In § 1631 BGB heißt es:
„Kinder haben ein Recht auf gewaltfreie Erziehung. Körperliche Bestrafungen, seelische Verletzungen und andere entwürdigende Maßnahmen sind unzulässig“.Es ist Konsens in Deutschland, dass körperliche Gewalt gegen Kinder vollkommen inakzeptabel ist. Eine im Journal of Family Psychology veröffentlichte Untersuchung zeigte, dass schwere körperliche Disziplinierungsmaßnahmen schwerwiegende und langfristige Schäden anrichteten. Kinder, die wiederholt Prügel bekamen, neigten zu trotzigem, unsozialem und aggressivem Verhalten. Sie widersetzten sich zudem häufiger den Eltern. Die Autoren der Studie erklärten in einer Pressemitteilung: "Mit Schlägen erreichten Eltern demnach das Gegenteil von dem, was sie wollten. Die Kinder wurden dadurch nicht gehorsamer".
Nichtkörperliche Strafen hingegen sind ein fester Bestandteil unseres Alltags und gesellschaftlich allgemein akzeptiert, auch wenn sie sich bei genauerer Betrachtung in vielen Fällen als "entwürdigende Maßnahmen", die "seelische Verletzungen" verursachen, herausstellen. Nichtkörperliche Strafen verletzen unsere Kinder zudem ebenso sehr, wie Schläge. Eine Studie der Universität Pittsburgh zeigte, dass verbale Strafen die gleichen Auswirkungen haben, wie körperliche: Verhaltensstörungen und Depressionen.
In diesem Artikel soll es darum gehen, welche Auswirkungen Strafen auf unsere Kinder haben, welche Probleme es bei einer strafenden Erziehung gibt und warum Bestrafungen langfristig nicht funktionieren.
Warum bestrafen wir Kinder?
Wir sind überzeugt davon, dass man Kinder erziehen kann, ohne sie zu bestrafen. Dieser Meinung scheinen jedoch (noch) nicht viele Eltern zu sein. Schauen wir uns zunächst an, warum Kinder überhaupt bestraft werden:
Strafen sind kurzfristig durchaus effektiv
Die Grundidee bei Strafen ist: Zeigt ein Kind unangemessenes oder unerwünschtes Verhalten, dann "lernt" es, dieses Verhalten künftig zu unterlassen, wenn wir ihm etwas Unangenehmes zufügen. Dass das durchaus funktioniert, zeigte der Verhaltensforscher B. F. Skinner schon vor Jahrzehnten in Versuchen mit Ratten. Bekamen diese einen Stromschlag, wenn sie auf einen bestimmten Schalter in ihrem Käfig drückten, vermieden sie es künftig, den Schalter zu berühren. Wurden sie stattdessen mit Futter belohnt, wenn sie den Hebel bedienten, dann drückten sie ihn später häufiger. Das Verhalten der Ratten ließ sich also durch äußere Reize verstärken oder abschwächen.
Diese Erkenntnisse hat man auf die Kindererziehung übertragen - in zahlreichen Büchern ist zu lesen, dass man positives Verhalten durch Lob und Belohnungen bestärken solle und und negatives Verhalten durch Strafen sanktionieren solle. Und das funktioniert ja auch recht gut - zumindest für eine gewissen Zeit. Die Androhung, dass das abendliche Fernsehprogramm gestrichen wird, führt in den meisten Fällen dazu, dass sich ein Kind klaglos die Zähne putzt. Drohungen wie "Wenn du nicht damit aufhörst, nehme ich dir das weg" oder "Lass das, sonst gehen wir!" sind durchaus in vielen Fällen wirksam. Hat man seine Androhungen bisher immer konsequent wahr gemacht und weiß das Kind, dass es ohnehin keine Wahl hat, wird es bei den Dingen, die ihm am Herzen liegen, resigniert gehorchen.
