Mein Kind trödelt und bummelt ständig und ist oft langsam


Kind spielt auf einem Baumstamm mit Autos
Es gibt Kinder - und gar nicht mal so wenige! - die können nicht gut damit umgehen, wenn eine Aktivität endet und eine neue beginnen soll. Diese Kinder ziehen sich zum Beispiel total ungern an, weil das bedeutet, dass sie aus ihrem schönen warmen Schlafanzug in kalte Tagessachen schlüpfen müssen. Sie gehen auch ungern aus dem Haus, weil sie sich dann von ihren Spielzeugen loseisen müssen, um Schuhe und Jacke anzuziehen. Sind sie erst einmal angezogen und draußen, ist alles prima und sie haben totalen Spaß, aber bis die Eltern sie erst einmal dort hin bugsiert haben, leisten sie meist inaktiven Widerstand. Sie brauchen für alles gefühlt ewig und machen die Erwachsenen mit ihrer scheinbaren Antriebslosigkeit und ihrem Bummeln kirre. Dabei sind sie gar nicht per se antriebslos - sie können, wenn sie erst einmal in der neuen Situation angekommen sind, wunderbar spielen, sind fröhlich, kreativ und anstrengungsbereit. Nur bei den Übergängen zwischen den Situationen stockt es massiv.

Gründe für das Verhalten


Um das gleich klar zu stellen: dieses Verhalten ist total normal und bis ins Grundschulalter hinein auch altersgerecht. Je jünger die Kinder sind, desto schwieriger fallen ihnen meist die Situationswechsel und um so mehr bummeln sie.

Das liegt daran, dass das Gehirn in jüngerem Alter noch nicht sehr flexibel auf spontane Wechsel reagieren kann. Im Kopf der Kinder spulen sich kleine Programme ab und wenn diese nicht Schritt für Schritt abgearbeitet werden, gerät das Gehirn in die Krise. Meine Tochter Fräulein Ordnung kann zum Beispiel wirklich schlecht damit umgehen, wenn sie die Treppe hinunterlaufen soll, bevor sie den Reißverschluss ihrer Jacke zugezogen hat. Es gehört für sie einfach fest zum Programm, dass sie sich noch oben vollständig anzieht, bevor wir losgehen. Wenn wir es morgens eilig haben und ich mir wünsche, dass sie einfach die Jacke überwirft und dann z. B. an einer roten Ampel schließt, damit wir ein wenig Zeit sparen, dann bringt sie das jedes mal völlig aus dem Konzept.

Das kann auch anders herum passieren - wenn das Kind z. B. denkt, dass ein bestimmtes Programm gestartet wurde, das dann aber gar nicht abläuft: Es kann zum Beispiel sein, dass ein Erwachsener zuhause einen wärmeren Pullover anzieht, weil ihm kalt ist. Das Kind sieht das und erwartet nun, dass sie gleich raus auf den Spielplatz gehen, weil Papa diesen Pullover immer dann anzieht, wenn es raus geht. Der Erwachsene hat aber gar nicht die Absicht, rauszugehen. Das Kind erwartet aber, dass er nun auch die Schuhe anzieht und dem Kind die Jacke reicht. Passiert das nicht, obwohl diese Schritte im kindlichen Kopf vorgegeben sind (das Programm "Auf den Spielplatz gehen" wurde gestartet), kann es sein, dass das Kind aus für den Vater heiterem Himmel einen Wutanfall bekommt, weil das Gehirn nicht flexibel auf den Programmwechsel (geht doch nicht auf den Spielplatz) reagieren kann. Das ist allerdings nur bei sehr kleinen Kindern der Fall, also etwa vom ersten bis zweiten Lebensjahr. Ältere Kinder müssten schon in der Lage sein, dieser Art von Missverständnis mit Ruhe zu begegnen.

Ein spontanes Reagieren auf Gegebenheiten ist eine kognitive Leistung, die erst nach und nach erlernt wird - das sollten wir Großen immer im Hinterkopf behalten.

Ein weiterer Grund, gerade bei etwas älteren Kindern (ab ca. 4 Jahren) ist ein Phänomen, das sich Schwellenangst nennt. Damit ist nicht die Phobie gemeint, über Türschwellen zu treten. Kinder, die Schwellenangst haben, verweigern oft erst einmal neue Dinge/Situationen/Aufgaben, selbst, wenn diese schön sind. Sie möchten "die Schwelle" zur neuen Aufgabe nicht überschreiten und schieben diese lange vor sich her bzw. suchen sich Taktiken, diese ganz vermeiden zu können - zum Beispiel indem sie Bummeln. Einige dieser Kinder schaffen es sogar, krank zu werden, also beispielsweise echtes Fieber zu bekommen! Oft sind das sehr korrekte Kinder mit einem hohen Grad an Perfektionismus, oder aber Kinder, die schon oft in ihrem kurzem Leben gescheitert sind. Auch Erwachsene leiden noch an Schwellenangst, bei ihnen wird es aber gern Prokrastination genannt (was nicht ganz korrekt ist, denn das Aufschieben ist ja das Ergebnis der Angst).  Es erfordert ein großen Maß an Feinfühligkeit, Kindern über ihre Schwellenangst hinwegzuhelfen, aber es geht. Je mehr positive Erlebnisse sie dabei haben, desto einfacher wird es.

Lösungen für das Verhalten


1. Übergänge regelmäßig ankündigen


Im Alltag kommt es sehr, sehr häufig zu Phasenwechseln. Nehmen wir zum Beispiel die Zeit, nachdem ihr euer Kind aus dem Kindergarten abgeholt habt. Der erste Phasenwechseln dabei ist schon mal das Abholen. Die Kinder spielen gerade so schön im Garten, ihr kommt an und wollt sie holen, sie ziehen einen Flunsch oder rennen sogar weg, weil sie noch nicht mitkommen wollen. Habt ihr es geschafft, geht es sicherlich noch auf den Spielplatz. Oft maulen die Kinder dort erst einmal ein Weilchen, bis sie ins Spiel gefunden haben - der zweite Phasenwechsel (zwischen Abholphase und Spielplatz). Wollt ihr dann nach einer Stunde endlich nach Hause, maulen die Kinder schon wieder - sie wollen noch weiter spielen und trödeln. Denn auch hier gibt es einen Phasenwechsel - der vom Spielplatz zur Nachhause-Geh-Situation. So geht das unendlich weiter, bis die Kinder endlich im Bett sind. Ihr seht, das Leben besteht aus einem Strom an Situationswechseln. Habt ihr ein Kind, das mit diesen schlecht umgehen kann, dann kann das schon sehr belastend für die gesamte Familie sein, vor allem, wenn alle anderen Mitglieder aus einem anderen Holz geschnitzt sind.

Eltern, die selbst sehr zackig unterwegs sind und tausend Sachen auf einmal schaffen, werden kirre mit einem so scheinbar phlegmatischen Kind. Diese Zuschreibung ist aber sehr unfair dem Kind gegenüber, denn es kann ja nichts dafür, dass sein Gehirn so aufgebaut ist, wie es aufgebaut ist. Es wäre schade, ihm ein verqueres Selbstbild einzureden. Denn hätte es Eltern, die ebenfalls gemütlicher unterwegs sind und Situationswechsel auch nicht so mögen, dann würde es die Rückmeldung bekommen, gut so zu sein, wie es ist.

Wie könnt ihr euren Kindern nun also helfen? Indem ihr die Phasenwechsel regelmäßig ankündigt und einen Ausblick auf Kommendes gebt. Ich bin sicher, das macht ihr schon - dieser Tipp ist nicht neu.

Bewährt hat sich die 5-3-1-Regelung. Man kündigt dabei dem Kind an: "In 5 Minuten gehen wir los zur Kita". "In drei Minuten gehen wir los zur Kita". "In einer Minute gehen wir los zur Kita". Das allein reicht bei "leichteren Fällen" schon, den Übergang zu erleichtern. Wichtig ist übrigens, tatsächlich die korrekte Zeit einzuhalten, also nicht "5 Minuten" anzukündigen und dann erst in 10 oder 15 Minuten loszugehen. Denn sonst bekommen unsere Kinder unterschwellig eine falsche Vorstellung von Zeit. Für Kleinkinder kann man auch die "Ein (zwei/drei) Mal noch und dann fertig"-Regel anwenden. Diese ist leichter zu verstehen, als die Minutenangabe. Also: "Drei Mal Rutschen noch, dann gehen wir los." Ihr kennt und nutzt das sicher schon.

Wichtig ist auch, den Phasenübergang verbal aufzuschlüsseln. Wenn ihr also sagt: "In 3 Minuten gehen wir los", dann müsstet ihr danach kurz sagen, was ihr von dem Kind dann erwartet: "Du sollst dann bitte deine Schuhe und Jacke anziehen". So weiß das Kind nicht nur, wann der Situationswechsel passieren wird, sondern auch, was es dann genau machen soll. Es ist immer wichtig, Erwartungshaltungen klar zu verbalisieren und nicht einfach anzunehmen, der andere wüsste schon, was man von ihm will. Das gilt für Kinder genauso wie für Partner und Kollegen.

2. Einen Wecker stellen


Es gibt Kinder, die brauchen ein akustisches Signal einer "zeitlichen Autorität", um in die Puschen zu kommen. Für diese eignen sich Zeitwächter-Uhren. Ein normaler Wecker reicht natürlich auch, den muss man dann aber immer wieder neu einstellen.

Ich habe gute Erfahrungen mit dem ultra-teuren Time-Timer gemacht (sowohl zuhause, als auch an der Schule), weil dort die Kinder gut ablesen können, wie weit die Zeit schon verflossen ist. Ich liebe den echt und wenn ihr das Geld zufällig übrig habt, dann kauft den! (Wenn nicht, kann man es auch mit einem günstigeres Modell versuchen - nach den Bewertungen zu urteilen mit leichten Qualitätseinbußen).

Es gibt aber von Jako-O auch eine Morgenmuffel-Uhr, bei der man verschiedene Uhrzeiten einstellen kann, so dass sie morgens die verschiedenen Phasen einläutet (Aufstehen, Frühstück, Losgehen). Das gleiche kann man auch beim Handy einstellen - meins hat eine Weile 7 Uhr, 7.15 Uhr, 7.30 Uhr und 8 Uhr geklingelt zum Aufstehen, Anziehen und Zähneputzen, Frühstücken und Losgehen.

Auch hilfreich, allerdings ohne Ton, sind einfache Sanduhren. Wir haben ein Set (gibt es ganz groß und eher klein), die verschiedene Zeiten angeben: 1 Minute, 3 Minuten, 5 Minuten und 10 Minuten. Meine Kinder mögen es gern, diese umzudrehen und der Zeit beim herunterrieseln zuzugucken. Allerdings fehlt das akustische Signal oft. Wenn man durch Spielen abgelenkt ist, dann kann es sein, dass man den Zeitpunkt verpasst, an dem die Sanduhr durchgelaufen ist. Probiert es einfach aus - vielleicht hilft ja dieser Tipp bei euren Kindern.

3. Ein Fotobuch basteln


Dies ist der beste Tipp, den ich euch geben kann. Für immer wiederkehrende Rituale, z. B. die Zeit vor dem Schlafengehen, eignen sich selbst gebastelte Fotobücher am allerbesten. Ihr fotografiert euer Kind dabei in allen Situationen, die es jeden Abend durchläuft.

