Mein Baby lässt sich nicht ablegen und wacht ständig auf

Nachdem ein Neugeborenes endlich (zum Beispiel dank der hier beschriebenen Beruhigungsmethode für Babys) in den Schlaf gefunden hat, stellt sich für viele Eltern ein weiteres Problem: Hilfe! Das Baby wacht ständig wieder auf. Egal wie vorsichtig sie es auch anstellen – kaum wird das Baby abgelegt, prompt ist es wieder wach. Selbst wenn das Ablegen gelingen sollte – nach regelmäßig 20 bis 50 Minuten wacht das Kind trotzdem wieder auf und findet nicht wieder in den Schlaf, obwohl es offensichtlich keineswegs ausgeschlafen ist.

Baby schläft und lächelt

Das liegt daran, dass Kinder evolutionsbiologisch so "programmiert" sind, dass sie stets den Schutz von Erwachsenen suchen. In der Urzeit wären Kinder, die irgendwo abgelegt wurden und dann friedlich tief und lange schliefen, recht bald wilden Tieren zum Opfer gefallen. Leider wissen unsere kleinen Babys nicht, dass sie mittlerweile gut beschützt hinter dicken Mauern wohnen und in Sicherheit sind, daher prüfen sie ununterbrochen, ob sie allein sind. Allein sein bedeutet Hilflosigkeit - vor Tausenden von Jahren ein quasi Todesurteil - mehr dazu im großartigen Buch "Kinder verstehen" von Herbert Renz-Polster.

Babys schlafen in gleich langen Phasen 


Babys schlafen in Schlafphasen – diese sind zwischen 20 und 50 Minuten lang. Die Schlafphasenlänge unseres Sohnes waren exakt 40 Minuten – er schlief im ersten Lebensjahr stets 40, 80 oder 120 Minuten am Stück. Man konnte regelrecht die Uhr danach stellen. Unsere Tochter hatte einen Zyklus von 50 Minuten, der ebenso regelmäßig war.

In den ersten zwei bis drei Lebensmonaten fallen Neugeborene zunächst erst einmal in den Traumschlaf (REM-Schlaf). Diese Schlafart ist sehr anfällig für Störungen - das Kind schläft nur "leicht". Der REM-Schlaf ist unter anderem an Bewegungen der Gliedmaßen, schnellerer Atmung und Augenflattern zu erkennen. Erst nach etwa 20 Minuten fällt das Kind in den Tiefschlaf, es atmet langsam und regelmäßig und bewegt sich kaum noch – sensible Babys würden erst jetzt ein nicht mehr bemerken, wenn sie abgelegt werden.

Ist die Tiefschlafphase vorbei, taucht das Kind wieder in eine leichtere Schlafphase. Dort prüft es unbewusst, ob noch alle Bedingungen so sind, wie sie beim Einschlafen waren, denn Neugeborene schlafen nur ein, wenn sie sich absolut sicher fühlen. Am sichersten fühlt sich ein Baby, wenn es bewegt wird. Das heißt: Es ist jemand da, der sich um mich kümmert! Ich bin ich Sicherheit und liege nicht ungeschützt irgendwo herum, ich werde beschützt! Haben sich die Umgebungsbedingungen geändert, bedeutet das für das Baby, dass es unbedingt prüfen muss, ob es noch immer sicher ist. Daher wird es sofort aufwachen – ist niemand in der Nähe, der es sofort beruhigt, schläft es nicht wieder ein – auch wenn es noch müde ist. Das erklärt auch, warum Kinder in Tragehilfen, Kinderwagen und Autos am längsten schlafen, die Bewegung suggeriert ihnen Sicherheit, die "Ist-denn-noch-alles-so-wie-es-war"-Prüfung ist schnell beendet und die nächste Schlafphase wird angeschlossen.

Mein Baby lässt sich nicht ablegen - was kann ich tun? 


Am einfachsten ist es, wenn das Baby von Anfang an in seinem Bett ohne Hilfe einschläft. Beim Übergang von einer Schlafphase in die andere sind die Bedingungen unverändert, so dass es in der Regel mühelos in die nächste Phase gleitet. Mit dem sanften Ablösen schaffen es viele Kinder, irgendwann auch ohne Hilfe einzuschlafen.

Dass Kinder unproblematisch allein in ihrem Bett einschlafen, ist aber leider eher der Ausnahmefall. Seit Jahrtausenden sind Menschenkinder als Traglinge darauf angewiesen, dass sie von ihren Eltern beschützt werden. Daher suchen sie in der Regel deren Nähe und fühlen sich nur sicher, wenn sie Körperkontakt haben. Daher ist das der Normalzustand eher ein nur in den Armen der Eltern einschlafen wollendes Kind. Man sollte dieses Grundbedürfnis erfüllen und sich bewusst machen, dass dieses Schlafverhalten auf die ersten zwei bis drei Lebensmonate begrenzt ist. Später wird man das Baby ohne weiteres nach wenigen Minuten ablegen können – bis dahin hilft leider einzig und allein: Auf die Tiefschlafphase warten. Es ist außerdem sinnvoll, das Kind in der Position abzulegen, wie es eingeschlafen ist – Lagerungswechsel stimulieren den Gleichgewichtssinn und signalisieren dem Baby „Gefahr“.

Schlafendes Baby in Kinderbett

Was kann man tun, wenn das Kind alle 30 bis 50 Minuten noch immer müde aufwacht?


Wie bereits beschrieben, prüfen Neugeborene in den Übergängen der Schlafphasen die Umgebung. Ist alles so, wie beim Einschlafen, kann sorglos in die nächste Phase übergegangen werden. Wacht ein Kind also ständig auf, ist es sinnvoll ihm dabei zu helfen, die Übergänge zwischen den Phasen zu meistern. Man hat sehr schnell ein Gefühl für die Länge der Phasen des eigenen Kindes (einfach mal ein paar Tage Protokoll führen, um das Muster zu erkennen).

Babys, die im Elternbett neben den Eltern einschlafen, erwachen gar nicht erst richtig, wenn man sich in der Übergangsphase wieder daneben legt. Kinder, die einen Nuckel haben, schlafen weiter, wenn ihnen in dieser Phase der Nuckel wieder in den Mund gesteckt wird, sollte er beim Schlafen heraus gefallen sein. Werden Babys einschlafgestillt, führt das Anbieten der Brust meist dazu, dass das Kind weiter schläft. Einige Stillkinder neigen dazu, irgendwann auch nachts in diesen Rhythmen aufzuwachen und wollen dann Dauerstillen.

Mein Sohn hat tagsüber lange in der Federwiege schlafen, ich habe ihn gepuckt in den Schlaf gewiegt. Da ich wusste, dass er alle 40 Minuten wach wird, konnte ich nach 39 Minuten die Federwiege wieder anstupsen, mich an die gleiche Stelle daneben setzen, wie beim Einschlafen und wenn er die Augen öffnete für seine „Überprüfung“ fand er genau die gleiche Situation vor, die er vom Einschlafen kannte.

Sachen, die Kinder "bewegen"


Viele Kinder brauchen zwingend Bewegungen zum Schlafen, so bald ihr Gleichgewichtssinn meldet, dass sie abgelegt wurden, wachen sie auf. Doch viele kluge Erfindungen schaffen Abhilfe!

Beispielsweise der Robopax, ein elektrisches Gerät, auf das Kinderwagen, Babyschalen oder gar ganze Betten gestellt werden und das durch seine gleichförmige Bewegung dafür sorgt, dass das Kind die Übergänge zwischen den Schlafphasen alleine bewältigt.
 
Die Sleepy-Einschlafhilfe funktioniert ganz ohne Strom und wird an den vier Füßen des Kinderbettes befestigt. Durch die Bewegungen des Kindes, wird das Bett nach dem Prinzip des Fadenpendels in Schwingungen versetzt. Ebenso gut funktionieren Federwiegen, z. B. Schlummerli , Nonomo, Lullababy oder die motorbetriebene Swing2sleep.

Brio Bed Rocker werden ebenfalls an den Füßen des Babybetts befestigt und können mit dem Lolaloo verbunden werden - ein Gerät, das unglaublich effizient Kinderwagen und Betten in Schwingungen versetzt. Ganz allein schaukelt das Köglis Baby Schaukelding Kinderbetten.

