawrence warnt vor dem Gebrauch eines Beruhigungssaugers während der ersten Lebenswochen, weil die Möglichkeit besteht, dass das Baby auf den Sauger »geprägt« werden kann. Diese »Prägung« kann dazu führen, dass das Baby eine Vorliebe für feste und unnatürlich geformte Sauger entwickelt. Der Begriff »Prägung« wird auch benutzt, um die Bindung zu beschreiben, die manche Tiere zu dem ersten Objekt oder Lebewesen aufbauen, das sie zu Gesicht bekommen. »Das Saugen am Daumen oder Beruhigungssauger stellt eine Ersatzhandlung dar für etwas, was normalerweise zu einer Prägung auf die mütterliche Brustwarze führt. ...
Auch wenn der Begriff ›Saugverwirrung‹ noch keinen Eingang in die medizinische Literatur gefunden hat, gibt es eindeutige psychosomatische Beweise dafür, dass die Prägung eines Menschen durch die Einführung eines Fremdobjektes während der Prägephase verändert werden kann".

Weiter gibt es eine Studie, die das auftreten von Stillproblemen zeigt, wenn Babys in den ersten zwei Wochen ein Schnuller gegeben wird. [Righard, L., & Alade, M. (1992). Sucking Technique and Its Effect on Success of Breastfeeding. Birth 19:4, 185-189]

Ebenso ist belegt, dass der Einsatz eines Schnullers das Risiko für vorzeitiges Abstillen verdreifacht. [Victoria, C., et al. (1993). Use of Pacifiers and Breastfeeding Duration. The Lancet 341, 404-406] 

© Lucccy

Quellen 


http://www.stillkinder.de/dreifach-nippel-syndrom-und-vorzeitiges-abstillen/

http://www.stillen-und-tragen.de/archiv/bilder/saugverwirrtrainfertig.pdf

http://www.stillkinder.de/wp-content/uploads/2013_Stillhütchen-richtig-eingesetzt.pdf

http://www.bfr.bund.de/cm/343/stillen_richtiges_anlegen_und_saugen.pdf

http://www.bfr.bund.de/cm/343/zufuetterungstechniken_fuer_gestillte_saeuglinge.pdf

http://www.stillen-und-tragen.de/forum/viewtopic.php?f=2&t=182992

http://www.stillkinder.de/sind-schnuller-bei-gestillten-kindern-problematisch/

http://www.rund-ums-baby.de/stillberatung/Saugverwirrung_107806.htm

http://www.stillen-institut.com/asp_service/upload/content/Schnuller-und-SIDS.pdf

http://www.stillen-institut.com/asp_service/upload/content/8-10_Neues-aus-der-Forschung.pdf

Bildnachweis

stillendes Baby: millenia/SuT