Bei uns waren das: Abendbrot, Hände und Mund waschen, spielen, ausziehen, duschen/baden, neue Windel, Zähne putzen, Schlafanzug anziehen, Schlafsack anziehen, ins Bett gehen, Buch vorgelesen bekommen, stillen, einschlafen. Zu jedem dieser Punkte gab es eine Seite mit entsprechendem Foto. So konnten sich meine Töchter schon sehr früh (ab etwa 11 Monaten) zeitlich orientieren, was als nächster Schritt kommen wird und das Abendritual verlief plötzlich viel stressfreier.

Zunächst guckten wir uns das selbstgebastelte Buch jeden Tag gemeinsam an, wie andere Bücher auch. Dann fing ich an, vor jedem Schritt, der gemacht werden sollte, das Buch zu "befragen". Was kommt als nächstes? Schauen wir mal nach? Ach ja, Zähne putzen! Beim Abendritual wurde das Buch als von Station zu Station mitgenommen und immer eine Seite umgeblättert. Weil es den Kindern eine Menge Verhaltenssicherheit gab, schon im Voraus zu wissen, was als nächstes von ihnen verlangt wird, hatten sie dieses Buch wirklich gern. Nach einiger Zeit fingen sie an, stolz anzukündigen, was auf der nächsten Seite zu sehen sein wird, d. h. die Abfolge der Schritte hatte sich so gut eingeprägt, dass sie das Buch eigentlich nicht mehr benötigt hätten. Es blieb trotzdem eine lange Zeit unser treuer Begleiter und schlummert nun als Erinnerung in ihrer Lebenskiste.

Foto von spielendem KindFoto von sich waschendem KindFoto: Kind wird Schlafanzug angezogen

Auf die Idee mit dem Fotobuch bin ich übrigens gekommen, als ich bei Jako-O im Katalog kleine Schildchen entdeckte. Auf dem einen abgebildet war die Reihenfolge, in der ein Kind eine Toilette benutzen soll: Pipi machen, spülen, mit der Klobürste säubern, Toilettendeckel zumachen, Händewaschen. Auf dem anderen war zu sehen, was ein Kind tun soll, wenn es nach Hause kommt: Jacke ausziehen und aufhängen, Schuhe ausziehen und wegstellen, Hausschuhe anziehen. Um Abläufe zu ritualisieren und Situationswechsel zu erleichtern eignen sich diese beiden Schildchen gut. Allerdings glaube ich, dass sie nur bei etwa 1- bis höchstens 3-Jährigen Kindern wirklich funktionieren. Alle, die älter sind, verstehen die Bildchen zwar, werden sich aber vermutlich nicht so akribisch daran halten, wie die Kleinsten.
Für ältere bummelnde Kinder (ab 3), die gerne strukturelle Hilfen in Anspruch nehmen, könntet ihr Ritualpläne aufhängen. Bitte nicht mit Verstärkerplänen verwechseln! Auf den Ritualplänen sind die einzelnen Schritte des Abendprogrammes (oder auch Morgen - egal, was) aufgemalt und das Kind kann jeden schon erreichten Schritt abkreuzen. Es erhält keine Belohnung dafür, dass es die Punkte abarbeitet. Es geht wirklich nur darum, das Ritual für größere Kinder visuell aufzuschlüsseln und damit Verhaltenssicherheit und Hilfe für die Phasenübergänge bereit zu stellen: Was habe ich schon geschafft? Was liegt noch vor mir? Was ist der nächste Schritt? Dieser Tipp eignet sich nicht für alle Kinder (das Fotobuch schon), sondern wirklich nur für solche, die gern visuell alles im Überblick behalten. Ein bisschen wie Erwachsene, die gern Listen schreiben und dann ein befriedigendes Gefühl haben, wenn sie darauf etwas durchstreichen können.

4. Tschüss sagen


Vor allem sehr kleine Kinder können sich bei Situationswechseln nur schwer damit abfinden, bestimmte Dinge oder Personen zurückzulassen. Das hängt wieder mit den "Programmen" im Kopf zusammen, die eben für das Kind noch nicht vollständig abgearbeitet wurden. Deshalb ist dieses Phänomen eigentlich eher bei Kleinkindern (bis maximal 3,5 Jahre) zu finden. Neben dem "Zeit geben", das ich schon im zweiten Teil dieser Serie über die Erhöhung der Kooperationsbereitschaft beschrieben habe, ist es in einer solchen Situation hilfreich, dem Gegenstand "Tschüss" zu sagen. "Tschüss, großes Müllauto, morgen sehen wir uns wieder!", "Tschüss, Kindergarten. Morgen kommen wir wieder!", "Tschüss, Dreirad! Du wartest hier im Fahrradraum auf uns". Mit diesem definitiven Abschluss endet auch das Programm im Kopf eindeutig und es fällt den Kindern leichter, zu gehen. Ich nehme an, unter anderem deshalb mögen Kleinkinder auch die Bobo-Siebenschläfer-Geschichten so gern. Der Kleine schläft ja am Ende jeder Geschichte ein - wenn das kein eindeutig definiertes Ende ist, dann weiß ich auch nicht...

5. Etwas aus der Situation mitnehmen


Eng verwandt mit dem "Tschüss sagen" ist das Mitnehmen. Wenn es bei meinem kleinen Sohn nicht ausreicht, dem Spielzeugmüllauto im Hof "Tschüss" zu sagen, dann schlage ich meist vor, dass er die beiden Mülltonnen mitnehmen kann, damit er sich nicht endgültig trennen muss. Diesen Trick habe ich schon bei den Mädchen damals angewendet. Bei ihnen ging es morgens meist darum, dass sie nicht in den Kindergarten wollten, weil sie gerade so schön mit ihren Püppchen spielten. Also durften sie die Puppen mitnehmen und sie auf dem Weg im Arm halten. Im Kindergarten angekommen, waren dann aber immer andere Dinge wichtiger, so dass die Püppchen von mir problemlos wieder mitgenommen werden konnte (und selbst, wenn nicht, dann warteten sie in der Garderobe, auch kein Problem).

Meine Töchter sind nun 5 und sie nehmen morgens trotzdem oft gern noch etwas mit, wenn es in Richtung Kita geht. Ich meine nicht das Spielzeug, dass sie dort benutzen wollen, sondern alltägliche Sachen, wie einen Stift oder ein Stück Garn. Ich kann mich erinnern, dass ich das selbst als Kind auch gemacht habe. Eine meiner ersten Erinnerungen ist, wie ich fertig angezogen an der Wohnungstür stehe und schnell noch eine Puppentasse in meine Jackentasche packe. Meine Mutter sagt: "Aber heute wolltest du doch nichts mitnehmen?" und ich antworte: "Oh, stimmt" und packe die Tasse wieder aus. Witzigerweise habe ich genau diese Tasse noch heute, in meiner Lebenskiste. Sie ist überhaupt nichts besonderes und damals hatte ich auch keinerlei emotionale Verbindung damit. Es war einfach nur ein Gegenstand aus meinem heimischen Umfeld, das mir über den Tag helfen sollte. Eine kleine Nabelschnur sozusagen.

6. Für Kinder mit Schwellenangst: Große Aufgaben kleinschrittig gestalten


In der Schule hilft man Kindern mit Schwellenangst, indem man ihnen ihre Aufgaben möglichst kleinschrittig darbietet. Ein ganzes Blatt mit Matheaufgaben würde von ihnen sofort von sich geschoben werden und niemals bearbeitet werden. Knickt man das Blatt aber so, dass nur die erste Aufgabe zu sehen ist und gibt man ein wenig Anschwung, indem man das Kind z. B. fragt: "Hier steht, du sollst 2+3 rechnen, weißt du, wie das geht?" (man überschreitet die Schwelle also gemeinsam mit dem Kind), dann fangen sie doch mit der Aufgabe an und schaffen diese normalerweise Stück für Stück problemlos.
Kind macht Schulaufgaben

Genauso kann man das im Alltag gestalten. Es nützt keinem, wenn ihr eurem Kind (selbst, wenn es schon 5 ist) morgens sagt: "Zieh dir den Schlafanzug aus und leg ihn aufs Bett, such deine neuen Sachen raus und zieh dich bitte an. Ich warte in der Küche auf dich". Das wird nie und nimmer klappen, wenn ihr ein Kind mit Schwellenangst habt und nur zu Frust auf beiden Seiten führen, weil das Kind lieber bummelt, weil die Aufgabe viel zu groß erscheint. Daher wird es nicht damit beginnen, sondern sich lieber hinsetzen und mit der Brio-Bahn spielen. Das Kind kann das alles zwar allein und vom Alter her könnte man als Eltern darauf pochen, dass es sie auch allein macht, aber es würde unglaublich viel Druck ausgeübt werden müssen, bis das Kind tatsächlich anfängt. Der Druck der Eltern (meckern, nörgeln, erinnern...) müsste nämlich zunächst den inneren Druck der Schwellenangst überschreiben. Das geht. Aber: Es macht das Miteinander sehr unfreundlich, bringt Stress und schlechte Laune bei allen Beteiligten und hilft auf lange Sicht gesehen nicht, die Schwellenangst zu besiegen.

Gliedert deshalb diese große Aufgabe (selbst, wenn sie euch klein erscheint), in kleine Schritte auf:

1. "Zieh deinen Schlafanzug aus",
2. "Leg deinen Schlafanzug aufs Bett",
3. "Such dir Sachen aus dem Schrank"
4. "Zieh dich an"(für sehr schwere Fälle könnte man auch das Anziehen nochmal unterteilen...),
5. "Komm zum Frühstück in die Küche".

Ihr seht, das ist nichts anderes, als das Blatt mit den Matheaufgaben günstig zu falten.

Nun kommt noch ein weiterer Schritt hinzu - der Hilfe zur Überschreitung der Schwelle. Bei jedem dieser 5 Schritte müsstet ihr am Anfang dabei sein. Nicht, um das Kind zu überwachen, sondern, um dem Kind notfalls den Rücken zu stärken. Ihr könnt zum Beispiel helfen, das Schlafanzugoberteil über den Kopf zu ziehen. Oder ihr drückt den Kindern den Schlafanzug in die Hand, damit sie ihn aufs Bett bringen können. Ihr geht mit dem Kind gemeinsam zum Schrank und öffnet diesen... Dann müsste eigentlich jeweils die Schwelle überschritten sein und euer Kind von selbst in die Gänge kommen. Dann wiederum ist es wichtig, euch aus dem Geschehen zurückzuziehen und es selbst machen zu lassen, sonst wird es mit der Zeit unselbständig, weil es sich darauf verlässt, dass Mama das schon macht. Es geht wirklich nur darum, die neuen Situationen für das Kind ins Rollen zu bringen, nicht, ihm die gesamte Arbeit abzunehmen.

Ich sehe Michael Winterhoff bei diesen Zeilen förmlich mit den Augen rollen und mich eine Helikoptermutter in Symbiose mit meinen Kindern nennen, deshalb möchte ich noch erwähnen, dass es Kinder mit echter Schwellenangst eher selten gibt. An meiner Schule habe ich natürlich mehrere solcher Kinder, einfach, weil diese überdurchschnittlich oft im Leben scheitern, aber im "Leben da draußen" fällt mir eigentlich nur ein Junge einer anderen Blog-Mutter ein, der vermutlich daran leidet.

