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Wie Kinder lernen, ihre Impulse zu kontrollieren


Zwei Kinder streiten sich um einen BallMara ist fast drei Jahre alt und schon eine große Schwester. Ihr kleiner Bruder Emil robbt seit kurzem durch die Wohnung und hat entdeckt, dass Mara viele tolle Spielsachen besitzt. Seitdem hat Maras und Emils Mama keine ruhige Minute mehr. Ständig muss sie Emil vor der großen Schwester schützen, die ungehemmt und schnell zuhaut, wenn Emil an ihre Sachen geht. So auch heute. "Mara, wie oft soll ich es dir noch sagen? Du sollst mich rufen, wenn Emil zu deinen Sachen robbt. Ich komme dann und helfe dir, sie ihm wegzunehmen. Du sollst ihn nicht hauen! Hauen ist verboten!" Mara nickt verständig. Doch keine Minute später - die Mutter ist wieder in der Küche - heult Emil erneut auf. Mara hat ihm in die Hand gebissen, weil er ihr Kuscheltier nicht loslassen wollte.... Die Mutter ist verzweifelt. Was kann sie denn tun, damit Mara sich besser beherrschen lernt? Wie stärkt man die Impulskontrolle unserer Kinder? 

Was ist Impulskontrolle? 


Impulskontrolle bedeutet, eine affektiv gelenkte, spontane Aktion (den Impuls) kurz vor der Ausführung zu stoppen (Kontrolle) und erst einmal über deren Sinnhaftigkeit nachzudenken. Sie ist ein großer Meilenstein in der Entwicklung eines Kindes und wird erst spät mit ca. 5-7 Jahren vollständig entwickelt, da sie eng mit der Sprachentwicklung und dem Empathievermögen zusammenhängt. Frühstens im Alter von 2-3 Jahren können erste kleinere Erfolge verbucht werden, wenn die Eltern vorher schon gute Grundlagen gelegt haben. Erst nach und nach wird es unseren also Kindern möglich, sich selbst zu bremsen und große Emotionen nicht über motorische Prozesse abzuleiten. 

Wozu brauchen Kinder Impulskontrolle? 


Bei unseren Kleinkindern passieren Denken und Handeln oft fast gleichzeitig. Da wird eben aus Wut der Freund angespuckt, aus Frust der Bausteinturm umgeworfen oder sich an einer viel befahrenen Straße von der Hand der Eltern losgerissen, weil auf der anderen Seite die Oma wartet. Es wird der Mutter spontan die Arme um den Hals geworfen und "Ich liebe dich, meine Mama!" gerufen. Impulsives Verhalten ist auch, wenn meine Tochter wie der Blitz aufspringt und "Pipi kommt!" rufend zum Badezimmer rennt, nur um dann ganz kurz vorher umzuschwenken und sich in aller Ruhe zu mir zu gesellen, um mir zu erzählen, dass es Himbeeren im Kindergarten gab. "Pipi kommt!" ist völlig vergessen...

Dass unsere Kinder eine innere Kontrollinstanz brauchen, versteht sich von selbst. Wer sich stoppen kann, bevor er jemanden anderes haut oder zuerst darüber nachdenkt, ob es günstig ist, an dieser Stelle die Straße zu überqueren, überlebt nicht nur länger, er eckt in unserer Gesellschaft auch weniger oft an. Nicht nur das. In den 60er Jahren wurde in den USA ein Experiment zur Selbstkontrolle von Vierjährigen durchgeführt. Versuchsleiter war der US-Psychologe Walter Mischel. Es wurde vor den Kindern ein Marshmallow auf den Tisch gelegt und ihnen gesagt, dass sie einen zweiten erhielten, wenn sie den ersten solange nicht aufessen würden, bis die Versuchsleiterin zurückkäme. Sie hatten aber die Wahl. Sie durften auch den ersten Marshmallow sofort essen, dann bekamen sie eben keinen zweiten. In den 80er Jahren suchte der Forscher die Kinder erneut auf und stellte fest: je länger die Kinder im ursprünglichen Experiment gewartet hatten, desto kompetenter wurden sie als Heranwachsende in schulischen und sozialen Bereichen beschrieben. Sie waren besser in der Lage mit Frustration und Stress umzugehen und Versuchungen zu widerstehen. Tendenziell zeigten sie sogar höhere schulische Leistungsfähigkeit - völlig unabhängig von ihrer Intelligenz. Die Sofortesser hingegen wurden von ihren Lehrern und Eltern als emotional instabiler, wechselhaft und weniger entschlossen beschrieben. Scheinbar ist die Fähigkeit zum Warten auf den Belohnungsaufschub nicht nur ein Indiz für Willensstärke, sondern auch eine Erfolgseigenschaft. Doch ist sie nur angeboren oder kann sie auch erworben werden?

 

Ist die Fähigkeit zur Selbstkontrolle angeboren oder kann sie auch erworben werden?


Dieser Frage ging die Kognitionsforscherin Celeste Kidd  nach. Sie erweiterte 2012 das ursprüngliche Experiment um eine weitere Komponente. Den Kindern im Alter von 3 - 5 Jahren wurden zunächst Buntstifte gegeben, um ein Bild malen zu können. Sie konnten diese gleich benutzen oder zwei Minuten warten, bis ein Erwachsener mit einer großen Auswahl neuer Stifte käme. Als nächstes wurden ihnen Aufkleber hingelegt. Auch hier konnten sie selbst entscheiden: Sofort benutzen oder auf den Erwachsenen mit einer größeren Auswahl schönerer Aufkleber warten. 

Das neue Element im Test war dieses: die Kinder waren in zwei Gruppen eingeteilt. In der ersten Gruppe kam der Erwachsene zuverlässig zurück und brachte das Versprochene. In der zweiten Gruppe kam er zwar auch zu der vereinbarten Zeit zurück, musste die Kinder jedoch enttäuschen mit der Aussage, die Stifte oder Aufkleber seien doch alle. Die Kinder mussten sich dann mit den Utensilien zufrieden geben, die sie zuvor bekommen hatten.  