© Danielle

Der Stoffwindel-Online-Kurs von mein.windelwissen.de

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Als ich vor gut einem Jahr begann, Stoffwindeln zu nutzen, nahm ich sowohl eine persönliche Windelberatung, als auch ein online bestelltes Stoffwindel-Testpaket in Anspruch, um erst einmal herauszufinden welche Windeln zu uns passen und welche Waschroutine ich mir aneignen sollte.

Die Windelberatung


Meine Windelberaterin Franzi kam zu mir nach Hause und war super nett, sehr geduldig und flexibel. Trotzdem waren die zwei Stunden mit ihr sehr anstrengend, weil natürlich eine Flut an Informationen über mich hereinbrach, immer unterbrochen von zwei laut herumspringenden Dreieinhalbjährigen und einem schniefend nach Muttermilch suchenden Neugeborenen in meinem Arm.

Das Testpaket


Das Testpaket war wunderbar zusammengestellt und netterweise sogar gleich mit passendem Waschmittel bestückt. Es lag eine detaillierte Liste zur Waschroutine jeder einzelnen Windel bei, der ich akribisch folgte (und trotzdem eine Windel verfärbte). Die Windeln waren sofort einsatzbereit und ich konnte sie mir dann genauer ansehen, wenn meine Kinder mir gerade Zeit ließen. Ich fühlte mich bei der Nutzung aber trotzdem sehr unsicher und ein wenig allein gelassen. Außerdem musste ich mir das theoretische Wissen zu den Windeln noch mühsam selbst zusammensuchen - welche Windel passt mit welcher Einlage und brauche ich noch eine Überhose dafür? Das fand ich sehr anstrengend und nervig.

Eigene Online-Recherche


Bis ich dann endlich meine Windelseite fand. Plötzlich ging die Sonne auf: Auf windelwissen.de fand ich alles sehr, sehr übersichtlich dargestellt, detailliert erklärt und mit nützlichen Tipps und Tricks gespickt. Ich brauchte nicht mehr endlos surfen, alle meine Fragen wurden auf dieser einen Seite beantwortet. Juchu!

Fazit nach einem Jahr


Nun benutzt mein Sohn, wie ich schon schrieb, seit etwa einem Jahr Stoffwindeln. Ich mag sie, ein riesiger Fan bin ich allerdings nicht geworden. Ab und zu nutze ich auch noch Wegwerfwindeln, meist dann, wenn er morgens sein großes Geschäft nicht wie gewohnt beim Abhalten erledigt hat oder auch, wenn ich weiß, dass ich sehr lange unterwegs sein werde ohne Wickelmöglichkeit. Das ist so etwa 1x pro Woche. Ich habe eine Waschroutine, die funktioniert und die Windeln weiß und ohne Geruch aus der Maschine entlässt. Das Aufhängen, Abnehmen und Zusammenfalten nervt mich zunehmend und das ist auch der Grund, warum ich eben nicht restlos begeistert bin. Ich mag Wäschewaschen nicht sonderlich und die Windeln machen zwei zusätzliche Ladungen pro Woche aus.

Was ich allerdings an Stoffwindeln liebe, ist ihre Geruchsneutralität. Sie riechen einfach gar nicht. Auch wenn Pipi drin ist, riechen sie nicht. Ist das große Geschäft in die Windel gegangen, muss ich dreimal am Po meines Sohnes schnüffeln und bin dann oft immer noch nicht sicher und gucke nach. Wegwerfwindeln stinken mittlerweile bestialisch für mein Empfinden. Das war mir früher, als ich sie bei meinen Töchtern nutzte, überhaupt nicht aufgefallen. Hat mein Sohn eine WWW an, und es ist Pipi drin, wenden sich meine 5-Jährigen oft angewidert ab: "Der Babybub stinkt!" Auch in Kombination mit AA sind die Wegwerfwindeln viel geruchsintensiver. Ich kann mittlerweile im Kindercafé aus drei Metern Entfernung bestimmen, welches Baby gerade einen  Haufen in die Windel gemacht hat....


Alles in allem darf ich mich wohl eine Stoffwindel-Mama nennen, aber eine, die irgendwie nur mit halbem Herzen dabei ist. Vielleicht fehlen mir noch ein paar Tipps und Tricks, die mir das Leben erleichtern?

Unter diesem Gesichtspunkt kommt es mir sehr recht, dass windelwissen.de nun einen eigenen Online-Kurs hat. Ist das cool? Diese Form der Wissensaneignung ist echt wie für mich gemacht, deshalb bin ich vor Freude quasi in die Luft gehüpft, als mir angeboten wurde, den Kurs für euch kostenlos auszuprobieren und zu rezensieren.

Der Windelwissen-Online-Kurs

 
Meldet man sich auf http://kurs.windelwissen.de an, öffnet sich eine weit verzweigte, aber klar strukturierte Internetseite. Man kann wählen zwischen den Unterpunkten START, KURS, FORUM, MITGLIEDER und IMPRESSUM.

Da ich gleich anfangen wollte, ohne mir groß alles anzugucken, habe ich sofort auf den KURS-Button geklickt. Es öffnete sich eine Übersicht über 8 Module:
 

Jedes Modul ist gleich aufgebaut. Es gibt ein sehr ausführliches Video, in dem Julia an einem Tisch sitzt, Windeln in der Hand hat und verschiedene Sachen dazu erklärt. Das ist fast, als säße eine Windelberaterin in deinem Wohnzimmer, nur, dass man selbst den Zeitpunkt bestimmen kann, zu dem man die Informationen abrufen will oder kann.

Bei mir ist es so, dass ich bei der Einschlafbegleitung meiner Kinder relativ viel tote Zeit habe, die ich bisher immer bei Twitter und Co verdaddelte. Nun konnte ich mit Kopfhörern im Bett liegen und so nebenbei ein bisschen lernen. Richtig cool finde ich, dass die Inhalte unter den Videos immer noch einmal schriftlich festgehalten sind. Kann man also gerade kein Video gucken, weil z. B. kein W-LAN in der Nähe ist, kann man einfach auf das geschriebene Wort zurückgreifen. Ich empfehle aber, immer beides anzugucken, weil es immer mal Kleinigkeiten gibt, die entweder im Video oder im Text nicht erwähnt werden.



Jedes Video ist beliebig oft abrufbar, auch die Reihenfolge, in der ihr lernen wollt, bleibt euch komplett überlassen. Bei mir war es zwar so, dass einige Videos noch nicht freigeschaltet waren, aber das wird jetzt in der zweiten Runde der Anmeldungen nicht mehr so sein. Wenn euch ein Thema nicht interessiert, überspringt ihr es einfach. Das Motto dieses Online-Kurses ist: "Alles kann, nichts muss", das finde ich angenehm undogmatisch.

Julia
Sehr cool ist die Fragefunktion unter jedem Video. Wie bei einer Real-Life-Windelberatung kann man, wenn man etwas nicht ganz verstanden hat, direkt eine Frage ins Formular eingeben und erhält in der Regel kurzfristig professionelle Antwort. Meine Testfrage wurde innerhalb einer halben Stunde beantwortet, das empfinde ich als sehr angemessenen Zeitraum (und ich frage mich echt, wie Julia das macht - sitzt sie den ganzen Tag vorm PC?).

Auch die anderen Funktionen, wie Extras und das Forum, sind sehr interessant und lohnenswert. Das Forum muss sich über die Jahre vielleicht noch ein bisschen aufbauen, aber schon jetzt kann man dort mit sehr netten anderen Stoffwindelmüttern quatschen. tatsächlich lohnt sich der Preis von 33 EUR für den Online-Stoffwindelkurs allein schon wegen dieses Forums! Es erinnert mich ein wenig an den Stoffwindelchat bei Facebook, was schön ist, da ich Facebook aus Zeitgründen aus meinem Leben geworfen habe und das nette Miteinander der Mütter vermisst habe. Spannend sind da auch die Fragen der anderen - auf manche wäre ich gar nicht gekommen, aber die Antworten und Tipps sind dann auch für mich immer sehr hilfreich. Geballtes Schwarmwissen ist nicht zu unterschätzen.