Es ist für diese Kinder kein Spaß, Schwellenangst zu haben, denn es blockiert ja eine Menge Lebensenergie und nimmt ihnen oft die Möglichkeit, neue Dinge auszuprobieren (und Selbstbewusstsein zu entwickeln). Außerdem wird ihnen immer wieder vorgeworfen, zu langsam zu sein oder zu viel zu trödeln. Deshalb halte ich es für wichtig, sensibel mit der Problematik umzugehen. Am besten ist es, diese kleine Eigenheit einfach anzunehmen, nicht anzusprechen und als Teil des Kindes zu akzeptieren. Wenn euer Kind schlecht sieht, bekommt es automatisch eine Brille und keiner guckt schief deswegen. Ist euer Kind so perfektionistisch, dass es lieber gar nicht neue Aufgaben ausprobiert, dann sollte es selbstverständlich sein, dass ihm - wie mit der Brille - ein Hilfsmittel zur Verfügung gestellt wird! Denn je öfter ein Kind mit Schwellenangst erfolgreich neue Aufgaben meistert, desto schneller verliert sich diese Blockade. Sie kann völlig verschwinden. Deshalb ist es eben auch so wichtig, ihm nicht die gesamte Aufgabe abzunehmen, sondern nur für den kurzen Moment des Phasenwechsels Hilfe anzubieten, denn erfolgreich bedeutet eigentlich "allein gemeistert". Je öfter ihr ohne großes Trara über die Schwelle helft, desto leichter wird es eurem Kind fallen, es ein anderes Mal ohne Druck allein zu versuchen.

Unsere Serie zur kindlichen Kooperation 


Dieser Artikel ist Teil unserer Serie zur kindlichen Kooperation. Im ersten Teil dieser Serie haben wir erklärt, warum Kinder nicht kooperieren wollen. Im zweiten Teil gingen wir darauf ein, wie wir unsere Kinder ganz allgemein wieder zum kooperieren bringen können. Ergänzt wurde dieser Text mit Teil 3 der Serie, in der Snowqueen tagebuchartig verbloggte, wie viel sie und ihre Kinder am Morgen kooperieren.
In den weiteren Artikeln haben wir alltägliche Situationen betrachtet, die früher oder später in fast allen Familien zu Konflikten führen:
© Snowqueen

Kommentare:

  1. Liebe snowqueen,

    Wieder mal ein ganz toller Artikel, vielen Dank dafür! Die Idee mit dem Fotobuch werde ich gleich umsetzten, finde ich total klasse! Aber ist es dafür wichtig, das die Reihenfolge der einzelne Dinge jeden Abend gleich ist? Also im großen und ganzen ist sie das natürlich schon so, aber so Sachen wie Zähne putzen z.B. das machen wir mal vorm wickeln, mal danach wenn sie vorher nicht kooperiert ;-) Grundsätzlich ist es seit einiger Zeit mit unserem Abendritual sehr schwierig, seit dem Artikel mit den snowqueen-Morgen bin ich abends flexibler und lasse sie einfach machen. Also wenn sie lieber spielen will als ausziehen, dann eben später nochmal probieren... Das führt aber eben auch dazu das es nicht immer eine gleichbleibende feste Abfolge gibt und manchmal habe ich das Gefühl das sie dann schlechter zur Ruhe kommt.
    Ich würde mich übrigens wirklich sehr über einen Artikel mit ein paar Abenden im Hause snowqueen freuen!!
    Ganz liebe Grüße,
    Nicole

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    1. Liebe Nicole, es gibt Kinder, die brauchen eine feste Abfolge - wenn du das Gefühl hast, dass sie schlechter zur Ruhe kommt, wenn du flexibel reagierst, hast du vielleicht so ein Kind. Das musst du ausprobieren.

      Die einzelnen Punkte des Abendrituals sind ja eigentlich nur "Einschlafsignale", die in ihrer Gesamtheit dann bewirken, dass der Körper/das Gehirn weiß, nun ist es Schlafenszeit. "Zähneputzen" ist ein Signal, "Schlafanzug anziehen" ist ein weiteres Signal usw. (Ich habe darüber einen ganzen Artikel geschrieben). Die meisten Kinder brauchen zwar die Signale, um runterzukommen, gehen aber locker mit deren Reihenfolge um. Es ist ihnen egal, ob der Schlafanzug vor dem Zähneputzen kommt oder vice versa.

      Wenn ihr das Abend-Buch nutzen wollt, dann leg du eine Reihenfolge der Einschlafsignale in dem Buch fest und guck dann spontan, welche Seite du deiner Tochter als nächstes zeigst. Erst die Seite mit dem Zähne putzen? Oder erst die Seite mit dem Schlafanzug? Oder lass sie das Buch durchblättern und selbst entscheiden, welcher Punkt als nächstes dran ist. So müsste es eigentlich gehen, oder?

      Liebe Grüße, snowqueen

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  2. Vielen, vielen Dank für diese Artikelserie!
    Das ist besser als jeder Elternratgeber, den ich bisher gelesen habe ... und hilft mir noch mehr, meine Tochter zu verstehen.

    Natürlich war mir irgendwo schon klar, dass meine Dreijährige nicht bummelt, um mich zu ärgern, dass sie sich anziehen lässt, obwohl sie es kann. Aber so klar lesen zu können, wie das alles zusammenhängt und warum diese kleinen Menschen so ticken, wie sie eben ticken, finde ich wunderbar.

    Also vielen Dank für die viele Arbeit, die ihr euch mit der Artikelserie und dem ganz Blog macht. Und ich kann auch sehr gut nachvollziehen, warum Kooperationen für euch wichtig sind - niemand kann verlangen, dass eurer Engagement komplett "for free" sein sollte. Ich wünsch euch viel Erfolg dafür!
    Und ich werde jetzt noch ein bisschen geduldiger sein, wenn meine Kleine mal wieder eine gefühlte Ewigkeit braucht bis wir dann raus können und dann wieder lange motiviert werden muss, um wieder nach Hause zu kommen :-)

    Viele Grüße
    Susan

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  3. Nehmt ihr trotzdem noch Vorschläge für weitere "Folgen" dieser Serie an? Bei uns nämlich aktuell: "Mein Kind akzeptiert [situationsbedingt] meine persönlichen Grenzen nicht" - Wie gehe ich damit um, wenn mein Kind auf mir klettert, mich beißt, haut, abschleckt, an mir herumspielt, oder sonstwie etwas tut, was mich persönlich in den Wahnsinn treibt und sämtliche Versuche (sachlich, emotional, erklären, auffordern, weggehen, etc, etc.) dem ein Ende zu setzen, scheitern. Was steckt dahinter und wie kann ich dem begegnen. Gerne auch: Wie kann ich als "Betroffene" verhindern, die sich unweigerlich anstauenden Aggressionen am Kind auszulassen?

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    1. Das fände ich auch sehr spannend. Mein Mann hat das Problem mit unserer 4 1/2 jährigen Tochter genau in dieser Form. Ich selber komischerweise gar nicht. Allerdings weiß ich nicht, was ich anders mache als er. Bei mir kommt es eigentlich gar nicht zu solchen Situationen. Mein Vermutung war bisher, dass es einfach eine Art ist, Aufmerksamkeit von ihrem Papa einzufordern.

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    2. Liebe Anonym, ich kenne die von dir beschriebenen Situationen durchaus. Ich kann nur keine Tipps und Tricks dazu formulieren, denn die würden nicht helfen. Es geht einfach darum, dass du deine Grenzen freundlich, aber bestimmt formulierst. So, wie du es schon machst. Wie Nicole über mir schon beschrieben hat, es ist einfach eine Taktik deines Kindes, sich Aufmerksamkeit von dir zu holen. Keine gute Taktik, aber eine funktionierende Taktik. Denn sie bekommt ja dann deine Aufmerksamkeit (ob negativ oder nicht, ist ihr egal). Mein Rat ist deshalb, ihr freiwillig immer wieder Aufmerksamkeit zu schenken, über den Tag verteilt viele Male. Es reichen oft schon 5 Minuten am Stück, dann hast du wieder Pause, dann erneut Aufmerksamkeit für sie usw. Es klingt nach deiner Beschreibung so, als wäre dein Kind der Aufmerksamkeitstyp "Körperlichkeit". Guck mal in unseren Artikeln, da gibt es einen ausführlichen Artikel zu den verschiedenen Aufmerksamkeitstypen der Kinder.
      Liebe Grüße, snowqueen

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  4. Ich finde den Artikel wieder spitze. Gerade heute kam es beim Abendbrot wieder zu Unstimmigkeiten zwischen meinem Mann und mir, weil mein Mann total ungeduldig ist und immer meint, dass alles zack zack nacheinander gehen muss. Ich bin da je nach Tagesform mal gelassener und mal nicht. Ich bin nie auf die Idee gekommen, dass so ein schwieriger Lernprozess dahinter stecken kann. Ich dachte immer, dass es sich beim trödeln um eine Art Grenzen austesten handelt.
    Also vielen Dank für den tollen Beitrag.

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    1. Tatsächlich habe ich noch kein Kind erlebt, das bummelt, um Grenzen zu testen! LG, snowqueen

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  5. Interessanter Artikel, aber nun frage ich mich noch mehr, wie ich mit folgender Situation umgehen soll:
    Mein Zwerg (20 Monate) lässt sich auch ungern anziehen. Da ich morgens das Haus nicht verlassen muss, kann ich ihn auch schon mal bis Mittags im Schlafanzug bzw. nur in der Windel lassen. Irgendwann versuche ich dann, ihn mit der Verlockung spazieren gehen zum Anziehen zu bewegen. Doch statt sich anziehen zu lassen, stürmt er freudig zur Tür und ist wütend, dass ich nicht sofort mitkomme.
    In diesem Moment ist er ja einfach zu schnell für mich. Er will nicht akzeptieren, dass es noch dauert. Ich vermeide schon den Spielplatz oder die "Welt draußen" zu erwähnen, bevor meine eigenen Sachen sowie seine Wickeltasche fertig gepackt sind, damit sich da nichts verzögert. Aber das Anziehen kann ich ja bei dem Wetter nicht einfach nach draußen verlagern. Das muss ja trotzdem sein.

    In vielen anderen Situationen passt die Beschreibung vom ungeliebten Situationswechsel aber sehr gut. Das mit dem Tschüss sagen hat der Zwerg selbst entdeckt und wir üben es fleißig.

    Gruß
    Claudia

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    1. Liebe Claudia, mmmh, das ist schwierig, lass mich nachdenken. Also erst einmal dich und die Wickeltasche fertig machen, ist schon mal super. Habt ihr ein Treppenhaus? Ich sehe meinen Sohn ab und zu dort erst an - dann sind wir für ihn schon "losgegangen", aber eben noch nicht draußen in der Kälte. Oder du ziehst einfach einen Schneeanzug über den Schlafi? Wenn ihr nur raus geht, ohne, dass er irgendwo den Schneeanzug ausziehen muss, wäre das eine Möglichkeit. Oder er lässt sich abends besser anziehen? Dann lass ihn im Body und in einer weichen dünnen Hose schlafen, dann ist er morgens schon ein bisschen ausgehfertig. Wenn dir diese Lösungen alle nichts sind, dann hilft nur, seine Wut auszuhalten, wenn er sich erst anziehen lassen muss, bevor ihr los geht. Wut ist ja nichts schlechtes, wir müssen unsere Kinder nicht davor bewahren. Wir müssen sie nur begleiten, wenn sie mitten drin stecken.

