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Baby-led weaning (BLW) - Beikost breifrei anbieten


Kind isst halbes BrötchenNeben der motorischen Entwicklung sind die Essgewohnheiten unserer Kleinen in Krabbelgruppen beliebtestes Austausch- und vor allem Vergleichsthema. In meiner Gruppe wurde sich gegenseitig übertroffen mit Berichten über die verfütterten Breimengen und die Anzahl der schon ersetzten Mahlzeiten. Ich habe immer sehr staunend zugehört - da wurden Mengen genannt, die mich schwindeln ließen. Das schmalste Baby verdrückte mittags ein komplettes 190-g-Glas und ein halbes Obstglas zum Nachtisch. Mein Sohn hingegen hat in den ersten drei Beikost-Monaten widerwillig etwa 40 g Brei pro Mahlzeit gegessen und sich danach auf gigantische 50 g (was ein Viertelglas ist) gesteigert. Im Grunde hat er Brei nie gemocht - interessant wurden für ihn erst die festeren Stücken. Ob man will oder nicht - so ein Verhalten abseits der vermeintlichen Beikostnorm verunsichert einen. In allen Babyforen sind Beiträge wie "Die Beikosteinführung klappt gar nicht", "Mein Baby will nur Milch" und "Hilfe, mein Kind isst viel zu wenig Brei" häufig vertreten. Mag das Kind keinen Brei, lohnt es sich, über Baby-led weaning nachzudenken; diese Methode eignet aber auch grundsätzlich von Anfang für die Beikosteinführung.  

Was ist Baby-led weaning? 


Baby-led weaning (BLW) kann man mit "babygesteuertem Abstillen" übersetzen. Bei dieser Methode der Beikosteinführung wird auf den üblichen Babybrei verzichtet und stattdessen verschiedene Lebensmittel angeboten, die in handgerechte Stücke geschnitten und z. T. weich gedünstet werden (Fingerfood). Im Vordergrund steht dabei der Spaß und die Neugier. Ziel ist nicht, das Kind möglichst schnell an feste Kost zu gewöhnen, sondern es zwanglos an die verschiedenen Lebensmittel heran zu führen und die Freude am Essen zu wecken.

Das Baby entscheidet dabei allein, was es isst und wieviel davon. Hauptnahrungsquelle bleibt - so lange es das Baby möchte ("babygesteuert") - Milch. Beim BLW wird die natürliche Entdeckungsfreude und die kindliche Neugier unterstützt und dadurch in der Regel ein gesundes Verhältnis zur Ernährung unterstützt. Eine Untersuchung der University of Nottingham ergab beispielsweise, dass Kinder durch BLW tatsächlich eine gesündere Ernährungsweise entwickeln, weniger zu Süßem greifen und seltener Übergewicht entwickeln.

Im Juni 2014 gab es übrigens neue Empfehlungen der Deutschen Fachgesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin für die Ernährung von Säuglingen. Das Baby-led weaning wurde dort kritisch betrachtet - auf welch seltsamen Zusammenhängen und dilettantischen Interpretationen diese Kritik basiert, kann man bei uns hier im Blog nachlesen. 

Die Angst vor dem Verschlucken 


Die Sorge, dass sich das Kind an festerer Nahrung verschlucken kann, hält viele Eltern von Versuchen mit Fingerfood ab. Unsere Vorfahren hatten in den letzten 100.000 Jahren keine Pürierstäbe, weswegen Babys im Grunde darauf ausgelegt sind, auch mit stückigerer Kost zurecht zu kommen. Sie verfügen diesbezüglich über Selbstschutzmechanismen: ein Kind ist nicht in der Lage, willentlich Essen nach hinten in den Rachen zu befördern, bevor es nicht über die Fähigkeit verfügt zu kauen. Kauen lernen Kinder erst, wenn sie in der Lage sind, Gegenstände in die Hand zu nehmen - also bewusst zu Greifen. Ganz kleine Dinge kann ein Baby erst greifen, wenn es den Pinzettengriff beherrscht - bis dahin ist es vor dem Verschlucken geschützt. Wenn also dünnflüssiger Brei vom Löffel nach hinten in den Rachen gesaugt wird, ist es viel wahrscheinlicher, dass das Kind sich daran verschluckt (weil es noch nicht beikostreif genug ist), als wenn es selbst ein Stück gedünstetes Gemüse abbeißt.

