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Mein Kind wirft ständig Teller, Becher oder Essen auf den Boden


Das Hinunterwerfen von Tellern ist eigentlich der Klassiker unter den unkooperativen Verhaltensweisen. Viele, viele Eltern verzweifeln daran. In veralteten Erziehungsratgebern wird meist geraten, das Essen in einem solchen Fall sofort zu beenden. Wirft das Kind also Teller oder Essen auf den Boden, sollen die Eltern dieses aufheben, wegstellen und dem Nachwuchs sagen, dass das Abendbrot nun beendet sei. Man sehe an seinem Werfen, dass es ja wohl offensichtlich satt sei. Dummerweise juckt die Kinder dieser Abbruch des Essens meist nicht - beim nächsten Mal fliegt wieder der Teller. Ich halte diesen Tipp deshalb für keine erfolgsversprechende Erziehungstechnik und rate davon ab.

 

Gründe für das Verhalten

 
Der erste Teller "fliegt" noch aus Versehen, meist in einem Alter, in dem die Grob- und Feinmotorik einfach noch nicht richtig ausgereift ist. Weil aber zur gleichen Zeit in etwa das Baby/Kleinkind in der Ursache-Wirkungs-Phase ist, in der es ausdauernd testet, was passiert, wenn es eine bestimmte Sache macht, kann es gut sein, dass dieses erste Versehen dann immer wieder absichtlich wiederholt wird. Das Kind testet einfach die physikalischen Grundlagen seiner Umwelt: Fällt der Teller immer wieder nach unten? Schwebt er auch mal nach oben? Macht er immer dieses Geräusch? Bleibt er dabei ganz oder geht er kaputt? Wie reagieren meine Lieblingsmenschen darauf, wenn der Teller fällt?
 
Natürlich ist das Ursache-Wirkungs-Testen nicht die einzige mögliche Ursache. Viele Kinder signalisieren mit dem Runterwerfen, dass sie satt sind bzw. mit dem Essen fertig und sich langweilen. Da sie in der Regel noch keine andere Technik gefunden haben, diesen Fakt adäquat auszudrücken (z. B. indem sie die Gebärde "satt" oder "fertig" zeigen), bürgert sich dieses "Signal" (also das Herunterwerfen, weil sie fertig sind) ein und wird immer wieder gezeigt, auch, wenn die Eltern schimpfen. Dieses Schimpfen beziehen die Kinder nämlich gar nicht auf sich, da sie kognitiv noch nicht in der Lage sind, die Gefühlswelt ihrer Eltern nachzuvollziehen und zu erkennen, dass ihr Werfen die Eltern wütend macht und für das Schimpfen verantwortlich ist. Sie erkennen zwar einen Zusammenhang ("Immer, wenn ich werfe, wird Papa laut"), finden den aber eher spannend, denn er gehört wieder in das Ursache-Wirkungs-Lernfeld. Ergo machen sie mit dem Werfen weiter, um zu überprüfen, ob das Lautwerden der Eltern wirklich jedes Mal nach dem Tellerwerfen kommt.


Nun könnte man denken, dass es aus diesem Gesichtspunkt heraus vielleicht doch eine gute Idee ist, das Essen immer dann abzubrechen, wenn das Kind den Teller (oder das Essen, den Becher etc.) wirft, denn dann würde es doch irgendwann den Zusammenhang lernen? Ich werfe den Teller, der Teller kommt weg. Ja? Stimmt, das würde das Kind lernen. Es ist meines Erachtens trotzdem sinnlos. Denn das Kind wirft den Teller ja, weil es satt ist, das heißt, es tangiert es überhaupt nicht, wenn der Teller dann weggestellt wird. Eher im Gegenteil: Für das Kind signalisieren die Eltern mit dem Wegstellen des Tellers als nonverbale Botschaft: "Ich habe dich verstanden. Du bist satt. Dann stelle ich den Teller jetzt weg." Es fühlt sich also verstanden und ist glücklich, einen Weg gefunden zu haben, es seinen Eltern begreiflich gemacht zu haben. Dementsprechend würde es das Signal Tellerwerfen für den Fakt, dass es satt/gelangweilt ist nun immer wieder nutzen und sich nur wundern, warum die Eltern deswegen zunehmend lauter werden.
 