      Insgesamt gilt: Es ist nur eine Phase. Nächste Woche oder nächsten Monat kann das alles schon viel entspannter aussehen. Deshalb braucht man in den allermeisten Fällen gar keinen großen Druck ausüben - es ändert sich sowieso von allein.

      Liebe Grüße, snowqueen

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    2. Ich finde die Idee, einfach den Schlafanzug anzulassen, ehrlich gesagt nicht gut. Was vermittel ich denn meinem Kind damit? Und was ist an einem anderen Morgen, wo es nicht möglich ist, den Schlafi einfach anzulassen? Mein Vorschlag wäre, morgens ein festes Ritual einzuführen... Aufstehen, frühstücken, Zähne Putzen, anziehen (oder auch in beliegiber anderer Reihenfolge), möglicherweise mithilfe eines selbstgemachten Fotobuches, wie im Artikel fürs Abendritual beschrieben. Manche Kinder brauchen genau solch ganz fest ablaufende Rituale und mir scheint, dass dein Kind dazu gehört.
      Liebe Grüße,
      Verena
      Liebe Grüße,

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    3. Liebe Verena, nun, es sind Tipps - dass sie nicht für jedes Kind und/oder jede Mutter, jeden Vater funktionieren, versteht sich von selbst, nicht? Es gibt durchaus Kinder, die mit einem festen Ritual besser klar kommen, da gebe ich dir Recht.

      Du fragst, was es dem Kind vermittelt, wenn man es zulässt, dass es den Schlafanzug anbehält. Ich sage, es vermittelt: "Es wäre mir lieber, wenn du Alltagsklamotten anziehen würdest, deshalb habe ich dich den ganzen Morgen über danach gefragt. Ich kann gerade nicht herausfinden, warum es dir so wichtig ist, den Schlafanzug anzubehalten, aber ich akzeptiere deinen Wunsch nach Autonomie, deshalb lasse ich ihn jetzt an und ziehe dir schnell den Schneeanzug drüber."

      Du fragst auch, was an einem anderen Morgen ist, wenn es nicht möglich ist, den Schlafi anzulassen. Nun, die Grundaussage meiner Artikelreihe ist ja, dass unsere Kinder anfangen, zu kooperieren, wenn es uns wichtig ist, wenn wir anfangen, zu kooperieren, wenn es ihnen wichtig ist. Das bedeutet, dass ein Kind, dessen Bedürfnisse ernst genommen werden (auch, wenn die Eltern diese nicht nachvollziehen können) an Tagen, an denen etwas "sein muss" mitarbeiten wird. Es ist nicht so, dass Kinder, denen man den kleinen Finger hinhält, rücksichtslos die ganze Hand nehmen - das ist ein Mythos aus der Zeit der Schwarzen Pädagogik. Und sollte es an einem wichtigen Tag wirklich, wirklich nicht klappen (das ist bei mir noch nie vorgekommen), so kann man ja immer noch das Kind gegen seinen Willen anziehen. Es ist jedoch für die Eltern-Kind-Beziehung eindeutig zuträglicher, wenn dies nicht jeden Tag passiert, d.h. nicht an Tagen, an denen es total schnuppe ist, ob das Kind einen Schlafanzug oder Jeans und Pulli unterm Schneeanzug anhat.

      In der bedürfnisorientierten Erziehung geht es darum, die Bedürfnisse aller Beteiligten abzuwägen. Das 20 Monate alte Kind von Claudia hat das Bedürfnis, autonom über seine Kleidung zu entscheiden. Es möchte, dass sein Nein akzeptiert wird. Das ist ein wichtiges Grundrecht jedes Menschens. Auf der anderen Seite stehen die Bedürfnisse der Mutter (hier jetzt nicht Claudia gemeint): Sie möchte nicht, dass das Kind krank wird und sie möchte nicht vor anderen als schlechte Mutter da stehen. Da über dem Schlafanzug der Schneeanzug ist, ist dem Kind warm - es dürfte also nicht krank werden. Da ich schrieb, "an Tagen, an denen ihr den Schneeanzug nicht ausziehen müsst" wird niemand sehen, dass unter dem Schneeanzug immer noch der Schlafanzug ist. Es wird also auch das Bedürfnis, als gute Mutter gesehen zu werden, nicht beeinträchtigt. Dementsprechend wiegt also das Bedürfnis des Kindes in diesem einen speziellen Fall mehr als die Bedürfnisse der Mutter. Am nächsten Tag wird neu über die Bedürfnisse aller verhandelt, vielleicht wiegt da das Bedürfnis der Mutter schwerer, weil das Kind in den Kindergarten muss oder so. Dann müsste das Kind zurückstecken.

      Liebe Grüße, snowqueen

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    4. Hallo Snowqueen,
      wie Claudia geschrieben hat, lässt sie ihrem Sohn oft vormittags lang im Schlafanzug - egal wann er angezogen werden soll, ist er wütend darüber. Logische Konsequenz für mich daraus: einen festen Ablauf jeden Morgen. Meiner Erfahrung nach als dreifache Mama und Erzieherin im Kinderheim ist für viele Kinder ein strukturierter Tagesablauf oftmal leichter und besser als jeden Tag alles neu verhandeln zu müssen. Und das hat jetzt nicht mit Bedürfnisorientierung bzw mangelnder Bedüfnisorientierung zu tun. Ja, ich bin ein verfechter davon und habe oftmals Probleme mit diversen Kollegen vom "alten Schlag", die einen sehr dominanten und autoritären Erziehungsweg einschlagen und ich stehe auch nicht hinter den Verstärkerplänen, die in vielen Heimgruppen das non-plus-ultra sind. Bedürfnisorientierung darf aber auch nicht so weit gehen, dass das Kind alles quasi selbst entscheiden kann - dann wären wir auch nicht mehr bei der Bedürfnisorientierung sondern beim Laissez faire. Und leider landen da viele Eltern immer wieder, nicht in der Lage, ihren Kindern Grenzen zu setzten. Natürlich, ein strukturierter Ablauf mit immer gleichen wiederkehrenden Abläufen lässt dann augenscheinlich nicht so viel Autonomiebestreben zu. Aber auch innerhalb eines Ablaufes gibt es ganz viele dem Alter entsprechende Entscheidungsfreiheiten. Und gerade Kinder, die sich mit Übergängen schwer tun (bei mir mein jüngstes Kind), sind wiederkehrende Abläufe so wichtig! Die machen die neue Situation nämlich planbar und vorausschaubar. Für andere Kinder funktioniert es gut zu entscheiden, erst anziehen oder erst Frühstück?
      Ich habe auch nicht behauptet, dass Kinder die ganze Hand nehmen, sobald man ihnen den kleinenFinger gibt und auch in keiner Form so etwas verlauten lassen (ja, es gibt Kinder, die so sind (und die haben dann auch allen Grund dazu), aber sicher nicht mit 20 Monaten und auch nicht solche, die eine "normale" und liebevolle und versogende Sozialisation haben). Natürlich ist ein gewaltfreier Umgang zwischen Eltern und Kind der bessere Weg für eine gute Eltern-Kind-Bindung und sollte absolut der Einzige Weg sein! Und mit gewaltfrei meine ich jegliche Situationen, die im Zwangskontext stehen und die beispielweise nur durchgesetzt werden können, da man es mit einem kleinen Kind zu tun hat bzw die körperlich ausgetragen werden. Aber vielleicht haben wir an dieser Stelle ein unterschiedliches Erfahrungspool, wobei meins definitiv durch den Alltag im Kinderheim mit vernachlässigten, verwahrlosten und traumatisierten Kindern und Jugendlichen stark geprägt ist und sich auch auf mein Erziehungsverhalten meinen eigenen Kindern gegenüber auswirkt / ausgewirkt hat - bzw sich wechselseitig auswirkt. Und auch ein bedürfnisorientierter Weg ist nicht ein steifer fester unumstößlicher Weg, sondern ein Weg mit Höhen und Tiefen und vielen Kurven zum Ziel. Zumindest bei uns. Immer wieder.
      Verena

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  6. Vielen lieben Dank für den wieder ganz tollen Artikel! Das ist wirklich ein schwieriges Problem, vor allem, wenn, wie Du schreibst, der Rest der Familie anders tickt. Was wir schon mit unserem Großen machen, sind die Tipps Nr. 1, 4, 5 und 6, also oft ankündigen, Tschüss sagen (bis heute sage ich jeden Tag "Tschüss Kita!", wenn wir rausgehen und hoffe, dass mich niemand hört;), desweiteren Gegenstände mitnehmen und Aufgaben/Anforderungen kleinschrittig halten. Das mit der Uhr habe ich bisher noch nicht versucht, weil es vielleicht zuviel Druck aufbaut, und auf Druck reagiert er allergisch. Im Moment muss ich jeden Tag noch aus dem Fenster schauen, wenn mein Mann die Kinder morgens in die Kita bringt, und mein Großer winkt mir mit meist tränennassen Augen zu. Ich versuche auch, ihm jeweils die erste Phase einer Aufgabe zu erleichtern und ihn dann allein weitermachen zu lassen, wie Du schreibst.
    Unter Situationswechseln hat mein Großer schon immer gelitten, das war schon als Baby erkennbar, und er hasst jegliche Übergänge, auch wenn etwas Schönes in Aussicht gestellt wird. Das ist ihm dann wirklich völlig egal und völlig irrelevant. Ich kenne persönlich kein anderes Kind, das so unbeeinflussbar ist. Er bummelt aber nicht nur und leistet nicht nur inaktiven Widerstand, sondern er verweigert sich komplett, lautstark und körperlich. Hinzu kommt seine extreme Hautsensitivität, so dass Anziehen, was oft mit einem Situationswechsel verbunden ist, für ihn wirklich schmerzhaft ist und ihm weh tut. Das erschwert das Ganze noch ungemein. Selbst wenn wir ihn mal bis mittags im Schlafanzug lassen, fällt es ihm nicht leichter, sich anzuziehen. Es ist teilweise echt grausam für alle Beteiligten, man ist komplett durchgeschwitzt, braucht viel Zeit und viele Nerven. Und wie bei so vielen Sachen ist es auch hier so, dass all das in der Kita kein Problem ist. Da hat er kein Problem mit Übergängen und Situationswechseln, da wird einfach gemacht, was ansteht. Ich verstehe das ja vom Mechanismus her, aber es ärgert trotzdem. Tatsächlich sind wir selbst Eltern, die "zackig unterwegs" sind und die das kirre macht. Aber wie kann man das schaffen, ihm zu vermitteln, dass wir ihn verstehen, akzeptieren und ihm helfen wollen, gleichzeitig ja aber auch der Familienbetrieb weiter gehen muss, sei es morgens vor Arbeit und Kita, sei es, wenn man zu einem schönen Termin/Ausflug/Sonstigem aufbrechen muss? Teilweise dauert es, vor allem am Wochenende, bis zu einer Stunde (in der 3 Leute warten müssen), bis man ihn immer noch unter starkem verbalen Widerstand hinaus aus der Tür hat. Darunter leiden ja auch die übrigen Familienmitglieder. Es ist wirklich sehr schwer und ich probiere jeden Tag Dinge aus. Ich danke Dir sehr für Deine Gedanken und Anregungen!
    Eine Frage noch: was genau meinst Du, wenn Du oben schreibst: "...oder aber Kinder, die schon oft in ihrem kurzem Leben gescheitert sind". Woran genau? Ich möchte darüber nachdenken, finde aber keinen richtigen Ansatz...
    Tausend Dank und ganz liebe Grüße!

