"Nestwärme, die Flügel verleiht" - Stefanie Stahl und Julia Tomuschat

Im letzten Jahr war ich auf dem großartigen Attachment Parenting Kongress in Hamburg und traf Stefanie Stahl. Ihr Buch "Das Kind in dir muss Heimat finden" steht seit gefühlten Ewigkeiten auf Platz 1 der Spiegelbestseller-Liste. Dieser Umstand ist für Stefanie Stahl natürlich sehr erfreulich, es zeigt aber auch eine sehr traurige Tatsache: Offenbar gibt es hunderttausende Menschen in unserer Gesellschaft, deren Kindheit nicht so glücklich war, dass sie ein gesundes Ur- und Selbstvertrauen entwickeln konnten. Fehlt uns in jungen Jahren Anerkennung und Liebe und werden wir von unseren Eltern immer wieder gekränkt und herabgewürdigt, wirkt sich das nachhaltig auf unsere Gedanken und Gefühle im späteren Leben aus. Wir entwickeln oft Ängste, haben vielleicht Schwierigkeiten, uns auf Partnerschaften einzulassen oder kämpfen immer wieder mit depressiven Verstimmungen und anderen psychologischen Problemen. Das Buch "Das Kind in dir muss Heimat finden" bietet Selbsthilfe für alle, die sich mit den Geistern der Vergangenheit auseinandersetzen wollen. Mir hat das Buch außerordentlich gut gefallen und auch wirklich weiter geholfen.

Stefanie erzählte mir auf dem AP-Kongress, dass sich ihr nächstes Buch mit Erziehung befassen würde. Entsprechend neugierig war ich, als ich "Nestwärme, die Flügel verleiht" endlich in den Händen hielt. Beim Lesen wurde mir sehr schnell klar, dass das ein Buch ist, das ich gerne selber geschrieben hätte. Denn es befasst sich damit, wie wir trotz der negativen Prägungen in unserer Kindheit unsere Kinder so begleiten, dass sie ein gesundes Selbstwertgefühl entwickeln und wir eine gesunde Balance zwischen Bindung und Autonomie finden. In unserem aktuellen Podcast haben wir mit ihr über das Buch gesprochen - hört unbedingt mal rein!

Bindung, Autonomie und Selbstwert


Diese drei Grundbedürfnisse stehen in enger Beziehung und sind die Grundlage unserer Psyche. In unserem Leben bauen wir Beziehungen zu anderen Menschen auf und pflegen sie. Das erfüllt das Bedürfnis nach Bindung. Gleichzeitig wollen wir unabhängig sein und unsere eigenen Wünsche und Ziele umsetzen. Wir streben - wie Zweijährige - ständig nach Autonomie, werfen uns in den meisten Fällen aber nicht mehr unbeherrscht zu Boden, weil unsere Impulskontrolle mittlerweile fast zuverlässig funktioniert. Erfüllen wir diese Bedürfnisse ausgewogen, entsteht automatisch ein gesundes Selbstwertgefühl.

Die meisten von uns wuchsen in Familien auf, in denen die Balance zwischen Bindung und Autonomie nicht ausgewogen war. Das führte dazu, dass man entweder eine eher überangepasste Persönlichkeit entwickelte, und dadurch geliebt werden wollte, dass man die Erwartungen möglichst klaglos und zuverlässig erfüllt. Oder aber das innere Autonomiebestreben dazu führte, dass man rebellierte um ein höchstmögliches Maß an Unabhängigkeit zu entwickeln. Solch ein Verhalten ist in der Pubertät relativ normal, viele Menschen behalten das jedoch auch im Erwachsenenalter bei. Sie sagen dann ungern "Ja!", weil sie das Gefühl haben, sich zu sehr zu binden, können aber auch nur schwer "Nein!" sagen, weil sie Schuldgefühle empfinden. Sich nicht entscheiden zu können, bleibt ein ständiger Begleiter im Leben.

