Empathie - Wann versetzen sich Kinder in andere hinein?



Ein sonniger Tag im Buddelkasten. Justus und Ede, beide zweieinhalb, buddeln nebeneinander. Die Eltern sitzen kaffeetrinkend am Rand und genießen für ein paar Minuten die Ruhe. Plötzlich entscheidet Justus, dass Edes gelbe Schippe viel schöner ist, als seine blaue und versucht, ihm diese aus der Hand zu reißen. Ede kontert, indem er Justus mit der freien Hand eins über die Rübe haut. Justus heult auf, lässt die Schippe los und wirft stattdessen eine Handvoll Sand mitten in Edes Gesicht. Nun heulen beide und die Eltern eilen herbei, um zwischen ihnen zu vermitteln.

Justus muss sich dafür entschuldigen, dass er Sand geworfen hat. Ede muss sich dafür entschuldigen, dass er gehauen hat. Die Eltern reden und reden und reden, um ihren Kindern zu erklären, was gesellschaftlich akzeptables Verhalten ist und fragen sich insgeheim, ob das wirklich alles so im Gehirn der Kinder ankommt. Irgendwie wird man das Gefühl nicht los, dass unsere Kinder gar nicht verstehen, worauf wir hinauswollen. Warum man nicht einfach eine Schippe wegnehmen kann und warum man sich entschuldigen muss, wenn man dem anderen weh getan hat....

Empathie bezeichnet die Fähigkeit, sich in die Gedanken und Gefühle einer anderen Person hineinzuversetzen und diese stellvertretend nachempfinden zu können. Menschen, die eine gut entwickelte Empathie besitzen, reagieren auf angemessene Art und Weise auf die Bedürfnisse und Gefühle anderer. Das heißt, sie erkennen von selbst, dass es dem weinenden Kind schlecht geht und reagieren darauf, indem sie zum Beispiel die gelbe Schippe, die sie sich gerade genommen haben und die das Weinen ausgelöst hat, wieder zurückgeben.

Um so empathisch reagieren zu können,  müssen aber nach Feshbach bestimmte Fähigkeiten bereits entwickelt sein:

  • Die Fähigkeit, den Blickwinkel eines anderen Menschen einzunehmen. Das bedeutet, dass das Kind kognitiv in der Lage sein muss, zu erkennen, dass andere Menschen nicht immer über seinen eigenen Wissensstand verfügen. Ein Theaterstück, in dem sich das Krokodil vor dem Kasper hinter einem Busch versteckt hat, wird erst dann spannend, wenn das Kind versteht, dass der Kasper das Krokodil nicht sehen kann und gleich von ihm überrascht wird. Kann das Kind die Perspektive des Kaspers noch nicht einnehmen, wundert es sich, warum sich der Kasper erschreckt - das Krokodil war doch augenscheinlich die ganze Zeit hinter dem Busch.

  • Die Fähigkeit, auf andere Menschen emotional zu antworten. Das ist gegeben, wenn ein Kind ein weinendes anderes Kind zum Beispiel in den Arm nimmt, um es zu trösten. Um das zu können, muss das Kind in der Lage sein, die Gefühle des anderen nacherleben zu können. Das bedeutet aber auch, dass es diese schon einmal erlebt haben muss. Wer nicht weiß, wie es sich anfühlt, wenn man traurig ist und was einem selbst in der Situation am besten hilft, um die Traurigkeit zu überwinden, kann keine empathischen Lösungsmöglichkeiten anbieten (Feshbach, 1975). 