Menschen neigen dazu, auf bewährte und effektive Lösungsstrategien zurückzugreifen - weil Strafen oft gut funktionieren, werden sie gerne angedroht und verhängt. Dabei wird jedoch außer Acht gelassen, dass durch Strafen angepasstes Verhalten oft nur so lange gezeigt, wird, wie die Aufsichtsperson anwesend ist. Forscher der University of Iowa beobachteten Kinder in zwei Jungenclubs. Einer der Clubs wurde von einem sehr autoritären Leiter betreut, ein anderer von einem nichtkontrollierendem, demokratischen Leiter. Die Kinder im erstgenannten Club zeigten häufiger feindseliges, aggressives oder störendes Verhalten, sobald der Leiter außer Sichtweite war. Sie unterbrachen außerdem ihre Aktivitäten und zeigten genau die Verhaltensweisen, die ihnen eigentlich untersagt worden waren. Die Kinder des anderen Camps hingegen setzten ihre Tätigkeiten einfach fort, wenn der Leiter den Raum verließ.
In einer anderen Untersuchung wurden drei Gruppen mit 6-Jährigen gebildet. Sie wurden aufgefordert, eine Aufgabe zu erledigen. Die erste Gruppe wurde bei Erfolg verstärkt, die zweite bei Misserfolg bestraft und die dritte vollkommen ignoriert, während sie die Augabe lösten. Die bestrafte Gruppe arbeitete danach zwar härter an der Aufgabe - allerdings auch nur, so lange der Versuchsleiter anwesend war.
Wenn man Strafen verwendet, muss man also eine lückenlose Überwachung sicherstellen, damit Verstöße umgehend geahndet werden können. Und das ist wirklich anstrengend und sorgt für jede Menge Unzufriedenheit und Konflikte.
Eltern haben Angst vor dem Verwöhnen
Die Annahme, man könne Kinder verwöhnen, wenn man ihre Bedürfnisse zuverlässig befriedigt, ist leider noch immer in den Köpfen vieler Eltern verankert. Sie sehen Kinder, die sich unangemessen verhalten, andere herumkommandieren und egoistisch sind. Die Eltern dieser Kinder reagieren oft hilflos oder gar nicht. Viele ziehen daraus den Schluss: das Kind wird offenbar nicht konsequent bestraft und gemaßregelt, also tut es, was es will. Für sich selbst beschließen sie: Ich mache das aber anders.
Dabei entsteht rücksichtsloses und egozentrisches Verhalten meist vielmehr dadurch, dass Eltern ihren Kindern Enttäuschungen ersparen, keine echten Emotionen zeigen, Ersatzbefriedigungen statt echtem Trost anbieten, die eigenen Grenzen nicht ausreichend aufzeigen oder unberechenbar sind. Wir haben im Artikel Wie entstehen "Arschlochkinder" und "Tyrannen" wirklich sehr ausführlich darüber geschrieben.
Meist ist ungehorsames und unangemessene Verhalten ein Ausdruck von zu vielen und nicht von zu wenigen Strafen. Denn Bestrafungen verursachen Groll und Wut bei Kindern - sie fühlen sich ungerecht behandelt und begehren auf. Wenn Erwachsene ihre Macht gebrauchen, um Kinder zu maßregeln, reagieren diese oft, indem sie ihre Macht demonstrieren und sich nichts mehr sagen lassen. So, wie ein Kleinkind in der Autonomiephase alles selber machen will, kämpfen größere Kinder um Autonomie, indem sie sich gegen manipulierendes Verhalten wehren.
Die Annahme, Kinder seien von Natur aus schlecht
Erziehung wird häufig als Prozess betrachtet, Kindern "richtiges Verhalten" beizubringen - offenbar geht man davon aus, dass Kinder sich von allein gar nicht benehmen oder von Natur aus kooperativ sein könnten. Kindern wurde ja von jeher mit Misstrauen begegnet. In Ratgebern liest man oft, man müsse ihre Eigenwilligkeit frühzeitig unterdrücken, ihnen Gehorsam und Respekt beibringen und stets konsequent sein, um zu verhindern, dass sie selbstsüchtig und fordernd sind. Wenn man tatsächlich denkt, dass man Kinder das "Gutsein" erst beibringen muss, dann braucht man natürlich Maßnahmen wie Strafen, um sie vom "Schlechtsein" abzuhalten.