Ob wir zu den Angepassten gehören oder denjenigen, die noch immer ein extremes Bedürfnis nach Unabhängigkeit haben, prägt unsere eigene Erziehung nachhaltig. Haben uns unsere Eltern nicht das Gefühl gegeben, dass sie uns bedingungslos lieben, kann das dazu führen, dass auch wie Schwierigkeiten damit haben, unsere Kinder so anzunehmen, wie sie sind. Es kann aber auch passieren, dass wir, eben weil wir es anders machen wollen, mit unserer Liebe vollkommen erdrücken.

Das, was wir selbst erlebt haben, beeinflusst unsere Wahrnehmung nachhaltig. Wir sehen Situationen quasi durch eine Art Brille. Haben wir selbst Sehnsucht nach Bindung, legen wir den Schwerpunkt darauf, dass sich das Kind möglichst umsorgt und geliebt wird. Dabei übersehen wir jedoch die Signale, mit denen das Kind zeigt, dass es mehr Autonomie anstrebt. Waren wir selbst Kinder, die angehalten wurden, möglichst früh und möglichst viel selbst zu machen, dann halten wir unsere Kinder oft ebenfalls dazu an und erkennen möglicherweise nicht, dass wir sie überfordern und sie sich nach mehr emotionaler Zuwendung sehnen. Das selbe kann uns passieren, wenn wir von der Liebe unserer Eltern schier erdrückt wurden. Dann ist der eigene Wunsch nach Autonomie so groß, dass wir unseren Kindern eher diese zugestehen.

Um herauszufinden, ob wir in unserer Erziehung eine ausgewogene Balance zwischen Bindung und Autonomie haben, sollten wir immer wieder Reflektieren - unser Verhalten ebenso, wie Situationen, in denen es zu Konflikten kam. Es geht dabei nicht darum, unser Verhalten kritisch zu beurteilen, sondern zu verstehen, warum wir manchmal handeln, wie wir es tun. Bestes Beispiel dafür ist das Verhalten trotziger Kinder. Sie treiben uns manchmal zur Weisglut, weil sie in unseren Augen vollkommen irrational handeln. Wir fühlen uns provoziert, wenn sie sich wegen des falschen Brotbelages schreiend auf dem Boden wälzen. Doch was genau bringt uns innerlich zum Brodeln? Es ist nicht wirklich das Verhalten des Kindes, sondern unsere eigenen Glaubenssätze und Ängste. "Sowas macht man nicht!" "Wenn ich jetzt nicht richtige reagiere, ziehe ich einen Tyrannen heran." "Ich lasse mir nicht auf der Nase herumtanzen!" Wissen wir hingegen, dass das Kind entwicklungsbedingt gar nicht anders kann, fällt uns Gelassenheit viel leichter. Natürlich ist es uns trotzdem unangenehm, aber sobald wir das Verhalten als entwicklungsbedingt normal und als wichtigen Entwicklungsschritt betrachten, können wir es viel besser begleiten.

Ich selbst bspw. hatte immer wieder Probleme damit, wenn mein Kind aus jeder Mücke einen Elefanten machte. Jede noch so kleine Verletzung wurde mehrfach mit leidender Mine präsentiert. Diese Wehleidigkeit hat mich innerlich ganz lange sehr aufgeregt. Sofort stiegen Phrasen in meinem Inneren auf: "Mein Gott, stell dich doch nicht so an!" "Ein Indianer kennt keinen Schmerz!" "Hör endlich auch zu jammern!" - all das hatte ich in meiner Kindheit selbst oft gehört. Tief in mir drin ist die Überzeugung, dass man sich doch wegen (vermeintlicher Kleinigkeiten) doch bitte nicht so anstellen möge. Es wurde erwartet, dass man mit Schmerz und Angst gefälligst selbst zurecht kommt und andere damit nicht belästigt. Hier sollte ich immer autonmer sein, als ich mich dazu in der Lage fühlte. Daher regte mich Jammerei über kleinere Blessuren einfach immer auf. Nachdem er erkannt hatte, dass ich dieses Verhalten immer durch meine "Autonomie-Brille" sah, konnte ich sie abnehmen und erkannte: die Wehleidigkeit ist für mein Kind einfach ein wirksames Mittel, unaufwändig eine Extraportion Aufmerksamkeit und Zuwendung zu bekommen. Wenn der Schaden schließlich schon da ist, hat die Situation so wenigstens noch etwas Gutes. Also rückte ich die Waagschalen zwischen Bindung und Autonomie wieder in eine gesunde Mitte, indem ich Zuwendung schenke, statt Selbstregulation zu erwarten.