Nehmen wir an, das Kind ist noch nicht satt, und wirft den Teller trotzdem aus für uns nicht nachvollziehbaren Gründen. Dann würde das Wegstellen des Tellers, sobald er geworfen wurde, also das Abbrechen des Abendbrotes aber trotzdem uns Eltern ins eigene Fleisch schneiden und weniger den Kindern. Klar, die haben dann sicher noch Hunger. Und schicken wir sie dann hungrig ins Bett? Unsere Eltern und Großeltern haben das noch durchgezogen. Manchmal wurden sie dann durch lautes Hungergeschrei in der Nacht geweckt - nicht so prickelnd. Meistens aber mussten die Kinder halt damit leben und den Hunger bis zum Frühstück aushalten. Auch nicht so prickelnd, da das vorsätzliche Entziehen des Essens für Kinder wie Liebesentzug wirkt, die Eltern-Kind-Bindung negativ beeinflusst und ein gestörtes Verhältnis zum Essen hervorrufen kann. Die Eltern heute machen das Gott sei Dank nicht mehr, aber auch ihre Lösung ist nicht besser. Sie geben dem Kind dann später, wenn es Hunger hat, noch einmal etwas zu essen. Und was hat das Kind dann daraus gelernt? Nichts. Die Eltern vollführen nur seltsame Rituale, die es nicht nachvollziehen kann. Manchmal stellen sie den Teller weg, manchmal holen sie ihn wieder, manchmal wird das Essen unterbrochen, aber später gibt es dann wieder etwas. Das Kind denkt: "Go with the flow" und akzeptiert dieses Gebaren seiner Liebsten als normales Verhalten. Mit dem Tellerwerfen aufhören wird es vermutlich eher nicht.
 

Lösungen für das Verhalten

 

1. Echtes Geschirr nehmen

 
Doch, doch, das meine ich ernst. Ihr habt doch bestimmt noch "hübsches" Geschirr von Oma oder Schwiegermutter im Schrank, um das es bei einem Versehen nicht schade ist? Nehmt das.
 
Es ist wirklich auch schon für kleine Kinder ein Unterschied, ob bruchsichere Melamin-Teller auf den Boden prallen und scheppernd, aber ganz, umherrollen oder ein echter Porzellanteller klirrend in tausende Stücke zerspringt. Geht davon aus, dass kein Kind letzteres absichtlich zwei Mal macht. Deshalb sagt auch Maria Montessori (u.a.), dass es für die Entwicklung der Kinder am besten sei, wenn sie von Anfang an echtes Geschirr und echte Gläser bekommen. Schaut auch mal in euren Küchenschrank. Steht da noch euer Kindergeschirr aus Porzellan von vor 30 Jahren? Ja? Bei mir nämlich auch. Seht ihr, wir haben das damals auch geschafft. Unsere Kinder können das auch. Echt jetzt.
 

2. Ein anderes "Fertig"-Signal einführen

 
Wie ich oben bei den Gründen schon beschrieb, ist das Herunterwerfen von Geschirr oder Essen meist ein vom Kind eingeführtes und von den Eltern unwissentlich verstärktes Signal für den Fakt, dass es satt bzw. ihm langweilig ist.
 
Wenn wir das wissen, ist es ein Leichtes, dem Kind ein anderes Signal beizubringen. Denn merke: Wenn wir einem Kind immer wieder sagen, was es nicht machen soll, heißt das noch lange nicht, dass es dann automatisch weiß, was es stattdessen machen soll! Wir müssen es ihm sagen oder ihm vormachen.
 
Am einfachsten ist es, ihm zu zeigen, dass es den Teller auf dem Tisch nach vorn (von ihm weg) schieben kann, um zu zeigen, dass es fertig ist. Sollte der Teller also bei euch das nächste Mal fallen, würde ich ihn ohne Brimborium aufheben, wieder vor das Kind stellen und sagen: "Du bist satt? Guck mal, dann schieb den Teller so nach vorn. Dann verstehe ich dich besser. So sagst du: Ich bin fertig!" Das würde ich eine Weiler immer wieder vormachen (auch bei mir selbst) und das Kind loben (ja, in dem Fall würde ich tatsächlich loben), wenn es meinen Vorschlag umsetzt. Siehe auch "Catch them at being good".
 
Meine Töchter haben übrigens ein eigenes Signal entwickelt, als sie sehr klein waren: Sie haben sich immer selbst mit dem Stuhl vom Tisch abgerückt. Das war am Anfang Zufall und eher als Spiel gedacht, aber ich habe das in meinem Sinne interpretiert und verbalisiert und so wurde daraus eben ihr "Fertig"-Signal. Mein Sohn zerrt an seinem Lätzchen, wenn er fertig ist. Hat er keins um, was öfter vorkommt, steigt er einfach vom Stuhl - auch das ist ein "Fertig"-Signal.
 