Im letzten Schritt wurde wiederum allen Kindern ein Marshmallow hingelegt. Sie hatten die Wahl, zu warten, bis der Erwachsene mit einem zweiten zurückkäme oder den ersten sofort zu essen. Das Ergebnis wird nicht überraschen. In der „Unzuverlässig“-Gruppe war die Süßigkeit bereits nach durchschnittlich drei Minuten verzehrt, nur eines der vierzehn Kinder hielt die vollen 15 Minuten durch. In der „Zuverlässig“-Gruppe dagegen lag die Wartezeit im Schnitt bei 12 Minuten. Insgesamt neun der vierzehn Kinder warteten die gesamte Viertelstunde. Wenn man bedenkt, dass die durchschnittliche Wartezeit im Marshmallow-Test der 60er Jahre 6 Minuten war, sieht man, dass eine zuverlässige Umgebung die Bedürfnisaufschubfähigkeit der Kinder verdoppelte, eine unzuverlässige Umgebung jedoch halbierte!
„Auf Belohnung warten zu können spiegelt nicht nur die Fähigkeit eines Kindes zur Selbstkontrolle, es zeigt auch seinen Glauben an den praktischen Sinn des Wartens“, berichtet Celeste Kidd, Hauptautorin der Studie. „Das Aufschieben einer Belohnung ist nur dann eine vernünftige Entscheidung“, so die Kognitionsforscherin an der University of Rochester, „wenn das Kind glaubt, dass es nach akzeptabler Wartezeit tatsächlich ein zweites Marshmallow bekommt.“ (Celeste Kidd, Holly Palmeri, Richard N. Aslin. Rational snacking: Young children’s decision-making on the marshmallow task is moderated by beliefs about environmental reliability. Cognition, 2012)
 

Wie kann ich mein Kind dabei unterstützen, Selbstkontrolle zu erreichen? 


Impulskontrolle entwickelt sich eigentlich im Laufe der Zeit von selbst. Bis zum dritten Lebensjahr entwickelt sich im Kind eine Art Kontrollinstanz. Der innere Gegenspieler (Antagonist) dämpft den Wunschantreiber (Agonist) und steuert so das Bedürfnis auf natürliche Weise. Voraussetzung für die Fähigkeit zum Bedürfnisaufschub ist jedoch das Zeitverständnis als kognitive Leistung und die Fähigkeit, die eigenen Intention und die des Gegenübers gleichzeitig zu betrachten (Empathie). Dann gelingt Impulskontrolle durch die willkürliche Aufmerksamkeitslenkung (das Kind denkt ganz gezielt an etwas anderes als den Marshmallow) und durch willkürliche Beeinflussung von Emotionssymptomen (z. B. durch verbale Selbstanweisungen "Ich lasse ihn liegen!").  Man kann seine Kinder aber darin unterstützen, ihr ganzes Potential an Selbstkontrolle und Bedürfnisaufschub zu entfalten. 



Die Anfänge: Geduldsübungen 


Alter: 1-2 Jahre  


Möchte man seinen Kleinkindern beibringen, eine kurze Zeit abzuwarten, bietet es sich an, mit ihnen kurze Geduldübungen durchzuführen. Möchte das Kind beispielsweise gern ein Brötchen haben, nimmt man das Brötchen und setzt dazu an, es ihm zu geben. Kurz vorher hält man inne, so als ob einem etwas Wichtiges eingefallen sei. Man sagt: "Warte kurz!", dreht sich eine Sekunde um, tut etwas (irgendwas), dreht sich dann wieder zu dem Kind und gibt ihm das Brötchen mit den lobenden Worten: "Du hast gewartet!" Durch die schnelle Belohnung seiner Geduld merkt das Kind, dass Warten nicht so schlimm ist und dass es danach trotzdem bekommt, was es möchte (Karp, 2010, 168ff). 

Man dehnt dann die Wartezeit immer weiter aus. Zuerst eine Sekunde, dann fünf, zehn, dreißig, sechzig Sekunden. So stärkt man die Selbstkontrolle des Kindes in winzigen, gut aushaltbaren Schritten. Anwenden kann man diese Geduldübungen in jeder Situation über den Tag verteilt. Es ist nur wichtig, dass das Kind etwas bestimmtes möchte, auf das es dann warten soll. Hat es zum Beispiel keine Lust zum Windelwechsel, wäre es absurd, hier eine Geduldübung durchzuführen (vgl ebd., 2010, 168ff).   

Es ist auch wichtig, dass dem Elternteil "wirklich" (also gespielt wirklich) etwas dazwischen kommt, bevor es den heißersehnten Keks herausrückt. Es ist also kontrakproduktiv, "Warte!" zu sagen und dann nichts zu tun, sondern mit erhobenen Zeigefinger vor dem Kind zu stehen, bevor man nach fünf Sekunden den Wunsch erfüllt. Eine solche Vorgehensweise ist eher frustrierend, da das Kind schnell sieht, dass das Objekt der Begierde absichtlich vorenthalten wird. Es wird dann wütend, weil hier das Machtverhältnis zwischen Erwachsenem und Kind ausgenutzt wird. Das wäre so, als würde der Arzt, bei dem man wegen akuten Rückenschmerzen sitzt, mit dem Schmerzmittel vor unserer Nase wedeln und sagen: "Ich möchte, dass sie die Schmerzen noch kurz aushalten. Warum? Weil ich es kann." Sagt der Arzt aber: "Ich möchte, dass sie die Schmerzen noch kurz aushalten. Ich muss kurz im Computer nachgucken, ob diese Dosis wirklich für sie geeignet ist." wartet man gern noch ein paar Sekunden.  Es ist realistisch, bei diesen Übungen maximal eine Minute Wartezeit von einem Kleinkind zu fordern (vgl ebd., 2010, 168ff).

