Die Erziehung unserer Eltern und Großeltern - Stillen

Die Erziehung unserer Großeltern und Eltern - Teil 2


Großeltern 


Zu Zeiten unserer Großeltern wurde das Stillen geradezu als heilige Mutterpflicht deklariert, die sicherstellte, dass der Staat gut gedeihendes, starkes und gesundes "Kanonenfutter" erhielt. Die deutsche Mutter war nur eine Mutter zweiter Klasse, wenn sie nicht stillte und riskierte damit laut Autorin Haarer nicht nur egoistischer Weise den Tod ihres Säuglings, sondern auch die Stillfähigkeit kommender Generationen deutscher Mütter:
Altes Bild Mutter mit Baby"Deutsche Mutter, du musst dein Kind stillen! [...] wenn du stillst, tust du nicht nur deine Schuldigkeit deinem Kinde gegenüber, sondern erfüllst auch eine rassische Pflicht. Die Stillfähigkeit gehört zu den wertvollen Erbanlagen. Stillen die Frauen einer Familie in mehreren aufeinanderfolgenden Generationen nicht, so kann die Stillfähigkeit in dieser Familie entscheidend geschwächt werden oder endgültig verloren gehen. Bedenke also die Verantwortung, die du deinen ferneren Nachkommen, ja deinem Volke und seiner Zukunft gegenüber trägst (Haarer, 1939: 114). 
Nie wird es gelingen, die mütterliche Milch nachzuahmen, sie auch nur annähernd vollwertig zu ersetzen. Stets im richtigen Wärmegrad, stets einwandfrei sauber und frei von allen gefährlichen Verunreinigungen steht sie für dein Kind bereit. Alle Stoffe, die es braucht, enthält sie im richtigen Maß - sowohl die einfachen und chemisch fassbaren Nährstoffe, wie auch die feineren und weniger bekannten Substanzen, die das kleine hilflose Kind widerstandsfähiger machen gegen die Gefahren der Umwelt. Sicher und zuverlässig ist sein gedeihen, sein Aussehen frisch, ruhig und tief sein Schlaf. Es ist einfach sauber zu halten als das künstlich genährte Kind, es neigt weniger zu Wundsein und zu allen anderen, das frühste Lebensalter bedrohenden Erkrankungen. [...] Erkranken doch Flaschenkinder 10 mal häufiger als an der Brust ernährte, und unter 6 verstorbenen Säuglingen ist nur 1 Brustkind zu finden! [...] Es kann daher ohne alle Übertreibung mit Fug und Recht gesagt werden: Wer sein Kind künstlich mit der Flasche ernährt, setzt immer sein Leben aufs Spiel. Die Tatsache, dass es Flaschenkinder gibt, die bei sorgfältiger Pflege gedeihen, widerlegt diesen Satz keineswegs. Wir wissen vor allem im vorhinein niemals, ob gerade unser Kind zu diesen gehören wird oder nicht vielmehr zu jenen, die die unnatürliche Ernährung schließlich früher oder später mit dem Leben bezahlen müssen"(vgl. ebd., 1939: 114f).
Mit großer Wahrscheinlichkeit hatten unsere Großmütter jedoch zunächst einmal mit massiven Stillschwierigkeiten zu kämpfen, denn nach der Geburt wurden Mutter und Kind erst einmal für 24 Stunden getrennt, damit die Mutter sich von der Geburt erholen konnte. Leider wurde so der günstigste Zeitpunkt für einen entspannten Stillstart verpasst: ca. 20 Minuten nach der Geburt ist der Saugreflex der Neugeborenen besonders stark und sie fangen an, ununterbrochen an der mütterlichen Brustwarze zu lecken. Dies wiederum regt die Milchbildung an und es kommt zu einer Ausschüttung von Prolaktin und Oxytocin, welche Grundlage für die Bereitschaft der Mutter bilden, sich an ihr Kind zu binden. Klaus und Kennell schreiben, dass mit der Auslösung des erhöhten Prolatkin-Produktion durch das Lecken, Saugen und der Berührung der Brust durch die kindliche Hand ein bemerkenswert wirksamer, zum Überleben beitragender Mechanismus durch das Neugeborene angeregt wird (Klaus, Kennell 1987: 118). Die Natur ist doch phänomenal, oder?

Leider pfuscht der Mensch in seiner Unwissenheit gerne mal dazwischen und so war es eben auch in den 30er und 40er Jahren. Nicht nur der Stillbeginn wurde verzögert und damit erschwert, nein, hinzu kamen noch viel zu starre Regeln an die sich Mutter und Kind zu halten hatten, damit das Kind auch ja von Anfang an richtig und zu unbedingtem Gehorsam "erzogen" wurde.

Haarer schreibt ihren Leserinnen folgende Grundregeln vor:

"1. Das Kind bekommt zu jeder Mahlzeit nur eine Brust [...]. Grund: Die einzelne Brustdrüse muss bei jedem Stillen völlig entleert werden. Nur auf diese Weise wird eine ausreichende Milchbildung erzielt und die Stillfähigkeit erhalten. Wird diese Regel nicht beachtet und das Kind bekommt beide Brüste zu jeder Mahlzeit, so gewöhnt es sich leicht daran, oberflächlich und faul zu saugen. 
2. Das Kind soll nie länger als 20 Minuten trinken. Man stille daher anfangs nicht ohne Uhr. [...] Wird das Kind länger an der Brust gelassen, so gewöhnt es sich daran, nur zu lutschen ohne zu saugen. Es "bummelt" an der Brust.
3. Zwischen den Mahlzeiten müssen unter allen Umständen regelmäßige und ausreichende Pausen eingehalten werden. Diese Pausen betragen 3, wenn möglich und besonders beim älteren Säugling 4 Stunden. Solange braucht nämlich der Magen des Kindes, um die Milch zu verdauen und sie in den Darm zu entleeren. Öfter Anlegen führt leicht zu Verdauungsstörungen des Säuglings.
4. Alle Tage wird zu den selben Zeiten gestillt. Nach diesen Zeiten richtet sich der ganze Tagesablauf der jungen Mutter. Alle anderen Tätigkeiten müssen sich diesem Plane einordnen. Erster Plan für 5 Mahlzeiten: Wir stillen um 6, 10, 14, 18 und 22 Uhr. [..] Nachtruhe 8 Stunden. Zweiter Plan für 6 Mahlzeiten: Wir stillen um 6, 9.30, 13, 16, 19 und 22 Uhr.
5. Außerhalb der regelmäßigen Trinkzeiten gibt es keinen Grund, das Kind an die Brust zu nehmen! Die meisten Mütter sind versucht, diese Regel zu übertreten, wenn ihr Kind schreit. Dem muss aber auf andere Weise abgeholfen werden [...]. Bedenke immer: Mit deinem richtigen Verhalten  in dieser ganz entscheidenden Frage steht und fällt die richtige Pflege und Aufzucht deines Kindes! Die regelmäßig eingehaltenen, täglich gleich pünktlichen Mahlzeiten sind der entscheidende Beginn in der Erziehung deines Kindes" (vgl. Haarer, 1939: 119ff).
Spannend finde ich, dass schon hier das Ammenmärchen verbreitet wurde, der kindliche Magen brauche mindestens vier Stunden Ruhe, um die Milch zu verdauen. Ich dachte immer, das wäre erst in den 70er Jahren propagiert worden, weil die künstliche Milch, die damals vorwiegend gegeben wurde, tatsächlich schwerer zu verdauen war, als Muttermilch. Was mir beim Lesen der Haarer-Regeln ebenfalls stark auffällt, ist die permanente Zuschreibung schlechter oder böser Eigenschaften dem Baby gegenüber. Es soll sich ja nicht daran gewöhnen, "faul" zu saugen, zu "lutschen" oder zu "bummeln" sondern muss sofort nach der Geburt dazu "erzogen" werden, als ginge von dem Neugeborenen die Gefahr aus, das wohl geordnete deutsche Reich wie Sodom und Gomorrah der Sünde anheim fallen zu lassen.

So schreibt sie denn auch etwas später noch einmal etwas nachdrücklicher:


"[...] kürzer als [drei Stunden] soll die Nahrungspause im allgemeinen nicht sein, wenn nicht besondere Verhältnisse vorliegen, und man lasse sich auf gar keinen Fall verleiten, unregelmäßige Zwischenmahlzeiten zu geben. Diese stoßen rasch den ganzen geregelten Tagesablauf des Säuglings, die Grundlage jeder vernünftigen Kinderpflege, um. In diesem Falle hilft man dem Kinde durch leichte Getränke, die nicht nähren sollen, auf die nächste Mahlzeit zu warten. Man gibt hier dünne Tees von Kamillen oder Fenchel. Vom vierten Monat kann man rohe Frucht- oder Gemüsesäfte geben. [...] Wir geben auf keinen Fall die Mahlzeit früher, sonst lernt das Kind sehr rasch, dies durch Schreien immer wieder zu erzwingen, und sein geregelter Tagesablauf ist abermals in Gefahr" (vgl. ebd, 139: 168).

Was ein Kind fühlt, wenn es hungern gelassen wird - und dann allein gelassen wird beim nachdrücklichen Weinen um Nahrung und Geborgenheit - kann man natürlich nur vermuten. Stern (1991) versucht es, indem er schreibt:
"Hunger ist eine überwältigende Erfahrung [...]. Er rast durch das Nervensystem eines Säuglings wie ein Orkan, unterbricht alles, was vorher war [...]. Solange das Hungergefühl noch schwach ist, führt es zu einer allgemeinen Gereiztheit, die alles betrifft: Bewegungen, Atem, Aufmerksamkeit, Gefühl, Erregung, Wahrnehmungen. Für das Baby wird der Hunger allmählich zu einer globalen Störung, es verändert sich alles. Die ganze Welt erscheint mit dem wachsenden Hungerschmerz - es ist ein Schmerz, der dem Baby zugefügt wird - zunehmend chaotisch und schließlich bindungslos und fetzenhaft. Das Baby schreit, und allmählich fällt die Koordination von Atmung, Schreien sowie Arm- und Beinbewegung auseinander, immer häufiger bekommt es keine Luft mehr. Schließlich ist das Baby in seinem Befinden tiefgreifend erschüttert, und die Welt ist ihm zerfallen" (Stern, 1991: 38ff).

Ganz übel ergeht es Kindern ab dem 6. Monat in der Zeit des Nationalsozialismus, wenn es auf irgend eine Art nicht kooperiert, den Mund nicht öffnet oder den Kopf abwendet oder die Flasche verweigert:
"...] beharrt das Kind trotzdem auf seinem Widerstand, so vergesse die Mutter nicht, dass auch hier Hunger der beste Koch ist. Man quäle sich mit einer Mahlzeit nicht zu lange ab und warte unerbittlich bis zur nächsten Fütterungszeit. Es gilt oft nur einen einmaligen Widerstand zu brechen"(vgl. Haarer, 1939: 192).
So kommt es, wie Chamberlain ausführt, fast unweigerlich dazu, dass das Kind, welches zwischen den festgelegten Essenszeiten vor Hunger lange schreien muss, das Vertrauen in sich selbst, seine Mutter und die Welt verliert, da das, was es als genetisches Programm zur Verfügung hat, um auf seine Bedürfnisse aufmerksam zu machen, sich immer und immer wieder als nicht funktionierend erweist. Es bewirkt durch seine Aktion keinerlei angemessene Reaktion seiner Umwelt. Kommt es dann endlich zum Stillen, muss es hektisch und schnell die verfügbare Milch in sich einsaugen und kann sich nicht auf eine Interaktion mit seiner Mutter (die wichtig ist für die Mutter-Kind-Bindung) einlassen, denn das Überleben/ Hungerstillen geht selbstverständlich vor (vgl. Chamberlain, 2010: 69f). 