Kinder sind jedoch nicht von Natur aus schlecht - sie kommen mit einem enormen Bindungswillen auf die Welt. Sie wollen dazu gehören und ihren Eltern gefallen. Das vermeintliche "Schlechtsein" ist oft nur eine entwicklungsbedingte Unfähigkeit. Manchmal ist einfach die Impulskontrolle noch nicht ausreichend ausgebildet oder die Fähigkeit zur Übernahme anderer Perspektiven fehlt. In anderen Fällen ist auffälliges Verhalten ein Hilferuf, mit dem Kinder zeigen, dass sie sich nicht wertgeschätzt fühlen oder mehr von unserer Aufmerksamkeit brauchen. Daher ist es sinnvoller, immer hinter das Verhalten schauen, statt es zu bestrafen.
"Ich strafe doch nicht! Bei uns gibt es Konsequenzen!"
Mittlerweile werden Strafen zunehmend im Gewand der logischen Konsequenzen verhängt. Hierbei wird die Konsequenz thematisch eng an das Verhalten angelehnt. So gibt es keinen Nachtisch, wenn das Kind am Tisch rumalbert oder das Fernsehprogramm wird für den nächsten Tag gestrichen, wenn das Kind beim Abschalten Theater macht. Aber machen wir uns nichts vor - auch wenn eine Konsequenz "logisch" ist - sie hat keine andere Funktion, als eine Strafe. Egal, wie man die Maßnahme nennt - es handelt sich dennoch um eine Sanktionen zur Bestrafung eines vermeintlich unangemessenen Verhaltens in der Absicht, dieses zukünftig zu beeinflussen.
Auch natürliche Konsequenzen können strafenden Charakter haben. Sie sind an sich sehr lehrreich, da das Kind durch die naturgegebenen Folgen (man wird nass, wenn es regnet, man friert, wenn man zu dünn angezogen ist, usw.) tatsächlich „lernt“, Situationen besser einzuschätzen und das Verhalten entsprechend anzupassen. Wir sollten unsere Kinder hierbei jedoch nicht wissentlich ins offene Messer rennen lassen. Üblicherweise fragen wir ja vorher: „Willst du nicht lieber etwas anderes anziehen?“ – unser Kind weiß also, dass wir anders entscheiden würden. Wenn wir dann unterwegs sind und keine Jacke dabei haben, die wir anbieten können, falls das Kind doch friert, dann hat das strafenden Charakter. Schließlich haben wir zugesehen und billigend in Kauf genommen, dass das Kind nun leidet. Es ist dann doppelt enttäuscht – darüber, dass es eine falsche Entscheidung getroffen hat ebenso, wie dass wir nichts getan haben, um die Konsequenz abzumildern.
Warum Strafen in der Erziehung problematisch sind
Strafen verletzen unsere Kinder und schädigen unsere Beziehung zu ihnen
Kinder sind von Natur aus bestrebt, zu kooperieren. Werden sie betraft, erzeugt das Frustration und Hilflosigkeit - und das wirkt sich nachhaltig auf ihre Kooperationsbereitschaft aus. Erfolgt eine regelmäßige Bestrafung, festigt sich Erkenntnis, dass am Ende sowieso immer derjenige gewinnt, der stärker ist und mehr Macht hat. Das weckt bei den meisten Kindern den Wunsch, so oft wie möglich selbst der Machtvollere zu sein. Nicht selten kommt es vor, dass sie dann kleinere oder schwächere Kinder in der Kita drangsalieren, um die eigene empfundene Hilflosigkeit zu kompensieren.