Auseinandersetzung mit der eigenen Kindheit


Wenn wir diese durch unsere Kindheit beeinflusste Sicht- und Verhaltensweisen loswerden wollen, müssen wir uns zwangsläufig mit selbiger auseinandersetzen. Das fällt einigen sehr leicht, vielen aber sehr, sehr schwer, weil es mit schmerzenhaften Erinnerungen und belastenden Gefühlen verbunden ist. Kinder tun alles, um von Ihren Eltern geliebt zu werden und entwickeln oft eine außerordentlich hohe Loyalität ihnen gegenüber. Sie idealisieren sie häufig, so dass sie die feste Überzeugung entwickeln, dass sie falsch sind und die Eltern daher das Recht haben, sie zu bestrafen oder zu maßregeln. Das rührt daher, dass es für Kinder unerträgliche Gefühle der Verlassenheit und Angst bedeuten würde, wenn sie ihre Eltern nicht als gut und richtig wahrnehmen würden. Die Idealisierung wird oft ins Erwachsenenalter mitgenommen. Die eigene Kindheit erscheint viel schöner, als sie es tatsächlich war. Gefühle der Demütigung und der Hilflosigkeit werden verdrängt und stattdessen behauptet: "Mir hat es doch auch nichts geschadet!" Aus dieser verzerrten Wahrnehmung ergeben sich viele Probleme und sie erschwert eine gesunde Reflexion des eigenen Verhaltens. Im Buch "Nestwärme, die Flügel verleiht", gibt es ganz viele kleine und größere praktische Übungen, mit denen man das eigene Erziehungsverhalten immer wieder neu betrachten und analysieren kann.

Die meisten Menschen lassen sich in die Kategorien "angepasste Eltern" oder "autonome Eltern" einordnen, einige pendeln auch im Zickzackkurs zwischen beiden.

Angepasste Eltern


Ist das innere Gleichgewicht in Richtung Bindung verschoben, gehören Eltern oft zu den angepassten Menschen. Dieses Wort ist nicht negativ gemeint sondern soll eher den Zustand beschreiben, dass die Autonomiebestrebungen zugunsten der Bindung zurückgestellt werden. Solche Eltern haben sich in der Regel nicht ausreichend geliebt und angenommen gefühlt und sehnen sich daher sehr stark nach Bindung. Sie neigen dazu, alles perfekt machen zu wollen. Bei der Erziehung fällt es ihnen schwer, Grenzen durchzusetzen, weil sie Angst haben, die Liebe ihrer Kinder zu verlieren. Wegen ihrer Angst vor Ablehnung werden Regeln immer wieder neu überdacht oder in gleichen Situationen unterschiedlich entschieden, so dass Kindern der klare Rahmen fehlen kann.

Sie opfern sich zudem oft übermäßig auf, indem sie sich sehr für ihre Kinder einsetzen und ihr Bestes geben, sie fördern und unterstützen, wo es nur geht. Das kann jedoch auch negative Auswirkungen haben. Während angepasste Eltern die Babyzeit meist sehr genießen, weil diese von extrem viel Bindung und Zuwendung geprägt ist, kommen sie in der Trotzphase sehr schnell an ihre Grenzen. Sie empfinden Autonomiebestrebungen als außerordentlich anstrengend und nehmen sie schnell persönlich. Das sendet unbewusst das Signal an das Kind: "Deine Wut ist falsch." Das Ergebnis sind dann unterdrückte Aggressionen - und damit wieder angepasste Kinder. So geben wir unbewusst das selbst Erlebte weiter, obwohl wir das eigentlich vermeiden wollen.