Die Entwicklung empathischer Fähigkeiten 


Wie bei allen Entwicklungsschritten wird auch die Ausbildung empathischer Kompetenzen von jedem Kind gemäß seines eigenen Tempos durchlaufen. So kommt es also auch hier zu einer großen Bandbreite bei Kindern gleichen Alters. Hinzu kommen kulturell bedingte Unterschiede im Stellenwert der Empathie, sowie anerzogene geschlechterrollenspezifische Nuancierungen. Häufig werden nämlich auch noch im heutigen Jahrhundert Mädchen stärker zu empathischem Verhalten angehalten, als Jungen (vgl. Bilden, 1991). Dennoch können bis zu einem gewissen Grad allgemeine Aussagen gemacht werden, wie das folgende Entwicklungsmodell nach Hoffman zeigt:

  • 0-1 Jahre: Anzeichen von Unbehagen bei anderen können beim Baby eigene Reaktionen des Unbehagens hervorrufen. Das Baby beginnt z. B. zu weinen, wenn im selben Raum ein anderes Kind weint. Meine Töchter wachten als Babys sogar aus dem Schlaf auf, wenn in der Nähe ein anderes Kind weinte, und begannen mitzuweinen. Es kommt dabei zu einer undifferenzierten Fusion der eigenen Gefühle mit denen des anderen. Das mitweinende Baby fühlt sich also genauso schlecht, wie das weinende, obwohl es ursprünglich ja keinen Grund zum Weinen hatte.

  • 1-3 Jahre: Kinder nehmen andere Menschen als eigenständige Personen wahr, welche sich von ihnen unterscheiden. Sie fangen an, empathisch zu reagieren und geben einem weinenden Kind z. B. ihre eigene Puppe ab oder laufen los, um einen tröstenden Gegenstand zu suchen und zu bringen. Ab 2 Jahren bekommen sie ein Grundgefühl dafür, dass andere Menschen eigene, von ihnen unabhängige Gedanken und Wünsche haben. Sie verwechseln aber noch leicht ihre eigenen inneren Zustände mit denen der anderen, was oft zu Konflikten führt. Meine Tochter z. B. schrie immer schon vor Wut auf, wenn ihre Schwester nur in die Richtung des Puppenwagens lief, mit dem sie gerade spielen wollte. Dass ihre Schwester an dem Wagen vorbei zu den Bausteinen laufen wollte, kam ihr nicht in den Sinn.

  • 3-5 Jahre: Kinder entwickeln langsam die Fähigkeit, offen gezeigte Grundgefühle anderer wahrzunehmen. Sie wissen bereits, dass Gefühle sich ändern können und sie nehmen die Ursachen von Gefühlen in einfachen Situationen wahr. Sie können geplante von zufälligen Situationen unterscheiden (ein anderes Kind rempelt sie mit Absicht an oder aus Versehen), gewichten jedoch die Folgen noch stärker als die Motive (sie werden auch sauer mit jemandem, der sie aus Versehen angerempelt hat). Nun beginnt sich die Fähigkeit zur Empathie herauszukristallisieren, nämlich genau dann, wenn sie die Sichtweise anderer Kinder einnehmen können und verstehen, dass diese sich in der gleichen Situation unterschiedlich verhalten können, je nachdem, was für Informationen, Motive oder Ziele sie haben. Man kann das mit dem "Sally und Anne"-Experiment testen.

Das ist Sally.         Das ist Anne.


Sally legt die Ostereier in ihren Korb.


 Dann geht Sally aus dem Zimmer.


Anne nimmt die Ostereier aus dem Korb.

  Anne legt die Ostereier in ihre Schublade.


Sally kommt wieder herein.
 Wo sucht sie nach den Ostereiern?

Erkennt das Kind, dass Sally im Korb nach den Eiern suchen wird, weil sie nicht wissen kann, dass Anne die Eier dort herausgenommen hat, kann es die Perspektive anderer bereits einnehmen. Die wichtigste Voraussetzung für sein Empathievermögen ist demnach gegeben.

  • 6-10 Jahre: Kinder lernen nun immer besser, Situationen von verschiedenen Perspektiven her zu sehen und können jetzt Gedanken, Absichten und Gefühle anderer mit größerer Genauigkeit einschätzen. Sie verstehen, dass auch sie selbst Objekt der Wahrnehmung durch andere sind, was eine Wechselseitigkeit des Denkens ermöglicht: "Ich habe gedacht, du denkst, ich denke, dass du mich nicht magst...". Schuldzuweisungen erfolgen nun häufiger aufgrund der Absicht einer Tat. Das Kind ist sauer, wenn ein anderes es mit Absicht schubst, aber nicht, wenn es aus Versehen geschieht.