Alter: 2-3 Jahre  


Auch mit älteren Kleinkindern können diese Übungen weiterhin durchgeführt werden. Auch hier wird die Wartezeit Schritt für Schritt ausgedehnt. Man kann nun eine zeitliche Begrenzung durch eine Eieruhr einführen: "Wenn die Eieruhr klingelt, kommt Mama schnell zurück. Dann lese ich mit dir das Buch. Jetzt muss ich schnell noch Papa was sagen, bevor er zur Arbeit losgeht" (vgl. Karp., 2010, 171f). Ich persönlich schwöre übrigens auf den Time Timer (siehe Bild), da dieser am Ende der Zeit nicht nur klingelt, sondern den Ablauf der Zeit durch das kontinuierliche Dünnerwerden der roten Zeitscheibe für das Kind visuell verständlich macht. Man kann auf ihm aber keine Sekunden einstellen, nur Minuten.  Es reicht für den Anfang wirklich ein einfacher Küchenwecker oder eine Sanduhr. Ich nutze den Time Timer aber auch in  vielen anderen Situationen (z.B. um meinen Kindern die morgendliche Spielzeit eindeutig zu begrenzen - als Signal, wann wir uns für den Kindergarten anziehen müssen), daher hat sich für mich seine Anschaffung eindeutig gelohnt. Zunächst stellt man den Wecker nur auf 20 Sekunden ein. Es ist wichtig, wirklich sofort zurückzukommen, wenn er klingelt, nur dann kann das Kind lernen, sich auf das Versprechen der Erwachsenen zu verlassen. Nach dem Wiederkommen gibt man dem Kind, was es möchte und spiegelt in lobendem Ton: "Du hast abgewartet!" Man kann die Wartezeit dann allmählich auf zwei bis drei Minuten erhöhen. Es ist schön, wenn man das Kind ab und zu überrascht, indem man den Wecker nur auf 20 Sekunden einstellt - es wird dann denken, die Minute ist schnell vergangen - oder auch nach einer besonders langen Wartezeit ihm zwei Objekte der Begierde zu geben (zwei Bücher lesen z. B.). Das motiviert das Kind und verknüpft das Durchstehen der Wartezeit mit einem positiven Gefühl (vgl. ebd., 2010, 171f).

Der nächste Schritt: Umlenken des Affektes 


Alter: 2- 4 Jahre  


Um auch die Selbstkontrolle in Bezug auf affektive Handlungen wie Hauen oder Spucken zu üben, kann man mit dem Kind ab dem Alter von 2 - 2 1/2 Jahren Methoden zur motorischen Entlastung des Affektes einüben. Das Kind lernt dabei, den Impuls umzulenken auf eine gesellschaftlich akzeptable Alternative. Anstatt ihren Bruder Emil zu hauen, könnte Mara beispielsweise die "Stopp-Hand" ausführen und gleichzeitg laut "Stopp! Lass das sein!" rufen. Maras Mama müsste dann sehr schnell kommen, um Mara für ihr angemessenes Verhalten zu loben und zu verhindern, dass sie eben doch noch haut. Denn die Umlenkung eines Impulses wirkt erstmal nur kurzfristig für wenige Sekunden. Die positive Verstärkung der gewaltfreien Lösung wirkt nachhaltiger und wird Mara helfen, sich öfter "unter Kontrolle" zu halten.  

Es ist übrigens zuviel von Mara verlangt, die Situation ohne motorische Entlastung durchzustehen, also die Mutter nur zu rufen. Es dauert lange, bis Emotion nicht mehr in Motorik umgesetzt werden muss. Bei manchem Erwachsenen ist das sogar noch bis ins hohe Alter zu erkennen - wenn jemand zum Beispiel mit der Faust auf den Tisch haut.

Ich habe die Stopp-Hand mit meinen Töchtern eingeübt mit dem Buch "Jakob ruft Stopp! Lass mich in Ruhe!" Es klappt bei uns nicht immer. Manchmal sind sie einfach noch zu aufgeregt und hauen oder spucken dann im Affekt doch. Aber da die Erziehrinnen im Kindergarten eingeweiht sind und an einem Strang mit uns ziehen, gibt es immer mal Situationen, in denen es eben doch klappt. Dann werden meine Töchter für ihr angemessenes Verhalten gelobt. Ich schimpfe nicht, wenn sie im Affekt hauen, weiß ich doch, dass sie in dem Moment nicht anders handeln können.

Beim Losreißen von der Hand im Straßenverkehr ist übrigens keine bessere Lösung in Sicht, als als Erwachsener schnell zu sein. Reißt sich das Kind los, muss man hinterher und das Kind aufhalten, bevor es auf der Straße ist. Es gibt einfach keine ungefährliche motorische Alternative, auf die sich das Kleinkind umlenken kann. Natürlich kann man auf Leinen-Rucksäcke oder In-den-Buggy-setzen zurückgreifen und sollte es auch, wenn man weiß, dass man nicht schnell genug hinterherkommt. Hier geht die Sicherheit vor. 

Die hohe Kunst: Impulskontrolle durch verbale Problemlösestrategien 


Kinder entwickeln Impulskontrolle unter anderem in einem Prozess, der verbale Mediation beinhaltet (Vygotsky, 1962) .Verbale Mediation meint die Fähigkeit, laut zu denken, um das eigene Verhalten zu steuern. 
  

Alter: 2-3 Jahre  


Kinder beginnen zu sprechen und beschreiben ihre Tätigkeiten zunehmend in Selbstgesprächen. Meine Töchter sagen zum Beispiel beim Spielen mit ihren Puppen zu niemandem im Besonderen: "Ich lege die Puppe hier hin. Braucht eine neue Windel. Warte, ich hole eine neue Windel. Die alte Windel muss ab. Schwer. Schaff nicht!" Problemlösen verläuft in diesem Alter gewöhnlich noch nonverbal auf der motorischen Ebene. Die Kinder nehmen sich einfach, was sie brauchen, ohne danach zu fragen oder Rücksicht auf andere zu nehmen (vgl. Luria, 1961).  

Alter: 3-4 Jahre  


Unsere Kinder beginnen, ihr eigenes Verhalten durch Selbstanweisungen zu regulieren. Sagen die Eltern eines Vierjährigen zum Beispiel, dass er zum Abendbrot kommen soll, sagt er zunächst vielleicht zu sich selbst: "Wasch die Hände! Mach das Wasser aus! Hände abtrocknen!" und antwortet dann möglicherweise seinen Eltern: "Ich habe die Hände gewaschen, wir können jetzt essen." Beim Problemlösen beginnen die Kinder nun, Bitten oder Forderungen zu formulieren: "Lass mich mal probieren." "Kann ich damit spielen?". Sie erkennen immer besser, was angemessenes Verhalten in unterschiedlichen Situationen ist und bemühen sich, es einzuhalten  (vgl. ebd., 1961). Das klappt nicht immer.  