Eltern 


Unsere Eltern haben die Stillregeln der Vorgeneration zunächst fast 1:1 übernommen. In Haarers Buch von 1973 findet man dieselben Stillregeln, die sie schon 1939 aufstellte. Allenfalls wurden sie für das Ohr des geneigten Lesers etwas seichter formuliert, inhaltlich blieb jedoch bestehen, dass das Kind nur auf einer Seite angelegt werden sollte pro 20 minütiger Mahlzeit, dass in regelmäßigen, vierstündigen Abständen und jeden Tag immer zu den gleichen Uhrzeiten gestillt werden sollte und unbedingt eine achtstündige Nachtpause eingehalten werden musste. Immerhin schreibt sie über ihre Stillregeln den Merksatz "Das Stillen ist wichtiger als die Stillregeln" und gibt so den Müttern der neuen Generation die Absolution, bei Stillschwierigkeiten von den Regeln abzuweichen (vgl. Haarer, 1973: 157).

Auch in dem  weit verbreiteten und viel gelesenen Buch "Mutter und Kind" von Dr. med. Hannah Uflacker findet man noch 1965 die Weisheit:
"Die für Mutter und Kind so notwendige Ruhe am ersten Lebenstag dadurch zu unterbrechen, dass man die ersten Stillversuche unternimmt, ist nicht ratsam. In den ersten 24 Stunden soll das Kind auch deshalb keinerlei Nahrung zu sich nehmen, da sich Magen und Darm erst auf die veränderten Lebensverhältnisse umstellen müssen. Es genügt, wenn man dem Kind, falls es unruhig wird und schreit, einige Teelöffel Kamillen- oder Fencheltee anbietet" (Uflacker, 1965:85).
Das klingt natürlich erst einmal logisch, zumal es aus der Feder einer Kinderärztin stammt und ja auch schon seit Jahren so durchgeführt wurde. Denkt man aber einmal genauer darüber nach stellt sich zumindest die Frage, warum die von der Natur vorgesehene und bereitgestellte Milch (Vormilch) nun für den Darm schwieriger zu verdauen sein soll, als Kamillen- oder Fencheltee. Kaum eine junge Mutter wird sich da jedoch auf ihren Instinkt verlassen haben, wenn ringsherum so viele gebildete Menschen das Gegenteil behaupten. Ich hätte das ganz sicher auch nicht.

In Haarers Buch von 1973 bahnt sich im Hinblick auf den Stillbeginn ein leiser Wandel an:
"Einige Stunden nach der Geburt nehmen Sie das Kind zum ersten Mal an die Brust. Dabei richtet man sich Ihrem Befinden, auch nach dem Ergehen des Babys. Früher hat man die Babys nach der Geburt viele Stunden fasten lassen. [...] Es ist erwiesen, dass das Kind weniger abnimmt und dass die Milchbildung besser in Gang kommt, wenn das Kind bald an die Brust genommen wird. Das ist so simpel und einleuchtend, dass es eigentlich nicht erst eigens betont werden müsste" (Haarer, 1973: 155).

Etwas resigniert stellt aber auch Haarer ein paar Sätze weiter fest:
"Wenn Sie ihr Baby in einer Klinik bekommen haben, wird Ihnen nichts weiter übrig bleiben, als sich der dort geltenden Ordnung zu fügen" (vgl. ebd.).
Die Regeln im Krankenhaus waren bis zur Einführung des Rooming-In, das ich in Teil 1 der Reihe "Die Erziehung unserer Großeltern und Eltern" kurz angesprochen habe, weiterhin von alten Zeiten geprägt. Die Kinder wurden den Müttern alle vier Stunden zum Stillen gereicht und in der Zwischenzeit entweder schreien gelassen oder mit Tee oder einer Glukoselösung gefüttert. Nach 20 Minuten wurden die Kinder wieder abgeholt, um den Müttern Erholung zu verschaffen. Hatten die Neugeborenen es in dieser Zeit nicht geschafft, zu trinken, weil sie vielleicht gerade müde waren oder die frischgebackene Mama die Zeit genutzt hatte, ausgiebig mit ihrem Baby zu kuscheln und es liebevoll zu betrachten, wurde das Kind auch ungestillt wieder mitgenommen - und ihm dann später Tee, Glukoselösung oder später künstliche Milch im Kinderzimmer zu verabreichen. Zusätzlich Druck bauten die regelmäßigen Stillproben auf. Die Säuglinge wurden vor und nach dem Stillen von den Schwestern gewogen und es wurde penibel festgehalten, wie viel es getrunken hatte. War das nicht genug oder nahm das Kind gar ab, wurde ganz selbstverständlich  zugefüttert.  So wurde einer guten Stillbeziehung also noch bis in die 70er Jahre (unwissentlich) entgegengewirkt. Denn je öfter zugefüttert wurde, desto schwerer kam die Milchbildung in Gang und desto weniger trank das Kind an der Brust. Trank es aber wenig an der Brust, wurde abermals zugefüttert... ein Teufelskreis.