  • 9-12 Jahre: Nun verstehen Kinder auch komplexere Gefühle wie Scham oder das Erleben von gleichzeitigen und/oder widersprüchlichen Gefühlen - z. B. die unendlichen Traurigkeit darüber, dass der erste Freund mit einem Schluss gemacht hat, aber die gleichzeitige Erleichterung, dass man nun nicht mit ihm schlafen "muss". Sie können zunehmend gut ihr eigenes Verhalten von außen betrachten und reflektieren, wie es auf andere wirkt. Ihre Empathie erstreckt sich nun auch auf ganze Gruppen, d. h. sie fühlen sich ein in die Lebenswirklichkeit der hungernden Menschen in Afrika oder den frierenden Obdachlosen im Winter und haben den großen Wunsch, zu helfen (vgl. Hoffman, 1982).

Um nun noch einmal auf unser Ausgangsbeispiel zu kommen: Wenn man davon ausgeht, dass Justus und Ede beide noch nicht ganz drei Jahre alt sind, kann man nun gut erkennen, warum keiner von beiden beim Buddel-Streit empathisch reagieren konnte und für beide auch nur vage nachvollziehbar war, was die Erwachsenen so bestürzte. Es fehlt beiden einfach noch der Blickwinkel aus der Sicht des jeweils anderen. Sie können zwar erkennen, dass ihr Buddelfreund weint und wissen aufgrund eigener Wein-Erfahrungen, was ihm in der Situation helfen könnte (trösten). Sie sind jedoch noch nicht in der Lage, das Weinen des Freundes auf das eigene Verhalten zurückzuführen. Dementsprechend ist es hier meines Erachtens zu früh, auf eine Entschuldigung zu bestehen. Eine echte, gefühle Entschuldigung basiert auf der Einsicht, etwas falsch gemacht zu haben. Das können Justus und Ede noch nicht, da sie in ihrem Alter noch einen egozentrischen Blick auf die Welt haben und kognitiv nicht vollständig erfassen, dass das Weinen des Freundes durch ihre Handlung ausgelöst wurde.

Natürlich kann man an dieser Stelle als Elternteil darauf bestehen, dass das Kind dem Freund trotzdem entschuldigend die Hand reicht, weil man möchte, dass es an die gängigen gesellschaftlichen Normen herangeführt wird. Aber dann darf man dem Kind, wenn es fünf Jahre alt ist, und immer dann, wenn es bei einer Missetat entdeckt wird, schnell "'Tschuldigung!" in den Raum wirft und denkt, damit sei alles wieder gut, nicht böse sein, dass es solche nicht ernst gemeinten Abbitten offeriert. Wenn man dem Kind eine Entschuldigung abverlangt, bevor es emotional in der Lage ist, diese mit Verständnis (also dem Blick in die Gefühlswelt des Geschädigten) zu füllen, erzieht man sein Kind selbst dazu, die Entschuldigung als leere Floskel zu nutzen.

Erst, wenn das eigene Kind den "Sally und Anne"-Test "besteht" finde ich es angebracht, eine Entschuldigung zu verlangen. Vorher kann und soll man natürlich gutes Vorbild sein und sich bei seinem Kind, wenn angebracht, selbst entschuldigen. Man kann auch das natürliche Entschuldigungsverhalten der Kleinkinder fördern, also das "Ei machen" und das Anbieten von Trösterchen wie Puppe oder Teddy. Wenn diese von Herzen kommen, hat das eigene Kind schon einen guten Schritt in Richtung Empathie und auch in Richtung Entschuldigen gemacht!

Wie fördert man Empathie? 


Untersuchungen haben gezeigt, dass die spezifischen Komponenten von empathischem Verhalten durchaus erlernt werden können. Folgende Strategien helfen Eltern und Kind, die Grundvoraussetzungen für Empathie zu erwerben (vgl. Beland, 1988, 1991).

