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Erziehung - kann es gut gehen, wenn Eltern eine unterschiedliche Haltung haben? °FAQ°

Eine der häufigsten Fragen, die uns gestellt wird, ist, ob es gut gehen kann, wenn die Eltern unterschiedliche Erziehungswege gehen - der eine Elternteil also bedürfnisorientiert und der andere eher "klassisch autoritär" oder "wie meine Eltern eben" erziehen möchte.

Die kurze Antwort ist: Ja, das kann gut gehen. Aber.
Die lange Antwort ist ein bisschen komplizierter.

ACHTUNG: In diesem Artikel wird über die Bindungshierarchie und die Positionen darin gesprochen. Die Erklärungen in diesem Artikel hierzu sind nicht allgemeingültig. Die Aussagen zur Bindungshierarchie in diesem Artikel beziehen sich ausschließlich auf die Konstellation "bindungsorientierter Elternteil/nicht-bindungsorientierter Elternteil" im Zusammenhang mit starken negativen Glaubenssätzen. Agieren beide Eltern bindungsorientiert, wird es trotzdem eine Nummer 1 und eine Nummer 2 geben - das ist völlig natürlich-, aber die hier aufgeführten Probleme werden nicht auftreten.


Verschiedene Wege bei der Erziehung

Kinder haben an sich kein Problem mit unterschiedlicher Erziehung


Fangen wir bei den Kindern an. Kinder haben kein Problem mit unterschiedlichen Regeln bei unterschiedlichen Personen. Sie lernen recht schnell, was sie z. B. bei den Großeltern oder in der Kita nicht dürfen, zuhause aber doch. Sie können auch damit umgehen, wenn die Elternteile unterschiedliche Regeln haben und nehmen das ohne Verwirrung einfach hin. Es ist jedoch so, dass sich unsere Kinder von Natur aus unbewusst zu dem Menschen hingezogen fühlen, der ihre (echten) Bedürfnisse am besten erkennt und am feinfühligsten beantwortet. Dabei geht es nicht ums Verwöhnen oder um materielle Geschenke etc., sondern wirklich um essentielle Grundbedürfnisse. Es geht dabei auch nicht ums Geschlecht der Bindungsperson - jeder Mensch kann in der Bindungshierarchie eines Kindes auf Platz 1 sein.

Warum das so ist, erklärt die Bindungstheorie des britischen Kinderpsychiaters John Bowlby und der kanadischen Psychologin Mary Ainsworth: Jedes Kind ist demnach mit Verhaltenssystemen ausgestattet, die das Überleben der Spezies sichern. Im Fall eines Babys heißt das, unter den es umgebenden Erwachsenen denjenigen zu finden, der bereit ist, die doch ziemlich anstrengende Arbeit der Versorgung auf emotionaler und körperlicher Ebene zu übernehmen. Dieser Mensch erhält in der Bindungshierarchie den obersten Platz, d. h. in seiner Nähe wollen die Babys normalerweise sein, von ihm wollen sie gern umsorgt werden, neben ihm wollen sie schlafen etc.

Das bedeutet nicht, dass der andere Elternteil weniger geliebt wird. Es bedeutet jedoch, dass die feinen biologischen Systeme des Babys erkannt haben, dass dieses andere Elternteil seine Bedürfnisse weniger gut oder weniger schnell entschlüsseln kann (oder will). Deshalb erhält derjenige eine etwas niedrigere Position in der Bindungspyramide, normalerweise Platz 2. Das ist weder schlimm, noch ein Grund zur Sorge, noch eine Niederlage in irgendeiner Weise. Es ist ein natürlicher, vom Kind nicht willentlich gesteuerter Prozess.

Das Problem mit klassisch-autoritativer Erziehung (oder eins der Probleme...)


In diesem Artikel geht es um unterschiedliche Erziehungswege, also ein Elter, das nicht bedürfnisorientiert handeln möchte, weil es das als zu verwöhnend und zu wenig erziehend einstuft, und das stattdessen lieber den gut bekannten Weg der alten Erziehung gehen möchte. Die alte Erziehung ignorierte die meisten Bedürfnisse von Kindern absichtlich, weil damals gedacht wurde, man müsse Kindern Dinge an- und abgewöhnen, um sie zu guten Mitgliedern der Gesellschaft zu machen. Wir hatten dazu eine eigene Artikelserie gestartet, dort (hier, hier und hier) könnt ihr ganz genau nachlesen.