Alter: 5-7 Jahre  


Ab diesem Alter beginnen Kinder, Informationen kognitiv zu verarbeiten, anstatt assoziativ auf Ereignisse zu reagieren. Erst nach dieser Umstrukturierung im Gehirn können sie impulsive Reaktionen durch gedankliche innere Prozesse zurückhalten! Das Problemlösen ändert sich vom lauten zum inneren Sprechen. Ein Sechsjähriger schafft es demnach bereits, sich vorher zu überlegen, was passiert, wenn er dem anderen Kind etwas wegnimmt. Seine Gedanken könnten so klingen: "Wenn ich es einfach wegnehme, wird er bestimmt sauer auch mich. Ich frage ihn besser vorher, ob er es mir borgt." Unter Stressbedigungen kann das laute, problemlösende Sprechen in diesem Alter jedoch wieder hervortreten, um eigenes Verhalten zu steuern (vgl. ebd., 1961).  

Alter: 8-11 Jahre  


Ab diesem Alter läuft die sprachliche Mediation nahezu vollständig innerlich ab. Das Problemlösen wird wechselseitig und zielt auf die Zufriedenheit beider Beteiligten. Es ist aber noch so, dass einer von beiden dominiert. Häufigste angewandte problemlösende Strategien sind das Überreden ("Los komm, lass uns das machen. Das wird bestimmt aufregend"), Verhandeln ("Wenn ich mit deinem Skateboard fahren darf, kannst du auf meinem Fahrrad fahren") und das Abwechseln ("Erst du, dann ich!") (vgl. ebd., 1961).
Alter: 12 Jahre und älter In der Pubertät wird das Problemlösen kooperativer und orientiert sich an gemeinsamen Bedürfnissen und dem Interesse an stabilen persönlichen Beziehungen (vgl. ebd., 1961). 

Folgt man nun diesem Entwicklungsmodell, wird schnell klar, dass unsere Kinder erst ab der 1. Klasse der Schule wirklich in der Lage sind, ihr impulsives Verhalten nahezu vollständig zu kontrollieren. Dieser Entwicklungsschritt passiert im Allgemeinen von selbst. Um Probleme mit anderen jedoch in gesellschaftlich akzeptabler Weise zu lösen, können Eltern ihren Kindern bei dem Erlernen von Problemlösestrategien ein wenig unter die Arrme greifen. Möchte das Kind zum Beispiel etwas haben, das ihm nicht gehört, könnte man es nach folgenden Schritten anleiten, zu überlegen, welche Lösung für sein Problem am besten funktionieren könnte (Spivack, Shure, 1982; Petermann, Petermann, 1994).

  • Frage dich: Was genau ist das Problem?
  • Überlege: Welche Lösungen gibt es?
  • Frage dich bei jeder Lösung: Ist sie ungefährlich? Wie fühlen sich die anderen? Ist sie fair? Wird sie funktionieren?
  • Entscheide dich für eine Lösung und probiere sie aus.
  • Funktioniert die Lösung? Wenn nicht, was kannst du jetzt tun?
 
Ein Beispiel: 
 
  • "Ich habe meinen Kleber vergssen, brauche ihn aber für eine Aufgabe im Unterricht."
  • "1. Ich könnte meine Banknachbarin fragen, die hat Kleber dabei. 2. Ich könnte mir den Kleber von meiner Banknachbarin nehmen ohne zu fragen. 3. Ich könnte mich umdrehen und zu meinem Freund rufen, ob er mir seinen Kleber borgt."
  • Lösung 1: "Sie ist nicht gefährlich. Die Nachbarin fühlt sich gut. Ja, sie ist für alle fair, weil ich höflich gefragt habe. Sie wird vielleicht funktionieren, sie könnte ja oder auch nein sagen." Lösung 2: "Sie ist nicht gefährlich. Die Nachbarin fühlt sich vermutlich schlecht, weil ich ihr etwas weggenommen habe. Nein, das ist nicht fair ihr gegenüber. Ich hätte zwar den Kleber, aber auch einen Streit am Hals." Lösung 3: "Sie ist nicht gefährlich. Wenn ich in die Klasse rufe, fühlen sich die anderen gestört und die Lehrerin schimpft mit mir. Sie ist nicht fair den anderen gegenüber. Ja, sie könnte funktionieren. Mein Freund gibt mir sicher den Kleber, aber ich habe Ärger mit der Lehrerin."
  • "Ich denke, ich frage erstmal meine Nachbarin, vielleicht sagt sie ja."
  • "Sie hat funktioniert. Wenn sie "Nein" gesagt hätte, hätte ich die Lösung mit meinen Freund probiert."

 

Zusammenfassung


Impulsives Verhalten ist im Kleinkindalter und darüber hinaus völlig normal und reguliert sich im Allgemeinen mit den Jahren selbst. Es ist möglich, unseren Kindern durch Geduldübungen und durch Umlenkung der Motorik zu helfen, ihre Impulse für ein paar wenige Sekunden zu kontrollieren. Dieses "Training" wirkt sich insgesamt positiv auf die Entwicklung der Kinder aus. Es ist sinnlos, ein Kind für sein impulsives Verhalten zu schimpfen oder es gar zu bestrafen - es kann in diesem Moment nicht anders reagieren. Durch Schimpfen oder Strafen wird es nicht dazu angeregt, dieses Verhalten langfristig zu ändern.  

© Snowqueen 

Quellen 


Karp, H. (2010) Das glücklichste Kleinkind der Welt. München: Goldmann 

Cleste Kidd, Holly Palmeri, Richard N. Aslin. (2012) Rational snacking: Young children’s decision-making on the marshmallow task is moderated by beliefs about environmental reliability. in: Cognition Luria, A. (1961). The role of speech in the regulation of normal and abnormal behaviors. New York

Liberight Petermann, F., Petermann, U. (1994). Training mit sozial unsicheren Kindern. Weinheim: Beltz Spivack, 

G, Shure, M.B. (1974). Social adjustment of young children, a cognitive approach to solving real-life problems. San Francisco: 

Jossey-Bass Vygotsky, L. S. (1962). Thought and Language. New York: Wiley
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Kommentare:

  1. Vielen Dank für einen weiteren super strukturierten und Überblick gebenden Artikel:) Mein Zwerg ist zwar erst 11 Monate alt, aber wir werden nach seinem ersten Geburtstag mit Geduldsübungen anfangen. Ich möchte die Gelegenheit nutzen, um euch für diesen Blog von Herzen zu danken, den ich mittlerweile vollständig gelesen habe ( manche Artikel immer mal wieder) . Eure Artikel und die Lektüre von Renz- Polsters " born to be wild - Kinder verstehen " gaben mir die Sicherheit, dass mein Weg ( mein Sohn hat die ersten drei Monate quasi im Ergocarrier gewohnt) trotz aller Tyrannenprohezeihungen der richtige ist. Da ich im letzten Drittel meiner Schwangerschaft meine Mutter verloren habe, war ich von Seiten der Schwiegereltern sehr leicht zu verunsichern, bis ich auf euren Blog gestoßen bin. Also: vielen, vielen Dank und macht bitte weiter so.
    Herzliche Grüße,
    Squirrel

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    1. Liebe Squirrel,

      ganz lieben Dank für Deinen Kommentar - solche herzlichen Worte motivieren uns immer ganz besonders! Wir wünschen Dir und Deinen Lieben alles Gute!