Erst mit Einführung des Rooming-In bzw. des Teil-Rooming-In veränderte sich dieser starre Rhythmus. Mütter, die schon im Krankenhaus ihre Kinder zumindest tagsüber bei sich hatten, folgten leichter ihrem Instinkt und legten ihre Kinder auch zwischendurch an, wenn es nach der Brust suchte.
Schon 1965 lässt Autorin Uflacker anklingen, dass es in anderen Ländern eine Gegenbewegung zu den starren Stillzeiten gab:
"Im Ausland, vor allem in Amerika, ist man von diesem strengen Nahrungschema in den letzten Jahren abgerückt und hat den Säugling nur dann angelegt, wenn er sich von selbst meldete" (vgl. Huflacker, 1965:108).
Sie relativiert diese Neuerung aber sofort, indem sie im nächsten Satz steif und fest behauptet:
"Es hat sich bei solchem Vorgehen herausgestellt, dass sich das Kind selbst eine feste Ordnung in Bezug auf seine Nahrungsaufnahme schafft, die dem angegebenen Schema ungefähr entspricht" (vgl. ebd.).
Seit Mitte der 80er Jahre setzte sich das Stillen nach Bedarf immer weiter durch, so dass schon einige der heutigen jungen Mütter in den Genuss gekommen sind, nicht nach der Uhr gestillt worden zu sein. Hand-in-Hand ging diese Stillen-nach-Bedarf-Bewegung einher mit dem Schlafen im Familienbett, auf das ich im vorhergehenden Artikel bereits eingegangen bin. Als vorbildlich in dieser Hinsicht werte ich das DDR-Buch "Ein Kind wird erwartet" von Heinrich Brückner. Eigentlich ein Buch über die Schwangerschaft, geht es aber in den letzten Kapiteln ausführlich auf das Stillen ein. Brückner schreibt:
"Erstes Anlegen - 20-30 Minuten nach der Geburt. Das wäre also gleich im Kreißsaal. Wenn Mutter und Kind versorgt sind, wieder sauber und warm verpackt sich nach den Anstrengungen der Geburt etwas erholt haben, dann ist die günstigste Zeit zum Anlegen. Der Saugreflex des Neugeborenen ist jetzt so kräftig, wie erst etwa 40 Stunden später wieder" (Brückner, 1989:163).
Auch in der Frage der Häufigkeit des Anlegens vertritt Brückner modernere Ansichten:
"Wie oft soll man anlegen? Hier hat unser Neuankömmling, der ja als kleiner Partner verstanden und ernst genommen werden will, schon ein gewichtiges Wort mitzusprechen: Wenn er "sucht", unruhig wird oder schreit, will er gestillt werden. [...] Jedenfalls können sich in der ersten Zeit Abstände von 2 bis 3 Stunden ergeben. Sie werden aber je nach Körpergewicht rasch größer, wenn die Mahlzeiten mit Ingangkommen der Milchbildung größer werden. Dann gibt es bald 3- bis 4-Stunden Abstände" (vgl. Brückner, 1989: 166).

Die Frage nach der achtstündigen Nachtpause wird in den Ratgebern unserer Müttergeneration unterschiedlich gehandhabt. Uflacker schreibt noch 1965:
"Zu Beginn des Stillens ist es oft schwierig, zu erreichen, dass der Säugling die achtstündige Nahrungspause einhält. Meist wird er um 2 Uhr nachts wach und schreit, da er an den vierstündigen Nahrungsrhythmus gewöhnt ist. Wenn es sich um ein kräftiges Kind handelt, ist es das beste, es schreien zu lassen.. [...] In den ersten Lebenswochen kann man die letzte Mahlzeit etwas später, um 23 Uhr, und die erste früher, zwischen 4 und 5 Uhr morgens, geben. Allmählich rückt man beide Mahlzeiten auseinander bis zum normalen Zeitpunkt" (Uflacker, 1965: 108).
Spannend finde ich hier, dass sie wirklich nur die ersten Wochen im Leben des Neugeborenen meint. Nur dann ist eine solche Verkürzung der Nachtpause nach Meinung der Autorin zulässig. Später (oder bei von Anfang an kräftigen Neugeborenen) hält sie es für richtig, das Kind schreien zu lassen, damit es sich daran gewöhnt, dass die Nacht zum Schlafen gedacht ist. Verzweifelten Eltern, die es auch mit der Verkürzung der Nachtpause durch das Verschieben der letzten und ersten Mahlzeit nicht schaffen, ihr Kind nachts ohne Stillen zu beruhigen, rät sie allen Ernstes:
"Kommt man auf solche Weise nicht zum Ziel, so darf auf ärztliche Verordnung abends im Anschluss an die letzte Mahlzeit ein leichtes Beruhigungsmittel gegeben werden" (vgl. ebd.).
Bei Haarer klingt das 1973 Gott sei Dank schon ein wenig anders:
"Wenn die Milch ausreicht und das Kind gut gedeiht, wird eine achtstündige Nachtpause eingehalten. [...] Viele Babys halten aber anfangs nachts nicht durch. Sie schreien zu einer bestimmten Zeit und gedeihen nicht recht. [...] Wenn das Baby nicht zunimmt, dann stillen sie ruhig auch nachts! Das ist viel weniger aufreibend, als wenn man wachliegt und das Geschrei anhören muss. [...] Wird das Baby älter und kräftiger, dann hält es länger durch und schließlich haben auch Sie ungestörte Nächte. Fürchten Sie sich nicht davor, ihr Baby zu verwöhnen! Allzu starre Konsequenz und Härte sind bestimmt auch nicht gut. Die Psychologen betonen, dass dies zu langdauernden seelischen Schäden führen kann" (Haarer, 1973: 159).
Brückner vertritt in seinem Buch von 1989 wieder die kindgerechteste Haltung dem nächtlichen Trinken gegenüber. Wenn sich das Kind nachts ein- oder mehrmals meldet, rät er:
"Man kann ihn [den Säugling] [...] zu sich ins Bett nehmen, um die Brust zu geben - ohne überhaupt aufzustehen. Es gibt ja keinerlei Vorbereitung und Zubereitung wie bei der Flaschennahrung. Das macht die Angelegenheit so denkbar einfach. Aber legen Sie das Kind danach wieder ins Körbchen zurück. So bleibt mehr erholsame Nachruhe gewahrt, als wenn man "prinzipienfest" und verbissen auf das Schreien hört, den jungen Säugling vielleicht sogar in ein anderes Zimmer stellt, doch dabei eben auch nicht schläft. Schreienlassen ist quälend und sinnlos für Kind und Eltern" (Brückner; 1989: 168).