Identifikation von Gefühlen bei anderen Menschen 


Das Kind lernt anhand von Gesichtsausdruck, Körperhaltung und situativen Anhaltspunkten das Gefühl eines anderen zu erkennen. Die Voraussetzung ist dafür natürlich, dass die Kinder das jeweilige Gefühl selbst schon einmal gefühlt haben und es dann auch gleich von einem Erwachsenen benannt bekommen haben.

Ich nutze für die Identifikation von Gefühlen bei anderen vorwiegend Kinderbücher, da dort die Mimik und Gestik meist besonders eindringlich dargestellt ist. Das müssen nicht unbedingt Kinderbücher zum Thema "Gefühle" sein. In jedem zuhause im Regal befindlichen Buch findet man Situationen, die man mit dem Kind besprechen kann:

Mama: "Schau mal, hier, dieses Kind..."
Tochter: "Oh, weint."
Mama: "Ja, sie weint. Ich sehe Tränen auf ihrem Gesicht. Wie fühlt sich das Mädchen wohl?"
Tochter: "Is traurig."
Mama: "Jemand, der weint, ist meist traurig, stimmt. Guck mal, ihre Mundwinkel zeigen auch nach unten, so traurig ist sie. Was könnte denn passiert sein? Siehst du etwas auf dem Bild, was der Grund für ihr Weinen sein könnte?"
Tochter: "Da, Junge Ball wegnomme. Rennt weg. Mädchen will Ball wiederhabe!"
Mama: "Ich glaube, du hast Recht. Es sieht so aus, als ob der Junge ihr den Ball weggenommen hat und sie deshalb traurig ist..."

Wichtig beim Buchanschauen ist übrigens nicht nur, auf Mimik und Gestik hinzuweisen, sondern auch  weitere Hinweise zum Hergang des Geschehens gemeinsam mit dem Kind zu suchen. Was war der Grund/der Auslöser für das Gefühl?

Diese Bücher finde ich übrigens besonders hilfreich:

Cover Ich und meine GefühleCover Ängstlich, wütend, fröhlich sein
Selbstverständlich kann man auch immer wieder spontan reale Situationen nutzen, um auf die verschiedenen Komponenten der Gesichts- und Körperausdrücke für Grundgefühle hinweisen. Ich spiele auch oft mit meinen Kindern das "Spiegel-Spiel", bei dem wir gemeinsam vor unserem großen Spiegel sitzen und Gesichter "schneiden". Dabei können meine Kinder üben, mein Gesicht zu lesen und es im Spiegel nachzustellen. Man kann auch sich selbst oder die Kinder in verschiedenen Gefühlssituationen fotografieren und daraus ein Gefühle-Memory oder Gefühle-Bilderlotto herstellen.

Dabei kann man sich auf die universellen Gefühlsausdrücke in Mimik und Gestik stützen:

  • Freude: Stirn ist entspannt, Lachfältchen um die Augen herum, Wangen sind angehoben, Nasenflügel sind auseinandergezogen, Mundwinkel gehen nach oben, Körper ist aufrecht und "offen"
  • Traurigkeit: Oberlider und Mundwinkel hängen nach unten, Blick ist starr und oft nach unten gewendet, Wangen sind schlaff, Tränen sind manchmal sichtbar, Schultern hängen nach unten
  • Wut: Stirn ist gefurcht, Augenbrauen sind zusammen- und heruntergezogen, Augen zusammengekniffen, Nasenflügel blähen sich auf, Lippen sind mit Druck geschlossen, Arme sind oft verschränkt
  • Furcht: Augenbrauen gehen nach oben, Augen sind weit aufgerissen, Nase ist leicht hochgezogen,  Mundwinkel werden auseinandergezogen, Zähne sind oft sichtbar
  • Ekel: Oberlippe ist hochgezogen, die Unterlippe schiebt sich nach vorn, sichtbare Falten zwischen Nasenflügeln und Mundwinkeln, die Nase ist hochgezogen und hat krause Falten  

Diese werden wirklich in allen Ländern dieser Welt erkannt!