Kinder streben auch nach Autonomie - wird dieses Bestreben immer wieder eingeschränkt, kämpfen sie umso verbissener um ihre Selbstbestimmung. Sie finden sehr schnell heraus, dass es einen Bereich gibt, in dem sie machtvoller als Erwachsene sind: ihrem Persönlichkeitsbereich. Es ist nahezu unmöglich, Kinder zum Schlafen, Essen, Anziehen oder Wickeln zu zwingen. Verweigern sie ihre Mitarbeit oder stellen sie ihre Selbständigkeit ein, haben Erwachsene ein großes Problem. Solche – oft zu Recht als „Machtkampf“ beschriebenen – Situationen führen häufig in eine Spirale von sich aufschaukelnden Konflikten. Plötzlich ist das Familienklima vergiftet durch Unzufriedenheit, Angespanntheit und ständigen Streitereien. Die Erwachsenen beklagen dann, dass ihre Kinder sich unmöglich verhalten würden und ständig Streit suchen würden. Sie provozieren, hören nicht und tun nicht mehr, was man sagt. Den Eltern ist dabei nicht bewusst, dass das Verhalten darauf zurück zu führen ist, dass Kinder sich durch Bestrafungen in ihrer Selbstwirksamkeit eingeschränkt und nicht wertgeschätzt fühlen. Statt sich jedoch zu fragen, warum sich das Kind so auffällig verhält, versuchen sie das Verhalten durch mehr Strenge und schlimmere Strafen zu unterbinden. Wenn man weiß, dass das problematische Verhalten oft durch diese Strafen verursacht wird, wird einem klar, dass sich das Problem damit nicht lösen lässt. Es verschlimmert es vielmehr.
Strafen jeder Art beschädigen zudem die Verbundenheit mit unseren Kindern und unsere Beziehung zu ihnen nachhaltig. Auch wenn wir „nur“ ihr Verhalten kritisieren, fühlen Kinder sich als Person abgelehnt. Das geht auch ganz vielen Erwachsenen so – selbst wenn wir erkennen, dass Kritik sachlich gerechtfertigt ist, fühlen wir uns miserabel. Dieses Gefühl wird umso schlimmer, je mehr wir uns emotional mit jemandem verbunden fühlen. Bei unserem Chef schaffen wir es möglicherweise noch, eine emotionale Distanz zu bewahren, wenn uns jedoch unser Partner kritisiert, dann fällt es den meisten sehr schwer, sich dabei nicht abgelehnt zu fühlen.
Wie erst soll es unseren Kindern gehen, die uns nicht nur innig lieben, sondern genau wissen, dass sie von uns abhängig sind? Sie verstehen nicht, warum wir sie liebevoll halten, sie trösten, ihnen zuhören, ihnen Liebe schenken und dann plötzlich unvermittelt laut werden, ihnen Dinge entreißen, sie forttragen und dafür sorgen und dass sie sich wertlos fühlen. Strafen erschüttern das Urvertrauen in die bedingungslose Liebe der Eltern. Sie führen dazu, dass das vertrauensvolle Verhältnis mit unseren Kinder beeinträchtigt wird. Denn das Gefühl, dass Menschen, die sie lieben, ihnen absichtlich Schmerzen bereiten, ist für Kinder verstörend. Sie spüren zwar, dass wir sie lieben, aber gerade deswegen verwirrt sie die Erkenntnis, dass Liebe mit Schmerzen verbunden sein kann. Vielleicht halten sie es in ihrem späteren Leben sogar für normal, wenn ein Partner sie demütigt? Oder dass Liebe bedeutet, dass man klaglos tut, was der andere verlangt?
Kinder entwickeln Strategien zur Strafvermeidung ohne über ihr Verhalten nachzudenken
Wir erhoffen uns durch Bestrafungen, dass das Kind über die Situation nachdenkt und erkennt, was an seinem Verhalten falsch war. Dass es überlegt, was man hätte anders machen können und wie man sich angemessener benehmen könnte.
Doch Strafen lenken Kinder von ihrem Fehlverhalten ab, da sie viel mehr damit beschäftigt sind, wütend zu sein. Kinder empfinden Strafen immer als ungerecht, selbst dann, wenn sie wissen, dass sie etwas falsch gemacht haben. Sie fokussieren sich durch die Strafe auf sich selbst. Sie fragen sich: "Was passiert mit mir? Welche Auswirkungen hat mein Verhalten auf mich?" Wenn wir also ein Verhalten sanktionieren, dann führt das eher dazu, dass Kinder darüber nachsinnen, wie sie sich rächen können oder dazu, dass sie Strategien entwickeln, wie sie ähnliche Situationen in Zukunft so bewältigen, dass ihnen keine Strafe droht. Damit sind sie so beschäftigt, dass sie die für die sozial-emotionale Entwicklung viel wichtigere Frage: „Was habe ich mit meinem Verhalten ausgelöst? Wie fühlt sich der andere?“ für sie kaum eine Rolle spielt.