      Liebe Grüße
      Danielle

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  2. Ich hab eine Frage:
    Was mache ich, wenn mein Kind "Opfer" von Impulsiven Verhalten anderer wird? Beispiel gehauen auf dem Spielplatz Bagger wurde "geklaut" (einfach so von einem andern Kind genommen) usw. Ich weiß dass das andere Kind seine Impulse nicht im Griff hat aber mein Kind weint. Was tue ich?

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    1. Liebe Sina, grundsätzlich sehe ich es so: Dass deinem Kind etwas weggenommen wurde, ist für es schlimm und ein halber Weltuntergang. Deshalb ist der erste Schritt immer das Trösten, nicht das Zurückholen des Gegenstandes. Ich finde wirklich wichtig, dass unsere Kinder das „schlimme“ Gefühl erst einmal erleben und es nicht „abgekürzt“ wird, indem die Eltern losrennen und den Bagger zurückerobern, nur, damit das Kind nicht weinen muss. Denn nur, wenn sie selbst erlebt haben, wie schlimm es sich anfühlt, wenn einem einfach etwas entrissen wird, können sie später, wenn sie größer sind, sich in die Situation eines anderen einfühlen, dem sie dann vielleicht etwas weggenommen haben. Sieh es einfach an als ersten wichtigen Schritt auf dem Weg zur Empathieentwicklung. Um sich in jemanden anderes hineinversetzen zu können, muss man nämlich a) das Gefühl des anderen aus dem Gesichtsausdruck entschlüsseln können, b) dieses Gefühl selbst schon einmal erlebt haben und c) wissen, was einem in der Situation Trost gebracht hat. Wird deinem Kind also etwas weggenommen, lernt es nun die Punkte b) und c). Dein Job ist es, sein Gefühl zu benennen und Trost zu spenden. Erst dann solltest du den Bagger zurückholen. Und da kommt es dann auf das Alter der beteiligten Kinder an, wie das gemacht wird. Ob du allein den Bagger zurückholst oder ihr gemeinsam geht und du für dein Kind bittest, ob ihr euch vorher überlegt, was es sagen könnte und es dann allein losgeht usw. LG, snowqueen

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    2. Wow, so ein (im Internetzeitalter) steinalter Artikel und so schnell eine Antwort. Vielen lieben dank. Ein schöner Ratschlag den ich bei Gelegenheit umsetzten werde. Kostet mich auch Überwindung, nicht den schnellen leichten Weg zu gehen. Muss wirklich zu geben, dass mein erster Impuls (nach kurzem Trösten) die Bereinigung der Situation ist. Das heißt der Bagger wird zurück erobert (ich bin ja größer als das andere Kind :)) oder der Bagger wird von den Eltern des "Diebs" zurückgefordert, wenn diese die Situation nicht schon längst für ihr Kind bereinigt haben und den Bagger meinem Kind zurückgegeben haben.
      Jetzt unaufgeregt am Abend sehe ich ein, dass das, nicht förderlich ist, die Kinder lernen so ja nie ihre Konflikte selber zu lösen... Danke, wieder was gelernt --> nicht nur die Kinder müssen ihre Impulse in den Griff bekommen auch die Mamas. Aber es ist wirklich schwer die kleinen Leiden zu sehen.

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    3. Liebe Sina, mir werden im Hintergrund alle neuen Kommentare angezeigt, egal, wie alt der Artikel ist und ich hatte gerade Zeit - daher meine prompte Antwort. Manchmal rutschen mir Kommentare aber auch durch, das tut mir dann sehr leid.
      Ja, es ist tatsächlich schwer, sein Kind leiden zu sehen. Ich kenne das Gefühl. Hinzu kommt der gesellschaftliche Druck der anderen Mütter, die Situation möglichst schnell zu klären. Doch wenn wir wollen, dass unsere Kinder lernen, sich in andere Menschen hineinzuversetzen, dann sind alle Gefühle wichtig, auch die schlimmen. Unser Job ist es, unsere Kinder zu trösten. Wir sind keine Schiedsrichter. Liebe Grüße, snowqueen

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  3. Hallo Snowqueen,

    seit ich im Mai 2013 zum ersten Mal Mutter geworden bin, verschlinge ich eure Artikel und bin nur begeistert! Nun habe ich aus gegebenem Anlass o. g. Thema wieder durchgelesen. Denn meine Große (wird jetzt zwei) hat ihren kleinen Bruder, der im März zur Welt kam, erst gehauen, und jetzt fängt sie an,' ihn zu beißen! Gestern hat sie ihn so kräftig in sein Händchen gebissen, dass die Haut sogar offen war. Und er hat natürlich herzzerreissend geweint.
    Ist denn das auch fehlende Impulskontrolle unserer Tochter? Sonst herzt und küsst sie ihn bei jeder Gelegenheit, aber plötzlich hat sie seine Hand im Mund und beisst zu. Was löst denn dann den Impuls aus?
    Manchmal tut sie es, wenn er weint, aber gestern war er ruhig gewesen. Was können wir tun?