Menschen können in der selben Situation unterschiedliche Gefühle haben 


Es ist wichtig, dass Kinder lernen, dass es individuelle Gefühlsunterschiede in Situationen gibt. Das, was dem einen Kind Angst macht, ist für das andere Kind vielleicht schön oder spannend. Um das zu lehren, nutze ich immer spontane Situationen. Wenn wir zum Beispiel bei Freunden sind, die eine Katze haben, springt mir meine eine Tochter regelmäßig vor Angst in den Arm, während die andere der Katze hinterherrennt, um diese zu streicheln. Das nutze ich, um ihnen klar zu machen, dass nicht alle immer gleich fühlen. Ein solches Wissen bildet die Grundlage dafür, die Perspektive anderer einnehmen zu können! 

Gefühle können sich ändern 


Nicht immer bleiben Gefühle gleich. So wird der Liebeskummer um den Ex-Freund tatsächlich mit der Zeit schwächer, auch, wenn man das am Anfang nie für möglich gehalten hätte. Gefühle ändern sich meist durch einen bestimmten Grund, sei es durch veränderte Umstände oder durch Reifungsschritte. Das Kind, das heute im Kindergarten eingewöhnt wird, mag das stressig und überfordernd finden - in drei Monaten geht es gern hin, weil es Freunde gefunden hat, die Erzieherin liebt oder das Essen so gut schmeckt.

Ich mache meine Kinder auf solche Gefühlsänderungen oft am Abend aufmerksam, wenn wir beim Abendritual über den Tag sprechen.  "Heute morgen wolltest du nicht in den Kindergarten gehen und warst sehr traurig, dass ich zur Arbeit gehen musste. Du hast geweint und wolltest mich gar nicht mehr loslassen. Aber dann hast du deine Freundin getroffen und ihr habt so schön in der Puppenecke gespielt. Als ich dich dann am Nachmittag abholen wollte, fandest du es so schön im Kindergarten, dass du lieber noch ein bisschen bleiben wolltest. Deine Gefühle haben sich geändert...."

Es ist wichtig, dass die Kinder verstehen, dass sich Gefühle verändern können und zwar nicht nur bei ihnen, sondern auch bei anderen. So suche ich oft nach Kinderbüchern, in denen so etwas passiert, um das mit meinen Töchtern dann zu besprechen. Es gibt viele schöne Bücher, in denen ein Kind zum Beispiel vor etwas Angst hat und diese dann überwindet. Meine Töchter lieben solche Geschichten!

Diese hier sind bei uns gerade besonders angesagt:

   

Unterscheiden von Versehen und Absicht 


Nach einem Streit bespreche ich mit meinen Töchtern oft, ob es sich um eine gezielte oder ungezielte Aktion des streitauslösenden Kindes handelte, obwohl sie eigentlich noch ein bisschen jung dafür sind. Das machen viele Eltern schon ganz unbewußt, wenn sie einen Streit schlichten: "Das war nicht mit Absicht. Das hat XY nicht böse gemeint!" Das ist gut und richtig so. Man sollte dabei immer die Motive des streitauslösenden Kindes gemeinsam betrachten: "Was meinst du, wollte der Junge das Mädchen absichtlich ärgern?" - "Nein, er wollte nur den Ball haben, das Mädchen stand im Weg" - "Ja, ich denke, er hat sie beim schnellen Rennen gar nicht gesehen. Er hatte nur Augen für seinen Ball und hat sie aus Versehen umgerempelt...." Das Verständnis, dass einige Provokationen unbeabsichtigt sind, ist später wichtig, um eine gute Impulskontrolle zu entwickeln. Kinder müssen einfach lernen, dass ihnen nicht jedermann etwas Böses will. 

Vorhersagen von Gefühlen bei anderen 


Kinder müssen üben, vorherzusagen, was andere als Ergebnis ihrer Handlungen tun oder sagen könnten. "Wenn ich dem Jungen den Ball wegnehme, wird er weinen oder wütend auf mich." "Wenn ich den Hund am Schwanz ziehe, beißt er mich.". Auch hier ist das Erlernen eine wichtige Grundlage für die spätere Impulskontrolle. Wenn ich vorauschauend überdenken kann, was passiert, wenn ich eine bestimmte Aktion durchziehe, kann ich mit dem Wissen um mögliche Folgen meine Handlung abwägen. Ist sie ungefährlich? Ist sie fair?