Fazit des Online Stoffwindel-Kurses bei Kurs.Windelwissen.de


Mein Fazit ist, dass sich der Preis des Online-Kurses in jedem Fall lohnt, weil man sehr viel Input auf eine sehr angenehme, bequeme Art und Weise bekommt. Ich hatte beim Anschauen der Videos nicht das Gefühl, etwas lernen zu "müssen" oder belehrt zu werden. Es war eine wirklich angenehme, kurzweilige Erfahrung. Auch als relativ erfahrene Stoffwindelmama habe ich so einiges Neues aus den Tutorials gelernt und war hinterher viel motivierter, bei Stoffwindeln zu bleiben. Das Waschen und Zusammenlegen nimmt mir leider trotzdem niemand ab - das ist doch eine echte Marktlücke, oder? Will sich da jemand mit selbstständig machen und mir das abnehmen?

Für alle, die den Online-Kurs selbst ausprobieren wollen, können wir sogar einen Rabattcode bereitstellen (aber pssst, nicht weitersagen!). Einfach: DGWAZ178 eingeben und ihr bekommt 10 % Rabatt auf den regulären Preis von 33 EUR!

© Snowqueen
 
 

Von Erziehung und Fremdenhass - #BloggerfuerFluechtlinge



Als ich als 14-Jährige einmal durch die Innenstadt spazierte, wurde ich von einem Mann mit Mikrofon für einen Radiosender gefragt, was wohl der Grund wäre, dass es neuerdings Brandanschläge auf Ausländerheime gebe. Warum täten das diese Neo-Nazis meiner Meinung nach? Ich antwortete mit kindlicher Spontanität: "Weil sie Angst haben, schwach zu sein."

Ich kann mich nicht mehr erinnern, was wir danach besprachen oder ob wir überhaupt noch weiter redeten, aber im Gedächtnis hängen geblieben ist mir der Blick meines Gegenübers - er war nämlich verwundert über meine Antwort. Doch auch heute noch, 25 Jahre später, stehe ich hinter dieser Antwort. Ich habe in diesen Jahren natürlich einiges über die menschliche Natur dazu gelernt. Deshalb möchte ich meine damalige Aussage heute, in einer Zeit, in der wieder Flüchtlingsunterkünfte brennen, elaborieren.

Wenn ihr denkt, das hätte nichts mit diesem Blog zu tun, in dem es ja um Babys, Kinder und Erziehung geht, dann liegt ihr falsch. Das erneute Aufflammen des Fremdenhasses und das plötzliche Auftreten von "besorgten Bürgern"  und Nazis haben alles mit diesem Blog zu tun. 

Das schlimme Erbe der Schwarzen Pädagogik 


Unsere Eltern und Großeltern - ja, selbst der größte Teil unserer Generation und leider auch noch ein Teil unserer Kinder - wuchsen und wachsen mit einer Erziehung auf, die die scheinbar "bösen", "unguten" Triebe eines Kindes unterdrückt, damit aus ihm ein anständiger Bürger wird. Einer, der sich im gesellschaftlichen System gut einpassen kann, der nicht aneckt im Kindergarten oder in der Schule. Einer, aus dem eines Tages etwas wird, der einen Beruf hat und eine Familie und Kinder.

Das sind natürlich keine schlechten Ziele! Wer will für sein Kind nicht, dass es glücklich wird und nicht aneckt? Was - ich sage es mal vorsichtig - kontraproduktiv ist, ist der Weg, der von den Erziehenden des Kindes eingeschlagen wird, um es zu erreichen.
"Also ist der Gehorsam zu pflegen, indem der Erzieher seine Macht ausübt, was durch ernsten Blick, entschiedenes Wort, eventuell mittelst physischen Zwangs, der das Böse hemmt [...] erreicht wird. [...] je nach Art oder Wiederholung des Ungehorsams sei durch Entziehen der Wohltaten und Schmälerung der Liebesbeweise [dem Kinde das Schlechte an diesem Ungehorsam] aufzuzeigen, wie denn z. B. auf das feiner geartete Kind, das streitig sein will, die Entfernung vom Schoß der Mutter, die Verweigerung der Vaterhand, des Kusses vor dem Schlafengehen usw. als empfindliche Strafe wirkt. Während also durch Erweisung der Liebe die Neigung des Kindes gewonnen wird, dient ebendiese Neigung dazu, es für die Zucht empfänglicher zu machen." [Aus: Enzyklopädie..., 1887, zit. n. KR, S. 168]
Schon 1887 also, in der Zeit der Schwarzen Pädagogik, wurde Gehorsam nicht nur durch Schläge - viele, viele Schläge -, sondern auch durch Liebesentzug durchgesetzt.

Schaut euch um - leider ist das heute noch gängige Praxis. Wer hat solche Beispiele noch nicht gesehen? Das Streichen der Gutenachtgeschichte, wenn das Kind abends zu lange bummelt, das Wegwerfen (oder zumindest das Androhen dessen) der Spielzeuge, wenn das Kind nicht aufräumt, das verärgerte, oder sogar verächtliche Abwenden vom Kind, wenn es gehauen hat.... all das sind auch heute noch Erziehungspraktiken, die ohne schlechtes Gewissen, ja, sogar mit dem guten Gefühl, etwas für das Kind getan zu haben, durchgeführt werden.

Doch was passiert mit dem Kind, das so mit Liebesentzug bestraft wird, wenn es all seine lebendigen Facetten auslebt? Wenn es laut ist, wild, aggressiv, wütend, traurig, deprimiert, jammerig - und das aber nicht darf?

Die Psychoanalytiker dieser Welt haben darauf schon lange eine Antwort: Die ungewollten Facetten des tatsächlichen Ichs werden von diesem Kind abgespalten und tief im Inneren seines Seins vergraben. Je früher dies geschieht, desto stärker die Verdrängung. Ein Kind, das als Neugeborenes beispielsweise in die Küche geschoben wird, damit es durch sein nächtliches Schreien nicht so sehr stört, verstummt irgendwann und schläft durch. Weil es keine andere Wahl hat. Es wird seine Angst, seinen Hunger, sein Bedürfnis nach Nähe "abschalten" und nicht mehr zeigen (nicht bewusst, nein, es ist eine Überlebensstrategie der menschlichen Psyche). Was im Inneren des Kindes übrig bleibt, ist ein unbestimmtes Gefühl der Angst - es erlebt den Fakt, dass es sich nicht auf bedingungslose Liebe und Versorgung verlassen kann, als Terror. Dieser Terror vermindert oder verhindert die Ausbildung eines stabilen inneren Gerüstes - die Ausbildung des Urvertrauens.

Kinder, die kein stabiles inneren Gerüst aufbauen konnten - auch das weiß die Wissenschaft bereits - suchen sich äußere "Prothesen", um zumindest von dieser Seite aus Stabilität zu erhalten, und das auch noch als Erwachsene. Solche Prothesen könnten ein geregelter Tagesablauf sein, oder auch soziale und gesellschaftliche Regeln, an die sie und andere sich halten können: Moral und die Pflichterfüllung. (Das bedeutet aber im Umkehrschluss nicht, dass alle Kinder, die Regeln und Geregeltes mögen kein Urvertrauen haben - so einfach ist das nicht!) Stabilität verleiht auch das Wissen darum, dass der eigene Staat ein Rechtstaat ist, in dem "die Bösen" bestraft werden, während "die Guten" nichts zu befürchten haben. Auch eine feste Arbeit und ein Einkommen verleihen die benötigte äußere Sicherheit. Das "Festhalten" an materiellen Dingen und das Anhäufen von Konsumartikeln ist Teil dieser äußeren Prothese.