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    1. Guten Morgen, du Liebe!

      Also wenn auch durch all diese Tipps und Tricks sich das Problem nicht erleichtern lässt, also wenn der Widerstand nach einer Stunde Abwarten eurerseits genauso stark ist, wie davor und es sowieso immer Tränen gibt, dann ist es nicht sinnvoll, eure Bedürfnisse so sehr zurückzustecken. Verstehst du was ich meine? Es soll eigentlich so sein, dass durch euer Entgegenkommen, eure Kooperation und die kleinen Tricks die Kinder entspannt Situationen wechseln können. Oder zumindest entspannter, als ohne. Wenn dem aber so nicht ist, dann würde ich mich nicht so sehr verbiegen. Für deinen Sohn ist es egal, ob der Widerstand und das Weinen morgens um 8 Uhr kommen, oder morgens um 10 Uhr, aber für den Rest der Familie macht es einen großen Unterschied, ob sie 2h auf ihn warten mussten, oder nicht. Wenn ihr also sowieso seinen Widerstand aushalten müsst, egal zu welcher Zeit der Situationswechsel geschieht, dann macht das doch lieber so, dass ihr es schnell hinter euch bringt und euch nicht noch über die vergeudete Wartezeit ärgern müsst.

      Zu den gescheiterten Kindern. Ich meine eigentlich meine Schüler damit. Sie haben als Baby geschrien, doch Mama kam nicht - sie sind in ihrer Selbstwirksamkeit gescheitert. Sie waren in der Kita "ungezogen" und haben gehauen, weil sie sagen wollten, dass es ihnen zuhause nicht gut geht, wurden aber von den Erzieherinnen nur bestraft, anstatt ihnen zugehört wurde - sie sind mit ihrem Hilferuf gescheitert. Sie haben in der Schule andere Kinder geschubst, weil sie nicht anders ausdrücken konnten, dass sie gern mit dem Kind spielen wollen, doch das andere Kind war nur genervt - sie sind mit ihrer Art der Kommunikation gescheitert. So haben sie ein Selbstbild eines Kindes entwickelt, das nichts kann, nichts weiß, zu nichts nutze ist und nicht geliebt wird, weil es so "schlecht" ist. Sie sind, kurz gesagt, zu oft gescheitert. Um nicht noch mehr Tiefschläge erleiden zu müssen, verweigern sie oft die Mitarbeit, denn "sie sind ja eh zu doof".

      Liebe Grüße, snowqueen

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  7. Liebe Snowqueen,
    woran erkenne ich denn "echte" Schwellenangst bei einer 4 1/2-Jährigen? Ich vermute, dass meine Tochter damit in manchen Situationen ein Problem hat, tu mich aber ehrlich gesagt schwer, ihr in dem Moment weiterzuhelfen. Konkret fing es eigentlich nach dem Übergang von der Krippe in den Kindergarten an, also mit gut 3 1/4 Jahren. Die Erzieherinnen berichteten mir beim ersten Elterngespräch im Kindergarten, dass es mit meiner Tochter immer mal Situationen gibt, wo sich komplett verweigert, anfängt zu weinen und sagt, sie kann das nicht. Z.B. sollten die Kinder nach dem Thema Feuer und einem abschließenden Besuch bei der Feuerwehr ein Bild dazu malen. Irgendwas zum Thema. Meine Tochter saß dann wohl am Tisch, hat nicht angefangen zu malen und stattdessen geweint. Auf Nachfrage meinte sie, sie weiß nicht was sie malen soll. Als die Erzieherin ihr Vorschläge machte, sagte sie, sie kann das nicht.
    Auch mit mir im Musikgarten gab es letztes Jahr eine Situation, wo die Kinder mit Mama zusammen zum Rhythmus eines Musikstücks auf eine große Papierrolle kritzeln sollten. Es war in gewissem Maß auch vorgegeben, sprich die Kursleiterin sagte: rauf-runter-rauf-runter-hin-und-her-und-hin-und-her-und-Punkt-Punkt-Punkt-Punkt. Es war wirklich ein lustiges Gekritzel zu Musik, aber meine Tochter verweigerte, weinte und sagte, dass sie das nicht kann. Das trag mich damals völlig unvorbereitet. Sie probiert es dann aber auch nicht und alle Versuche, ihr den Start zu erleichtern, wehrt sie dann ab. Wenn ich ihre Hand führen will oder einfach selber drauflos male, hilft ihr das nicht.
    Gefühlt treten solche Situationen deutlich gehäufter im Kindergarten auf, mit uns Eltern eher selten bzw. wenn ich ihre Trödelei unter dem Aspekt Schwellenangst neu betrachte, dann in einer anderen Form als im Kindergarten.
    Manchmal bringt mich das wirklich zur Weißglut, wenn ich morgens z.B. zu ihr sage, zieh schon mal Deinen Schlafanzug aus und ich gehe dann schnell ins Schlafzimmer, mache das Bett o.ä. und wenn ich zurückkomme, steht sie immer noch im Schlafanzug da und kramt bspw. in ihrer Haarspangenschachtel rum. Unter dem Aspekt Schwellenangst habe ich das noch nie betrachtet und es tut mir im Nachhinein regelrecht leid, dass ich dann oft laut werde und schon ziemlichen Druck auf sie ausübe.
    Ich muss dazu sagen, dass mir besonders die Situationen "in der Öffentlichkeit" (sprich Kindergarten, Musikgarten), wo sie dann auch anfängt zu weinen und nicht über ihren Schatten springen kann, regelrecht das Herz zerreißen, weil ich selbst als Kind und Jugendliche ähnliche Probleme hatte. Ich kenne solche Situationen und ich weiß, dass mir niemand bei der Lösung geholfen hat. Und ich weiß auch, wie schrecklich sich das anfühlt, wenn innerlich alles blockiert und man dem Moment so hilflos ausgeliefert ist. Ich würde mich als sehr perfektionistisch beschreiben und die Denkweise "ich mach es gescheit oder gar nicht" ist auch heute noch tief verankert. Ähnliche Züge sehe ich auch in meiner Tochter, weiß aber nicht, wie ich ihr da helfen könnte. Ich habe durch den innerlichen "Tritt in den A..." bzw. "sich zusammenreißen" für mich selber irgendwann einen Weg gefunden, meine Blockaden (in der Regel für Außenstehende unbemerkt) zu überwinden. Aber es war ein einsamer und schmerzhafter Weg, den ich erst im frühen Erwachsenenalter gegangen bin. Wenn es einen weniger steinigen Weg gäbe, den ich meiner Tochter frühzeitig mit meiner Unterstützung ebnen könnte, wäre das eine große Erleichterung.

    Ich liebäugle auch für die Einschulung, die 2017 ansteht, mit einer Montessorischule. Bin mir aber genau wegen diesen Ladehemmungen, die meine Tochter oft hat, unsicher, ob sie dort zurechtkäme, oder ob sie eher mehr Anleitung und Vorgaben braucht, an denen sie sich entlanghangeln kann.

    LG, Nicole

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    1. Liebe Nicole, eine Diagnose "Schwellenangst" gibt es zwar nicht, aber nach dem, was du da beschreibst, klingt es schon sehr danach, als würde deine Tochter darunter leiden. Zumal du das als Kind scheinbar auch hattest.

      Der wichtigste Schritt für die Erwachsenen ist erst einmal das Annehmen dieser Eigenheit des Kindes. Jetzt, wo du weißt wo es klemmt, kannst du sicher gelassener damit umgehen. Ohne viel Bohei solltest du ihr für die Schwellen Hilfe anbieten. Aber wenn sie nicht will (z. B das Malen in der Gruppe), dann würde ich das so oft es geht einfach akzeptieren. Je weniger Druck von außen, desto besser kann sie innerlich an sich selbst arbeiten, Dinge doch zu probieren. Am besten klappt das, wenn sie niemand dabei beobachtet oder das Ergebnis hinterher sieht (wieder auf das Malen bezogen).

      Normalerweise kommen Kinder mit Schwellenangst besser an Freien Schulen (oder Montessori) klar, weil dort ohne Wenn und Aber akzeptiert wird, wenn sie sich aus bestimmten Aufgaben zurückziehen Dafür bearbeiten sie dann Lernfelder, die in dem Moment nicht angstbesetzt sind. Irgendwann trauen sie sich dann auch die anderen Aufgaben zu. Vielleicht ein gutes Buch für dich: "Ist mein Kind schulfähig? Ein Orientierungsbuch". Und vielleicht ein kleines Buch zum Nikolaus für deine Tochter: "Der Punkt. Kunst kann jeder" (Wenn du magst, bitte über unseren Amazon Link bestellen. Danke!)

      LG, snowqueen

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    2. Liebe Snowqueen,

      vielen Dank, dass Du Dir die Zeit genommen hast zu antworten. Deine Einschätzung und Deine Ideen bringen mich in meinen Überlegungen schon ein ganzes Stück weiter. Außerdem bestärkt mich Deine Antwort darin, den Weg Montessori-Schule weiterzuverfolgen.
      Ich denke, ich werde aber auch auf jeden Fall ein Gespräch mit den Erzieherinnen im Kindergarten suchen. Leider bin ich von der Art und Weise, wie dort mit den Kindern umgegangen wird (sehr autoritär, vergleichend, Token-Systeme, stiller Stuhl) nicht überzeugt. Ein Wechsel kommt jedoch aus praktischen Gründen (Entfernung) definitiv nicht in Frage. Natürlich kann ich nicht in den Kindergarten gehen und sagen: "ich finde grundsätzlich schlecht, was ihr macht", aber vielleicht kann ich auf diplomatische Weise zumindest erreichen, dass sie in Blockade-Momenten mit meiner Tochter anders umgehen. Ich weiß nicht, ob der Zeitpunkt zufällig kurz nach Kindergartenstart war bzw. entwicklungsbedingt/altersabhängig oder ob es im engeren Sinne doch auch am Kindergarten und der Umgangsweise mit den Kindern dort liegt, dass diese Schwellenangst bei meiner Tochter so deutlich zum Vorschein gekommen ist.

      Danke auch für die Buchtipps. "Der Punkt. Kunst kann jeder" ist mir bei Euren Geschenkideen für 4-5-Jährige schon ins Auge gesprungen. Ich denke, ich werde es meiner Tochter tatsächlich noch für Nikolaus bestellen - gerne natürlich über den Amazon-Link hier.

      LG, Nicole

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    3. Ich habe spontan noch ein Buch vom Wunschzettel für Euch dazugelegt ;-)

      LG, Nicole

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  8. Sehr interessant. Wir haben das "etwas von Zuhause mitnehmen" auch. Es hat sich "einfach so" in dder Morgenroutine meines Mannes mit unserem Sohn entwickelt.
    Wecker haben wir auch in bestimmten Situationen und unser Sohn reagiert sehr gut darauf. Schon interessant, dass man solche Dinge auch von "allein" entwickelt.
    Einziges regelmäßiges Drama hier: Zähne putzen und Nuckel abgeben.