Ergänzung (danke Ori): Gerade beim BLW kann es vorkommen, dass Babys anfangs häufiger würgen. Der Würgereflex wird bei Babys weiter vorne im Mund ausgelöst, als bei Erwachsenen. Dies dient auch dazu zu lernen, wie viel Essen in den Mund passt, ohne dass man sich verschluckt. Das ist normal und sollte nicht als Scheitern des BLW betrachtet werden.

Wichtig ist beim BLW, dass das Kind aufrecht sitzt und weder liegt noch halbaufrecht in einer Wippe sitzt. Das Kind wird Nahrung, die es nicht zerkleinern kann, ausspucken, das ist jedoch ausschließlich im Sitzen möglich. Es ist dabei nicht erforderlich, dass das Kind alleine sitzen kann - ein abgestütztes Sitzen auf dem Schoß ist ausreichend. In den Hochstuhl sollte man das Kind nicht setzen, wenn es noch nicht sitzen kann. Es versteht sich von selbst, dass ein Baby niemals beim Essen allein gelassen werden sollte! 

Wie fängt man mit Baby-led weaning an? 


Den richtigen Zeitpunkt für den Start der Beikost gibt das Baby vor. Zwar interessieren sich einige Kinder durchaus schon ab etwa 4 Monaten für den Prozess des Essens - in der Regel ist dies jedoch erst mit etwa 6 Monaten der Fall. Für das Baby ist es am schönsten und interessantesten, wenn es mit der restlichen Familie gemeinsam isst und ideal ist es, wenn die anderen auch etwas ähnliches Essen. Beim Baby-led weaning isst das Kind ausschließlich das, was es schafft, sich selbst in den Mund zu stecken - die Eltern bleiben dabei (fast) unbeteiligt.

Gemüse auf dem MarktIm Grunde ist der Start ganz unkompliziert - man sollte sich dabei vor Augen führen, wie die Kinder in den letzten Jahrtausensenden ernährt wurden. Kinder aßen das, was die Natur gerade hergab - in der Regel das Gleiche, wie ihre Eltern. Lange püriert oder schonend schrittweise neue Lebensmittel eingeführt wurde ganz sicher nicht. Damals ging es um das nackte Überleben - Kinder sind evolutionär darauf ausgelegt, mit Baby-led weaning ernährt zu werden. Etwaige Nährstoffmangel kann immer durch Muttermilch (die parallel gegeben wird) ausgeglichen werden.

Daher kann man ohne weiteres mit einer Vielfalt an Lebensmitteln beginnen - ein paar weich gekochte Nudeln, etwas Brot, weiches Obst (Banane, Birne, Pfirsich ohne Haut, Apfel gedünstet) und ein paar verschiedene frische gedünstete Gemüse - vorzugsweise in Bio-Qualität - all das kann angeboten werden. Idealerweise bekommt das Baby je Mahlzeit eine Auswahl an verschiedenen Nahrungsmitteln, damit es frei wählen kann. Am Anfang sind ein bis zwei Stücken vollkommen ausreichend - alles andere verleitet nur zum runter werfen. Aus dem gleichen Grund ist ein Teller zunächst vollkommen entbehrlich.

Der unbestreitbare Nachteil des BLW ist, dass das Verhältnis zwischen gegessenen und in den Abfall gewanderten Lebensmitteln anfangs vergleichsweise sehr schlecht ist. Man bekommt jedoch sehr schnell ein Gefühl dafür, welche Mengen das Kind isst. Übrig Gebliebenes bei BLW-Mahlzeiten ist übrigens auch für Mama und Papa eine gesunde Nahrungsergänzung ;-).

Es ist nicht erforderlich, die angebotenen Lebensmittel häufig zu variieren - es können (beispielsweise aus einkaufslogistischen Gründen) getrost mehrere Tage lang die selben Nahrungsmittel angeboten werden - müssen aber nicht. 

Worauf sollte man beim Baby-led weaning achten? 


BrokkoliWichtig ist, dass Nahrungsmittel nie in runder Form angeboten werden sollten. Insbesondere kleine Weintrauben, Blaubeeren, Johannisbeeren, oder auch Erbsen oder Nüsse können in die Luftröhre gelangen, wegen ihrer glatten Oberfläche nicht abgehustet werden und dadurch zum ersticken führen. In der ersten Zeit sollte man also darauf achten, dass die Oberfläche kantig ist, indem man die Lebensmittel halbiert oder etwas platt drückt. Nüsse sind für Kinder grundsätzlich in den ersten 6 Lebensjahren nicht geeignet. 
Das Gemüse wird klein geschnitten und gedünstet. Die Stücke sollten gut zu greifen sein, daher sollen sie nicht zu klein geschnitten werden. Wichtigstes Maß ist die Faust des Babys - dort sollten die Stücken hineinpassen und noch genug  Fläche zum Abbeißen bieten. Daher eignet sich besonders die Form von Schnitzen. Brokkoliröschen können bspw. ganz gelassen werden - das Kind hält den Stiel und beißt vom Röschen ab.