Es kann also dazu kommen, dass dieses Elter die Bedürfnisse seines Kindes nicht erkennt und nicht erfüllt, obwohl es selbstverständlich das Beste für sein Kind möchte. Was wiederum nach sich zieht, dass dieser Elternteil, wie oben beschrieben, nur den zweiten oder dritten Platz in der Bindungshierarchie des Kindes bekommt. Das wiederum kann bedeuten - ja, es passiert sogar oft -, dass das Kind weint und schreit, wenn es von diesem Elternteil versorgt wird, solange Bindungsperson Nummer 1 anwesend ist. Nur, wenn diese außer Haus ist, lässt sich das Kind auch gern von Bindungsperson Nummer 2 umsorgen.

Diese offensichtliche Ablehnung des nicht bedürfnisorientiert erziehenden Elters (wie gesagt: natürliches Bindungsverhalten, keine bewusste Entscheidung des Kindes!) könnte dieses so kränken, dass es sich vom Kind zurückzieht. Oder es dem Partnerelternteil vorwirft, das Kind mit dieser Art von Erziehung zu verwöhnen. Es ist also möglich, dass sich das Verhältnis zwischen Kind und Elter verschlechtert, weil das Elter sich weniger geliebt empfindet, und dass die Partnerschaft unter Druck gerät. Nicht selten trennen sich die Eltern sogar.

Trennung wegen unterschiedlicher Erziehungswege? Echt jetzt?


Wie kann denn das so eskalieren? Nun, da müssen wir ein kleines bisschen tiefer in unserer Psyche graben.

Die Erziehung von Kindern vor 1980 war nicht unbedingt geprägt von Bedürfniserfüllung. In vielen Familien wurden Kinder in guter Absicht erzogen, indem ihre Bedürfnisse ignoriert wurden. Weinte ein Kind abends im Bettchen, weil es sich einsam fühlte und eine unbestimmte Angst fühlte, wurde es weinen gelassen, damit es lernte "sich zu beruhigen" und allein einzuschlafen. Zeigte es an, dass es Hunger hat, wurden auch diese Signale meist ignoriert, um einen 4-Stunden-Rhythmus zu etablieren, der, so sagten es die Ärzt*innen damals, wichtig gegen Bauchweh und Koliken sei. Negative Gefühle wurden weggeredet: "Das ist nicht schlimm!", "Reiß dich zusammen", "Ein Indianer kennt keinen Schmerz", "Ich will das nicht mehr hören!" und "Ich gebe dir gleich einen echten Grund zum Weinen!" waren weit verbreitete Standardsätze von Erwachsenen, wenn Kinder weinten oder trotzten. Es war leider auch nicht ungewöhnlich, Kinder auf den Hinterkopf oder die Finger zu klapsen, ihnen Ohrfeigen zu geben oder sie mit dem Gürtel oder der Rute zu schlagen, um ihnen "schlechtes Verhalten" auszutreiben. Wie gesagt - in guter Absicht und mit dem Segen der damaligen Ratgeber. (Das soll das Verhalten von damals nicht relativieren! Es ist und bleibt verabscheuungswürdig, Kinder zu schlagen oder psychisch zu verletzen!) Wir wollen auch nicht behaupten, dass das in allen Familien so ablief. Geradeunter den Alt-68ern gab es sehr bedürfnisorientierte Eltern.

Die klassische Erziehung verletzt das Innere Kind

Ungutes Ergebnis einer solchen Erziehung sind verletzte innere Kinder und tief verankerte Glaubenssätze wie "Ich bin nicht wichtig!", "Keiner hört mich!" und "Ich genüge nicht!" Das Vertrackte an Glaubenssätzen ist, dass sie uns geradezu aus dem Hintergrund steuern. Oft bemerken wir gar nicht, wie unsere selbstabwertenden Glaubenssätze unser Fühlen und Handeln bestimmen. Der Grund: Das größte Interesse unserer Psyche ist, seelische Schmerzen zu vermeiden. Um dieses Ziel zu erreichen, verdrängen wir auch die Realität, wenn es sein muss [vgl. Stahl, S., Tomuschat, J., Nestwärme, die Flügel verleiht, 2018, Gräfe und Unzer, S. 75].