Mitteilen von Gefühlen durch Ich-Botschaften 


Wenn ein Kind sagen kann, was es stört, traurig macht oder ängstigt, dann sind seine Mitmenschen durchaus geneigt, Situationen zu ändern. Wichtig dabei ist es, seine Gefühle als Ich-Botschaften und nicht als Anklage zu senden. "Ich bin traurig, weil du mir den Ball weggenommen hast. Nun kann ich gar nicht mehr spielen." erzeugt eher eine positive Antwort beim ballwegnehmenden Gegenüber als ein "Du bist so blöd. Immer nimmst du mir den Ball weg!". Eltern sollten hier maßgebliche Vorbilder sein und versuchen, selbst viele Ich-Botschaften zu senden: "Ich werde wütend, wenn wir morgens so lange zum Anziehen brauchen. Ich habe dann große Angst, zu spät zur Arbeit zu kommen und werde deshalb ungeduldig mit dir." "Ich habe mich doll erschreckt, als ich dich eben nicht wiedergefunden habe. Mir ist ganz heiß geworden, als ich dich nicht am verabredeten Ort sehen konnte und mein Herz klopfte wie wild." "Ich mag es nicht, wenn du schreist. Ich bekomme dolle Kopfschmerzen, deshalb gehe ich jetzt aus dem Zimmer."

Ausdrücken von Mitgefühl 


In sich spontan ergebenden Situationen zeige ich meinen Töchtern, was man machen kann, um einem anderen Menschen sein Mitgefühl auszudrücken. Man kann denjenigen umarmen, ihm einfach nur zuhören, ihn an die Hand nehmen oder ein Kuscheltier oder Nuckel als Trost anbieten und und und... Ich bin immer wieder erstaunt, wie früh Kinder das können! Da laufen schon Zweijährige los, um dem laut weinenden Baby im Kinderwagen den heruntergefallenen Nuckel zurückzubringen. Eine Dreijährige beugt sich zu einer Einjährigen herunter und streichelt ihr beruhigend übers Haar, wenn diese aus Sehnsucht nach der Mama weint. Die große Schwester nimmt den kleinen Bruder an die Hand, wenn dieser angstvoll auf den großen, auf sie zu steuernden Hund blickt... Man muss auf einem Spielplatz gar nicht weit gucken, um viele solcher Szenen mitzuerleben und diese dann mit den eigenen Kindern teilen zu können (vgl. Beland, 1988, 1991).

Gefühle in der Sprache verankern 


Sprache spielt eine wichtige Rolle bei der Entwicklung von Empathie und anderen Fähigkeiten zum Problemlösen wie z. B. Impulskontrolle. Sollen Gefühle identifiziert werden, ist es relevant, dass unsere Kinder genau wissen, um welches Gefühl es sich handelt, und um welches nicht. Deshalb sollten Eltern darauf achten, nicht nur "wütend" oder "glücklich" zur Sprache zu bringen, sondern auch "angeekelt", "erleichtert", "verstimmt", "gekränkt", "begeistert", "aufgeregt", "erfreut", "erstaunt", "ängstlich", "überrascht", " verwundert", "empört", "enttäuscht" etc. Hier gilt wirklich das Motto: Je mehr, desto besser.

Eine meiner Töchter (2 Jahre 6 Monate) stand letztens neben mir und verkantete ihre drei Nuckeln so miteinander, dass diese eine lange Reihe bildeten. Da stand sie nun mit ihrem Dreifachnuckel, strahlte vor sich hin und erschauderte dann am ganzen Körper. Sie blickte zu mir auf und sagte: "Ich bin ganz aufgeregt! Ich will die Nuckel Oma zeigen!" "Ja", antwortete ich, "ich glaube, in deinem Bauch kribbelt es gerade vor Aufregung. Du freust dich darauf, Oma mit deinem Nuckelturm zu überraschen."