Sie sind dann zunehmend damit beschäftigt abzuwägen, ob das Vergnügen die Strafe aufwiegt. Sie analysieren, welches Verhalten nicht erwünscht ist und wie man sich verhalten muss, um der Strafe zu entgehen. Sie sind komplett mit sich selbst befasst. Dann kann es tatsächlich dazu kommen, dass Kinder „Grenzen testen“ – denn es ist für sie sehr interessant, auszuloten, wo die Schwelle für eine Bestrafung ist und mit welchen Verhaltensweisen man sich irgendwie durchschummeln kann.
Angedrohte Strafen führen dazu, dass Kinder lügen
Eine Gruppe kanadischer Forscher um Victoria Talwar von der McGill University in Montreal fand heraus, dass Kinder, denen negative Konsequenzen fürs Lügen angedroht wurden, mehr statt weniger logen. In einem Experiment wurden 372 Kinder zwischen 4 und 8 Jahren einzeln in einen Raum geführt. In diesem stand ein Tisch mit einem Spielzeug. Die Kinder wurden aufgefordert, sich vor den Tisch zu stellen und sich nicht umzudrehen (was zwei Drittel der Kinder trotzdem taten). Die Forscher kamen nach einer Minute zurück und fragten, ob die Kinder sich umgedreht hätten. Einigen wurde eine Strafe angedroht für den Fall, dass sie lügen. Bei anderen wurde gesagt "Ich würde mich freuen, wenn du du ehrlich bist". Die Androhung einer Strafe führte signifikant häufiger dazu, dass die Kinder logen. Diejenigen, bei denen an den sozialen Aspekt apelliert wurde, die Wahrheit zu sagen, taten dies dann auch am häufigsten.
In einem anderen Versuch an der Universität von Toronto wurde das Verhalten 3- bis 7-Jähriger untersucht, die einen mit einem Tuch abgedeckten Gegenstand anhand eines Geräusches erraten sollten. Auch hier verließen die Forscher den Raum und forderten das Kind vorher auf, nicht unter das Tuch zu schauen. Nachdem sie zurück kamen, lasen sie eine Geschichte vor - der Inhalt variierte dabei. In der einen Version der Geschichte musste der Lügende negative Konsequenzen tragen, in der anderen wurde Ehrlichkeit als etwas Ehrenhaftes angepriesen. Eine weitere Kontrollgruppe hörte eine Geschichte, in der Ehrlichkeit nicht thematisiert wurde. Auch hier waren die Kinder am ehrlichsten, die die Geschichte gehört hatten, in der Ehrlichkeit positiv dargestellt war. Die Kinder der beiden anderen Gruppen logen gleich oft. Die Darstellung negativer Konsequenzen führte also nicht zu einem abschreckenden Effekt.
Bestrafungen verstärken Verlustängste
Forscher der Universitäten von Missouri und Illinois in Chicago zeigten, dass Bestrafungen sich auf das spätere Konsumverhalten von Kindern auswirkte. Die Wegnahme von Lieblingsspielzeugen oder Videospielen fördert die Überzeugung, dass individueller Besitz im Leben den eigenen Erfolg definiert oder der Erwerb bestimmter Dinge attraktiver macht.