"Wer glücklich ist, kauft nicht", behauptet Gerald Hüther, Professor für Neurobiologie. Er sagt: 
"Unser Gehirn ist daran interessiert, einen Zustand herzustellen, den ich Kohärenz nenne. In diesem Zustand verbraucht es wenig Energie. Erfahrungen von Ausgrenzung oder Bestrafung regen Regionen im Hirn an, die auch aktiviert werden, wenn ein Mensch körperlichen Schmerz empfindet. Das Gehirn gerät in Inkohärenz. Niemand kann körperlichen Schmerz lange aushalten, der Zustand verbraucht einfach zu viel Energie. Also muss schnell ein Ersatz her, damit Ruhe einkehrt."
Das Kaufen von Dingen dient heutzutage oft als ein solcher Ersatz. Denn dabei werden glücklich machende Hormone im Gehirn freigesetzt und der Mensch fühlt sich für eine kurze Zeit sehr wohl. Im Prinzip kaschiert das Kaufen und Anhäufen von weltlichen Gütern aber nur, dass ein grundlegendes Bedürfnis dieses Menschen nicht erfüllt ist. Da dieses Bedürfnis aber vor langer, langer Zeit nicht erfüllt wurde und deshalb im Inneren weggeschlossen wurde, bleibt der wahre Grund für die immerwährende latente Unzufriedenheit meist unbeachtet.

Was, wenn die Prothesen wegfallen?


Ein Mensch kann sehr, sehr lange wunderbar mit diesen äußeren Prothesen funktionieren. Er ist ein völlig unauffälliger, unbescholtener, freundlicher Bürger, der montags die Tonnen für die Müllabfuhr rausstellt, seine Mitmenschen grüßt und in der Bahn älteren Menschen seinen Platz anbietet. Ein (relativ gesehen) glücklicher Mensch in einem (relativ) glücklichen Leben.

Doch was, wenn die Prothesen wegfallen? Wenn der Staat wackelt und die Arbeitslosigkeit steigt? Wenn tagtäglich Verfehlungen der Politiker in den Nachrichten zu hören sind, der Wert des eigenen Geldes verfällt und immer mehr Menschen in Armut leben? Wenn vielleicht sogar der Staat stirbt, in dem man aufgewachsen war, und man holterdipolter in ein neues System geworfen wird - egal, wie erwünscht dieser Wandel war?

Fallen die äußeren stabilen Strukturen weg, dann brechen die Menschen auch innerlich zusammen, d. h. die alte, als Baby oder Kleinkind weggesperrte Angst bricht durch. Der undefinierbare innere Terror kommt wieder hoch und wird als neu erlebt, denn die Erinnerungen daran sind mit der Kleinkindphase längst verschwunden. Der Mensch will diese Angst jedoch nicht spüren, sie ist im wahrsten Sinne des Wortes unerträglich. So wird sie in Wut umgewandelt. Wut ist besser, denn Wut lässt sich lenken - auf andere. Wut kann man ausleben, auf andere übertragen, dann geht sie, zumindest kurzzeitig, weg.  
"Viele Menschen haben diesen Hass gegen die Schwäche in sich, aber der Hass schläft mehr oder weniger, solange die Welt in ihren Fugen zu sein scheint, solange sie Arbeit haben, solange alles in Ordnung ist. Doch in dem Moment, wo Dinge auseinanderfallen, weil gesellschaftliche, finanzielle, wirtschaftliche Verhältnisse und Status-Beziehungen sich ändern, erwacht der Hass. Man fühlt sich bedroht, so dass das Opfer in einem, das ist ja der "Fremde", sich wieder regt. [...] Das Fremde ist zum Opfer geworden, als die Eltern es nicht akzeptieren konnten, dass wir so sind, wie wir sind. In Zeiten der Veränderung, bei wirtschaftlichem Umschwung, wenn die Situation gesellschaftlich brenzlig wird, erwacht dann das alte Opfer, der alter Hass, den wir gegen uns hegen, und dieser Hass gegen den Fremden [in uns] veräußert sich in einen allgemeinen Hass gegen alles Fremde außerhalb von uns. Das ist der Grund, warum in Zeiten der Unsicherheit der latente Hass gewalttätiger wird." [Gruen, A. Hass in der Seele, 2001: 56]
Das ist der Punkt, an dem wir uns heute befinden. Wir leben in einem Sozialstaat, uns geht es relativ gut. Doch tagtäglich hören wir, welcher Politiker mal wieder gelogen und betrogen hat, um sich selbst zu bereichern. Auf der anderen Seite gibt es noch immer fast 2 Millionen Arbeitslose in diesem Land. Wer kein Abitur aufweisen kann, für den wird es immer schwieriger, eine feste Arbeit zu bekommen. Manche Gehälter reichen nicht aus, um davon zu leben, geschweige denn, eine ganze Familie zu ernähren. Die Mieten steigen, die Preise für Essen und Kleidung auch. Der Wert des Geldes dagegen verfällt.

Und dann kommen auch noch Flüchtlinge zu uns! Tausende Flüchtlinge, die wir aufnehmen sollen, obwohl es dem "kleinen Mann" in unserem Staat doch sowieso schon schlecht geht - so denken die Menschen da draußen auf der Straße, die gerade in Heidenau und anderswo gegen die Fremden demonstrieren.

Hier, genau hier, ist der Punkt, an dem aus einem friedlichen Bürger ein besorgter Bürger wird. Mancher wird gar zum Wutbürger. Hier ist der Ausgangspunkt der neuen fremdenfeindlichen Bewegung in Deutschland. Der Hass, der den Flüchtlingen nun entgegenschlägt, ist ein Symptom für die alte kindliche Verletzung, die eine auf der schwarzen Pädagogik basierende Erziehung in uns allen ausgelöst hat.

Das Problem daran ist, dass das den Menschen da draußen auf der Straße, die mit Böllern gegen Flüchtlingsheime demonstrieren, nicht klar ist und sie das auch nicht glauben würden, wenn man es ihnen sagte. Der Prozess des Verstehens ist ein langwieriger und steiniger, der nur gegangen werden kann, wenn man selbst unter seinen Hassgefühlen leidet und ihren Ursprung verstehen möchte.

Noch ist Hoffnung


Und doch ist nicht alles verloren. Die Menschen da draußen, die Besorgten und die Wütenden, sie sind nicht "böse". Sie sind wie du und ich. In ihnen steckt noch immer Mitgefühl, es ist nur verschüttet. Man kann sie noch erreichen - noch sind sie keine Nazis. Sie könnten aber welche werden.

Wenn ihnen jetzt nicht zugehört wird, wenn ihre Ängste nicht ernst genommen werden, dann erreicht man sie nicht. Man drängt sie nur weiter in die Ecke des Fremdenhasses. Mit jedem Fingerzeig auf sie, mit jedem negativen Artikel über sie, mit jedem Lächerlich-Machen ihrer Argumente gegen die Fremden verfestigen wir ihren Trotz und drängen sie an den rechten Rand.

Schlimmer noch - wir tun dann dasselbe wie sie: Wir suchen uns einen Sündenbock, auf den wir entrüstet zeigen können und der unser neues Feindbild darstellt. Jemand, der ohne Mitgefühl den besorgten Bürgern "die Schuld" zuschiebt, handelt genauso wie sie, wenn sie "den Fremden" die Schuld zuweisen. In beiden Fällen wird der eigene Schmerz in Wut auf "den anderen" umgewandelt.

Wir müssen zuhören! 


Ich sage: "Stoppt das Lächerlich-Machen der Wutbürger!" Denn wie ein kleiner Junge, der auf dem Spielplatz die anderen Kinder triezt und schlägt, wollen auch die besorgten Bürger nur (unbewusst) auf ihren Schmerz aufmerksam machen. Und ja - natürlich müssen sowohl der schlagende Junge, als auch die Wutbürger davon abgehalten werden, anderen Schaden zuzufügen! Doch gleichzeitig muss man ihnen zuhören. Man muss hinter ihr Verhalten schauen und sie verstehen. Erst dann, erst, wenn wir ihnen Verständnis und Mitgefühl entgegenbringen, werden sie offen sein für die Veränderung ihres Verhaltens.

Verständnis aufzubringen, sich in einen besorgten Bürger einzufühlen, bedeutet nicht, gutzuheißen, was er da auf der Straße tut. Es bedeutet, ihn als Menschen mit Ängsten ernst zu nehmen und für diese Ängste Verständnis aufzubringen, auch, wenn klar ist, dass die daraus resultierenden Taten, wenn sie Recht brechen, bestraft werden müssen.