Künstliche Säuglingsnahrung versus Stillen 


Bei meinen Recherchen zu dem Thema hatte ich eigentlich erwartet, zumindest in der Zeit unserer Eltern viel mehr zu den Vorteilen einer Ernährung mit künstlicher Milch zu lesen. Das tat ich aber nicht. Durchgehend in allen Büchern wird das Stillen als beste Option für das Kind dargestellt. Nur in Luther Emmet Holts Buch "The care and feeding of children" von 1894 wird klar propagiert, dass Körperkontakt zwischen Mutter und Kind unverteilhaft und deshalb Flaschenfütterung dem Stillen vorzuziehen sei. Da Holt ein namenhafter Paedriatiker war, wurde sein Buch in den USA schnell zum Bestseller. Doch schon bald kehrte sich die Sicht auf das Stillen  wieder um. In Deutschland las man bei Haarer bereits 1934, in den USA dann ab 1946 bei Benjamin Spock ("Säuglings- und Kinderpflege") erneut von den Vorteilen des natürlichen Stillens - den Müttern wurde von allen Seiten dazu geraten. Wie kam es dann aber dazu, dass unsere Eltern uns oft nur so kurz oder gar nicht stillten?

Der Beginn der Stillens ist eigentlich der wichtigste Schritt zu einer guten Stillbeziehung. Wie ich in diesem Artikel dargestellt habe, war das in den 70er Jahren noch mit großen Schwierigkeiten verbunden. Waren die Kinder nicht bei ihren Müttern untergebracht, sondern wurden im Vierstundenrhythmus zum Stillen gereicht, verzögerte sich oft der Milcheinschuss und die Kinder lernten nicht, ihrem natürlichen Hungergefühl zu folgen. Das obligatorische Wiegen vor und nach den Stillmahlzeiten tat ein Übriges, denn bei Nichteinhaltung der Norm wurden die Kinder schnell zugefüttert. In diesem Zustand wurden die Mütter dann oft nach Hause entlassen - eine Stillbeziehung hatte sich noch nicht aufgebaut und der Hauptaugenmerk wurde auf die Zunahme an Gewicht beim Kind gelegt, nicht darauf, ob es zufrieden und agil wirkt. Dass bei Schwierigkeiten dann schnell zur Flasche gegriffen wurde, ist nicht verwunderlich und nur menschlich. Stillen ist - gerade am Anfang - schwer und es hält vermutlich nur durch, wer absolut von den Vorteilen überzeugt ist.

Ganz so überzeugt waren aber die Eltern unserer Müttergeneration nicht: Als wichtigen Punkt für das frühe Abstillen wurde mir von Zeitzeugen immer wieder genannt, dass Untersuchungen gezeigt hätten, dass die Muttermilch von Umweltgiften belastet gewesen wäre und sie ihren Kindern dann lieber die unbelastete künstliche Milch gegeben hätten. Diese Untersuchungen gab es tatsächlich und die Ergebnisse waren zum Teil erschreckend. Bleirohrleitungen für die Installation von Trinkwasser wurde zum Beispiel bis 1973 für die Installation von Trinkwasser in Wohnhäusern verwendet, so dass ein stark erhöhter Anteil von Blei in Muttermilch gefunden wurde, der sich erst verringerte, als gesetzliche Vorschriften das Verbauen dieser Rohrleitungen verbot und auch bleihaltiges Benzin abgeschafft wurde. Gleichzeitig war es in den 70er Jahren noch gang und gäbe, auch in Schwangerschaft und Stillzeit zu rauchen. Auch diese Gifte gingen in die Muttermilch über. Wer nun nicht aufs Rauchen verzichten wollte, griff vielleicht lieber zur Flasche - dem Kind zuliebe.

Dem Stillen im Weg war ein bisschen auch die Emanzipation der Frau. Noch in den 50er Jahren durften Frauen in Deutschland nicht ohne Erlaubnis ihres Mannes arbeiten und wenn, dann hielt dieser den Lohn ein. Ab den 60er  Jahren wandelte sich endlich die Rolle der Frauen - und diese wollten dann verständlicherweise nicht zurückfallen in alte Muster und sich durch das Stillen abhängig vom Kind machen. Die moderne Frau stillte, wenn überhaupt, kurz, und stieg dann auf Flaschenmilch um, um möglichst schnell wieder arbeiten gehen zu können. Zumindest in der DDR war das sogar im Sinne der Regierung: Weibliche Arbeitskräfte wurden dringend gebraucht, nach den 8 Wochen Mutterschutz (in denen meist gestillt wurde), kam das Kind in die Krippe und wurde mit künstlicher Kindernahrung gefüttert.