Angepassten Eltern fällt es schwer, die Individualität ihrer Kinder zu erkennen und zu respektieren, weil mehr Ähnlichkeit größere Nähe schafft. Sie neigen auch dazu, Kinder überzubehüten oder ängstlich zu sein. Ihnen fällt es auch oft sehr schwer loszulassen. Sie haben selbst Angst vor Ablehnung und Kritik und übertragen diese unbewusst auf ihre Kinder. Traut man Kindern jedoch zu wenig zu, wirkt sich das auf deren Selbstbild aus. Oftmals greifen sie - vermeintlich zum Schutz ihres Kindes - vorzeitig in Streitereien unter Kinder ein, wodurch sie ihnen die Chance nehmen, die Konflikte selbst zu lösen (und daran zu wachsen). Auch in der Schule entsteht oft ein Leistungsdruck durch die Sorge, negativ aufzufallen. Kinder reagieren darauf entweder ebenfalls mit Angepasstheit oder einer deutlichen Abgrenzung gegen die elterlichen Erwartungen, also übermäßiger Autonomie.

Autonome Eltern


Das Gefühl, nicht ausreichend geliebt zu werden, führt bei manchen aber auch dazu, dass sie unbewusst beschließen, dass sie sich nur noch auf sich selbst verlassen und auf niemanden mehr angewiesen sein wollen. Im späteren Leben fällt es autonimen Menschen schwer, Nähe zuzulassen, was Partnerschaften und Freundschaften oft belastet.

Den Anspruch, selbst zurecht zu kommen, geben autonome Eltern oft (ohne das bewusst zu wollen) an ihre Kinder weiter. Aber auch viel elterliche Nähe kann eine ähnliche Flucht in die Autonomie verursachen.

Autonome Eltern fühlen sich schneller überfordert. Die Fremdbestimmung durch Kinder führt dazu, dass sie sich einggengt und von der Verantwortung erdrückt fühlen. Vor allem im Babyalter erleben sie sich manchmal hilflos. Babys haben sehr feine Antennen für die elterliche Stimmung. Auf die Unsicherheit - und manchmal auch das Genervtsein reagieren sie. Manche mit Anpassung, andere mit exessivem Schreien. Das Signal "Ich bin angestrengt von dir" kann langfristig dazu führen, dass sich das Kind nicht wertvoll fühlt und umso intensiver um die Zuneigung der Eltern kämpft. Manche fragen immer wieder "Hast du mich lieb?" andere beschließen, diesen Kampf erst gar nicht anzutreten sondern lieber bestmöglich selbst zurecht zu kommen.

Autonome Eltern begrüßen jeden Entwicklungsschritt zur Autonomie sehr. Die erste Nacht bei Oma? Super! Der erste Kita-Tag? Ein aufregender Schritt! Endlich wieder mehr Zeit für sich selbst! Autonome Eltern fühlen sich wohler, je älter und unabhängiger die Kinder werden.

Selbstwertgefühl


Das Selbstwertgefühl bestimmt maßgeblich unsere Lebensqualität. Bin ich wertvoll? Bin ich es wert, geliebt zu werden? Das Gefühl wertvoll zu sein, gibt uns Selbstvertrauen und lässt uns anderen Menschen vertrauen. Ein hohes Selbstwertgefühl lässt uns sowohl anpassungsfähig als auch durchsetzungsfähig sein, da wir eine gute Balance zwischen Autonomie und Bindung finden.

Ein gesundes Selbstwertgefühl entsteht sowohl durch bedingungslose elterliche Liebe als auch durch das Gefühl, autonom selbst etwas bewirken zu können. Das Grundgefühl "Ich bin okay, wie ich bin" ist das, was wir uns für unsere Kinder wünschen. Ich weiß nicht, wie es Euch geht, aber ich selbst  bin von diesem Gefühl meilenweit entfernt. Ich fühle mich eher ganz oft unsicher, unzufrieden mit mir, unzulänglich und bis ratlos, wie ich zu mehr Selbstzufriedenheit gelangen könnte. Stefanie Stahl und Julia Tomuschat schreiben in ihrem Buch darüber, dass das mangelnde Selbstwertgefühl unserer Generation mit den Glaubenssätzen unserer Kindheit zusammen hängen.