Eigentlich sollten die Politiker dieses Landes den besorgten Bürgern zuhören. Eigentlich sollten die Politiker dieses Landes den besorgten Bürgern Mitgefühl und Verständnis für ihre Situation und ihre Ängste entgegenbringen. Eigentlich.

Doch schaut in Richtung Politik. Das Schweigen der Oberen ist so laut, dass mir die Ohren weh tun. Sie sitzen auf ihrem Regierungsthron und haben selber Angst. Sie wissen nicht, wie sie dieser Welle des Hasses begegnen sollen. Sie haben nie gelernt, empathisch zuzuhören. Das ehrliche Mitgefühl, das ehrliche Trösten ist ihre Sache nicht.

Deshalb müssen wir das übernehmen. Irgendjemand muss zuhören! Es ist wichtig, diesen Punkt nicht zu verpassen. Noch sind die Besorgten und die Wütenden keine Nazis, doch es ist kein weiter Weg dorthin. Steht auf, sage ich, steht auf und öffnet eure Ohren! Hört zu, was sie sagen und versucht mit offenem Herzen zu hören, was sie ängstigt und bewegt.

Die Fremden nehmen uns alles weg


"Die Fremden wollen uns Weihnachten weg nehmen, in Berlin gibt es schon keinen Weihnachtsmarkt mehr", "Das Sankt-Martins-Fest in einem Kindergarten wurde nun in Sonne-Mond-und-Sterne-Fest umbenannt!", "Die Männer kommen nur her, um unsere Frauen und Kinder zu schänden!", "Die Asylanten haben alle fette Smartphones und die haben sie von unseren Steuergeldern bekommen!", "Die kommen gar nicht her, weil sie aus dem Krieg flüchten, sondern weil sie hier mal richtig Urlaub auf unsere Kosten machen wollen!"... Natürlich sind das lächerliche Argumente. Doch der Mangel an Validität ihrer Behauptungen zeigt nur den starken Grad der Angst an, mit der sie zu kämpfen haben. 


Was passiert denn, wenn "unser Weihnachten" wegfällt, oder "unser Sankt-Martis-Fest" nicht mehr so genannt werden darf? Die äußeren Strukturen fallen weg, das passiert. Das Bekannte, das Sicherheitgebende, das Schon-Immer-Da-Gewesene würde wegfallen und mit ihm der äußere Halt. Was passiert, wenn andere "auf unsere Kosten und von unseren Steuergeldern" leben? Genau - uns fehlt das Geld, um uns glücklich zu kaufen. Die besorgten Bürger sehen all ihre Prothesen bedroht und sie schlagen um sich, weil es leicht ist (und menschlich), den Grund für ihre Angst dafür in anderen zu suchen. Es sind ganz und gar irrationale Ängste, ja, aber das bedeutet nicht, dass sie weniger beängstigend  sind.

Wir müssen ihnen also zuhören und ihre Ängste anerkennen, denn für sie selbst sind sie real. Erst, wenn sie sich in ihrer Angst angenommen fühlen, wird diese so weit zurückgehen, dass sie wieder offen werden für unsere Erklärungen und Argumente. Und dann, erst dann, können wir ihr Mitgefühl wecken für die Anderen, die Fremden, die zu uns kommen und gar keine Bedrohung darstellen.

Das empathische Zuhören funktioniert übrigens nur im realen Leben. Verschwendet eure Zeit nicht auf Facebook und Co - die Menschen dort sind nicht offen für eure Empathie. Sie werden sie nicht spüren, das gibt das Medium Internet einfach nicht her. Was ich meine ist, euren Nachbarn zuzuhören. Den anderen Eltern auf dem Spielplatz, der Frau in der Aldi-Schlange, dem Mann auf der Parkbank. Im direkten Kontakt nur kann man wirklich zuhören und mitfühlen und nur dann spürt es eurer Gegenüber auch. Und nur, wenn sie eurer Verständnis für ihre Ängste spüren, lindert das ihre Wut.

Nicht in allen Fällen hilft das Zuhören


Reden wir über Nazis. Über die, die nicht nur demonstrieren, sondern anzünden und totschlagen. Wie stoppt man diese Menschen?

Zur Beantwortung dieser Frage müssen wir einen kleinen Exkurs in die Hirnforschung machen. Menschen, die autoritär erzogen wurden (also quasi alle heute erwachsenen Menschen) sind aufgewachsen mit Strafen oder Konsequenzen, wenn sie "etwas Böses" gemacht haben.

Stellen wir uns einen Jungen vor, der aus Quatsch einem anderen Kind das Spielzeug wegnimmt und damit johlend umherläuft, während das andere Kind weinend oder jammernd hinterherläuft. Wie würden die Eltern heute reagieren? Wie haben sie damals reagiert? Ganz klar, der Junge würde sicherlich das Spielzeug von einem Erwachsenen entrissen bekommen, und dieser würde dann das Spielzeug dem ursprünglichen Besitzer zurückgeben. Vielleicht würde der Erwachsene zusätzlich mit dem Wegnehmer zur Strafe nach Hause gehen, weil er so "ungezogen" war, einen anderen zu ärgern.

Was passiert in dieser Situation im Gehirn oder auch: Was hätte im Gehirn passieren können? Hier wäre eine gute Situation gewesen, Mitgefühl und Selbstkontrolle zu erlernen. Hätte der wegnehmende Junge die Zeit bekommen, zu erkennen, dass dem anderen Kind das Spiel nicht gefiel; hätte er sehen können, dass das andere Kind weint; hätte er von selbst stoppen dürfen und nach eigener Einschätzung der Situation ("Wie würde ich mich fühlen?") das Spielzeug allein zurückgegeben - dann hätten sich wichtige komplexe Nervenbahnen gebildet, die ihm später helfen würden, Situationen aus dem Blickwinkel eines anderen empathisch zu betrachten. Er würde dann mühelos erkennen, dass ein Flüchtling seine Hilfe und Unterstützung braucht und keine Bedrohung darstellt.

Doch indem die Erwachsenen die Lösung der Situation in ihre Hände nahmen, verhinderten sie die Ausbildung der Selbstkontrolle und der Empathie. Im Gehirn bildeten sich stattdessen Nervenbahnen, die nur aktiviert werden, wenn eine "Machtinstanz" eine Strafe androht. Für das Gehirn macht es einen gewaltigen Unterschied, ob Selbstkontrolle erlernt wurde, weil der Mensch die Not des anderen erkannte ("Ich gebe das Spielzeug zurück, weil ich sehe, dass der andere Junge weint.") oder weil ein Erwachsener es verlangte ("Gib es zurück, oder wir gehen sofort nach Hause!") Die Nervenbahnen, die im zweiten Fall gebildet werden haben nichts mit Selbstkontrolle und Empathie zu tun, sondern sind Nervenbahnen des Gehorsams. Sie werden nur dann aktiviert, wenn eine Strafe im Hintergrund droht und diese Strafe wirklich als bedrohlich anerkannt wird.

Selbstkontrolle versus Gehorsam 


Von außen gesehen ist Selbstkontrolle und Gehorsam gar nicht so leicht zu unterscheiden. Erst, wenn die Androhung einer Strafe wegfällt bzw. die Machtinstanz nicht mehr anerkannt wird (beispielsweise, wenn der schlagende Vater vom 16-jährigen Sohn nicht mehr als bedrohlich empfunden wird, weil er nun stärker ist und zurückschlagen kann) erkennt man den Unterschied.

Ein Jugendlicher, der als Kind durch "logische Konsequenzen" davon abgehalten wurde, seine Füße in der Straßenbahn auf den Sitz zu stellen ("Füße runter, oder wir steigen aus und du kannst den Weg laufen!"), wird vermutlich seine Füße extra auf den Sitz legen - weil er es kann. Weil es niemanden gibt, der ihn in diesem Alter mehr strafen kann und weil er Genugtuung darüber empfindet. Ein Kind dagegen, das selbst einmal eine dreckige Hose durch einen verschmutzten Sitz bekommen hat bzw. die Gelegenheit erhielt, sich selbst dafür zu entscheiden, nicht die Füße auf den Sitz zu legen, weil es verstanden hat, dass das andere Menschen ärgert oder ihnen Schaden zufügt, wird auch als Jugendlicher nicht den Drang verspüren, die Füße auf den Sitz zu legen, ganz unabhängig von Strafe. Weil seine Nervenbahnen für Selbstkontrolle und Empathie ausgebildet sind und ihn diese in diesem Augenblick davon abhalten, den Sitz zu beschmutzen.