    Lieber Gruß

    Nauka

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  9. Ihr Lieben!
    Zuerst einmal ein riesengroßes Dankeschön, dass es euch gibt. Ihr habt mir mit euren Artikeln schon so oft Ängst genommen und mir geholfen, zB bei blöden Verwöhn-ihn-doch-nicht-Vorwürfen etc.
    Als du, Snowqueen, im Artikel den Augen rollenden Winterhoff erwähntest, musste ich sooo lachen - ich musste die ganze Zeit an ihn denken und mir vorstellen, wie er grummelige Kommentare abgibt :D
    Macht bitte weiter so, ich bin euch so dankbar! ♡
    Alena

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    1. Der liebe Winterhoff, ich habe ihn so gern. *grins*
      Eine meiner besten Freundinnen aus Kindertagen hieß übrigens Alena - ich hätte beinahe Fräulein Chaos so genannt. Schöner Name!
      Liebe Grüße, snowqueen

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  10. Meine Tochter ist genau so, nur dass sie, damit sie die Situation nicht wechseln muss, sich ins Bett legt und schläft. Sehr anstrengend.

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  11. An dieser Stelle müsste eigentlich ein Dankesbrief meiner Kinder stehen. ;-) Mit euren Artikeln helft ihr mir immer wieder, die Geduld wiederzufinden, wenn sie mir abhanden kommt, und neue gute Vorsätze zu fassen. Aber da die beiden nichts von euch wissen und immer denken, ich wäre von allein zur Vernunft gekommen - bedanke ich mich an ihrer statt!
    Auch ich habe in diesem Artikel eins meiner Kinder wiedererkannt und werde mich noch mehr bemühen, ihm bei Übergängen zu helfen statt Druck auszuüben.
    Macht weiter so!
    Viele liebe Grüße, Wiebke

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    1. Liebe Wiebke, vielen Dank für deine süße Rückmeldung, du hast mir ein Lächeln aufs Gesicht gezaubert! Grüße unbekannterweise an deine Kinder.

      LG, snowqueen

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  12. Wieder ein sehr schöner Artikel. Es ist immer spannend zu lesen, wie man den Alltag mit Kindern besser gestalten kann und auch die Hintergründe erfährt, warum manche Dinge so sind, wie sie sind. Interessanterweise mache ich Einiges davon bereits, weil ich festgestellt habe, dass ich dann schneller zum Ziel komme bzw. das Kind besser "hört", z.B. das Zeitvorhersagen (noch 5 Minuten, dann gehen wir los...) oder "noch einmal rutschen" oder auch "sagst Du noch Tschnüss?". Meist läuft sie dann ohne Protest neben mir her nach Hause. Dass dahinter aber Programme stecken, deren Übergänge besser gestaltet werden, das wusste ich nicht. Es ist schon erstaunlich, was in den Köpfen der Kinder so vor sich geht ;-)

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  13. Momentan kann ich beim Wort "Kooperieren" wirklich in die Luft gehen! Bis vor ein paar Monaten hatte ich wirklich einen Engel zu Hause! Mittlerweile weiß ich einfach selber nicht mehr weiter. Ich bin eigentlich pausenlos am meckern habe ich das Gefühl. Ich kann tausendmal sagen "Wir ziehen jetzt den Pyjama aus" oder irgendwas anderes, was wir wirklich täglich machen und auch immer zu den selben Zeiten und auch immer in der selben Reihenfolge. Selbst beim 1000000. Mal passiert nichts. Gebe ich ihr zBsp die Haarbürste, dann wird das brav ignoriert oder ins Spiel mit einbezogen oder brav an den Platz zu den anderen Haarsachen gelegt. Wie soll ich sie denn "machen lassen" wenn wir doch nun aber wirklich zur Kita müssen? Oder wirklich nach Hause müssen? Sage ich es im ruhigen Ton - passiert nix, erkläre ich ihr die Lage - passiert nix, mecker ich rum - passiert nix. So langsam bin ich echt verzweifelt!
    Ich muss dazu sagen, dass ich alleinerziehend bin UND auch noch in einer Chemo stecke.

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    1. Liebe Anonym, es tut mir wirklich leid, dass du so verzweifelt bist. Gerade in deiner Situation mit der Chemoa wäre es wichtig, dass deine Tochter kooperiert, aber scheinbar KANN sie es gerade nicht. Ich würde, wenn du es schaffst, ihr mehr helfen, ihr nicht die Bürste in die Hand drücken, sondern sie auf den Schoß nehmen und ihre Haare zu bürsten z.B.. Ich fürchte, ruhig etwas sagen, erklären oder auch schimpfen hilft alles nichts - das hilft auch bei mir nicht. Es hilft nur, ihr Liebe und Hilfe entgegenzubringen, damit sich ihr Tank auffüllt und sie dir wieder zurückgeben kann. Denn bis vor ein paar Wochen scheint sie ja kooperiert zu haben. nun, vielleicht ist ihre Kraft gerade am Ende und sie braucht dich? Ich vermute ganz stark, dass auch sie deine Krankheit stark mitnimmt.
      Liebe Grüße, snowqueen

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  14. Anonym, wie alt ist dein Engel denn?
    Und seit wann "bockt" sie so sehr
    Kam das zeitlich vielleicht auch mit deiner Erkrankung zusammen? Das macht es nicht leichter, aber vielleicht ist es so, dass sie auf diese Weise versucht, den aktuellen Stress zu verarbeiten?

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  15. Oh, diese tolle Serie darf noch nicht zu Ende sein. Ich hätte nämlich noch zwei große Themen:
    1. Zähneputzen :/: Ich habe bei meinem 16 Monate alten Sohn schon viel probiert: Elektrische Zahnbürste, Zahnpasta, Singen, Zusammenputzen, Ihn bei mir putzen lassen, Zahnpasta, Bücher zum Thema Zähneputzen, Tiergeräusche. Selber putzen (naja auf der Zahnbürste kauen) geht ohne Probleme aber wenn ich nachputzen will muss ich ihn irgendwie festhaltenund dann gibt es Geschrei (vorher ist aber auch der Mund zu...).
    2. Mit Spielzeug werden. Das ist so ähnlich wie mit dem Essen. Wobei hier aus 3 Gründen geworfen wird: Wut, keine Lust mehr aufs Spielzeug und austesten. Wegnehmen bringt nix, dann geht er zum nächsten Spielzeug. Also wiederhole ich in Dauerschleife, dass nur Bälle geworfen werden dürfen oder es wegräumen kann, wenn er es nicht mehr will.

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    1. Ja, Zähneputzen ist bei und auch ein Thema! Zumal die Kleine nicht versteht warum man das machen muss. Bisher kaut sie auch nur auf der Bürste herum und trinkt das Wasser aus. Meine Versuche mit elektrischer Bürste, Bürste mit Füßen oder mit ihr gemeinsam putzen bzw. dem Hasi auch die Zähne putzen, schlugen bisher fehl.

      Weiteres Thema bei uns wird zunehmend der Mittagsschlaf. Meine Tochter ist 26 Monate alt und sollte Mittagsschlaf machen. Sollte, will aber nicht. Lege ich mich dazu - steht sie auf und will mit mir spielen. Gehe ich raus - steht sie erst recht auf. Unterwegs im Wagen ist alles aufregend. Selbst S-Bahn fahren wirkt nicht.

      Mich würde auch sehr interessieren wie andere es hinkriegen ihr eigenes Leben bzw. eigene Interessen neben der Erziehung wahrzunehmen. Ich habe das Gefühl bei mir dahingehend was ändern zu müssen, möchte aber dennoch jeden Abend meine Tochter zu Bett bringen. Ein kleiner Widerspruch. Aber ich kann doch nicht mein Sozialleben aufgeben, nur weil ich für meine Tochter immer da sein möchte?! Von daher würde ich gerne erfahren wie andere Familien oder erst recht Alleinerziehende, die ja viel mehr zu stemmen haben und weniger Freiheiten genießen dürfen, alles unter einen Hut bekommen. Wie hat sich das Sozialleben verändert, welche Hobbys habt ihr angefangen bzw. aufgegeben. Wie regelt ihr das und wie verpackt ihr das häppchengerecht für das eigene Gewissen?

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    2. Hi Käthe, ich bin Teilzeit-Alleinerziehend. Mein Mann ist nur am WE da und da arbeitet er meist von zuhause. Ich bin viel mit meinem Sohn unterwegs. Abends bleibt wenig Zeit, ab und an Nähe ich, lese oder vertue mich im Sommer im Garten. Wenn ich eine Auszeit brauche nehme ich Urlaub und gebe den Zwerg zur TaMu. ☺ Mir fehlt nix und dieso intensive Zeit mit dem Zwerg ist begrenzt. Manchmal frage ich mich sogar, was ich vorher mit der ganzen freien Zeit angestellt habe ��

      Ich bringe meinen Sohn jeden Abend ins Bett. Das Einschlafen dauert meist 30 min, manchmal länger. Wenns mal blöd läuft gehe ich einfach mit ins Bett. Mittagsschlaf klappt gut, den brauch er einfach noch. Vielleicht braucht deine Tochter nicht mehr so viel Schlaf?

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    3. Liebe Käthe,

      es könnte sein, dass deine Tochter keinen Mittagschlaf mehr braucht. Manche Kinder schaffen den schon mit 2 Jahren ab. Dann hilft es nicht, daran krampfhaft festzuhalten. Wenn sie nicht einschläft, dann halt nicht. Dann müsste die Einschlafbegleitung am Abend aber deutlich schneller gehen und du kannst wieder aufstehen und dein Ding machen.

      Wenn du ausgehen und Freunde treffen willst, müsstest du eine zweite Bindungsperson für deine Tochter "besorgen". Eine Oma, die sie ins Bett bringen kann? Eine regelmäßige Babysitterin? Wenn ihr sie langsam über eine gewissen Zeit 2einführt", könnte diese zweite Bindungsperson eine echte Entlastung für dich werden. Oder deine Freunde kommen vielleicht zu dir? Ich bin nicht allein erziehend, war aber in den letzten 5 Jahren trotzdem nur etwa 10x abends weg. Aber regelmäßig kommen unsere besten Freunde abends zu uns, kochen für uns und wir gucken DVD oder quatschen. das finde ich total schön. Wenn die Kinder größer sind, werde ich wieder mehr ausgehen - mir bleiben dafür ja noch mindestens 40 Jahre.
      LG, snowqueen

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  16. Liebe snowqueen,
    ich hatte auf den Artikel schon gewartet und bin sehr froh ihn gelesen zu haben. Auch mir geht es so, dass ich durch die Beschäfigung mit dem Thema und die Tips von dir einfach schon mal gelassener bin. Mein Sohn spürt, glaube ich, einen Unterschied und das macht unseren Alltag schon einfacher! Ich danke dir und mein Sohn auch!

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    1. Es freut mich immer wieder, wenn meine Artikel in Familien wirklich etwas bewirken! <3

      LG, snowqueen

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  17. Vielen Dank für die ganzen wunderbaren Artikel. Ich habe mich seit mehreren Stunden festgelesen und schon viel gelernt. Meine konkreten Probleme sind:
    - ICH bin von dem Konzept überzeugt, allerdings mein Mann nicht. Zumal bisher kein "Erfolg" im Sinne von Kooperation eingetreten ist, bzw. gerade bei mir (nicht bei ihm oder der Oma) die Kinder "auf der Nase herumtanzen" und eben nicht kooperieren. Das wertet er als Beweis, dass das strengere Durchgreifen und z.B. Androhen von Auszeit eben doch der bessere weil effektivere Weg wäre. Wie kann ich damit umgehen?