Drücken unsere Kinder nun aus Versehen mit ihrem Verhalten unsere inneren Knöpfchen, werfen sie unseren Glaubenssatz-Automatismus an. Wenn das Kind sich lieber der Bindungsperson Nummer 1 zuwendet, können sich sich beim anderen Elter unbewusst Selbstzweifel einstellen - dessen negative Glaubenssätze werden getriggert. Jener Elternteil nimmt das natürliche, nicht persönlich gemeinte Verhalten des Kindes doch persönlich. Nun liegt es wie gesagt, im Interesse unserer Psyche, seelischen Schmerz zu vermeiden. Der Mensch geht in Abwehrhaltung, um den alten Schmerz der Kindheit nicht spüren zu müssen. Wenn die erwachsene Person als Kind das Gefühl hatte, dass die eigenen Eltern sie nicht lieben, wie sie ist (was an der Art der Erziehung damals lag), wird dieser Schmerz des Nicht-gut-genug-Seins getriggert von der Ablehung des eigenen Kindes, das sie vermeintlich auch nicht so liebt, wie sie ist. Sie wendet sich bewusst ab vom Kind, um nie wieder fühlen zu müssen, nicht geliebt zu werden. Hinzu kommt, dass das getriggerte Elter dem anderen Elter die Schuld gibt, wenn das Kind sich von ihm abwendet. Es redet sich ein, dass das andere Elter das Kind mit einer "Wischi-Waschi-Erziehung" verwöhnt und es deshalb immer die/der Böse sei, wenn sie/er Regeln durchsetzen will.

Abwehrhaltung bedeutet oft nicht nur Rückzug, sondern auch ein aggressives Gegenhalten, Aufbrausen und Schuld-bei-anderen-Suchen: Das abgelehnte Elternteil sieht das Kind in negativem Licht - es hört nicht, es hat keinen Respekt, es macht, was es will - und versucht, mit aller Macht als Gewinner aus der Situation zu gehen. Denn ein wichtiges, unbewusstes Motiv des inneren Kindes von uns Erwachsenen ist es häufig, sich nie wieder so gedemütigt und ausgeliefert zu fühlen, wie als Kind bei den eigenen Eltern. Beim Aufwachsen entwickeln einige von uns unbewusst einen starken Machtwunsch. Wir wollen in jedem Fall die Oberhand behalten. Nie wieder, so wird unbewusst abgespeichert, wollen wir ohnmächtiges Opfer sein [vgl. Stahl, Tomuschat, S. 98].

"Hört" ein Kleinkind nicht auf das Elternteil (sei es nun aus wirklichem Trotz, oder wahrscheinlicher, weil es kognitiv noch nicht in der Lage dazu ist), dann kocht sofort die alte Wut des elterlichen inneren ohnmächtigen Kindes in dem Elter hoch: Das Kind hat keinen Respekt! Es ist kein bewusster Vorgang - der Mensch fühlt einfach, dass er sich behaupten muss, weil er sonst untergeht. Der Kampf, den man als Kind mit seinen Eltern hätte führen wollen und nicht konnte, weil man klein und schutzbedürftig war, wird nun als Erwachsener mit dem eigenen Kind gekämpft. Nun ist man groß und kann gewinnen. Leider schließt man damit den Kreislauf, denn das eigene Kind wird nun vermutlich Ohnmachtserfahrungen abspeichern. Dummerweise reagiert man in getriggerten Momenten noch weniger feinfühlig. Auf die echten Bedürfnisse des Kindes kann man keine Rücksicht nehmen, wenn man sich in der psychologischen Abwehr befindet. Deshalb wendet sich das eigene Kind häufig noch mehr ab - es braucht einen Elternteil, der in der Lage ist, eigene Bedürfnisse zurückzustecken, um die Bedürfnisse des Kindes zu beantworten. Ein Teufelskreis entsteht.