3. Catch them at being good

 
Meine Kinder haben schon relativ früh, mit etwa 11 Monaten, selbst mit dem Löffel oder der Gabel gegessen. Dabei kam es natürlich häufiger vor, dass selbiger herunterfiel. Ich habe dazu nie groß etwas gesagt, denn es war klar: Sie machen das nicht mit Absicht, sondern weil ihre Motorik noch nicht ausgereift ist. Mit etwa 13 Monaten fiel mir jedoch auf, dass eine der beiden, Fräulein Chaos, den Löffel immer öfter einfach fallen ließ, so dass er scheppernd zu Boden fiel. Da mir das Aufheben nach einer Weile wirklich lästig wurde, begann ich, sie dabei zu "erwischen", wenn sie den Löffel auf dem Tisch ablegte. Das erste Mal hätte ich tatsächlich beinahe verpasst, weil es eine so nebensächliche Geste war, dass mein Gehirn sie gar nicht registrieren wollte. Mehr aus Versehen legte sie den Löffel genau neben ihrem Teller ab, um nach ihrem Glas zu greifen. Ich ergriff die Gelegenheit beim Schopfe und sagte zum Teddy, der stumm am Tisch saß und zuguckte: "Oh, guck mal, Teddy, dein Fräulein Chaos hat verstanden, dass der Löffel neben den Teller gehört. Wie toll!" (Kurzer Einschub: Ich habe absichtlich das indirekte Lob über den Teddy gewählt, weil es stärker wirkt, als direktes Lob. Man kann auch den anwesenden Papa, die Co-Mama oder auch das daneben liegende Baby ansprechen und denen das erzählen.) Dann strahlte ich sie an. Man konnte förmlich den Denkprozess hinter ihrer Stirn nachvollziehen. Ihre Augen gingen verwundert auf den Löffel, dann guckte sie mir wieder ins Gesicht. Sie guckte auf den Boden, dann wieder auf den Löffel. Dann straffte sich ihr ganzer Körper und sie lächelte mich an. Ich bin sicher, in diesem Moment war ihr ein Licht aufgegangen. Sie hatte endlich gehört, wie der gesellschaftlich anerkannte Umgang mit einem in dem Moment ungebrauchten Löffel war. Ab diesem Zeitpunkt wurde der Löffel sehr viel öfter auf dem Tisch abgelegt und sehr viel weniger auf den Boden geworfen. Letztere hob ich einfach auf, erstere bemerkte ich drei Tage lang sehr intensiv lobend. Danach machte ich noch etwa eine Woche lang ab und zu lobende Bemerkungen, wenn der Löffel neben dem Teller abgelegt wurde, mal mit direktem Lob, mal indirekt. Danach waren wir durch mit dem Thema: Die Löffel blieben zuverlässig oben.
 
Das (manipulative) Loben nutze ich übrigens eher selten. Ich habe diese Technik beim Verkehrstraining, beim Umgang mit Steckdosen und eben beim Werfen des Bestecks benutzt, als meine Töchter zwischen 1 und 2 Jahren waren. Sie fußt auf der Methodik des Behaviorismus (instrumentelle und operante Konditionierung). Da das menschliche Gehirn schnell und zuverlässig auf "Lernen durch Belohnung" und "Lernen durch Bestrafung" anspricht, lernen Kinder sehr schnell, was sie dürfen und was nicht. Bei den Gefahren durch Autos und Strom war mir das wichtig, denn ich wollte nicht erst darauf warten, dass meine Kinder zur Einsicht gelangen, dass diese Dinge gefährlich für sie sind. Denn diese Einsicht hätte noch mehrere Jahre auf sich warten lassen - bis sie ansatzweise die Gefahr erkennen, müssen Kinder zwischen 4 und 6 Jahre alt sein. Und selbst dann ist das Verständnis erst einmal nur vage. An sich ist es jedoch erstrebenswert, das "Catch them at being good" ohne Lob, sondern mit anderen Arten von positiver Rückmeldung, durchzuführen.
 
Meinem Sohn habe ich mit sechs Monaten auch beigebracht, dass er an die Steckdosen nicht heran darf, aber ich nutzte kein Lob mehr. Ich brauchte das nicht - er kooperierte einfach. Ich glaube, das liegt daran, dass ich dadurch, dass das bei meinen Töchtern damals so problemlos geklappt hat (nicht an Steckdosen gehen, an der Straße immer anhalten), innerlich so überzeugt war, dass mein Sohn auf mich hören würde, dass ich eine absolute Klarheit ausgestrahlt habe, die ihn überzeugte. (Über diesen Punkt habe ich ausführlich in Teil 2 der Serie geschrieben). Aber das ist nur eine Theorie. Vielleicht habe ich auch einfach nur ein pflegeleichtes Kind. Im Moment mache ich mit ihm Verkehrstraining und auch hier setzt er meine Hinweise ohne Lob um. Zu diesem Punkt werde ich im Artikel über das Weglaufen noch etwas ausführlicher schreiben.
 
Im Übrigen würde ich jedoch jederzeit wieder das manipulative Lob beim "Catch them at being good" anwenden, wenn ich eine Gefahr für Leib und Leben meiner Kinder abwenden müsste!
 

Unsere Serie zur kindlichen Kooperation

 
Dieser Artikel ist Teil unserer Serie zur kindlichen Kooperation. Im ersten Teil dieser Serie haben wir erklärt, warum Kinder nicht kooperieren wollen. Im zweiten Teil gingen wir darauf ein, wie wir unsere Kinder ganz allgemein wieder zum kooperieren bringen können. Ergänzt wurde dieser Text mit Teil 3 der Serie, in der Snowqueen tagebuchartig verbloggte, wie viel sie und ihre Kinder am Morgen kooperieren.
 
In den weiteren Artikeln haben wir alltägliche Situationen betrachtet, die früher oder später in fast allen Familien zu Konflikten führen:
 
© Snowqueen