Strafen können genau den gegenteiligen Effekt bewirken
Dass Bestrafungen das Gegenteil des Gewünschten bewirken können, zeigte eine Untersuchung israelischer Forscher. Eltern sollten durch Androhung einer Strafe dazu bewegt werden, ihre Kinder pünktlicher aus der Kita abzuholen. Die Geldstrafe führte jedoch dazu, dass die Eltern weniger oft pünktlich kamen - fühlten sie sich durch die Strafe doch moralisch davon befreit, sich ordnungsgemäß zu verhalten. Waren Eltern früher aus moralischen Erwägungen pünktlich gekommen, sahen sie ihr Zuspätkommen nun durch die Strafe als quasi ausreichend vergolten. Nachdem man die Strafen wieder abgeschafft hatte, kamen die Eltern übrigens nicht wieder so pünktlich, wie vorher, sondern genauso spät, wie als sie noch bestraft wurden.
Ein ähnlicher Effekt könnte bei der Bestrafung von Kindern eintreten - werden sie bestraft, hat die Sanktion möglicherweise einen für sie schuldbefreienden Effekt und sie betrachten das Vergehen als abgebüßt, ohne dann noch die Notwendigkeit zu sehen, sich mit den moralischen Umständen ihres Verhaltens zu befassen.
Auch eine Studie zum Thema Strafen fürs Bettnässen zeigte, dass Kinder, die dafür bestraft wurden, dass sie ins Bett pullerten, dies häufiger taten. Sie zeigten außerdem Anzeichen einer Depression.
Strafen rufen Aggressionen hervor
Strafen zeigen Kindern: es ist vollkommen legitim, wenn der Stärkere seinen Willen durch die Ausübung von Macht durchsetzt. Es ist auch in Ordnung, wenn man die Wünsche eines anderen ignoriert und ihn dazu zu bringen, das zu tun, was man möchte, indem man ihm einen Schaden androht oder zufügt.
Bestraft man ein Kind, signalisiert man ihm außerdem, dass man kein Interesse daran hat, sich mit seinen Bedürfnissen auseinander zu setzen. Das führt zu einer tiefen Frustration. Folge von Frustrationen sind oft Aggressionen. Dies hat man bei zahlreichen Versuchen belegen können. Sobald Versuchspersonen Dinge entzogen wurden, die sie sich stark wünschten oder brauchten (Nahrung, Wasser, Belohnungen), reagierten diese sehr häufig mit Aggressionen (Dollard 1939).
Solche Reaktionen können wir auch häufig in unserem Umfeld beobachten, sei es beim Fußballspieler, der wütet, weil er sich ungerecht behandelt fühlt, beim Kleinkind, das schreit, weil man ihm einen begehrten Gegenstand wegnimmt oder bei einem Teenager, der die Tür geräuschvoll zuwirft, weil er um Mitternacht zu Hause sein soll. Häufige Strafen führen also wegen der kontinuierlichen Frustration zu einem erhöhten Maß an Aggressionen. Diese empfinden die meisten Eltern als unangemessenes Verhalten und ihr erster Impuls ist häufig, die Strafe zu verschärfen, was spiralförmig zu weiteren Aggressionen führt.
Was lernen Kinder aus Strafen?
Fast alle gewalttätigen Erwachsenen haben Erfahrungen mit Gewalt in der Kindheit gemacht. Aus Geschlagenen werden oft Schläger, aus Gedemütigten Demütigende. Kinder lernen durch Strafen: Nur der Stärkere siegt. Sie entwickeln schnell ein Gefühl für Macht. Um die eigene empfundene Machlosigkeit bei Bestrafungen zu kompensieren, suchen sie sich Schwächere, die sie ihrerseits beherrschen und bestrafen können.
Durch Strafen lernen Kinder außerdem, dass es auch bei Menschen, die sie lieben, legitim ist, Gewalt anzuwenden. Eltern sind die größten Vorbilder für ihre Kinder - sie sind in ihren Augen nahezu allmächtig. Wenn Eltern also Macht ausüben, um Schwächer zu zwingen, das zu tun, was sie von ihnen erwarten, dann halten Kinder das für ein vertretbares und nachahmenswertes Verhalten. Jeder kennt den wütenden Satz "Dann lade ich dich nicht zu meinem Geburtstag ein!" oder "Dann bist Du nicht mehr mein|e Freund|in - das ist für lange Zeit die ultimative Drohung, mit der Kinder versuchen, ihrerseits andere zu bestrafen.