    Danke und herzliche Grüße

    Claudia

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    1. Liebe Claudia, ich vermute ganz stark, dass es nicht die fehlende Impulskontrolle ist, die das Hauptproblem darstellt, sondern die Entthronung deiner Tochter durch das Brüderchen. Lies mal diesen Artikel, ich denke, da wirst du ihr Verhalten wiederfinden und auch Lösungsstrategien erhalten: http://www.gewuenschtestes-wunschkind.de/2014/06/entthronung-der-erstgeborenen-was-kinder-nach-der-geburt-des-babys-brauchen-und-wie-die-eifersucht-auf-das-baby-gemindert-werden-kann.html
      Herzliche Grüße zurück, snowqueen

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    2. Vielen Dank, diesen Artikel habe ich mehrfach gelesen, und ich gebe mein Bestes, den Vorschlägen zu folgen. Meiner Großen werde ih trotzdem nicht immer gerecht, sowie auch dem Kleinen nicht. Aber das ist wohl so mit zwei Kindern.
      Was mich nachdenklich macht ist, dass sich die Agression auch manchmal gegen andere Kinder richtet. Aber auch erst, seit ihr Brüderchen geboren ist.
      Dann machen wir so weiter und hoffen das Beste ...

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  4. Liebe Snowqueen!

    Mein Sohn ist 22 Monate alt und macht mich momentan echt ratlos. Ich hab schon viele Artikel von dir gelesen und auch schon das Buch "Liebe und Eigenständigkeit ". Trotzdem möchte ich dich um deinen Rat bitten:

    Ich versuche, meinen, sehr impulsiven, Schatz in Liebe und ohne Bestrafungen aufzuziehen Ich gehe noch nicht arbeiten, verbringe daher den ganzen Tag mit ihm. Wir kuscheln und spielen viel und erledigen den Haushalt zusammen. In den letzten Wochen haut er mich jedoch oft, beißt und kratzt mich und wirft mit Gegenständen herum und manchmal auch nach mir. Da er schon sehr gut spricht, kommen dabei auch schon Dinge wie: "mama weg" "hör auf" etc. Ich bin echt ratlos. Ich schimpfe nicht gerne mit ihm bzw. werd ich schon gar nicht gerne laut. Und wenn er wirklich was Schlimmes macht, dann wiederholt er mein NEIN, grinst und macht es trotzdem. Es ist ihm also komplett egal, wenn ich schimpfe. Hast du eine Idee warum das so sein kann bzw. wie ich etwas ändern kann? Alles kann ich ihm einfach nicht erlauben..

    Ganz liebe Grüße

    Ulli

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  5. Liebe Snowqueen, erst mal ganz lieben Dank, für eure super Artikel.
    Ich habe eine Frage, zum Verhalten meiner Tochter, 20 Monate. Mir und meinem Mann gegenüber kann sie ihre Bedürfnisse recht impulsiv äußern. Manchmal beißt oder zwickt sie dann. Meistens fordert sie aber lediglich lautstark ein, was sie gerade möchte. "selber!" oder ähnliches. Nur, wenn es andere Kinder sind, dann lässt sie sich ohne Gegenwehr Alles wegnehmen, lässt sich von der Rutsche wegdrängeln, ... Ich sehe genau, dass sie das nicht will und häufig kommt sie zu mir und weint dann. Wie kann ich ihr helfen? Ich würde ihr gerne zeigen, wie das mit der Stopphand geht, oder dass sie wenigstens nicht gleich loslässt, wenn jemand ihre Spielsachen nimmt. Oder mache ich mir da unnötig Sorgen und das kommt noch von allein.
    Vielen Dank.
    Carola

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    Antworten
    1. Liebe Carola,

      dass sie zu Dir kommt ist ein Zeichen, dass sie Unterstützung benötigt, weil sie nicht weiß, was sie tun soll. Grundsätzlich klären Kinder zwar viel untereinander, aber das können sie nur dann tun, wenn sie die richtigen "Werkzeuge" haben. Daher würde ich sie an der Stelle unterstützen und ihr bspw. zeigen, wie man auf ein Kind zugeht und sagt: "Schau, XYZ möchte gerne selber damit spielen, bitte gib es zurück". Das mit der Stop-Hand kann man auch im Rollenspiel üben. Und mit 20 Monaten würde ich sie auch noch unterstützen und bspw. mit ihr zur Rutsche gehen und zeigen, dass man "Nein!" sagen kann, wenn gedrängelt wird.

      Keine Sorge - das entwickelt sich schon noch, mit ein bisschen Unterstützung wird sie ihren Weg finden, ihre Wünsche und Bedürfnisse auch durchzusetzen. Gerade die sprachlichen Fähigkeiten werden bald dabei helfen.

      Liebe Grüße
      Danielle

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  6. Liebe Snowqueen, vielen Dank für eure Artikel. Ich bin Vater einer vierjährigen Tochter. Wir haben sie direkt nach der Geburt adoptiert. Zwei Jahre später kam noch ihr kleiner Bruder hinzu. Sie ist die meiste Zeit zuckersüss. Allerdings passiert es fast täglich, dass sie am frühen Abend plötzlich in eine Art hysterischen Modus umschaltet. Sie fängt wild an in der Gegend rum zu rennen. Lacht hysterisch. Bedrängt ihren Bruder in dem sie in wild umarmt. In dieser Zeit ist sie nicht mehr zu erreichen. Meistens endet es dann aus irgendeinem Grund mit Tränen und plötzlich ist sie wieder wie gewohnt. Manchmal sogar übermäßig kooperativ und reumütig. Sie bedauert dann ihren Ausfall, was mich dann schwer berührt. Traurig ist aber dabei, dass dies auch passiert, wenn z.B. ihre Freundin da ist. die ganze Zeit spielen sie schön zusammen. Kurz bevor die Freundin geht, schaltet sie um, und haut, hysterisch lachend mit einer Unterhose auf diese ein. Es scheint fast so, als würde sie sich die ganze Zeit zusammen reissen und auf einmal (in einem Moment emotionaler Erregung, z.B. Verabschiedung) bricht dieser Damm. Wie eine Art Stressabbau. Es ist nun schwierig zu beurteilen, ob das noch unter normal fällt. Andere Kinder in unserem Bekanntenkreis haben solch eine Macke nicht. Es macht uns Sorgen, dass sie mit diesem Verhalten Schwierigkeiten hat Freunde zu bekommen, bzw. zu halten. Könnt ihr hierzu etwas sagen?