Ein Weg raus aus diesem Teufelskreis ist, wenn sich das Elter seiner negativen Glaubenssätze bewusst wird und daran arbeitet, sie zu überwinden. Das ist durchaus möglich! Wer das möchte, dem empfehlen wir für den Anfang die Bücher "Das Kind in dir muss Heimat finden" und "Nestwärme, die Flügel verleiht".


Oft versucht das eine Elter zu helfen, indem es dem anderen Elter Artikel und Bücher hinlegt, welche die oben beschriebenen Probleme behandeln. Unglücklicherweise passiert es nur selten, dass der "strengere" Elter diese Artikel auch wirklich liest bzw. glaubt, was es da liest. Denn auch in diesem Fall wirken die alten Mechanismen: Wer als Kind verankert hat, dass er sich nie wieder von einer Autorität etwas sagen lassen wird und sich nicht mehr bevormunden lassen will, kann einen Text eines Experten über innere Glaubenssätze nicht immer mit der nötigen Offenheit lesen. Die psychologische Abwehr lässt das oft nicht zu. Zu stark ist der frühe kindliche Schmerz, der vermieden werden muss. Anzeichen dafür sind extreme Unlust, den Text überhaupt in die Hand zu nehmen, plötzliche Müdigkeit, wenn man doch angefangen hat zu lesen, Aggression, wenn das andere Elter immer wieder ans Lesen erinnert oder ein Sichlustigmachen (oft verbunden mit Sarkasmus) über den Inhalt, wenn der Text doch gelesen wurde. Auch die "Bevormundung" durch das diese Texte hinlegende Elter, wird als negativ empfunden - auch hier sind die inneren Glaubenssätze am Werk, die es nicht zulassen, dass man sich klein und unwissend fühlt. Daher wird das Angebot lieber aggressiv abgelehnt.

Das klingt eher niederschmetternd, oder? Tut mir leid.

Kann es denn auch gut gehen?


Oh ja! Wie wir oben schon schrieben: Kinder haben kein Problem mit unterschiedlichen Regeln oder unterschiedlich strengen Eltern. Natürlich können klare Regeln, Konsequenzen für unangebrachtes Verhalten und die unangefochtene Autorität eines Elternteils funktionieren, ohne, dass sich die Kinder exklusiv dem anderen Elternteil zuwenden. Der Trick dabei ist, trotzdem die wichtigen Bedürfnisse des Kindes zu beachten und nicht anzunehmen, es würde etwas Bestimmtes tun, um "seinen Willen durchzudrücken". Konsequent und streng kann man dabei trotzdem sein. Es ist nur, wie gesagt, wichtig, zu erkennen, wann unerwünschtes kindliches Verhalten durch unbefriedigte Bedürfnisse hervorgerufen werden. In solchen Fällen helfen Strenge und Konsequenzen nämlich null, sondern schaden der Beziehung zwischen Eltern und Kind. 

Zu unterscheiden, wann man Regeln durchsetzen und streng sein darf, und wann besser nicht, ist schwerer, als man denkt. Ein Beispiel aus unserem Familienurlaub. Wir waren an einem Ort, an dem es extra ein Super-Duper-Schwimmbad mit gefühlt 50 Rutschen gab. Das Wetter draußen war kalt und nass, deshalb waren wir jeden Tag in diesem Schwimmbad. Nun ärgerte eine meiner Töchter ihre Geschwister wirklich arg in dieser Woche. Sie gönnte ihnen nichts, sprach abfällig mit ihnen, machte sich lustig usw. Es war furchtbar und ich war sehr, sehr wütend auf sie. Aber sie zu bestrafen wäre genau  der falsche Weg gewesen. Denn was sie brauchte, waren Aufmerksamkeit und Zuwendung: Da sie die beste Schwimmerin ist, kümmerten wir uns im Schwimmbad nicht so stark um sie, wie um die anderen beiden Nichtschwimmer. Im Prinzip fühlte sich meine Tochter abgeschoben und weniger geliebt, weil wir Erwachsenen halt immer in der Nähe der anderen beiden blieben und deshalb oft sagen mussten: "Ich kann nicht mit dir mitrutschen, ich muss doch auf deinen Bruder aufpassen." In der Ferienwohnung war auch keine Möglichkeit zum Rückzug, so dass meine Tochter sich nicht einmal dort entspannen konnte. Und natürlich fand ich ihr Verhalten total doof und ja, ich hatte mehr als einmal den Wunsch, sie zu bestrafen für ihre Gemeinheiten. Damit hätte ich es aber nicht geändert. Im Gegenteil, ich hätte ihre Wut auf die Geschwister und das Gefühl von ihren Eltern nicht verstanden zu werden noch verstärkt. Deshalb habe ich sie zwar angemault, wie gemein ich ihr Verhalten finde, habe mich aber ansonsten ihr zugewendet und mich bemüht ihr Defizit an elterlicher Aufmerksamkeit aufzufüllen. Hätte sie aber - rein hypothetisch- ein Spielzeug ihrer Geschwister kaputt gemacht, wäre eine von den Eltern verlangte Wiedergutmachung mit ihrem eigenen Taschengeld nicht nur richtig, sondern auch wichtig. In diesem Fall wäre also eine Konsequenz und elterliche Strenge durchaus angebracht. Als strenger, auf Einhaltung von Regeln bedachter Elternteil sollte man ja trotzdem unbedingt gerecht sein, nicht?