Ein Kind, das auf seine geäußerten Bindungswünsche immer wieder keine oder ablehnende Antworten bekommt, verinnerlicht irgendwann resigniert "Ich bin es einfach nicht wert". Verinnerlicht jemand diese Überzeugung, gelingt es ihm im Verlaufe des Lebens nur schwer, anderslautende Botschaften anzunehmen. So wird ein nettes Lächeln nicht freundlich, sondern als Auslachen oder Provokation interpretiert. Unser Minderwertigkeitsgefühl versuchen wir zu kompensieren, indem wir perfektionistisch werden, um uns nicht angreifbar zu machen. Und nicht nur das - auch in Bezug auf unsere Kinder haben wir oft eine übersteigerte Erwartungshaltung.

Das klingt so unglaublich einfach und einleuchtend - aber mir ist dieser Zusammenhang bisher tatsächlich nicht bewusst gewesen. Der Glaubenssatz "Ich bin nicht gut genug" ist tief in mir verankert. Daher neige ich zu einem starken Perfektionismus. Während andere einfach Kinder bekommen und spontan machen, was sie für richtig halten, war das für mich ein stark kopflastiger und durchgeplanter Prozess. Ich wollte es unbedingt richtig machen und scheiterte relativ schnell daran, wie ich schon vor einiger Zeit im Artikel über die mütterliche Intuition und das Bauchgefühl ausführlich erzählte. Immer wieder komme ich an meine Grenzen und verzweifle an dem Gefühl, es besser machen zu müssen. Ich bin also unbewusst immer wieder auf der Suche nach Anerkennung, um diesen fiesen Glaubenssatz loszuwerden. Selbst dieser wunderbare Blog und unsere Bestseller haben mich auf meinem Weg zur Erkenntnis, dass eine "Gut-genug-Mutterschaft" vollkommen ausreichend ist, bisher nicht überzeugt. Diesen Glaubenssatz habe ich erst durch Stefanies erstes Buch "Das Kind in dir muss Heimat finden" entlarvt.

Diese negativen Glaubenssätze steuern unser Verhalten auch im Erwachsenenalter immer wieder unbewusst. Unsere Psyche hat das Ziel, Schmerzen zu vermeiden - auch wenn das zu Lasten einer realistischen Wahrnehmung geht. Wir glauben lieber etwas schlechtes von uns, als dass wir das Risiko eingehen, zu optimistisch zu sein und in Gefahr zu laufen, enttäuscht zu werden. Wir können unsere Glaubenssätze jedoch ändern - wie genau das geht, würde an dieser Stelle zu weit führen. Ihr findet ganz viele verschiedene Möglichkeiten, in "Nestwärme, die Flügel verleiht".

Im Buch ist auch das Konzept des "inneren Kindes" beschrieben. Dieses besteht aus einem Sonnenkind (das von unseren positiven Prägungen lebt) und einem Schattenkind (das problematische durch Kindheitserfahrungen geprägt wurde). Außerdem gibt es einen "inneren Erwachsenen", der unser logischer Verstand ist und eine neutrale Beobachterperspektive ermöglicht. Daher gilt es in schwierigen Situationen zu erkennen, wenn unser Schattenkind unser Verhalten beeinflusst. Dazu ist es zunächst notwendig, Techniken kennenzulernen, um sich effektiv selbst beruhigen zu können. Denn wenn die Emotionen mal wieder überschwappen, hat es das Vernunftszentrum im Gehirn schwer - bei uns Großen ebenso, wie bei unseren Kindern. Wenn es uns jedoch gelingt, die Emotionen zu regulieren, dann schaffen wir es auch, von unserem Schattenkind ins erwachsene Ich zu wechseln. Das erfordert erst einmal viel Übung. Am schwierigsten ist es, überhaupt zu erkennen, wann wir im Schattenkind gefangen sind, aber je mehr wir uns beobachten, desto leichter fällt es uns.

