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Warum Kinder lügen und wie man damit umgeht

So wie das Trotzen, das Teilen und das Trockenwerden ist das Lügen ein Meilenstein in der Entwicklung unserer Kinder. Man muss dabei zwischen bewusstem Lügen und ausufernder Fantasie unterscheiden. Eine „echte“ Lüge setzt voraus, dass das Kind bewusst die Unwahrheit sagt um ein bestimmtes Ziel zu erreichen. Dazu muss die Fähigkeit, sich in andere hinein zu versetzen bereits entwickelt sein, denn eine Lüge funktioniert nur, wenn der andere sie auch glaubt. 

Über die Fähigkeit sich in andere hinein zu versetzen haben wir in einem anderen Beitrag bereits ausführlich geschrieben – dort ist auch ist ein Experiment beschrieben, mit dem man testen kann, ob das Kind in der Lage ist, die Perspektive eines anderen einnehmen. Die Erkenntnis, dass man selbst über einen anderen Wissensstand verfügt, als ein anderer und dies zum eigenen Vorteil ausnutzen kann, ist ein großer Entwicklungsschritt. In der Regel dauert es nach dem Erreichen des Meilensteins der Perspektivübernahme noch ca. 6 Monate, bis das Kind beginnt, die neue „Fähigkeit“ des Manipulieren mittels Lügen begeistert auszuprobieren. 

Ab wann lügen Kleinkinder? 


Ab wann Kinder bewusst Lügen, um sich einen Vorteil zu verschaffen, hat die Forscherin Dr. Victoria Talwar mit zahlreichen Experimenten getestet. Einer der Versuche war wie folgt aufgebaut: Ein Kind bekam die Aufgabe, zu raten, welches Stofftier hinter seinem Rücken liegt. Ein Erwachsener forderte das Kind ausdrücklich auf, nicht hinter sich zu schauen – danach verließ er kurz den Raum. Erwartungsgemäß hielt sich kaum ein Kind an die Aufforderung (während 2/3 der 3-Jährigen noch folgsam waren, schauten sich 80% der 4-Jährigen um). Die Kinder, die heimlich nachgesehen hatten, wurden von dem zurückgekommenen Erwachsenen gefragt, warum sie sich nicht an die Anweisung gehalten haben. Die meisten 3-Jährigen bestritten nicht, geschummelt zu haben, die Mehrzahl der 4-Jährigen hingegen behauptete, sich nicht umgedreht zu haben. Bei den 6-Jährigen logen sogar 95%.

In einem anderen Experiment (Peskien, 1992) wurden Kindern drei Sticker vorgelegt und ihnen gesagt, sie könnten sich den schönsten aussuchen und behalten. Bevor sie allerdings eine Wahl treffen dürften, sei eine Puppe dran, die gemein und gehässig sei und den Kindern am liebsten die Sticker wegschnappt. In Gegenwart der Puppe wurden die Kinder gebeten, zu sagen, welcher Sticker ihnen am besten gefällt. Die Puppe wählte diesen Sticker dann jedes Mal für sich selbst aus. Die 3-jährigen Kinder wurden zunehmend wütender, bei jedem Versuch zeigten sie jedoch wieder arglos auf den für sie schönsten Sticker. Sie versuchten sogar die Puppe körperlich daran zu hindern, den Sticker zu nehmen – auf die Idee, vorsätzlich auf einen anderen Sticker zu zeigen und zu lügen, dass ihnen dieser am besten gefiele, kamen jedoch nur 30% der Kinder in diesem Alter, bei den 4-5-Jährigen waren es deutlich mehr.

Offenbar begreifen also Kinder erst im Alter zwischen 3 und 4 Jahren das Konstrukt der Lüge und beginnen dann damit zu experimentieren und es gezielt einzusetzen. Vierjährige lügen übrigens etwa alle 2 Stunden, Sechsjährige etwa einmal pro Stunde. Studien ergaben außerdem, dass 96% aller Kinder regelmäßig lügen.