Fünf Säulen guter Beziehung


Es gibt fünf Punkte, die man als Elternteil beachten kann, um eine gute Bindung und eine gute Beziehung zum Kind aufrecht zu erhalten, auch als strenges Elternteil. Diese Punkte sind:

  • Das Kind wirklich wahrnehmen. Das beinhaltet, ihm in die Augen zu schauen, wenn man mit ihm spricht, es zu beobachten, wenn es auf dem Spielplatz nach oben klettert, und auch, zu erkennen, wer das Kind wirklich ist. Sich also nicht von einem Bild, das man von diesem Kind hat ("Das ist unser Wilder!", "Der hat echt nur Knete im Kopf!") die echte Sicht auf das Kind verstellen zu lassen. Letzteres passiert überraschend häufig. Jedes Kind hat viele Facetten und es tut gut, wenn sie alle gesehen werden. Kein Kind ist nur wild. Kein Kind ist nur lieb. Versucht, bewusst Momente zu erkennen, in denen sich euer Kind anders verhält, als ihr es erwartet hättet. 
  • Den Interessen des Kindes echte Beachtung schenken. Es tut Kindern - und der Beziehung zu ihnen - gut, wenn Eltern nicht abwertend über die Interessen oder Hobbies des Kindes sprechen, sondern sich dafür interessieren. Besonders bei digitalen Spielen verdrehen viele Eltern die Augen und wollen eigentlich gar nicht so genau wissen, was das Kind da macht. Dabei ist es so ein kurzer Zeitraum, in welchem unsere Kinder uns so etwas noch erzählen und uns teilhaben lassen. Nutzt diese Zeit, denn das wirkt sich auch positiv auf später aus, wenn die Kinder zu Jugendlichen werden. Auch, wenn euch heute die Ohren bluten, weil euer Kind nonstop über Minecraft oder Ninjago schwadroniert. Hört zu, fragt nach, probiert es selbst aus.
  • Mit dem Kind gemeinsam etwas tun. Findet Aktivitäten, die euch beiden gefallen. Geo-Caching macht Spaß, oder ihr sucht zusammern Pokémon auf der Straße. Ihr könnt auch zuhause zusammen auf der Couch sitzen und gemeinsam zocken. Oder ihr baut zusammen einen Oldtimer - oder Lego - auf. Egal, was es ist - das gemeinsame Tun wird euch zusammenschweißen. Achtet nur darauf, eurenNachwuchs dabei nicht ständig zu maßregeln oder seine Arbeit zu bemängeln. Der Ton, mit dem ihr mit ihm oder ihr spricht, ist extrem wichtig und wird später teilweise zur inneren Stimme des Kindes, in der es zu sich selbst spricht. Ihr werdet nicht gern angenörgelt? Euer Kind auch nicht. Es soll sich doch gut bei euch fühlen, und nicht andauernd kritisiert. 
Gemeinsame Zeit mit dem Kind verbringen