Zu guter Letzt unterstützten Ammenmärchen den Wunsch der Frauen, früh abzustillen. Wenn die Mütter zwischen dem 3. und 4. Monat in die erste (normale) Stillkrise geraten, in denen die Kinder für ein paar Tage plötzlich mehr Milch benötigen, als die Brust zunächst bereitstellen kann, wurde schnell von allen Seiten geunkt, das Kind "werde nicht mehr satt", "die Milch sei nicht mehr ausreichend" oder "nahrhaft genug", ab dem 6. Monat wurde allen Ernstes behauptet, die Milch sei jetzt nur noch "wie Wasser" und enthalte keinerlei Nährstoffe mehr. In den (von mir gelesenen) Ratgebern wird das so nicht dargestellt, aber irgendwie breiteten sich diese angeblichen Weisheiten doch in den Köpfen der Erwachsenen aus und wurden unreflektiert von Generation zu Generation weitergegeben. Dass Baby Tee "brauchen" oder schon mit vier Monaten Karottensaft in die Milch bekommen sollen, da sie sonst nicht genügend Vitamine erhalten, wurde unseren Eltern von diversen Ratgebern, Ärzten und Hebammen eingeimpft. Kein Wunder, dass wir heutigen Mütter immer noch ständig von unseren Eltern und Großeltern angehalten werden, dem Kind doch endlich "etwas Vernünftiges" zu füttern! Sie wollen alle nur das Beste für ihre Enkel und Urenkel und wissen eben nicht, dass der Stand der Wissenschaft heute all das eindeutig widerlegt. Versuchen wir uns also nicht über die Ratschläge zu ärgern. Vielmehr sollten wir selbstbewusst und freundlich auf die Empfehlungen der WHO zur Stilldauer verweisen ... oder aber diesen Artikel hier ausdrucken und unseren Altvorderen zu lesen geben. 

Wir 


Heutzutage wird den frischgebackenen Müttern von allen Seiten zum Stillen geraten.  Gab es früher nach der Geburt gleich kostenlose Päckchen mit künstlicher Säuglingsnahrung geschenkt, sind seit die WHO 1981 einen internationalen Kodex zur "Vermarktung von Muttermilchersatzprodukten" verabschiedet hat, jegliche Werbung oder Rabatte verboten. In England, wo ich einige Zeit lebte, bekommt man in einer großen Drogeriekette nicht einmal Bonuspunkte, wenn man Flaschennahrung für Babys kauft, obwohl einem die Punkte sonst wirklich hinterhergeworfen werden.

Die Debatte über Stillen versus Fläschchen hat einen dogmatischen Charakter erhalten, beide Seiten beäugen sich kritisch. Ich frage mich nur, warum? Wir müssen doch kein "gesundes Kanonenfutter" mehr liefern? Es ist nicht mehr unsere "völkische Pflicht" starke, gesunde, reinrassige Töchter und Söhne aufzuziehen. Wir sind frei, individuell zu entscheiden, was für uns als Familie am besten passt. Die Frage, ob die Mama neben uns auf der Bank ihre Brust oder eine Flasche auspackt sollte uns nicht interessieren. Jede Frau kennt heute die vielgepriesenen Vorteile der Muttermilch. Man bekommt sie ja quasi von allen Seiten um die Ohren gehauen. Entscheidet sich also eine Frau bewusst gegen das Stillen oder kommt über eine schwierigen Stillstart trotz bester Hilfe nicht hinweg und stillt deshalb früh ab, ist das eine Entscheidung die niemanden anderes etwas angeht als ebendiese Frau und ihr Baby. Remo H. Largo schreibt zu dieser Problematik:
"Stillen ist für Kind und Mutter erstrebenswert, ist aber nicht die einzige Möglichkeit, einen Säugling zu ernähren. Ein Kind kann mit der Milchflasche vollwertig ernährt werden. Zwischen Mutter und Kind kann eine genauso tiefe Beziehung entstehen wie beim Stillen. Es gibt keine Studie, die überzeugend belegen würde, dass Kinder, die mit der Flasche ernährt werden, sich in ihrem Wachstum und in ihrer Beziehungsfähigkeit von gestillten Kindern unterscheiden" (vgl. Largo, 2004: 362).

Als ich schwanger war, freute ich mich sehr auf das Stillen. Insgeheim war ich immer mit meiner Mutter ein wenig sauer, dass sie mich nur acht Wochen gestillt hatte. Ich bereitete mich nicht aufs Stillen vor, sondern vertraute darauf, dass das Baby und ich schon wissen würden, was zu tun sei. Als sie dann da war, wurde sie mir gleich innerhalb der ersten Stunde im Kreißsaal an die Brust gelegt. Eine freundliche Hebamme half mir dabei, denn meine Tochter war vom Kaiserschnitt noch etwas groggy und schaffte es allein nicht, anzudocken. Als ihr aber meine Brustwarze in den Mund geschoben wurde - holla, die Waldfee - da saugte sie los wie ein kleiner Staubsauger! So ganz optimal war jedoch das Andocken nicht gewesen. Nach der ersten Stillmahlzeit hatte ich an beiden Brustwarzen kleine Blutblasen. Nun ja. Ich wurschtelte mich dann so durch, legte sie irgendwie an, ließ sie an der Brust und sie saugte fröhlich vor sich hin. Ich hatte auch wirklich sehr schnell einen grandiosen Milcheinschuss und sah vorübergehend aus wie Dolly Buster. Das machte das Stillen nicht einfacher, denn nun waren die Brüste so prall, dass meine Tochter beim Andocken immer wieder abrutschte und ich in leichte Panik verfiel, dass wir das mit dem Stillen doch nicht hinbekommen. Hinzu kam, dass mein Kind eine leichte Gelbsucht entwickelte und relativ viel schlief. Wurde sie wach, war sie eigentlich zu matt, um zu trinken. Also musste ich sie an den Füßchen wachkitzeln. Entspannt war das Stillen ganz und gar nicht, zumal ich auch keinerlei Stillpositionen kannte und mir das Kind einfach nach Gutdünken an die Brust legte. Nach zwei Tagen schmerzten meine Brustwarzen so höllisch, dass ich bei jedem Anlegen und den ganzen Stillprozess durchgängig weinte. Meine Kleine trank gut, das war kein Problem, aber diese Schmerzen! Ich hielt sie wirklich kaum aus und fragte mich verzweifelt, wie meine Mutter es überhaupt geschafft hatte, mich ACHT LANGE WOCHEN zu stillen?