    Liebe Grüße

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    1. Lieber Anonym, ja, so eine 'Phase' abends zum Stressabbau ist durchaus normal. Wie stark sie sich äußert und auf welche Weiss, ist kindabhängig. Eine meiner Töchter z.B. pöbelt abends so lange mit uns Eltern, bis wir ihr verbale Gegenwehr geben, damit sie weinen kann. Dieses Weinen ist ihr Stressabbau. Du kannst dir vorstellen, wie anstrengend diese Strategie für uns Große ist, immerhin werden wir, bevor sie weint, für Kleinigkeiten von ihr angemacht in einem Ton, der nicht gerade freundlich ist. Nachdem wir rausgefunden hatten, was ihr Bedürfnis hinter dieser Strategie ist (nämlich das Entspannen durch Weinen), suchten wir mit ihr gemeinsam Wege, auf denen sie vielleicht auf angemessenere Weise ihr Bedürfnis nach Entspannung erfüllen kann (also ohne uns als Sparring-Partner). Zuerst versuchten wir, ob sie vielleicht, statt zu pöbeln, an etwas sehr Trauriges denken kann, um zum Weinen zu kommen. Das funktionierte nicht so gut. Nun sind wir gerade dabei, dass sie eine CD mit progressiver Muskelentspannung hört - so kommt sie zwar nicht übers Weinen zur Entspannung, aber vielleicht ja über den anderen Weg. Ob es klappt, wissen wir noch nicht.
      Eure Aufgabe ist nun, zu überlegen, ob die Strategie eures Kindes, Stress abzubauen, für den Rest der Familie akzeptabel ist. Wenn niemand zu schaden kommt, kann sie beibehalten werden. Es ist nichts Schlimmes, Falsches oder Problematisches an der Strategie, solange die Umweltbedingungen dafür stimmen. Stimmen sie nicht, müssen entweder die Unweltbedingungen oder die Strategie geändert werden. Das Ändern der Steategie geht aber nur im Einverständnis mit dem Kind. Es muss selber eine Änderung wollen. Wird die Änderung 'von oben', also von den Eltern angeordnet, könnte bei dem Kind ankommen, dass etwas an ihm Falsch ist, das geändert werden muss, damit die Eltern es weiterhin lieben.
      Wegen der Freunde müsst ihr euch wirklich keine Gedanken machen, denn Kinder nehmen die Eigenheiten ihrer Freunde mit bemerkenswerter Gelassenheit hin. Ihr könnt davon ausgehen, dass auch die Freundinnen zuhause 'ihre 5 Minuten' haben und sie deshalb das Verhalten eures Kindes nicht als Seltsam oder Besonders oder Verachtenswert einschätzen. Freunde bekommen oder halten wird also kein Problem sein!
      LG, Snowqueen

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    2. Liebe Snowqueen, vielen Dank für Deine schnelle Antwort. Wenn ich merke, die Stimmung kippt, lasse ich sie seit Samstag mehrmals gegen die Uhr um das Auto laufen. Ihr macht es Spass. Danach ist sie ausgepowert und der Stress erledigt. In der akuten Situation hatte Meditation nichts gebracht. Wahrscheinlich kann man aber langfristig so daran arbeiten. Zum Weinen kam sie immer nur, weil es zwischen uns richtig Zoff gab. Das wollen wir nicht, deswegen suchen wir nach einem anderen Weg. Grüße

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  7. Hallo Snowqueen, mein Sohn (26 Monate) hat vor etwa drei Wochen im Urlaub damit angefangen, sich selbst zu beißen. Meistens wenn er müde und frustriert ist, weil etwas nicht so klappt wie gewünscht. Mich macht das total fertig zu sehen, wie er sich selbst mit aller Kraft in die Hand beisst. Hat du mir da einen Rat, was ich machen könnte, damit er seinen Frust nicht gegen sich selbst richtet?
    Liebe Grüße

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    1. Liebe Anonym, ja, ich habe einen Rat, aber er wird dich nicht glücklich machen. Es gibt eine Menge Kinder, die bei innerem Stress Strategien anwenden, die gegen sich selbst gerichtet sind, als sich selbst beißen, oder den Kopf sehr stark auf den Boden knallen z.b. Sie leiten damit den inneren Stress erfolgreich ab. Es ist also eine Selbstberuhigungstechnik, bzw. eine Art, Frust motorisch abzuleiten. Es ist keine schöne Strategie, zugegeben, aber immerhin eine sozial sehr kompetente - andere Kinder hauen, beißen und kneifen in so einem Fall dann andere und bekommen dann meist einen negativen Stempel von der Gesellschaft aufgedrückt. Es gibt also durchaus auch einen positiven Aspekt bei der Strategie deines Sohnes. Mein Rat ist nun, ihn zu lassen und nicht einzuschreiten. Ich weiß, dass das für Eltern sehr schwer ist. Ich will versuchen, zu erklären, warum ich dazu rate. Erstens: Der menschliche Körper verfügt über einen exzellenten Selbsterhaltungstrieb, d.h. die Kinder beißen sich zwar selbst und ja, es ist doll und tut weh, aber sie gehen dabei niemals über ihre eigene Grenze. Anders, als wenn sie ein anderes Kind beißen - da merken sie ja nicht, wie doll es weh tut und beißen oft schlimmer zu, als es das andere Kind aushalten kann. Zweitens: Sobald ihr als Eltern eingreift und versucht, ihn davon abzuhalten, bemerkt euer Sohn, dass er mit seinem Sich-selbst-Beißen etwas bei und mit euch bewirken kann. Somit ändert sich möglicherweise seine Motivation hinter dem Beißen. Bisher war es eine Strategie zur Ableitung von Stress. Es könnte sich aber dahingehend ändern, dass er das Sich-selbst-Beißen tatsächlich nutzt, um Druck auf euch auszuüben, wenn ihr ihm etwas verbietet. Das passiert noch nicht mit 26 Monaten, keine Angst. Es kann sich aber, wenn ihr immer wieder aufgeregt reagiert und interveniert, wenn er sich beißt, dazu kommen, dass er, wenn er älter wird, das Druck-Potential dahinter entdeckt. Ich würde also, wäre ich ihr, ihn sich beißen lassen und ihn hinterher, wenn er weint, tröstend in den Arm nehmen(Ohne zu sagen: Siehst du, wenn du dich nicht beißen würdest...)Ich würde auch, wenn er sich selbst beißt, dabei bleiben und verbal übersetzen, was er vermutlich gerade durchmacht: "Du bist wütend! Wütend! Du hältst die Wut in dir gar nicht mehr aus, so wütend bist du! Du möchtest eigentlich ... aber ich habe Nein gesagt. Das findest du so richtig blöd...." Somit gibst du ihm die Möglichkeit, zu lernen, was das für Gefühle sind, die ihn da so übermannen. In ruhigen Momenten könntest du ihm Beißalternativen anbieten, z.b. den Ärmel seines Pullovers oder ein Kuscheltier. Irgendwann weicht er hoffentlich darauf aus.