Bitte beachte: Das Kind ist u. U. motorisch noch nicht in der Lage, das Gemüsestück in der Faust zu bewegen, daher wird es keine kompletten Stücken nacheinander aufessen, sondern - wenn es die aus der Faust ragenden Stücke abgenagt hat - diese fallen lassen und sich wieder ein neues großes Stück nehmen. Es kann durchaus vorkommen, dass das Kind dann mit einem Stück in der Hand da sitzt und meckert und man gar nicht weiß, warum überhaupt. Das Öffnen der Faust muss auch erst erlernt werden - daher kann es sein, dass das Kind anfangs dabei noch Unterstützung benötigt. 

DampfgarerMan kann zum Dünsten auf einen Dampfgarer zurückgreifen. Wir hatten beispielsweise den AEG DG 5552 Dampfgarer (siehe Bild) der für ca. 33 EUR treue Dienste geleistet hat. Wem wichtig ist, ein BPA-freies Gerät zu haben, dem sei der Philips Avent SCF870/20 Dampfgarer und Mixer oder der Chicco Easy Meal empfohlen - diese Geräte sind speziell fürs Breikochen konzipiert. Am günstigsten und garantiert BPA-frei sind Einsätze für herkömmliche Kochtöpfe, wie bspw. dieser von Fackelmann.

Die Garzeit hängt von der Sorte ab - folgende Gemüsesorten sind für den Anfang geeignet:



Eine Zugabe von Zucker, Salz und Gewürzen erfolgt nicht. Ziel ist es, dass das Kind den unverfälschten Geschmack der Lebensmittel kennenlernt. Erst wenn das Kind vom Familientisch mitisst, kann das Essen leicht gesalzen oder gewürzt werden.

Die Beigabe von Fett in Form von Öl oder Butter ist nicht erforderlich aber möglich - beim BLW steigert das Kind die Nahrungsmengen im eigenen Tempo - das in der Regel sehr langsam ist. Daher trinkt es deutlich mehr Milch, als bei der üblichen B(r)eikost und deckt seinen Fettbedarf hauptsächlich über die Milch. Zur besseren Aufnahme der fettlöslichen Vitamine ist es sinnvoll, eine BLW-Mahlzeit mit Stillen zu beenden.

Grundsätzlich ist eine vegetarische Ernährung von Babys unproblematisch. Es ist nicht erforderlich, Fleisch anzubieten - dieses ist ernährungsphysiologisch allenfalls interessant in Bezug auf das Eisen und das Vitamin B12.

Leider kursiert noch immer hartnäckig die Annahme durch das Internet und sogar Arztpraxen, dass Stillkinder unter Eisenmangel leiden und daher spätestens nach 6 Monaten unbedingt fleischhaltige Kost gegeben werden sollte. Im verlinkten Artikel kannst Du nachlesen, wie es zu dieser Aussage kam und warum es keinen Grund gibt, Fleisch füttern zu müssen. Der Eisenbedarf kann auch über pflanzliche Nahrung (sehr eisenhaltig sind bspw. Hirse und Haferflocken) gedeckt werden. Das Vitamin B12 kann man durch andere tierische Produkte (Käse, Butter, Eier) und die Flaschen- oder Muttermilch in ausreichendem Maß zuführen. Zwar ist auch immer vom "wichtigen Eiweiß" die Rede, aber mit Eiweiß sind Kinder in der Regel hierzulande leider überernährt, so dass dies kein wirkliches Argument für Fleisch ist. 

Für die Zerkleinerung von festerem Fleisch benötigt ein Kind üblicherweise die Backenzähne. Auch deswegen kann man im Grunde davon ausgehen, dass es bis zum wachsen selbiger evolutionär gar nicht vorgesehen war, Fleisch zu verfüttern. Wenn man ungeachtet dessen trotzdem Fleisch geben möchte, sollte es in große Stücke geschnitten werden, auf denen das Kind kauen kann - allein durch das Herumsaugen am Fleisch werden die Nährstoffe aufgenommen. 

Isst mein Kind beim Baby-led weaning"genug"?