Parallel dazu sollten wir unser Schattenkind trösten. Die Kindheit lässt sich natürlich nicht mehr ändern, aber wir können die hinterlassenen Verletzungen zu heilen. Hierfür kann ich Euch nur wieder
"Das Kind in dir muss Heimat finden" ans Herz legen, das wirklich hilft, sich mit der eigenen Kindheit und den dadurch entstandenen Glaubenssätzen auseinanderzusetzen. Es gibt dazu übrigens auch ein spezielles Arbeitsheft.

Einfühlungsvermögen (Nestwärme)


Elterliches Einfühlungsvermögen ist essentiell, um eine gute Bindung entstehen zu lassen und damit unseren Kindern "Nestwärme" bieten zu können. So haben Kinder das Gefühl, dass man sich um sie kümmert und dass sie ihren Eltern vertrauen können. Das Buch beschreibt drei einfache Schritte, mit denen wir unsere Kinder in jeder Situation einfühlsam begleiten können. Es wird auch auf die jeweils spezifischen Probleme der angepassten und der autonomen Eltern eingegangen und natürlich auch darauf, wie man sie lösen kann.

Autonomie fördern (Flügel)


Das Bestreben nach Autonomie ist ein weiteres grundlegendes Bedürfnis von Kindern. Dafür brauchen sie Freiräume ebenso sehr, wie einen festen Rahmen. Vor allem für angepasste Eltern ist die Autonomiephase eine große Herausforderung. Doch auch autonome Eltern geraten in Gefahr, sich in Machtkämpfe zu verstricken. In diesem Kapitel geht es darum, wie Eltern in dieser Phase zugewandt standhaft bleiben und beim Grenzen setzen den Einfluss der eigenen Erziehung hinterfragen. Thematisiert werden außerdem das Verwöhnen von Kindern, Helikoptereltern, Überbehütung und elterliche Ängste.

Warum es nie zu spät ist...


... um bessere Eltern zu werden, ist Thema des letzten Kapitels. Da ich meine große Tochter in den ersten Lebensjahren eher klassisch erzogen habe, kann ich das mulmige Gefühl gut nachvollziehen, wenn man feststellt, dass man lange Zeit zwar nach bestem Wissen und Gewissen handelte, aber es rückblickend doch ganz anders machen würde. Bei mir war dieser Punkt erreicht, als ich das Buch "Liebe und Eigenständigkeit" von Alfie Kohn gelesen habe, das fast alle meine Grundsätze erschütterte. Mittlerweile sehe ich es eher positiv. Ich bin froh, dass meine Kinder danach - im Grunde angestoßen durch nur ein Buch - viele, viele Jahre beziehungs- und bedürfnisorientiert aufwachsen durften. Wir müssen keine perfekten Eltern sein - es genügt "ausreichend gute Eltern" zu sein.

Elternschaft ist ein Prozess, bei dem wir uns immer wieder Reflektieren und unser Verhalten überdenken und anpassen. Wir sollten nicht zu streng mit uns sein, sondern uns vor Augen halten, was uns bisher gut gelungen ist, während wir stets versucht haben, unser Bestes zu geben. Das Buch von Stefanie Stahl und Julia Tomuschat kann uns helfen, zu verstehen, welchen Einfluss die Erziehung unserer Eltern noch heute auf uns hat und wie es unser Verhalten beeinflusst. Auf meinem Weg war es definitiv ein sehr bewegender Augenöffner, der mich bei der Auseinandersetzung mit meiner eigenen Kindheit begleitete. Wir können und wollen Euch das Buch daher wirklich ans Herz legen. Und nicht vergessen - auch unbedingt mal in unseren Podcast mit Stefanie Stahl reinhören!

© Danielle

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