Mit den Begriffen gleich - ungleich können Kinder sich die Gefühle und Wünsche anderer bewusst machen.  "Ich fürchte mich vor Pferden, aber Jakob liebt sie. Wir haben unterschiedliche Gefühle. Die Begriffe jetzt - später, vorher - nachher, manchmal - immer, einige - alle helfen Kindern, die wechselhafte Natur unserer Gefühle zu verdeutlichen. "Bevor ich gerutscht bin, hatte ich Angst, aber nachdem ich mich getraut hatte, fand ich es wirklich lustig." "Jetzt möchte ich nicht Fingernägel schneiden, aber später, am Sonntag machen wir das" ist übrigens der Lieblingssatz meiner Tochter im Moment. Zu dumm für mich, dass ihr das meist montags einfällt!

Folgerichtiges Denken wird durch die Kausalkonstruktionen wenn - dann, und weil - deshalb unterstützt. "Wenn ich ihn schlage, dann wird er wütend auf mich. Deshalb haue ich ihn besser nicht..." Die Fähigkeit, Gefühle und Handlungen anderer vorauszusagen, ist der Schlüssel für angemessene Entscheidungen und Impulskontrolle.

Wenn man empathische Schlüsselbegriffe und Kausalkonstruktionen oft in kognitiven Zusammenhängen nutzt (also im Gespräch), dann fördert das auch ihre Anwendung in affektiven Situationen (also dann, wenn man sich meist nur schwer unter Kontrolle hat). So schaffen es Justus und Ede dann irgendwann von ganz allein, höflich um die gelbe Schippe zu bitten oder - wenn doch ein Streit entstanden ist - sich aus eigenem Antrieb heraus zu entschuldigen. Natürlich haben wir Eltern dann an diesem Schritt einen großen Anteil, und doch ist die Entschuldigung und die Einsicht nicht von außen diktiert worden. Wir haben ihnen stattdessen beigebracht, den Freund und Schippenbesitzer aus einer anderen Perspektive heraus zu sehen - wir haben die Einsicht von innen heraus gefördert.

© Snowqueen 

Quellen


Beland, K. (1988). Second step. A violence-prevention curriculum Grades 1 - 3. Seattle: Commitee for Children

Beland, K. (1991). Second step. A violence-prevention curriculum. Preschool - kindergarden. Seattle: Commitee for Children

Bilden, H. (1991). Geschlechtsspezifische Sozialisation. In K. Hurrelmann & D. Ulich (Hrsg). Neues Handbuch der Sozialisationsforschung (S. 279-301) Weinheim: Beltz

Feshbach, N. D. (1975) Empathy in children. Some theoretical and emprirical consideration. Counseling Psychologist, S. 25-29

Hoffman, M. L. (1982). Development of prosocial motivation: Empathy and guilt. In N. Eisenberg (Ed.), The development of prosocial behavior. New York: Academic Press

Kommentare:

  1. Wieder ein wunderbarer und absolut lehrreicher Artikel! Ihr Beiden glaubt gar nicht, wie ich mich jedesmal freue, wenn ich eine EmailBenachrichtigung bekomme. Muss dann immer sofort den neuen Artikel lesen. Danke für eure Mühe und für diese vielen fundierten Artikel!

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  2. Ein wirklich sehr interessanter und ausführlicher Artikel. Als Empathie-Trainer habe ich in diesem Bereich bisher nur mit Erwachsenen und Jugendlichen zu tun gehabt, für mich insofern vor allem eine neue Perspektive.

    Eine Sache möchte ich aber gerne noch ergänzen: für emotionale Empathie, also das Nachempfinden (und nicht nur Nachvollziehen) von Gefühlen ist vor allem die Entwicklung von Spiegelneuronen sehr wichtig. Bei Babys sind Spiegelneuronen schon bei der Geburt angelegt (außer vielleicht bei Autisten – sagen die führenden Wissenschaftler – aber das führt jetzt zu weit weg). Damit die Spiegelneuronen dem Kind jedoch dauerhaft zur Verfügung stehen, müssen sie stimuliert werden. Sonst verkümmern sie und sterben ab. Das Kind tut sich dann sehr schwer damit, Empathie zu entwickeln (und muss später dann einen meiner Kurse besuchen ;-)).