 
Am Anfang wird das Kind begeistert mit den angebotenen Lebensmitteln spielen und matschen - das ist vollkommen normal. Wenn das Kind die physikalischen Eigenschaften ausreichend erforscht hat, wird es Interesse für den Geschmack entwickeln. Möglicherweise landet bei den ersten Mahlzeiten gar nichts im Mund - über kurz oder lang wird jedoch das eine oder andere Stück seinen Weg in den Magen finden. Dennoch wird der Esstisch anfangs eher einem Schlachtfeld gleichen - bereite Dich mental darauf vor, sei entspannt und überrascht, wie schnell das Kind "ordentlich" essen lernt.

Kind ist Spaghetti mit der HandMan sollte immer im Hinterkopf behalten: Baby-led Weaning dient nicht dazu, das Kind zu sättigen - es soll ein Übergang von reiner Milchnahrung zur Familienkost bilden - ohne Stress und Druck. Es ist erstaunlich, wie langsam Babys diesen Weg gehen, wenn man ihnen die Zeit dazu lässt. Dennoch sind BLW-Babys in der Regel genauso schnell familientischreif, wie die breigefütterten Babys.

Beikost heißt deswegen BeiKost, weil es sie nebenbei zur Milch geben soll, sonst hieße sie Anstattkost. Milch sollte im ersten Lebensjahr die Hauptnahrungsquelle für Kinder sein - das wird leider wegen der großen bunten Palette an Gläschen, Milchbreien und Babykeksen schnell vergessen. Die Einführung fester Nahrung sollte nach keinem starren Schema erfolgen - Babys wissen im Grunde ganz ausgezeichnet, was und wie viel davon sie brauchen. Das beweisen sie ganz faszinierend beim Baby-led weaning. Schon im Artikel über Beikost habe ich über ein Experiment geschrieben, bei dem 15 vollgestillten Waisenkindern im Alter von sechs bis elf Monaten ein Sortiment aus 34 verschiedenen, mundgerecht zubereiteten Speisen angeboten wurde. Die Kinder stellten ihre Mahlzeiten ausschließlich selbst zusammen. Zu jeder Mahlzeit gab es eine Auswahl von 10 Komponenten wie z. B. Äpfel, Ananas, gekochter Weizen, Hafer, Roggen, Mais, Tomaten, Kartoffeln, Hirn, Knochenmark, Nierchen, gehäckselter Fisch, Eier, Wasser, Orangensaft, Milch usw. Die Kinder zeigten auf die gewünschten Lebensmittel und bekamen diese dann gereicht. Die Essgewohnheiten der Kinder waren unterschiedlich und z. T. sehr außergewöhnlich. Aber: Alle Kinder gediehen, waren gesund (alle Blutwerte lagen im Normbereich) und es traten keine Mangelerscheinungen auf. Kein Kind war dick, keines dünn. Ärzte bescheinigten den Kindern einen überdurchschnittlich guten Gesundheitszustand.

In Bezug auf die Essgewohnheiten habe ich zwei grundverschiedene Kinder - meine Tochter hat schon immer so gut wie alles gegessen und das in beeindruckenden Mengen. Mein Sohn würde sich gerade aktuell mit 20 Monaten am liebsten noch den ganzen Tag von Muttermilch ernähren. Mir ist vollkommen unbegreiflich, wie er es bisher geschafft hat, zuzunehmen und zu wachsen - die Mengen, die er isst sind homöopathisch. Gestern beispielsweise bestand sein Frühstück aus 20 Brombeeren und 10 Johannisbeeren. Zum Mittag hat er 20 Quadratzentimer Brot mit Frischkäse gegessen, zum Abendbrot ein paar winzige Löffel Kartoffelsalat, etwas Bratwurst und 5 Scheiben Gurke. Ein paar Apfel-Schnitze und ein Eis (aus Direktsaft) gab es zwischendurch und damit war er dann zufrieden. Er hat schon immer extrem wenig gegessen - ganz offensichtlich scheint es einfach Kinder zu geben, die tatsächlich nicht viel benötigen. So lange das Kind noch gestillt wird, muss man sich ganz offenbar keine Gedanken machen. Ich bin zuversichtlich, dass er langfristig so viel essen wird, wie er benötigt. dieser Erkenntnisprozess war nicht einfach für mich.


© Danielle 

Quellen 


http://saeugetier.blogsport.de/images/guidelinesblw.pdf

Iburg, Anne: Die besten Breie für Ihr Baby, Trias Verlag

Renz-Polster, Herbert: Kinder verstehen, Kösel Verlag
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