Wenn ihr diese drei Punkte beherzigt, seid ihr schonmal ein super Elternteil. Schon allein Aufmerksamkeit, Interesse und Spielen sichern euch einen Platz im "Bestes Elternteil der Welt"-Olymp. Wenn ihr noch mehr wollt, dann gibt es hier noch zwei Zusatzpunkte, die ihr probieren könnt:
  • Kindliche Gefühle nicht kleinreden. Dieser Punkt könnte euch ein bisschen schwer fallen, weil wir selbst als Kinder kaum erlebt haben, wie das geht. Menschen mögen es, wenn andere Menschen nicht emotional unsensibel reagieren, wenn sie gerade glücklich oder traurig sind. Für Kinder gilt das auch. Sätze wie "Jetzt hab dich nicht so!", "Da muss man doch nun wirklich keine Angst vor haben!" und "Bist du´n Mädchen, oder was?!" kennen wir aus unserer Kindheit, aber sie sind überhaupt nicht hilfreich. Sie richten auf Dauer sogar erhebliche Schäden im Selbstwertgefühl des Kindes an. Wenn ihr es (noch) nicht schafft, zu trösten, wenn es in euren Augen gar nichts zu trösten gibt, aber das Kind totales Drama macht, dann versucht wenigstens, euch selbst von negativen Kommentaren abzuhalten. Das ist ein erster guter Schritt.
  • Die (meist unschuldigen) Motive hinter dem Verhalten von Kindern sehen. Das erfordert ein bisschen Übung. Denn es ist leicht, zu glauben, ein Kind wolle "seine Grenzen testen", oder "seine Wünsche durchdrücken", weil diese Gedanken das sind, was wir in unserer eigenen Kindheit gelernt haben. Mittlerweile ist die Wissenschaft aber weiter, wir verstehen besser die Mechanismen, die hinter "schlechtem Verhalten" stehen. Bei Kleinkindern ist es oft Unwissenheit, oder sogar das Unvermögen des Gehirns, etwas zu verarbeiten. Ausführlich haben wir das in unserem ersten Buch "Der entspannte Weg durch Trotzphasen" erklärt. Bei Kindern ab etwa 5 Jahren kann schlechtes Verhalten durchaus gewollte Provokation sein - sie können uns bewusst ärgern wollen - aber nicht, weil sie böse Kinder sind, sondern weil sie sich in ihrer Not nicht anders zu helfen wissen. Das wiederum haben wir in unserem zweiten Buch "Gelassen durch die Jahre 5-10" erklärt. Fürs erste reicht vielleicht hier: Wenn euer Kind etwas "Schlimmes" tut, dann überlegt euch, was das unschuldigste, lieb gemeinteste Motiv sein könnte, welches es dabei im Kopf gehabt haben könnte. Und bevor ihr es dann ausschimpft oder bestraft, überlegt euch, ob die Schimpfe oder die Strafe auch dann noch fair ist, wenn euer Kind es wirklich lieb, oder zumindest unschuldig naiv meinte.
 

Fazit


Ja, es kann gut gehen, wenn die Eltern unterschiedliche Erziehungswege gehen. Aber auf die Bedürfnisse des Kindes muss bei beiden Erziehungsstilen geachtet werden, weil sonst möglicherweise ein unguter Kreislauf aus Ablehnung und getriggerter Gegenablehnung zwischen Kind und Elternteil entsteht, der dementsprechend häufig in einer Trennung der Eltern endet.

© Snowqueen

Literatur


Stahl, Stefanie: Das Kind in dir muss Heimat finden

Stahl, Stefanie, Tomuschat, Julia: Nestwärme, die Flügel verleiht

Graf, Seide: Das gewünschteste Wunschkind aller Zeiten treibt mich in den Wahnsinn. Der entspannte Weg durch Trotzphasen

Graf, Seide: Das gewünschteste Wunschkind aller Zeiten treibt mich in den Wahnsinn. Gelassen durch die Jahre 5-10

Omer, Haim, von Schlippe. Arist: Autorität durch Beziehung. Die Praxis des gewaltlosen Widerstands in der Erziehung
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Kommentare:

  1. :) Schön geschrieben, vielen Dank! :)

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  2. Danke!!!
    Und wie schaffe ich es nun, dass der entsprechende Elter diesen Artikel liest?!

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  3. Danke für diesen Artikel!