Warum Strafen nicht langfristig funktionieren
Stell Dir vor, Du bis unterwegs und musst auf die Toilette. Du findest ein öffentliches WC und möchtest die Tür öffnen. Du greifst nach der Klinke - doch die Tür bewegt sich nicht. Vielleicht klemmt sie ja nur? Du versuchst es noch einmal. Dieses Mal viel kräftiger. Du rüttelst und rüttelst, doch die Tür lässt sich nicht öffnen. Ganz offenbar ist sie verschlossen - aber Du musst soooo dringend! Wie lange würdest Du versuchen, die Tür doch noch irgendwie aufzubekommen? Wie lange würdest Du überlegen, ob Du vielleicht noch nicht ausreichend oft, nicht lange genug oder einfach noch nicht fest genug gedrückt hast? Wie lange würdest du Du hoffen, dass die Tür sich doch noch irgendwie öffnen lässt?
Die meisten Menschen würden recht schnell einsehen, dass ihre Bemühungen erfolglos bleiben werden. Sie würden Alternativen abwägen, mit denen sie ihr Problem auf andere Art und Weise lösen könnten. Kaum jemand würde vor der Toilettentür stehen bleiben und immer und immer wieder versuchen, sie zu öffnen.
Wenn etwas dauerhaft nicht funktioniert, dann versuchen wir normalerweise, unser Problem auf andere Art und Weise zu lösen. Umso verwunderlicher ist es, dass immer noch so viele Kinder konsequent bestraft werden. Wenn Strafen tatsächlich funktionieren würden, dann müssten wir sie doch nur ein paar mal verwenden und dann würde allein die Androhung reichen, dass unsere Kinder ihr Leben lang lammfromm sind. Doch in der Realität sieht das ganz anders aus: Strafen müssen regelmäßig immer wieder angedroht und verhängt werden. Und trotz regelmäßiger Bestrafung zeigen Kinder immer und immer wieder (in unseren Augen) unerwünschtes Verhalten.
Interessanterweise wird dabei die Wirksamkeit von Strafen offenbar gar nicht grundsätzlich infrage gestellt. Es wird oft vielmehr davon ausgegangen, dass man einfach noch öfter, besser oder konsequenter bestrafen müsse, um das Ziel zu erreichen. Nich selten haben härtere und häufigere Strafen jedoch den Effekt, dass Kinder noch weniger auf das hören, was wir ihnen sagen und noch weniger das tun, was wir uns wünschen. Das zeigt eigentlich ganz deutlich: Strafen und Bestrafungen funktionieren langfristig nicht.
Ich kann mich noch daran erinnern, dass ich in großer Wut (und weil ich mir einfach nicht mehr anders zu helfen wusste) von meinem Grundsatz, nicht zu drohen und zu strafen abwich und meinem Kind die vermeintlich schlimmste Strafe entgegen schleuderte: „So! Du darfst heute abend nicht fernsehen!“ Sie schaute mich verwirrt an und meinte dann vollkommen ungerührt: „Na und? Dann mach ich eben was anderes“.
Irgendwann verliert jede (nicht körperliche) Strafe ihre Macht. Während man kleineren Kindern mit Süßigkeitenentzug, Auszeiten und Streichen sonstiger Privilegien noch recht einfach manipulativ lenken konnte, verstehen sie mit zunehmendem Alter sehr gut, dass die Welt nicht zusammenbricht, wenn es heute mal keine Gummibärchen, keine Gute-Nacht-Geschichte oder kein Fernsehen gibt. Und dass „Dann gehe ich eben ohne dich!“ eine leere Drohung ist, merken sie oft auch schon vor dem Grundschulalter.