Eltern empfinden die ersten Lügen oft als Vertrauensbruch – schließlich konnten sie sich bisher auf die absolute Ehrlichkeit des Kindes verlassen. Plötzlich wird – anfangs auch noch vollkommen plump – gelogen, dass sich die Balken biegen. Das Kind hingegen ist begeistert von der neuen Fähigkeit – schließlich lassen sich so allerlei unangenehme Dinge abwenden, das Kind erkennt schnell den Zweck von Lügen, zunächst ohne sich des moralischen Dilemmas bewusst zu sein. 

Wie geht man am besten mit Lügen von Kindern um? 


Sinnvolle Reaktionen auf Kinder-Lügen sind idealerweise von der wahrscheinlichen Motivation des Lügenden abhängig. Daher sollte man sich immer erst einmal fragen, warum das Kind gerade lügt.

Fantasierereien 


Es ist normal, wenn das Kind seine neuerworbene Fähigkeit ausgiebig testet – daher ist zunächst Geduld angebracht und ein möglichst unaufgeregtes Entlarven. Zwischen 3 und 6 Jahren sind Kinder in der magischen Phase – es fällt ihnen schwer, Realität und Fantasie auseinander zu halten – es ist gut möglich, dass sie tatsächlich glauben, ein Ritter habe es unmöglich gemacht, das Zimmer aufzuräumen oder es sei gerade ein Einhorn im Garten vorbei gelaufen. Geschichten werden erfunden, Ereignisse durcheinander gebracht. 

Kind mit Einhorn

Den Fantasiellügen fehlt oft ein Motiv, sie werden meist aus reiner Freude am Fantasieren zusammengesponnen. Manchmal möchte das Kind auch einfach nur etwas Aufmerksamkeit - es ist vollkommen unschädlich zu signalisieren, dass man eigentlich nicht glaubt, was erzählt wird. Aber ein bisschen mitzufantasieren macht Spaß und das Kind glücklich. Das Wort "Lüge" sollte im Zusammenhang mit Fantasie nicht fallen.

Lügen zur Vermeidung von Strafe/aus Scham 


Wenn das Kind lügt, um Strafen zu vermeiden, sollte man sich fragen, ob die eigene Reaktion auf die kleineren oder größeren Vergehen allgemein angemessen ist. Je mehr ein Kind die elterliche Reaktion fürchtet, desto wahrscheinlicher ist es, dass es das Instrument der Lüge häufiger nutzt, um diese abzuwenden. Geduld zu haben bei der Erziehung von Kleinkindern ist eine große Herausforderung – sie zu bewahren ist jedoch unsere größte Unterstützung dabei. Ein Kind, das schon zehnmal angeherrscht wurde, weil es aus Ungeschicklichkeit gekleckert, gekrümelt oder gematscht hat, wird – sobald es begriffen hat, dass man Nichtbeteiligtsein vortäuschen kann – versuchen, seine Tat zu leugnen um einer unfreundlichen Ansprache zu entgehen.

Grundsätzlich wird ein Kind, das in einer offenen Atmosphäre ohne sinnlose Strafen und mit viel Geduld aufwächst, weniger Motive haben zu lügen. Das heißt natürlich nicht, dass jedwedes Fehlverhalten konsequenzfrei bleiben soll – Kinder müssen durchaus lernen, für ihre Fehler einzustehen. Es geht vielmehr um die Vermeidung von Strafen aus dem Affekt, weil man sich gerade so ärgert – zudem man dann dazu neigt, übertrieben strenge Strafen aufzuerlegen oder gar undurchführbare, was auf Dauer zu Muttertaubheit führt (kein Kind nimmt ab dem zweiten Mal „Dir gebe ich nie wieder ein Eis, wenn Du immer damit kleckerst“ ernst).