    Da dachte ich gerade "mein Mann sollte diesen Artikel am besten auch mal lesen" und dann kommt ihr mit dem "Oft versucht das eine Elter zu helfen, indem es dem anderen Elter Artikel und Bücher hinlegt"-Absatz ;) Und ja, die dort beschriebenen Reaktionen klingen ganz nach ihm, wenn ich ihm den Artikel zeigen wollte! Was also tun? Ihm eine Therapie vorschlagen ist natürlich leider genauso wenig sinnvoll, solange er selbst keinen Handlungsbedarf sieht. Ich vermute, ich würde am meisten bewirken können, wenn ich auch mit ihm bedürfnisorientiert umgehe. Und da steh ich wieder vor meinem alten Dilemma. Bei den Kindern kann ich inzwischen ganz gut empathisch reagieren und sie bedürfnisorientiert begleiten (von Situationen in denen ich zu hungrig und/oder zu müde bin einmal abgesehen...), aber bei meinem Mann schaffe ich das leider nicht. Wieso nur? Warum ist das für mich ungleich schwerer??? Ihr kennt dazu nicht zufällig auch eine kleine Anregung?

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    1. Meine Vermutung ist, dass er, wenn er nur das kleinste Gefühl hat, dass du ihn bedürfnisorientiert behandelst (also in seinen Augen, wie ein Kind?) eher noch abwehrender reagiert. Ich glaube, das beste, was du tun kannst, ist die Argumentationskette dieses Artikels zu verinnerlichen und ihm mit deinen Worten widerzugeben, sollte er dir vorwerfen, dass die Kinder ihn wegen deiner Art von Erziehung ablehnen. Dann hat er zumindest schonmal davon gehört.

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    2. Hallo Nadine, ich kenne das auch - in der Beziehung, denn spannenderweise bekommt es mein Mann gegenüber den Kindern gut hin bedürfnisorientiert zu sein (manchmal besser als ich ;)). Nur wir untereinander sind es oft nicht ... ich habe allerdings tatsächlich die Erfahrung gemacht, wenn ich ihm gegenüber so oft es geht gewaltfrei kommuniziere (und das ist sausausauschwer und geht oft leider auch nicht --> meine Glaubenssätze lassen dann eben auch grüßen), "zieht" er oft irgendwann hinterher. Es dauert nur ... aber es gibt so Highlights wie heute (nach elf Jahren Beziehung!!!), in denen er statt zu meckern, maulen, sich zurückzuziehen, sagt: "Wenn Du Dich so verhältst, ist das ganz schön anstrengend für mich, das kann ich heute schlecht aushalten!" Ich war so begeistert, dass ich tatsächlich alle weiteren Bemerkungen runtergeschluckt habe, obwohl ich mich im Recht gefühlt habe ;)
      Was ich damit sagen will: ich glaube, es lohnt sich "anzufangen" - in dem Wissen, dass es echt ein langer Prozess ist, der am Anfang auch undankbar ist, weil nicht so schnell so viel zurückkommt.

      LG

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  4. Ich habe bei mir festgestellt, dass es meinem Partner am meisten hilft, wenn ich erstmal seine Bedürfnisse wahrnehme. Wenn ich zum Beispiel sehe, dass er einen harten Arbeitstag hatte, dass er viel schlechter damit klar kommt, wenn das Kind schreit. Dass er das Gefühl hat, ich traue ihm nicht zu, dass er das mit dem Kind alleine wuppt. Dass er vielleicht Angst hat, dass aus dem Kind ein kleiner Tyrann wird. Das sind alles Dinge, die ich erstmal verstehen muss. Und danach erst kann mein Partner mir zuhören und auch seine Antennen für das Kind wieder besser einstellen. Und ich finde es auch wichtig nicht nur die negativen Dinge beim Partner wahrzunehmen, sondern sich immer wieder über die Dinge zu freuen, die er gut oder besser kann als ich zu freuen.