 

Empathielose und zum Gehorsam erzogene Menschen


Leider sind wir fast alle (unsere Eltern und Großeltern erst recht) zum Gehorsam erzogen worden - unsere Nervenbahnen sind also eher darauf ausgerichtet, etwas nicht zu tun, weil wir Konsequenzen vermeiden wollen. Wir fahren zum Beispiel innerhalb des Tempolimits, wenn wir wissen, das an einer bestimmten Stelle ein Blitzer steht, fahren jedoch schneller, wenn wir vermutlich nicht erwischt werden.

Kommt dieser Fakt zusammen mit einer sehr frühen Abspaltung von von den Eltern ungeliebten Teilen unseres Selbst (indem wir Schreien gelassen wurden, nach Uhr gefüttert wurden, uns bei Schmerz gesagt wurde "Ist nicht schlimm!" etc.), dann kann es sein, dass ein unheilvolles Gemisch entsteht, aus denen Nazis, Mörder und U-Bahnhof-Totschläger entstehen.

Und dann haben wir als Nation ein Problem, denn diese Nazis, die nicht davor zurückschrecken, Flüchtlingsheime anzuzünden, auf Kinder in U-Bahnen zu urinieren oder dunkelhäutige Menschen wie im Rausch zu Tode zu treten, können nicht mehr nur durch Reden und unser Verständnis für ihre Ängste gestoppt werden. Die Empathie, mit der sie geboren wurden, ist so tief unter seelischer Verletzung vergraben, dass es schon einen Profi braucht, um sie auszugraben. (Es gibt auch Hoffnung noch für diese Menschen, aber zuerst müssen sie lernen, ihren eigenen Schmerz zu fühlen, bevor sie den Schmerz von anderen fühlen können und dazu bedarf es einfach tiefenpsychologischer Behandlung, die auch noch selbst gewollt sein muss.)

Es gibt trotzdem etwas, das wir tun können. Denkt an ihre Nervenbahnen - sie reagieren auf den Stopp-Ruf eines machtvollen Gegenübers. Jemand, der sehr viel Macht innehat und Strafen verteilen kann, kann ihnen Einhalt gebieten.

Auch hier wären wieder die Politiker gefragt, nicht wahr? Ja, hier umso mehr! Doch können wir uns auf ihr Einschreiten verlassen? Nein - sonst hätten sie es längst getan. Die Flüchtlingsheime brennen nur, weil die Nazis da draußen das Gefühl haben, dass es keinen gibt, der sie stoppen kann. Wie die Teenager, die sich in der Gruppe trauen, ihre Füße auf die Sitzpolster der öffentlichen Verkehrsmittel zu stellen, weil sie das Schimpfen der umstehenden Erwachsenen nicht mehr fürchten, trauen sich Nazis nun viel, viel schlimmere Dinge - weil sie Politiker, Polizei und Richter nicht mehr fürchten. Und je bewegungsloser und stummer diese Staatsmächte weiterhin reagieren, desto mehr werden sich die Nazis unserer Zeit trauen.


Deshalb müssen wir mächtig werden und uns ihnen entgegenstellen. Wir werden mächtig als große Gruppe. Wenn wir viele sind und uns gemeinsam aufstellen um zu sagen: "Stopp! Das dürft ihr nicht tun! Wir lassen es nicht zu!", erreichen wir etwas. Es muss einen neuen Aufstand der Anständigen geben, wir haben keine andere Wahl. Als einzelne sind wir angreifbar und wir bilden auch keine Machtinstanz, die den Mob stoppen könnte. Als Gruppe sind wir stark. Stark genug, um dem Wahnsinn Einhalt zu gebieten.  
"[...] Massenkundgebungen sind sehr wichtig, denn viele Leute sind sehr stark von Autorität zu beeindrucken, und die orientieren sich daran, wenn so viele Menschen so offen Stellung beziehen für Mitgefühl und gegen Hass. Das ist wichtig, weil das denen zu denken gibt. Sogar, wenn sie es noch nicht fühlen." [Gruen, A., Hass in der Seele, 2001: 1309]

Dann wären wir ja alle Nazis!


Nun mögt ihr beim Lesen meines Textes gedacht haben: "Das kann ja gar nicht sein. Wir sind doch alle so erzogen worden - dann wären wir ja alle Nazis und sind es aber nicht." Das stimmt - wir sind es nicht. Wir haben Glück gehabt, dass die Faktoren in unserem Leben trotz ähnlicher Voraussetzungen anders zusammengewirkt haben. Vielleicht gab es in unserem Leben eine herzensgute Oma, die uns zuhörte? Oder den Lehrer, dem man seinen Schmerz anvertrauen konnte? Vielleicht hatten wir einfach auch mehr Resilienz als andere?
"Es gibt keine objektiven Kriterien, die uns erlauben würden, die eine Kindheit als "besonders schlimm" und die andere als "weniger schlimm" zu bezeichnen. Wie ein Kind sein Schicksal erlebt, hängt auch von seiner Sensibilität ab, und die ist von Mensch zu Mensch verschieden. Außerdem gibt es in jeder Kindheit winzige rettende wie auch vernichtende Umstände, die sich einem Beobachter von außen entziehen können. Diese schicksalhaften Faktoren lassen sich kaum beeinflussen. [...] Wenn man aus der analytischen Praxis weiß, mit welchen Staudämmen und Aggressionen und um welchen Preis an Gesundheit gut funktionierende und unauffällige Menschen leben müssen, dann könnte man denken, dass es jedes mal ein Glück, aber keine Selbstverständlichkeit war, wenn einer nicht zum [...] Verbrecher wurde." [Miller, A., Am Anfang war Erziehung, 1983, 234ff].
Wir alle sitzen auf einem Pulverfass narzisstischer Kränkung, denn wir hatten alle leider eine von der Schwarzen Pädagogik geprägte Erziehung. Du und ich, wir tragen das gleiche Potential in uns. Wir haben nur andere Möglichkeiten gefunden, damit zu leben. Psychose, Drogensucht, Anpassung, Depression, Delegation der Staudämme aufs eigene Kind, Kaufsucht, Alkoholismus.... die Liste ist lang und die Grade der Ausprägung verschieden. Es ist ein Glück, aber keine Selbstverständlichkeit, dass wir nicht alle zu Nazis geworden sind.

Was können wir für zukünftige Generationen tun?


"Wir bewundern Menschen, die in totalitären Staaten Widerstand leisten, und denken: die haben Mut oder eine "feste Moral" oder sind "ihren Prinzipien treu" geblieben oder ähnlich. Wir können sie auch als naiv belächeln und finden: "Merken die nicht, dass ihre Worte gegen diese erdrückende Macht gar nichts nützen werden? Dass sie ihr Aufbegehren teuer werden büßen müssen?" Aber möglicherweise sehen beide, sowohl der Bewundernde als auch der Verachtende, am Eigentlichen vorbei: Der Einzelne, der seine Anpassung im totalitären Regime verweigert, tut dies kaum aus Pflichtbewusstsein oder Naivität, sondern weil er nicht anders kann, als sich treu zu bleiben. [...] Ein Mensch mit lebendigen Gefühlen kann nur er selber sein. Er hat keine andere Wahl, will er sich nicht selbst verlieren. Die Ablehnung, die Ausstoßung, der Liebesverlust und die Schmähungen lassen ihn nicht gleichgültig, er wird unter ihnen leiden und sich vor ihnen fürchten, aber er wird sein Selbst nicht verlieren wollen, wenn er es einmal hat. Und wenn er spürt, dass etwas von ihm verlangt wird, zu dem sein ganzes Wesen "nein" sagt, dann kann er es nicht tun. Er kann es einfach nicht. So geht es Menschen, die das Glück hatten, der Liebe ihrer Eltern sicher zu sein [...]." [Miller, Alice, Am Anfang war Erziehung, 1983, 105f] 
Was wir also tun können?  Unsere Kinder bedingungslos lieben. Und statt auf Erziehung zu pochen, lieber Beziehung leben. Dann wird es in Deutschland kein Viertes Reich geben und die Menschen werden keinen hohlen Phrasen mehr glauben schenken. Doch bis dahin ist es noch ein weiter Weg. Wir haben schon angefangen, ihn zu gehen. Ich wünsche mir, dass noch mehr Eltern sich dazu entscheiden, uns zu begleiten.