Zur Vermeidung übertriebener Reaktionen kann man sich vornehmen, „Strafen“ nie sofort auszusprechen und den Fokus auf die eigenen Gefühle zu legen. Statt „Oh nein - die Vase ist zerbrochen – heute gibt es keinen Sandmann“ kann man es fürs erste bei „Oh nein – die Vase ist kaputt – das macht mich traurig, weil ich sie sehr mochte“ belassen. Danach kann man nach der Ursache schauen – war es Vorsatz, kann überlegt werden, wie man damit umgeht (wobei man sich zunächst fragen sollte, warum das Kind das getan hat). In den meisten Fällen ist die Ursache reine Ungeschicklichkeit – diese ist jedoch (leider) nicht "aberziehbar". In solchen Fällen bietet sich das Konzept der Wiedergutmachung an – Kinder sollten das Gefühl haben, dass Dinge, die sie angestellt haben, stets wieder gutgemacht werden können. Dadurch wird die Angst vor dem Zugeben einer Missetat schon minimiert. Hilfreich dabei ist es, die Kinder dabei einzubeziehen, eine Lösung zu finden - sie sind dabei oft erstaunlich kreativ. Statt also sofort rigoros zu strafen, frag Dein Kind doch einfach mal: "Was denkst Du, sollten wir nun tun?"
 

Verleugnung 


Kinder können Zusammenhänge oft noch nicht vollständig überblicken. Dass dem „Mama, Erik hat an meinen Haaren gezogen“ ein Streit um den Buddeleimer voranging, ist schnell vergessen – wenn Mama dann nachfragt: „Warum hat er das denn gemacht?“, ist die Antwort „Weiß nicht – ich habe nichts gemacht“ im Grunde eine Lüge, aber das Kind empfindet es nicht als solche, weil es tatsächlich schon vergessen hat, was passiert ist und nur noch das Haare ziehen in Erinnerung hat.

Wenn man das Gefühl hat, dass das Kind tatsächlich das Gefühl hat, die Wahrheit zu sagen, ist es nicht zielführend, die Situation detektivisch auseinander zu nehmen um die Lüge zu enttarnen oder zu beweisen - das würde das Kind verwirren und sein Verständnis des Konstrukts "Lüge" beeinträchtigen. 

Lügen um Anzugeben und zu Prahlen 


Ursache für Prahlereien kann ein geringes Selbstbewusstsein sein - manchmal fühlt sich das Kind nicht angenommen und hat das Gefühl hat, dass es Dinge erfinden/übertreiben muss, um mit anderen mitzuhalten. Meistens jedoch sind die Prahlereien so abstrus ("Mein Vater ist Astronaut!"), dass sie eher in die Kategorie "Fantasierereien" fallen. Gerade bei Jungen vermischen sich die Fantasien gerne mit Angeberei - das hingegen ist eine ganz normale Kleinkindphase, die keinen Schluss auf das Selbstbewusstsein zulässt. 

Gute Lügen, schlechte Lügen 


Der Umgang mit dem Lügen ist diffiziler, als es auf den ersten Blick den Anschein hat. Wir sollten uns zunächst bewusst machen, dass auch die Erwachsenenwelt voller Lügen ist. Schon Nietzsche sagte "Die Menschen lügen unsäglich oft" – daher ist es schwierig, dem Kind gegenüber pauschal das Lügen zu kritisieren. Spätestens, wenn die Oma zum Geburtstag wieder einmal ein scheußliches Kleidungsstück verschenkt, sind wir über kleine Flunkereien unserer Kinder wie „Oh wie schön, danke“ durchaus dankbar.

Kind beißt sich auch die Hand

Um deutlich zu machen, dass die Wahrheit in der Familie wichtig ist, weil man so eine Atmosphäre des "Sich-aufeinander-verlassen-Könnens" geschaffen wird, kann man beispielsweise mal das Lügen-Spiel spielen - für einen bestimmten Zeitraum (eine Stunde) darf jeder lügen, so viel er möchte - Kinder werden bald feststellen, wie wichtig eine Unterscheidung in wahr und unwahr ist.