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  5. Was Literatur betrifft, so konnte "Kinder verstehen" von Renz-Polster besser zu meinem Mann durchdringen, weil es anhand von Evolution viele Verhaltensweisen unserer Kinder beschreibt und diese Ebene wissenschaftlich genug für ihn war ;-) Außerdem habe ich mein Verhalten gegenüber den Kindern stets versucht zu begründen - z.B. war er anfangs gegen Familienbett (weil das Kind nur verwöhnt wird), aber ich konnte gut erklären, warum es uns allen gut tut und zu mehr Schlaf verhilft, wenn das Kind neben mir durchschläft statt im eigenen Zimmer mehrmals pro Nacht nach uns zu rufen und uns so zum Aufstehen zu zwingen. Schreien lassen war zum Glück selbst für ihn keine Option. Inzwischen ist das große Kind 8 Jahre alt und der Papa ist sehr viel gelassener und bedürfnisorientierter - hier gilt wie bei den Kindern: Nachsicht und Geduld ;-)

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  6. Das ist ein wahnsinnsguter Artikel, für den ich herzlich DANKE sage.

    Tja. was macht man mit dem Partner in einem solchen Fall, gute Frage ...
    Ich lerne, die Spannung auszuhalten, dass er - auch - Seiten hat, die mir überhaupt nicht gefallen und dass mich meine positiv bleibende Haltung zum - vielleicht aufmüpfigen - Kind nicht selbst in eine Ambivalenz bringt. Also einfach gesagt, aber nicht immer getan, rundum positiv bleiben. Trotzdem die innere Spannung des Partners im Hinterkopf behalten. Das eigentliche Problem liegt bei ihm, aber davon lasse ich mich zunehmend weniger bestimmen und lasse es bei ihm. Das ist wahrlich nicht immer leicht, aber es gelingt mir besser und besser, innerlich friedlich zu werden und zu bleiben. Dabei werde ich selbst stärker und kompetenter.

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  7. Ich frage mich, warum die typische Konstellation zu sein scheint, dass bei Paaren, die sich nicht einig sind, die Mütter bedürfnisorientiert erziehen und die Väter eher autoritär. Das scheint mir jedenfalls in unserer Bekanntschaft so zu sein und auch die Kommentare hier legen das nahe.
    Haben vielleicht unsere Männer noch stärker unter der "alten" Erziehung gelitten als wir Frauen? Ich könnte mir vorstellen, dass sie noch mehr Ziel von Erziehungs- und vor allem Abhärtungsmassnahmen waren und in noch mehr Machtkämpfe verwickelt wurden.
    Was meint Ihr?

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    1. Da könnte etwas dran sein. Was ich aber auch beobachte ist, dass Frauen sich sehr viel mehr darum kümmern, aus den alten Mustern herauszukommen.

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  8. Vielen Dank für diesen tollen Artikel....er beschreibt genau unsere Problematik zur Zeit. Mein Schatz würde den Artikel bestimmt lesen, aber er findet, dass ihm seine Erziehung ja nun nicht so sehr geschadet hat-er ist doch ein ganz netter Mensch geworden!

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  9. Ich habe den Artikel mit Interesse gelesen, aber "Elter"? Das hat mich jedes Mal aus dem Lesefluss geworfen.

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  10. Mein Mann liest nicht gern. Also hörte er sich immer gern euer Hörbuch mit an, wenn er eh grade bei uns war (im Wochenbett habe ich es gehört).

    Seither erzähle ich ihm alles was ich lese. Er versteht dann die Zusammenhänge und ist entspannter.

    In letzter Zeit ist unser 2 jähriger manches Mal echt anstrengend. Und mein Mann wurde oft sehr konservativ.
    Z.B. Spielzeug wegnehmen wenn das Kind nicht hört.
    Nun, wir besprechen soetwas und was wirklich wichtig dabei ist, ich Rede immer von UNS. niemals sage ich nur DU. Das macht schon viel aus.

    Wir erarbeiten uns grade wieder mehr Ruhe und Verständnis für unseren Sohn. Sein Verhalten triggert uns wohl beide. Daher ist es echt schwer. Aber das kennt ja vermutlich jeder.

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  11. Hallo, der/dem einen oder anderen mag das Buch „Liebende bleiben“ von Jesper Juul helfen. Das fiel mir so in die Hände und ich war überrascht (genau wie bei dem Artikel und den Kommentaren hier), dass ich gar nicht allein bin mit dem Problem!
    Viele Grüße in die Runde.

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