In meiner Verzweiflung klingelte ich endlich nach den Schwestern, auch, wenn ich mir irgendwie doof vorkam. Welche Frau weiß nicht, wie man stillt? Es erschien ein Engel - die Stillberaterin meines Krankenhauses. Sie guckte sich meine Brustwarzen an, schmierte etwas Wollfett darauf, legte mir meine Tochter bequem in den Arm, rückte hier ein bisschen, da ein bisschen und dann kam das Andocken. In Erwartung des üblichen Schmerzes schloss ich die Augen ... und öffnete sie überrascht. Kein Schmerz, trotz wunder Brustwarzen. Allein die richtige Stillposition hatte mir immense Abhilfe verschafft!

Dass nicht nur ich nicht intuitiv wusste, wie ich mein Baby stillen soll, erfuhr ich erst später bei der Lektüre von Herbert Renz-Polsters "Kinder verstehen". Er schreibt:
Die "natürliche" Kompetenz in Sachen Stillen scheint [...] nur lose in uns Menschen eingekabelt zu sein. [...] Selbst aus traditionellen afrikanischen Gesellschaften werden Stillprobleme berichtet. [...] Im Vergleich zu den anderen Säugetieren ist Stillen beim Menschen eine komplizierte Sache. Im Tierreich bedient sich der Nachwuchs selbst an den Zitzen [...]. Die Menschenmutter muss die Signale ihres Babys deuten, den richtigen Moment erkennen, es hochnehmen, das Baby in geeigneter Weise "anlegen", das Kind immer wieder umlagern, sein Befinden wahrnehmen und und und... Kurz: Stillen ist ein vielschichtiges, kompliziertes Wechselspiel  mit allen Verwicklungen und Missverständnissen, die dabei entstehen können. [...] Alles spricht also dafür: Stillen ist kein automatisch ablaufender Reflex und auch nichts, was man mit links erledigt. Manche intuitive Zutaten sind vorhanden, aber es braucht mehr als nur Intuition. Stillen muss von Menschenmüttern zu einem guten Teil erlernt werden - und das erklärt, warum es zwischen Babymund und Mutterbrust nicht immer klappt" (vgl. Renz-Polster, 2011: 45ff).
Nach dem ersten Kontakt mit meiner Stillberaterin ging es bei mir und meiner Tochter bergauf. Das Stillen war zwar immer noch nicht leicht und wir fanden ab und zu nicht richtig zueinander. Aber ich musste nie wieder solche Schmerzen erleiden. Die Stillberaterin zeigte mir noch ein paar andere Stillpositionen, die ich unter ihrer Aufsicht und Anleitung ausprobierte. Einige lagen mir, andere fand ich zu unbequem, aber das war alles okay. Ich durfte das annehmen, was ich wollte und anderes verwerfen. Sie nahm mir auch die Angst, das Kind zu überfüttern oder es zu verwöhnen (ja, diese Angst hatte ich tatsächlich in mir!). Ich sollte einfach auf die Signale meines Kindes achten und sie anlegen, wenn sie es wollte und so lange sie wollte. Ob das alle zwei oder vier Stunden war, oder gar schon nach einer Stunde sollte mein Kind allein entscheiden. "Schließlich", machte mich die Stillberaterin darauf aufmerksam, "haben auch wir Erwachsenen nicht immer zur gleichen Zeit Hunger. Und auch nicht immer gleich viel Hunger. Mal essen wir mehr, mal essen wir weniger - das kommt auch darauf an, wie warm es draußen ist, oder was es zur letzten Mahlzeit gab."

Renz-Polster schreibt zu dieser Problematik:
"Vergleicht man die Kulturen der Erde, so schwankt die Häufigkeit, wie oft Kinder gestillt werden, durchschnittlich zwischen alle 15 Minuten und alle sechs Stunden. Selbst in Europa sind die Unterschiede deutlich: Eine Mutter in Kopenhagen stillt im Schnitt 10,5-mal am Tag (das entspricht einer Pause zwischen den Stillmahlzeiten von 2,3 Stunden). Eine Rostockerin dagegen stillt nur 5,7-mal am Tag (was einer Pause von 4,2 Stunden entspricht. [...] - zumindest in unseren Breitengraden gedeihen Säuglinge mit sehr unterschiedlichen Trinkabständen insgesamt gut. Es gibt jedoch Hinweise, dass kleinere, häufigere Mengen auch hierzulande Vorteile haben. So zeigen wissenschaftliche Beobachtungen, dass Säuglinge seltener unter Koliken leiden, wenn sie insgesamt öfter gestillt werden" (vgl. Renz-Polster, 2011: 49f).
Bestens mit Informationen gerüstet und mit einem guten Stillstart verließ ich das Krankenhaus und stillte am Ende volle zwei Jahre. Hätte ich das in der Schwangerschaft gedacht? Nein, auf keinen Fall. Frauen, die schon laufende Kinder stillten, waren mir immer etwas suspekt. Mit meinen eigenen Kindern war das dann aber die natürlichste Sache der Welt.