Grundsätzlich ist es nicht sinnvoll, das Erziehungsziel "Wir sagen nur die Wahrheit" zu formulieren, sondern dem Kind beizubringen, wann es sinnvoll ist, auch mal zu kleineren Notlügen zu greifen. Zudem "nur die Wahrheit" auch nicht immer erstrebenswert ist - wer hat schon auf die gut von allen hörbaren Frage seines 3-jährigen Kindes "Mama, warum riecht die Frau so komisch?" entspannt geantwortet: "Gut, dass Du fragst - ganz offenbar weil sie sich nicht gründlich gewaschen hat" :-)?

Der generelle Anspruch "Bei uns wird nicht gelogen" ist auch deswegen unglaubwürdig, weil auch die Eltern gelegentlich lügen (müssen) und die Kinder sie dabei beobachten (sich am Telefon verleugnen lassen oder "Welch ein tolles Geschenk" der Oma versichernd und Tage später dem Papa gegenüber die Unnützlichkeit der Sache erwähnend). Erwachsene benutzen täglich so viele kleine Lügen, dass ihnen das oft gar nicht mehr bewusst ist. Unser Schuldbewusstsein erfasst Not- und Höflichkeitslügen gar nicht mehr als solche - Kinder erkennen sie jedoch sofort - als reine Lüge. Differenzierungen nehmen sie dabei noch nicht vor, so dass "wir lügen nicht" für sie ein Widerspruch zum elterlichen Verhalten ist.

Ziel der Erziehung sollte es sein, dem Kind verständlich zu machen, wo Notlügen erlaubt sind, wo Höflichkeitslügen angebracht sind und wann es sonst sinnvoll sein kann, auch mal nicht die Wahrheit zu sagen. Lügen sollte dann "erlaubt" sein, wenn die Gefühle anderer sonst verletzt würden – doch dieses Prinzip verstehen Kinder erst mit etwa 6 Jahren – bis dahin sagen sie meist schonungslos die Wahrheit. Man sollte dem Kind jedoch schon vorher vor Augen führen, wie sich andere Menschen fühlen, wenn man über sie  unangenehme Dinge sagt. 

Um die Differenzierung der Lügen für die Kinder einfacher zu machen, kann man sie in schwarze und weiße Lügen einteilen. Weiße Lügen sind Fantastereien und Flunkereien - sie sind erlaubt. Notlügen und Höflichkeitslügen fallen ebenfalls in diese Kategorie, weil sie die Gefühle anderer schützen. Weiße Lügen schaden nicht - sie nutzen. Schwarze Lügen hingegen dienen allein dem Vorteil des Lügenden oder dem Verschleiern. Wichtig ist es auch, deutlich zu machen, wann es immer angebracht ist, die Wahrheit zu sagen (Missbrauchsprävention).

Es gibt einige schöne Bücher, die den Kindern solche Unterschiede verdeutlichen und anhand von Alltagssituationen das Lügen und dessen Auswirkungen erklären:

 
Kinder müssen im Grunde lügen lernen, um in der Gesellschaft zu bestehen. Kein Chef wird erfreut sein, wenn sein (in der Kindheit zu 100% Ehrlichkeit erzogener) Mitarbeiter auf "Guten Morgen, wie geht es ihnen? Wann können wir denn mit der Fertigstellung des Projektes rechnen?" antwortet: "Guten Morgen? Für mich war das kein guter Morgen - ich habe nicht ausgeschlafen, dann ist das Auto nicht angesprungen und die Kinder haben beim Abgeben in der Kita geweint. Im Grunde bin ich so gestresst, dass mir das Projekt gerade vollkommen egal ist und ich eigentlich nur noch meine Ruhe haben will. Bei meinem bescheidenen Gehalt finde ich den Zeitdruck, der da erzeugt wird, unangemessen. Aber danke der Nachfrage!"

© Danielle 

Klosinski, Gunther: Tarnen Täuschen Lügen – Zwischen Lust und Last, Narr Francke Attempto Verlag GmbH + Co KG

Krüger, Raúl Gaston: "Hilfe mein Kind lügt ständig rum!" Warum Kinder ständig lügen und was es damit auf sich hat, Essay, Grin