    Die Entwicklung der Spiegelneuronen beginnt unmittelbar nach der Geburt und ist größtenteils nach 3-4 Jahren abgeschlossen. Spiegelneuronen werden vor allem dadurch stimuliert, dass Sie mit Ihrem Kind interagieren und es häufig zusehen lassen. Spiegelneuronen entwickeln sich vor allem dann, wenn Ihr Kind Verhalten / Mimik / Stimme usw. beobachtet UND VERSUCHT NACHZUMACHEN. Noch ein Hinweis dazu: wenn Ihr Kind fernsieht, funktioniert dieser Prozess nicht, da das Fernsehen nicht auf das Kind reagiert.

    Vor kurzem habe ich auch einen Blog-Artikel über Spiegelneuronen geschrieben:

    http://www.empathie-lernen.de/spiegelneuronen-emotionale-empathie

    Viele Grüße

    Carlo

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    1. Hallo Carlo, danke für deinen Kommentar. Über die Spiegel-Neuronen zu lesen fand ich sehr spannend und werde die Informationen bei Gelegenheit im Artikel ergänzen und zu deinem Blogeintrag verlinken. Ich danke dir!

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  3. Freut mich, dass Dir mein Artikel gefallen hat und Du ihn sogar verlinken möchtest :-) Danke.

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  4. Liebe Snowqueen,

    mit großem Interesse habe ich auch diesen Artikel gelesen. Aber eine Frage habe ich noch: Ist denn in diesem Fall eine "Wenn..., dann...." Formulierung meinerseits in Ordnung? Habe nämlich gerade eben auch den "Logische Konsequenzen - Wie wir unsere Kinder erziehen, ohne sie hilflos mit "wenn Du (nicht) dann" zu erpressen und zu strafen" von Danielle gelesen und bin nun ein bisschen verunsichert :) Im Prinzip ist ja, um dein Bsp herzunehmen "Wenn ich ihn schlage, dann wird er wütend auf mich. Deshalb haue ich ihn besser nicht..." eine quasi "naturgegebene" Konsequenz und ich könnte das ja auch vorweg nehmen, wenn mein Kind im Begriff ist ein Anderes zu hauen oder?

    Liebe Grüße
    Julia

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    1. Liebe Julia,

      beim "wenn... dann" kommt es maßgeblich auf die Intention an. Es ist dann problematisch, wenn ich es nutze, um das Kind dazu zu bewegen, das zu tun, was ich möchte. "Wenn du nicht die Zähne putzt, gibt es keine Gute-Nacht-Geschichte" ist eine reine Drohung. Wenn ich aber sage: "Wenn du nicht die Zähne putzt, dann können Löcher entstehen", ist das eine natürliche Folge - ich teile das dem Kind lediglich mit, damit es versteht, warum ich überhaupt von ihm möchte, dass es die Zähne putzt.

      Und natürlich kann und soll man das Kind unterstützen, indem man Handlungen vorher sagt. Das ist sogar sehr wichtig. Dass ein Hund beißt, wenn man ihm am Schwanz zieht, soll es nicht erst aus eigener Erfahrung lernen müssen. Es geht also nicht darum "wenn... dann..." komplett zu vermeiden, sondern es nicht in der Absicht zu verwenden, zu drohen oder zu erpressen.

      Liebe Grüße!

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  5. Guter Artikel. Vielleicht fällt dir aber für das 9-12 jährige Mädchen doch noch ein besseres Beispiel für widersprüchliche Gefühle ein als das aktuelle. Ich dachte nur so: WTF!? ;)

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  6. ...und was wäre jetzt eigentlich die vernünftigste reaktion auf die oben beschriebene situation, ausser eben keine entschuldigung eizufordern?

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