Ich habe mich allerdings nicht durchgängig toll gefühlt beim Stillen. Gerade am Anfang, als ich ständig auslief, kam ich mir vor wie eine Milchkuh. Oft war ich nachts durch manchmal stündliche Stillwünsche meiner Töchter genervt. Außerdem war mir der Milcheinschuss, den ich mehrmals täglich stark spürte, körperlich ziemlich unangenehm. Aber insgesamt... war es wunderschön und innig und hat mir vor allem auch im Hinblick auf die Bindung stark geholfen. Für mich war Stillen der richtige Weg ... für andere Mütter ist es vielleicht an anderer Weg.

Wie sagt man so schön? - Leben und leben lassen. 

Schlusswort 


Liebe Großeltern!

Babys werden heutzutage nach Bedarf gestillt, das bedeutet, die kleinen Erdenbürger entscheiden selbst, wann sie wie viel essen möchten. Tee, Wasser oder Gemüsesäfte werden nicht mehr zusätzlich gegeben. An besonders heißen Tagen, wenn die Kleinen berechtigt mehr Durst haben, werden sie einfach öfter anleget. Sie trinken dann die durstlöschende Vordermilch und lassen die sättigende, nährende Hintermilch in der Brust. Sie sind ja durstig, nicht hungrig. Die Erfahrungen der letzten Jahre haben gezeigt: Unsere kleinen Wunder wissen, was sie tun. Sie holen sich tatsächlich genau das, was sie brauchen - sofern man sie lässt.  Eine "Überfütterung" mit Muttermilch ist nicht möglich, d. h. kein vollgestilltes Kind wird zu "dick". Sie mögen eine Zeitlang propperer aussehen als Flaschen-Kinder, das verwächst sich aber rasch, wenn sie mobil werden. Muttermilch wird tatsächlich nicht in bösen Fettzellen gespeichert - ist ein ehemals vollgestilltes Kleinkind adipös, lag das nicht am Stillen, sondern an der späteren Ernährung. Vielleicht hat es dann von den Großeltern ein Stück Schokolade zu viel bekommen? ;-)

In Teil 3 der Serie werde ich auf die Einführung von Beikost und das "saubere Essen bei Tisch" eingehen.

© Snowqueen 

Literatur 


Barr RG, Elias MF: Nursing interval and maternal responsivity: effect on early infant crying. Pediatrics. 1988 Apr;81(4):529-36.

De Carvalho M, Robertson S, Friedman A, Klaus, M: Effect of frequent breast-feeding on early milk production and infant weight gain. Pediatrics. 1983 Sep;72(3):307-11 

Haarer, J., (1939) Die deutsche Mutter und ihr erstes Kind. München: Lehmanns Verlag München

Haarer, J., (1973) Die Mutter und ihr erstes Kind, München, Carl Gerber Verlag

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Kommentare:

  1. Ich finde es toll, wie Ihr persönliche Erfahrungen mit Fachliteratur kombiniert. Das macht diese Fachliteratur viel lebendiger! Vielen Dank für den Artikel.
    Der Link geht sofort an meine Mutter ;-)

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  2. Super Artikel! *daumenhoch*

    Aber ist das genannte Buch von Johanna Haarer von 1973 wirklich von ihr? Eine 180-Grad-Wende kann ich mir bei dieser Frau eigentlich nicht vorstellen. Vermutlich wurde das Buch von Kinderärzten überarbeitet und unter ihrem Namen veröffentlicht, oder?

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    1. Es steht zumindest nur ihr Name im Impressum, auch das Vorwort ist mit "Dr. Johanna Haarer" unterschrieben. Dort schreibt sie jedoch: "An jeder neuen Auflage des Buches arbeiten viele junge Mütter mit, darunter auch Ärztinnen, und die Verfasserin möchte ihnen herzlich dafür danken. Ihre Erfahrungen werden ständig verwertet."
      Ich denke, insgesamt konnte sich Haarer zumindest dem gesellschaftlichen Wandel im Hinblick auf die Bindungstheorie nicht verschließen. Diese steckte in den 40er Jahren ja noch in den Anfängen, war dann aber in den 60er und 70er Jahren zumindest nicht mehr unbekannt...

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  3. Ein toller Beitrag. Vielen Dank dafür!

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  4. Nur ein kurzer Hinweis hinsichtlich der DDR:

    Der Herr Brückner schreibt in dem Buch scheinbar recht fortschrittliche Dinge (ich muss mir das zu Hause bei meiner Mutter direkt mal anschauen), aber umgesetzt wurde es scheinbar nur selten. Ich bin Anfang der 80er Jahre in der DDR geboren worden. Die Kinder wurden im Krankenhaus den Frauen nur zum Stillen gebracht, alle 4h. Die Kinder wurden alle in einen Wagen gelegt und der Reihe nach zu den Müttern gebracht. Nach dem Stillen wurden sie wieder mitgenommen, damit die Mutter sich erholen konnte. Auch zu Hause galt die 4h-Regel. Meine Mutter meinte mal, dass es anfangs Theater gab, aber sich die Kinder schnell dran gewöhnt hatten...
    Wegen der Arbeit zu DDR-Zeiten: Klar gab es Frauen, die ihre Kinder acht Wochen nach der Geburt in die Krippe gaben, zum Teil sogar in die Wochenkrippe (da haben sie ihre Kinder dann nur am Wochenende gesehen). Aber es war nicht notwendig. Es gab, laut meiner Mutter, das erste Jahr vollen Lohnersatz, wenn die Mutter zu Hause geblieben ist...

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