© Snowqueen

Literatur


Die schlauen Gedanken dieses Textes sind natürlich nicht auf meinem eigenen Mist gewachsen, ich habe sie aus verschiedenen Büchern zusammengetragen und vielleicht ein wenig leichter verständlich gemacht. Wer daran interessiert ist, tiefer in die Materie einzudringen, kann das hier tun:









Kinderschuhe - was sollte man beim Kauf beachten?

Ich habe eine E-Mail von Sandra bekommen, in der sie sich das Thema Kauf von Kinderschuhen bei uns im Blog wünscht. Sie möchte insbesondere wissen, ob  man wirklich 50 EUR aufwärts pro Paar ausgeben muss und ob gebrauchte Kinderschuhe in Ordnung sind oder man in jedem Falle neue kaufen sollte.

Warum gut passende Kinderschuhe wichtig sind 


Kinderfüße sind noch sehr viel weicher und biegsamer, als Erwachsenenfüße. Außerdem sind die Nerven darin noch nicht vollständig entwickelt. Deswegen merken Kinder häufig nicht, wenn ein Schuh eigentlich schon zu klein ist. Untersuchungen haben gezeigt, dass fast ein Drittel aller Kinder zu kleine Schuhe trägt. Das kann gravierende Folgen haben! Neben Muskel- und Gelenkschmerzen drohen bleibende Schäden an den Füßen, den Knien und der Hüfte. Es kann darüber hinaus zu Haltungsschäden kommen. Etwa 96 Prozent der Kinder kommen mit gesunden Füßen zur Welt, die Quote bei Erwachsenen beträgt nur noch 38 %. Das beweist, wie wichtig wirklich passende Schuhe für Kinder (und natürlich auch Erwachsene) sind. 

Ab wann braucht mein Kind Schuhe?


Kinder benötigen erst dann festes Schuhwerk, wenn sie wirklich anfangen frei zu laufen. Damit sind nicht die ersten zögerlichen Laufversuche gemeint - die finden idealerweise ganz barfuß statt. Barfußlaufen ist für kleine Kinder absolut ideal - denn so trainieren sie am besten Gleichgewichtssinn und Koordination. Alle Sehnen und Muskeln werden beansprucht und trainiert. Das ist eine wichtige Voraussetzung für auf Dauer gesunde Kinderfüße. Erst etwa vier Wochen nach den ersten Schritten laufen Kinder nennenswerte Strecken selbst - der eine etwas früher, der andere etwas später. Bis dahin können die Füße mit gefütterten BabyschuhenBabystiefelchen oder einfach Socken warm gehalten werden. 

nackter Kinderfuß

Wenn das Kind etwa 20 Schritte am Stück läuft oder draußen selbst laufen möchte, ist es Zeit für Schuhe. Zu früh Schuhe kaufen oder gar auf Vorrat, ist wenig sinnvoll, da Kinderfüße extrem schnell wachsen. Meine Tochter brauchte zum Laufenlernen Größe 18 - mein Sohn begann erst mit Größe 22.

Lasst Euch nicht von den Vorgenerationen reinreden - Kinder brauchen beim Laufenlernen keine Schuhe - zumindest nicht im Haus. Hausschuhe sollten wirklich nur dann getragen werden, wenn es wegen der Temperaturen erforderlich ist. Viel besser sind dicke Socken mit gummierter Anti-Rutsch-Sohle (ich habe gute Erfahrungen mit denen von Sterntaler gemacht) geeignet. Sie halten Füße warm und lassen ihnen freien Bewegungsspielraum.

Sind wirklich feste Hausschuhe notwendig (bei uns wird das von der Kita vorgegeben) sollte besonderes Augenmerk auf die Qualität der Hausschuhe gelegt werden. Ich habe immer wieder beobachtet, dass die Kinder tolle, teure Draußenschuhe haben, mit denen sie teilweise ja auch zwei bis drei Stunden draußen sind - aber den Rest des Tages stecken sie in teilweise ungeeigneten Hausschuhen - dabei verbringen sie meist deutlich mehr Zeit in den Hausschuhen. Da Hausschuhe von den "guten Marken" oft nur ein Bruchteil im Vergleich zu ihren Draußen-Artgenossen kosten, würde ich hier nie sparen. Uneingeschränkt empfehlenswerte Marken sind bspw. Superfit, Rohde oder Giesswein.

Wie findet man die richtige Größe?


Kinderfüße vermessen lassen


Elementar für das Finden des passenden Schuhs ist nicht nur die Größe, sondern auch die richtige Breite. Zwar haben die meisten Kinder normalbreite Füße, aber es gibt auch sehr schmalfüßige und sehr breitfüßige. Die Breite eines Fußes ermitteln sogenannte WMS-Messgeräte, die ich persönlich von Deichmann kenne. Dort kann nicht nur die Fußlänge (und damit die richtige Größe) abgemessen werden, sondern auch die Breite. Es gibt mittlerweile viele Hersteller, die ihre Schuhe auch in weiten und schmalen Versionen anbieten. Auch Reno bietet eine Vermessung von Kinderfüßen - hier wird elektronisch gemessen und ebenfalls die Breite angegeben.

WMS Messgerät

Das Problem ist nur: an den Größenangaben kann man sich leider in der Regel nicht orientieren - bei einer Untersuchung der Universität Wien hatten gerade mal 3 % (!) der Schuhe tatsächlich die angegebene Größe. Insgesamt 45,8 % waren eine Größe zu kurz, weitere 36,9 % zwei Größen zu kurz. Drei Größen zu klein waren sogar noch 10 % der Schuhe. Ein Paar wich sogar 6 Größen von der angegebenen ab.

Das liegt daran, dass sich die Größe üblicherweise aus dem Leistenmaß ableitet, mit dem die Schuhe gefertigt werden. Dieses wird aber - je nach Schuh und Material sehr unterschiedlich gemessen. Nach der Herstellung schrumpfen die Schuhe auch noch häufig, so dass es wenig Sinn hat, sich auf Größen zu verlassen. Allenfalls bei den selben Schuhen (oder Marken) sind die Größen eine Orientierung. Reno wirkt dem entgegen, in dem dort "Echtgrößen" angegeben werden - nach meiner Erfahrung stimmt das auch einigermaßen.

Selbst die richtige Größe für Kinderschuhe herausfinden 


Da man sich auf die Größen also so gut wie gar nicht verlassen kann, muss man nach dem Trial-and-Error-Prinzip vorgehen. Zwischen dem längstem Zeh (das muss nicht immer der große sein!) und dem Schuh sollte ein Freiraum von mindestens 1,2 cm und maximal 1,7 cm sein.

Es ist nicht sinnvoll, dies vorne an der Schuhspitze mit dem Daumen zu prüfen, da einige Kinder die Zehen anziehen. Wenn man diese Methode anwendet, sollte man die andere Hand über den Fußrücken legen um zu fühlen, ob die Zehen eingezogen werden. Auch der Test mit dem Finger zwischen Ferse und Schuh, bei dem noch ein fingerbreit Platz sein sollte, ist unzuverlässig, weil die Kinder die Zehen einziehen um Platz zu schaffen. Auch sehr ungenau ist es, den Fuß an die Außenseite der Sohle zu halten - bei den meisten Schuhen ist nicht erkennbar, wie viel Platz tatsächlich im Innenraum ist.