    - Das drängendste Problem mit unserer älteren Tochter (3,5 Jahre) ist, dass sie beim allerkleinsten Widerspruch sofort jammert und heult. Es ist kein Trotzkrampf in dem Sinne von Wut, sondern einfach, dass sie jeden Wunsch weinerlich herausbringt. Ich rede mit ruhiger Stimme (Vorbild?), sage ihr, bitte frag mich nochmal ohne zu weinen. Ich (und noch mehr mein Mann) kann dieses Gejammer einfach nicht mehr ertragen! Er meint, er muss zunächst das vorrangigste Ziel sein, das Gejammer zu unterbinden. Ich finde keinen Weg, selbst wenn ich alle Wünsche sofort erfülle (anziehen helfen, Dinge später machen oder an anderen Orten, Sachen aussuchen lassen etc.), führt das nur dazu, dass noch mehr gefordert wird, auch im Jammertonfall. Es fühlt sich einfach so an wie "sie nimmt dann die ganze Hand, wenn sie den kleinen Finger bekommt".

    Deine Artikel lesen sich so logisch und schlüssig und ich möchte daran glauben, dass es klappt. Aber bisher habe ich einfach keine positiven Ergebnisse "vorzuweisen". Muss ich einfach länger durchhalten?

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    1. Liebe Anonym,

      nunja- also zunächst einmal wirkt eine Erziehung mit Konsequenzen etc. tatsächlich effektiver und schneller. Das ist auch leicht erklärbar. Dabei bilden sich im Hirn relativ kurze Wenn-Dann-Nervenbahnen, die immer dann angeregt werden, wenn eine Autoritätsperson eine Strafe in Aussicht stellt (oder auch eine Belohnung). Weil sie so kurz angelegt sind, reagiert das Kind schon nach kurzer Zeit wie gewünscht. Das Problem ist: Fällt die Autoritätsperson weg, oder die Strafe/Belohnung, werden diese Nervenbahnen nicht angeregt! So kommt es dazu, dass z.B. Autofahrer auf einer 50er Strecke 80 fahren, weil sie denken, dass sie niemand dabei erwischt. Nur, wenn sie wissen, dass ein Blitzer da steht, fahren sie im richtigen Tempo. Unsere Art der Erziehung versucht, Wenn-dann-Nervenbahnen zu vermeiden. Wir wollen, dass die Kinder lange, verschachtelte Nervenbahnen ausbilden - das dauert natürlich sehr viel länger. Diese Nervenbahnen bilden sich dann, wenn das Kind verstanden hat, was eine bestimmt Sache für einen anderen Menschen bedeutet. Dann entsteht Selbststeuerung aus dem Verständnis heraus, dass man mit eigenem Verhalten auch Einfluss auf das Wohlbefinden eines anderen hat. Menschen mit überwiegend solchen Nervenbahnen brauchen keine Autoritätsperson und auch keine Belohnungen oder Strafe, um Dinge zu tun. Sie entscheiden selbst und würden z.b. um beim Autofahren zu bleiben, 50 fahren, weil sie im Blick haben, das Rasen sie selbst und andere gefährdet. Insofern müsst ihr als Familie abwägen: Sind euch schnelle Erfolge wichtig? Dann klappt das mit der althergebrachten Erziehung am besten. Ist euch einsichtiges Verhalten wichtiger? Dann gebt ihr mehr Zeit.

      Zum Jammern. So, wie du es schreibst, klingt es für mich, als benötige sie gerade Trost von euch, und bekommt ihn aber nicht. Sie bekommt anderes, weil ihr hinter dem Jammern nicht die Verletzung heraushört? Ich bin mir nicht sicher, weil ich eure Familienkonstellation nicht kenne. Kann es sein, dass ihr gerade ein Geschwisterkind bekommen habt (gerade meint: bis zu einem Jahr)? Dann lies doch mal den Entthronungsartikel von uns. Dort kommt Jammern ganz explizit vor.

      LG, snowqueen

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  18. Hallo Snowqueen, meine Tochter ist 26 Monate und die Schwellenangst und die Programmwechsel machen ihr vor allem im Kindergarten zu schaffen. Die Erzieher dort haben davon keine Ahnung, kannst du mir vielleicht eine fachliche Quelle für den Artikel nennen, an die ich die werten Pädagogen verweisen kann. Ich halte sehr viel von deiner Seite. nicht falsch verstehen, aber ich gelte vor Ort sowieso schon als "anstrengend und überfürsorglich", da würde ich gern etwas Fachliches vorweisen können :-) Dankeschön und LG Claudia

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  19. Liebe Snowqueen,
    herzlichen Dank für diesen Blog!! Mir gehen beim Lesen so viele Lichter auf; vieles habe ich auch schon so halb bewusst gefühlt (aber nicht ernst genug genommen), was ich hier nun formuliert finde - es ist einfach so einleuchtend! Es hilft mir schon zu mehr Gelassenheit, aber trotzdem reagiere ich oft noch falsch, z.B. zu wenig gelassen. Das passiert v.a., wenn die Nicht-Kooperation plötzlich aus heiterem Himmel kommt und vielleicht auch noch unter Zeitdruck. Aber es ist ja schon mal ein Anfang, sich bewusst zu werden, wie es richtig wäre! Macht bitte weiter!

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    1. Liebe Hanni, ich hatte letztens auch ein Erlebnis mit Herrn Friedlich (2), wo seine Nicht-Kooperation für mich aus heiterem Himmel kam. Nach dem Aufstehen wollte er nicht Windeln wechseln, nicht Zähne putzen, nicht anziehen, nicht frühstücken. Nichts. Er lief mosernd davon, wenn ich mit seinen Anziehsachen zu ihm kam. Er versteckte sich vor mir. Er war nicht einmal durch sein Lieblingsfrühstück in die Küche zu locken! Mich hat das wirklich verwundert. Es ist nicht seine Art, alles so kategorisch zu verweigern. Ich nahm das erst einmal gelassen hin. Als seine Schwestern und ich schon zum Gehen bereit waren, sagte er dann ganz zuckersüß und herzzerreißend traurig zu mir: "Hause bleim!" Da fiel es mir wie Schuppen von den Augen: Er hatte das alles verweigert, weil er dachte, er müsse dann nicht in die Kita. Seine Lieblingserzieherin war nämlich krank und die Vertretung war ihm unheimlich (sie ist freundlich, aber laut und zackig drauf). Das hat mir wieder einmal gezeigt, dass es für Verweigerungen IMMER einen für das Kind guten Grund gibt. Deshalb halte ich es für entspannter, erst einmal auf die Verweigerung einzugehen. Notfalls hätte ich ihn im Schlafanzug in die Kita gebracht und dort umgezogen und Zähne geputzt. Frühstück bekommen sie sowieso noch einmal dort. Aber das musste ich dann gar nicht mehr, denn als ich ihm Empathie für sein Problem gab: "Du willst zuhause bleiben. Du willst nicht in die Kita, weil J. nicht da ist..." und er sich verstanden fühlte, war er dann doch bereit, sich anziehen zu lassen.

      Aber Zeitdruck - ja, Zeitdruck ist auch mein ganz großes Problem. Da werde ich auch ungeduldig. Leider läuft dann wirklich alles schief. Da muss ich auch noch mehr an mir arbeiten...

      LG, snowqueen

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    2. Liebe snowqueen,
      danke für Deine Antwort!
      Leider ging es heute morgen mal wieder total schief und jetzt habe ich die ganze Zeit daran zu knabbern... Ich habe das alles verstanden mit der Schwellenangst usw. und normalerweise klappt das auch gut mit dem Ankündigen - aber dann war es frühmorgens, wir beide noch müde und deswegen latent gereizt; dennoch hatte das Aufstehen um 6 Uhr trotz Jammern und Meckern vonseiten des Sohnemanns dank liebevoller Zuwendung noch gut geklappt, auch das Frühstück blieb halbwegs im Zeitrahmen (trotzdem immer irgendwie nervig, dass ich dauernd schauen muss, dass er nicht mit dem Brot in der Hand singt oder so anstatt zu essen...), es war sogar noch Zeit zum Spielen übrig (die ist eigentlich grundsätzlich eingeplant, muss aber manchmal wegen des Getrödels ausfallen, was dann auch öfter zu Gebocke und Geschrei führt...). Aber dann: tja, dann musste ich nochmal aufs Klo und das dauerte etwas... plötzlich wurde die Zeit doch eng und ich bat meinen Sohn, sich jetzt gleich anzuziehen. "Noch ein bisschen spielen!!" -"Nein, bitte diesmal wirklich jetzt gleich" und ich erklärte ihm auch, warum, dass ich zu lange auf dem Klo gebraucht hatte und jetzt wirklich zur Arbeit los musste. Er weigerte sich aber, bis mir nichts anderes mehr einfiel als in alte Muster zu verfallen und "eins, zwei, drei" mit Strafe zu drohen. Worauf er erstmal Anstalten machte, sich anzuziehen, dann aber erneut nicht in die Puschen kam und schließlich alles eskalierte mit Strafe verhängen, noch bockigerem Kind usw.
      Ich hätte das vermeiden können, hätte ich ihn einfach noch kurz weiterspielen lassen. Eine Minute hätte vielleicht gereicht. So viel Zeit wäre trotz allem schon noch gewesen, im Nachhinein betrachtet. Aber irgendwie war ICH dann auch bockig und dachte etwas wie "nein, jetzt mach halt einfach mal, was ich sage, ausnahmsweise mal, wir haben es jetzt eilig!" Eigentlich weiß ich es besser, dass das so nichts bringt, aber ganz ehrlich, manchmal fühle ich mich so dominiert von seinen Bedürfnissen und will, dass meine Bedürfnisse jetzt auch mal dran sind! Und dann kann ich mir nicht vorstellen, warum er sich jetzt nicht einfach mal schnell anziehen kann (was er in anderen Situationen ja durchaus kann, nämlich, wenn ER das will!), mal ausnahmsweise und mir zuliebe??
      Kann er das wirklich nicht, oder will er einfach nicht? Und ist es wirklich okay, nicht zu wollen, wenn man andere damit in Stress (also wie Zeitnot) bringt? Muss er nicht mit fast 6 Jahren auch mal lernen, seine Bedürfnisse zurückzustellen?
      Und wie komme ich in der Situation runter, wenn ich schon merke, dass die Angst vor dem Zuspätkommen mich stresst und das Getrödel mich wütend macht?
      Liebe Grüße, Hanni

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    3. Liebe Hanni, puuuh, das war echt ein anstregender Morgen! Ich kenne das und ja, auch ich verfalle dann manchmal in alte Muster und drohe, damit es schneller geht.

      Die Frage ist - ist das jeden Tag (nicht so gut), oder eben nur ab und zu (das wäre ok)?

      Eine meiner Töchter ist wirklich sehr allergisch auf zeitlichen Druck. Sie friert dann total ein und kann wirklich (!) nicht mehr reagieren. Sie ist innerlich blockiert. Ich kann diese Blockade lösen, wenn ich meckere und drohe, dann heult sie zwar, aber sie kommt in die Puschen. Ich mag solche Morgen aber nicht, deshalb tue ich alles, was ich kann, um diesem Zeitdruck zu entgehen. Wie ich das bei dir rauslese, machst du das auch. Gut so.

      Aber manchmal, manchmal, habe ich eben Zeitdruck von außen, und dann kann ich es nicht ändern und nicht abpuffern, dann muss meine Tochter eben funktionieren. Das geht mal sehr gut, und mal gar nicht. Wenn es gar nicht geht, dann reagiere ich genervt und, wie ich schon schrieb, verfalle in alte Muster. Aber soooo oft passiert das ja nicht - bei dir doch auch nicht!