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  8. Vielen Dank für deine schnelle Antwort. Bis jetzt hab ich ihn erst mal beruhigt und hinterher erklärt, dass er mir auch sagen kann, wenn etwas nicht passt. Das war wohl noch ein bisschen zu viel verlangt. Ich war mir auch nicht ganz sicher ob das noch ein "normales" Verhalten ist. Vielleicht kann ich ihn jetzt, durch deine Erklärung, etwas besser verstehen, wenn er sich beisst.

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  9. Hallo snowqueen:-) mein Sohn ist grad 6 geworden und war schon immer sehr impulsiv. es ist schon besser geworden aber manchmal geht es noch mit ihm durch. heut z.b. War wieder so eine Situation. seine Schwester behauptete das es ihr Spielzeug sei was er hatte. nur um zu ärgern. sie wiederholte das dann ein paar mal obwohl mein Sohn gesagt hat das sie das lassen soll. als sie nicht aufgehört hat hat er gehauen. wie kann ich mit ihm üben, das er in solchen Situationen nicht ausrastet und haut?

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    1. Liebe Anonym, wenn er erst zugehauen hat, nachdem seine Schwester ihre Provokation mehrmals wiederholt hat, dann finde ich seine Impulskontrolle für einen Sechsjährigen schon recht gut ausgebildet! Ich denke nicht, dass du wirklich mit ihm üben musst. Wenn es dir trotzdem ein dringendes Bedürfnis ist, zu üben, dann such Spiele, in denen das Gehirn zwischen "go" und "no" unterscheiden muss. Also solche Reaktionsspiele, bei denen das Kind in Sekundenbruchteilen entscheiden muss, ob es reagieren soll (wegrennen, eine Karte ziehen etc.) oder nicht (stehen bleiben, Karte nicht nehmen...). Die restliche Impulskontrolle wird die Zeit bringen. LG, Snowqueen

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  10. Hallo,
    wir kommen auch immer mehr an unsere Grenzen mit unserer 5 jährigen Tochter, die leider bei fast jedem Nein sehr schnell austickt bzw wenn irgendwas nicht funktioniert oder nicht nach ihrem Kopf geht. In der Kita ist sie sehr angepasst, zu Hause möchte sie zb auch wenn Freunde da sind, alles bestimmen und tritt sehr dominant auf, selbst wenn vorher immer und immer wieder die Regel aufgestellt wird, dass jeder hier so spielen, malen oder basteln darf wie er möchte.
    Ihre Reaktionen sind dann "du bist bescheuert" o.ä. und schmeißt mir irgendwas an den Kopf. Wir haben schon so oft darüber gesprochen, wie sie in solchen Situationen ihre Wut umlenken könnte (Wutkissen, aufstampfen, Ich find das doof statt du bist doof etc) aber keine Chance, im großen wutmoment vergisst sie das alles. Und fällt echt nix mehr als mögliche Lösungsweg ein....

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  11. Hallo,
    wir kommen auch immer mehr an unsere Grenzen mit unserer 5 jährigen Tochter, die leider bei fast jedem Nein sehr schnell austickt bzw wenn irgendwas nicht funktioniert oder nicht nach ihrem Kopf geht. In der Kita ist sie sehr angepasst, zu Hause möchte sie zb auch wenn Freunde da sind, alles bestimmen und tritt sehr dominant auf, selbst wenn vorher immer und immer wieder die Regel aufgestellt wird, dass jeder hier so spielen, malen oder basteln darf wie er möchte.
    Ihre Reaktionen sind dann "du bist bescheuert" o.ä. und schmeißt mir irgendwas an den Kopf. Wir haben schon so oft darüber gesprochen, wie sie in solchen Situationen ihre Wut umlenken könnte (Wutkissen, aufstampfen, Ich find das doof statt du bist doof etc) aber keine Chance, im großen wutmoment vergisst sie das alles. Und fällt echt nix mehr als mögliche Lösungsweg ein.... Sowas läuft übrigens fast ausschließlich bei uns zu Hause oder bei der Oma ab, also Orte wo sie sich scheinbar sicher fühlt, spielt sie woanders, ist sie viel entspannter oder angepasster, je nach Perspektive ....
    Freue mich auf deine Gedanken dazu. Lg

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  12. Hallo,
    ich habe einen 7 Monate alten Sohn. Er geht 1.5 Tage in eine Kindertagesstätte mit gleichaltrigen. Ich bin davon überzeugt, dass es ihm dort gut geht. Doch vor kurzem bin ich vorbeigegangen um ihn zu stillen und habe die Situation erlebt, dass er weinend (nicht schreiend oder schluchzend!) am Boden lag. Die Betreuerinnen waren am Esstisch mit den andern Kindern. Bisher hatte ich ihn noch nie weinend dort angetroffen. Sie haben mir danach erklärt, dass sie eine "Geduldsübung" mit ihm machten. Sie würden nicht gleich auf das erste Quengeln eingehen, sondern kurz abwarten mit ihm sprechen, dann zu ihm hin und als letzte Instanz würden sie ihn auf den Arm nehmen. Ich weiss nicht, was ich davon halten soll. Haben Sie eine Meinung dazu? Ich habe festgestellt, dass die Geduldsübungen für Kleinkinder erst bei 1 Jahr anfangen. Ich würde mich sehr über eine Antwort freuen. Lg

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    1. Das war hochgradig unprofessionell und ist total veralteter Quatsch. Ein Baby unter einem Jahr sollte man niemals weinen lassen! (Siehe dazu unser Artikel, warum man Babys niemals weinen lassen sollte) Geduldübungen ab einem Jahr sollten auch nicht mit Kindern in der Krise gemacht werden (weinen), sondern, wenn sie gerade glücklich und entspannt sind.
      LG, Snowqueen

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