Sobald Kinder beginnen, allein das Haus verlassen und nicht mehr ständig der elterlichen Überwachung unterliegen, verlieren Eltern den größten Teil ihrer Macht - da kann beim besten Freund mit dem Tablet gespielt oder heimlich ein paar selbst gekaufte Gummibärchen verdrückt werden. An diesem Punkt hat man als Elternteil dann ein Problem, denn das Kind verliert die Angst vor Konsequenzen. Spätestens in der Pubertät ist der elterliche Einfluss fast vollständig verloren. Die Jugendlichen hören gar nicht mehr und machen einfach, was sie wollen. Da viele Kinder jahrelang das Gefühl hatten, "immer tun zu müssen, was die Erwachsenen sagen", kann es sein, dass sie nun sehr ausufernd mit ihrer neu gewonnenen Freiheit umgehen und sich auf all das stürzen, was sie bisher nicht durften, ohne groß darüber nachzudenken, ob es ihnen gut tut oder nicht. Zwar verliert sich dieses Verhalten in den meisten Fällen nach der Pubertät wieder, aber bis dahin gibt es extrem viel Streit, Stress und Ärger sowie jede Menge emotionale Verletzungen zwischen den Familienmitgliedern.
Kann man denn überhaupt ohne Strafen erziehen?
Bestrafen wir unsere Kinder, wirkt sich nachhaltig auf ihr Weltbild aus. Sollen unsere Kinder lernen, dass sie tun sollen, was andere ihnen sagen, weil ihnen sonst Leid zugefügt wird? Wollen wir, dass sie lernen, dass immer derjenige gewinnt, der stärker ist und mehr Macht hat? Sollen sie lernen, dass Drohungen ein adäquates Mittel sind, um Wünsche durchzusetzen? Oder wollen wir nicht eigentlich vielmehr, dass sie respektvolle Menschen sind, die bei zwischenmenschlichen Problemen ihren Gegenüber mit durchdachten Argumenten überzeugen und empathisch auf ihn eingehen, um so zu einer gemeinsamen akzeptablen Lösung zu kommen? Dann sollten wir ihnen das auch vorleben - einfach, indem wir sie nicht bestrafen.
Viele fragen sich nun: Was ist die Alternative? Wie sollen wir damit umgehen, wenn unsere Kinder Verhaltensweisen zeigen, mit denen wir nicht einverstanden sind? Was können wir tun, wenn unser Kind unkooperativ ist? Wie lösen wir in unserer Familie Meinungsverschiedenheiten, ohne dass wir unser Kind bestrafen müssen?
Dazu gibt es in Kürze einen gesonderten Artikel, in dem es darum gehen wird, wie wir Konflikte so lösen können, dass die Bedürfnisse alle Familienmitglieder berücksichtigt werden, ohne dass wir drohen oder strafen müssen: Erziehen ohne Strafen - wie wir das Verhalten unserer Kinder beeinflussen, ohne zu manipulieren. Oder ihr hört schonmal in unseren Podcast - in dieser Folge hatten wir Katia Saalfrank zum Thema "Erziehen ohne Strafen" zu Gast.
© Danielle
Quellen
http://www.scinexx.de/wissen-aktuell-18385-2014-12-22.html
http://pss.sagepub.com/content/25/8/1630
http://psycnet.apa.org/index.cfm?fa=buy.optionToBuy&id=2016-17153-001
http://www.kinderaerzte-im-netz.de/news-archiv/meldung/article/pruegelstrafen-haben-langerfristig-negative-auswirkungen/
http://www.kinderaerzte-im-netz.de/news-archiv/meldung/article/bestimmte-erziehungsmassnahmen-koennen-materialismus-foerdern
http://www.ejcr.org/publicity/680087.pdf
https://deepblue.lib.umich.edu/bitstream/handle/2027.42/106863/cdev12143.pdf?sequence=1&isAllowed=y
https://www.welt.de/gesundheit/psychologie/article141017492/Aus-Bestrafungen-lernen-Menschen-deutlich-schneller.html
http://umwelt-panorama.de/news.php?newsid=262181
https://www.mpg.de/9266047/kinder-helfen-opfern-von-ungerechtigkeit
http://www.jstor.org/stable/pdf/10.1086/468061.pdf
Dollard, J., Doob, L.W., Miller, N.E., Mowrer, O.H. & Sears, R.R. (1939). Frustration and Aggression. New Haven: Yale University-Press.