      Ich denke, wir können da entspannen. Wir tun alles, was wir können. Unsere Kinder tun alles, was sie können. Und wenn er an einem Tag nicht das macht, um das du ihn bittest, dann geh davon aus, dass er innerlich irgendwie blockiert ist und gerade nicht so schnell reagieren kann.

      LG, Snowqueen

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    4. Liebe snowqueen,
      herzlichen Dank für Deine Antwort und die ermutigenden Worte!
      Nein, zum Glück ist das nicht jeden Morgen so - und es geht sowieso immer besser, nicht zuletzt dank Euch!! Es klappt auch super, dass ich ihn gelegentlich freundlich auf meine Kooperation hinweise ("schau, ich war den ganzen Nachmittag mit dir im Freibad und hab dich jetzt noch 10x rutschen lassen...") - und ihn dann bitte, mir nun seinerseits mal eben etwas entgegenzukommen, z.B. dass wir jetzt aufbrechen. Ob das mit 4 oder auch 5 Jahren schon funktioniert hätte, weiß ich nicht, aber jedenfalls jetzt.
      Übrigens glaube ich noch einen Grund für das Bummeln z.B. beim Anziehen zu sehen, mal abgesehen von Schwellenangst: einfach Gedankenverlorenheit, im Kopf immer noch eine Geschichte aus Phantasien, quasi ein unsichtbares oder kaum merkbares Spielen, über dem das Kind vergisst, was es eigentlich tun soll. Ähnlicher Effekt, wenn es (z.B. im Kindergarten) etwas zu beobachten gibt, sei es nur ein anderes Kind.
      Aktuell habe ich zwei "Beschleuniger" beim Umziehen; vielleicht helfen sie jemandem: 1.) Das "Wie-weit-bin-ich-erst-glaubst-du?"-Spiel: ich muss wegschauen und immer raten, was bisher an- oder ausgezogen wurde; dabei "verschätze" ich mich immer (was ihn zum Kichern bringt) und plötzlich steht Sohnemann fertig angezogen vor mir und ich "erschrecke".
      2.) Die "Bitte trödeln!"-Methode: mein Sohn mag ja das "Gehorchen" gar nicht, und reagiert deshalb gerne paradox: nichts Schöneres, als das Gegenteil dessen zu tun, was ich sage! Das findet er dann lustig. Also sage ich "halt, nicht so schnell, nicht dass dir noch schwindlig wird! Lass dir Zeit!" - und schon beeilt er sich wie wild.
      Eine Einschränkung ist allerdings, dass diese "Tricks" mit der Zeit langweilig werden, und dann darf ich mir wieder was Neues einfallen lassen. Aber momentan kommen wir damit ganz gut klar. Wenn es vom Terminplan her egal ist, lasse ich ihn auch öfter einfach trödeln und warte halt. Diese Geduld musste ich aber erst lernen (und habe sie auch beileibe nicht immer) - aber ich habe ja zwei gute Lehrmeister: euch und meinen Sohn, der mich vielleicht schon mehr "erzogen" hat als umgekehrt!
      Macht so weiter und seid herzlich gegrüßt,
      Hanni

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  20. "Ich sehe Michael Winterhoff bei diesen Zeilen förmlich mit den Augen rollen und mich eine Helikoptermutter in Symbiose mit meinen Kindern nennen" ach da weht der Wind her :D. Nun, ich sehe das anders. M. Winterhoff ist ein Psychiater, er ist sicherlich nicht dumm und hat sicherlich auch ausreichend Erfahrung. Über die Schwellenangst weiss er sicherlich bescheid, ebenso gut wie, dass man das Kind über die Schwelle nicht prügeln (psychisch) sollte. Wo würde er jetzt aber rotieren? Gehen wir das Beispiel hier einen Schritt weiter, der Schrank ist offen und "Dann müsste eigentlich jeweils die Schwelle überschritten sein und euer Kind von selbst in die Gänge kommen." Wenn ja, ist alles bestens. Wenn nein, dann was? Nehmen wir an, das Kind zieht das Hemdchen an und befiehlt (Betonung liegt auf der Aussprache) "Du machst mir die Knöpfe zu!!!!!!!!11111elf" oder, das Elternteil holt irgendwelche Kleidung aus dem Schrank und das Kind bockt und wütet und schreit rum "das will ich aber heute nicht anziehen"... und man holt das nächste Stück raus "das auch nicht!!!"... und man holt das nächste Stück raus "das auch nicht!!!!!!!!!!!!"... das ist die Stelle wo Winterhoff sagen würde "Stop junges Fräulein, bis hierher und nicht weiter"... und nicht bei der Bewältigung der durchaus realen Phasenübergänge.

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    1. Lieber Martin, gut, dann gehen Winterhoff und ich hier an dieser Stelle (vermutet, denn ich rede ja hier nicht mit ihm, sondern mit Ihnen)konform, denn auch ich würde an dieser Stelle dem Kind gegenüber meine Grenze klar machen.

      Der Unterschied besteht wohl darin, dass ich nicht sagen würde: "Stop, junges Fräulein, bis hierher und nicht weiter" (was man durchaus machen kann!), sondern "Ich mag deinen Ton mir gegenüber nicht. Du kannst dich gerade offenbar nicht entscheiden, okay. Dann mache ich jetzt kurz etwas anderes und gucke, ob du in 5 Minuten bereit bist." Das sind nur Nuancen, aber ich finde sie für das Miteinander in der Familie wichtig.

      Wenn ich Winterhoff richtig verstanden habe, würde er in dem oben von Ihnen beschriebenen Verhalten den Versuch des Kindes sehen, Macht über die Eltern zu haben, also der "Bestimmer" zu sein. Ich dagegen denke, dass es einem Kind in diesem Moment auf für es selbst unbestimmte Weise "nicht gut geht" und es das mit diesem unschönen Verhalten ausdrückt. Meine Aufgabe als Elter ist dann nicht, dieses Verhalten auszuhalten und mich beschimpfen und kleinmachen zu lassen - nein, das auf keinen Fall. Ich kann und muss zeigen, welche Wirkung solche Sätze auf mich (und andere) haben, um den Präfrontalen Cortex des Kindes zu schulen. (Es soll dort authentische Reaktionsmuster anderer auf seine Aktionen abspeichern, damit später eine Impulskontrolle auf der Grundlage von zwischenmenschlichen Vorerfahrungen möglich ist.) Meine Aufgabe als Elter ist es aber sehr wohl, auch hinter das garstige Verhalten zu schauen und das dahinterliegende Problem zu erkennen und, wenn möglich, zu lösen. Das ist meist in der akuten Situation nicht möglich, aber zeitnah sollte es sein, damit sich das Verhalten nicht verstärkt oder verfestigt.

      MfG, Snowqueen

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  21. Da waren wir nun so weit, dass wir ganz gut mit dem Thema "Trödeln" klargekommen sind - und schwupps, ist mein Sohn ein Erstklässler und das Problem springt mich mit neuer Vehemenz an! Du beschreibst ja so schön, wie Du Schülern mit Schwellenangst hilfst - aber in einer bayrischen Grundschule mit 26 Schülern in der Klasse hat die Lehrerin nicht die Zeit (und wohl auch nicht den Willen), einzelnen Kindern das Blatt zu knicken und ihnen beim Anfangen zu helfen! Da wird das Blatt hingelegt, los geht´s - und dann eben eingesammelt. Und den Eltern wird dann am Sprechtag mit besorgter Miene präsentiert, dass Sohnemann gerade mal eine Zeile geschafft hatte, als die anderen längst fertig waren. Er wurde auch gleich am Anfang in eine Fördergruppe eingeteilt. Nicht, dass Förderung etwas Schlechtes wäre, ich fürchte nur, dass er so schon "einsortiert" in die Gruppe der Schlusslichter wurde. Es trifft mich einfach ins Herz, denn er ist ja nicht dumm (geht z.B. schon lange super mit Zahlen um, rechnet usw.) und außerdem so interessiert und motiviert! Letzteres wird schon auch wahrgenommen, aber was ich rückgemeldet bekomme, ist eben vor allem dieses "zu langsam"! Und es werden schon "Probleme in der 2.Klasse" prophezeit, da gehe es dann schon auch ums Tempo, gell! Es fällt mir schwer, gelassen zu bleiben und ich schaffe es leider öfter nicht, den Druck nicht an ihn weiterzugeben: z.B. schimpfe ich oft wieder wie früher, wenn er nicht anfängt, sich anzuziehen... dabei war ich damit vor der Einschulung schon viel entspannter, aber jetzt habe ich einfach Angst, dass es sich rächt, wenn er nicht lernt, schneller zu reagieren und überhaupt Dinge flotter zu erledigen. Der Betreuer im Hort hat gemeint, das sei einerseits einfach "Typsache" und andererseits könne das mit dem Alter noch besser werden; er sieht das eher entspannt, aber die Lehrerin halt gar nicht, und ich mach mir Sorgen! Meine größte Sorge ist dabei, dass ihm die Lust vergehen könnte, was bisher zum Glück nicht passiert ist. Wie soll ich mich verhalten? Einfach abwarten? (Und wie dabei die Panik loswerden?) Oder doch versuchen, ihn zu "beschleunigen", aber wie?
    Liebe Grüße, Hanni

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    1. Liebe Hanni,

      au weia. Ja...ich habe von Bayern schon gehört, dass da schon in der Grundschule echt richtig Druck aufgebaut wird. Dein armer Kleiner.
      Hör zu, es ist so: Du wirst ihn mit Schimpfen und Meckern nicht dazu bewegen, anders zu werden. Du wirst nur euer Verhältnis verschlechtern. Es ist deine Angst um ihn, die dich da schimpfen lässt, das verstehe ich gut. Aber es ist einfach nicht zielführend. Du änderst ihn damit nicht. Ich fürchte, du wirst auch die Lehrerin nicht ändern können. Daher ist mein Rat folgender: Unterstütze ihn ZUHAUSE so gut du kannst. Sei morgens so entspannt, wie vor der Einschulung. Bei den Hausaufgaben am Nachmittag übe mit ihm Hilfestellungen ein. Er ist sechs und kann durchaus verstehen, dass es ein Problem ist, wenn er in der Klasse der Langsamste ist. Dass er sich selber helfen muss, um die Schwellen schneller zu überschreiten. Zeig ihm, wie er sich selbst das Blatt knicken kann, damit die Aufgaben nicht so viel wirken. Es gibt noch andere kleinere Tricks. Z.B. sollte er eine klar angeordnete Federtasche haben - und ihr solltet abends immer gemeinsam überprüfen, ob alle Stifte angespitzt sind und der Füller Tinte hat. Kinder mit Schwellenangst spitzen im Unterricht sehr gern ihre Stifte an, um die andere Arbeit zu vermeiden. Wenn ihr das abends kontrolliert, fällt diese Ablenkung/Ausweichsmanöver aus. Du kannst ihm jetzt eigentlich nur noch helfen, indem du seine Selbstverantwortung stärkst, wenn du ihm klipp und klar sagst, was das Problem ist und welche Techniken es dagegen gibt...
      LG, Snowqueen
      P.S. Der Betreuer im Hort hat recht: Es ist Typsache. Es würde tatsächlich mit dem Alter besser werden - es sei denn, da wird von der Lehrerin massiv Druck aufgebaut, dann kann das Ganze in Verweigerung umschwenken.

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