Kinder zu fragen, ob der Schuh passt, ist wenig hilfreich - sie können nicht verlässlich darüber Auskunft geben, ob die Schuhe zu klein sind. Und falls sie das dann doch tun - dann ist es vermutlich allerhöchste Eisenbahn, weil die Schuhe schon viel, viel zu klein sind. In der oben genannten Untersuchung der Universität Wien wurde festgestellt, dass Kinder vollkommen klaglos in Schuhen laufen, die bis zu 5 (!) Größen zu klein sind. Das Nervensystem meldet die Beeinträchtigung der Füße einfach nicht. Dadurch trugen nur ganze 22,7 % der Kinder passende Schuhe in der richtigen Größe - über zwei Drittel hatten zu kleine Schuhe. Bei den Hausschuhen war es noch verheerender - da passten gerade mal 9,5 % aller Schuhe richtig - hier trugen 88,4 % der Kinder zu kleine Schuhe.

Am einfachsten ist der Schuhkauf, wenn die Sohlen herausnehmbar sind, weil man dann den Fuß direkt darauf stellen und sehen kann, wie viel Platz tatsächlich noch vorhanden ist. Bitte stellt das Kind tatsächlich dabei hin - wenn man die Sohle nur im Sitzen an den Fuß hält, kann das das Ergebnis verfälschen, weil die Schwerkraft die Füße verbreitert. Einige Unternehmen (z. B. Vertbaudet) haben Sohlen, bei denen spezielle Markierungen zeigen, ob die Schuhe wirklich passen (wie das genau funktioniert könnt ihr in diesem Video sehen).

Eine weitere Möglichkeit ist, den nackten Fuß (enge Socken können den Fuß verkleinern!) auf ein Stück Pappe zu stellen und zu umranden (und ggf. 1,2 - 1,7 cm vorne dazu malen). Wird die Fußschablone ausgeschnitten, kann man sie in verschiedenen Schuhen ausprobieren.

Sinnvoll ist es, das Kind im Geschäft eine Weile mit den Schuhe herum laufen zu lassen. Man sieht so recht gut, ob sie ausreichend Halt bieten. Der Fuß sollte nicht im Schuh umher rutschen und natürlich keinesfalls herausrutschen. Was für erwachsene Füße zutrifft, ist auch bei Kinderfüßen so - sie werden im Laufe des Tages größer - idealer Zeitpunkt für den Kauf ist daher der Nachmittag. Zu bedenken ist außerdem, dass der Schuhkauf meist dann erfolgt, wenn das aktuelle Paar schon recht klein ist. Es kann sein, dass Kinder die Füße daher im Schuh leicht einrollen. Misst man den Fuß sofort nach dem Ausziehen des Schuhs aus, kann es sein, dass er noch angespannt ist und damit kleiner wirkt, als er ist. Ein paar Minuten im Schuhgeschäft nur in Socken laufen sorgt dafür, dass die Größe ideal ausgemessen werden kann.

Schuhe und Füße selbst vermessen 


Eine weitere Möglichkeit, die Grüße des Kinderfußes zu ermitteln und mit den Schuhen zu vergleichen, sind Schuhmessgeräte. Ein relativ einfaches Modell ist das plus 12. Dabei handelt es sich um ein biegsames Maßband, mit dem Füße von Größe 18 bis 45 vermessen werden können. Der Abstand (also die plus 12 mm) der zwischen Zeh und Schuh sein soll, wird dabei schon automatisch berücksichtigt (das ist die rote Spitze auf dem Bild). Der Preis ist mit 12,90 EUR günstig - schließlich verwendet man das Fußmessgerät ein paar Jahre lang. Es ist schon etwas fummelig, aber wenn ich mal ausnahmsweise ohne Kind Schuhe kaufe, ist es für mich sehr hilfreich. Etwas komfortabler und mit rund 40 EUR auch teurer ist das Messgerät Clevermess. Damit hat man die Möglichkeit, auch die Breite der Füße zu vermessen. Die Nutzererfahrungen sind sehr unterschiedlich.

Worauf sollte man beim Kauf von Kinderschuhen achten?


Die Sohle sollte möglichst flexibel sein 


In der Kinderabteilung im Schuhgeschäft kann man immer wieder beobachten, wie Eltern emsig Schuhe in die Hand nehmen und die Sohlen biegen. Man sollte beim Kauf der ersten Schuhe unbedingt mal ausprobieren, wie unterschiedlich biegsam die Sohlen sind. Während bei den Lauflernschuhen die Sohlen eigentlich bei fast allen Modellen sehr flexibel sind, gibt es bei den größeren Größen wirklich ganz eklatante Unterschiede! Eine flexible Sohle ermöglicht eine hohe Beweglichkeit und ein gutes Abrollen, was für die Entwicklung des Fußes von großer Wichtigkeit ist. Die Flexibilität der Sohle ist eines der wichtigsten Kriterien beim Schuhkauf! Außerdem sollte die Sohle natürlich rutschhemmend sein - gerade für Laufanfänger ist das immens wichtig. Besonders flexibel sind die Sohlen von Barfussschuhen. Ich trage mittlerweile nichts anderes mehr. Am liebsten mag ich Wildlinge, die auch tolle Modelle für Laufanfänger haben.

Das ideale Obermaterial 


Das Obermaterial sollte allem atmungsaktiv sein und vor Nässe schützen. Dies bietet vor allem Leder, aber auch sogenannte "Tex-Materialen". Mittlerweile gibt es auch wirklich gute synthetische Materialen, die ausgezeichnetenTragekomfort bieten. Wichtig ist vor allem, dass das Material weich und geschmeidig ist und möglichst viel Bewegungsfreiheit für den Fuß bietet.

Der Verschluss des Kinderschuhs 


Schnürsenkel sind für Lauflernschuhe denkbar ungeeignet, da sie eine Stolperfalle sind. Sinnvoller sind Reißverschlüsse oder Verschlüsse mit Klett. Da die Kinder die Schuhe meist noch nicht selber öffnen, ist die einfache Handhabung bei den allerersten Schuhen noch nicht so vordergründig wichtig. Klett neigt jedoch zur Ermüdung - gerade bei günstigen Schuhen besteht die Gefahr, dass die Verschlüsse nach einer Weile nicht mehr richtig halten. Allerdings werden Kinderschuhe in der Regel nur so kurz getragen, dass das bei uns in der Praxis noch nie zu Problemen geführt hat.

Was in Bezug auf den Innenraum bei Kinderschuhen wichtig ist 


Man sollte mit den Fingern den Innenraum abtasten - leider gibt es immer wieder Schuhe, die störende Nähte haben, die dann drücken können. Der Schuhinnenraum sollte keine spürbaren Erhebungen haben. Er sollte auch auch nicht spitz zulaufen - es muss genügend Bewegungsfreiheit für die Zehen bleiben, so dass sie nicht zusammengedrückt werden. Aber auch die Höhe des Schuhs im Zehenbereich spielt eine Rolle - einige Schuhe bieten vorne leider nicht genügend Platz.

Ideal ist es, wenn der Fersenbereich verstärkt ist, damit Kinder genügend Halt haben. Auch den Spann sollte Beachtung finden - einige Kinder haben einen sehr hohen Fußrücken. Entsprechend großzügig sollten ihre Schuhe dann auch geschnitten sein. Dass Schuhe ggf. zu eng sind, erkannt man daran, dass sich beim Tragen Abdrücke auf dem Spann bilden. Beim nächsten Paar sollte daher besonders auf den Schnitt des Schuhs geachtet werden. 

Welches sind die besten Schuhe für Laufanfänger? 


Kurz zusammengefasst: Diejenigen, die gut passen und die obigen Kriterien erfüllen. Und davon gibt es wirklich jede Menge. Ich persönlich habe in den ersten Monaten zu Schuhen von Elefanten und Naturino gegriffen. Aber auch Modelle von RicostaRichter und Superfit sind allesamt empfehlenswert. Wichtig ist aber nicht Marke und Preis, sondern wirklich Passgenauigkeit und Flexibilität.

Wie schnell wachsen Kinderfüße? 


Das ist natürlich sehr individuell. Im Kleinkindalter wachsen Füße am schnellsten - bis zu 20 mm pro Jahr sind möglich. Danach sind es etwa ein Millimeter pro Monat. Das ist aber wirklich nur ein Durchschnittswert. Da Füße auch gerne mal schubweise wachsen, kann es sein, dass auch mal ein Jahr lang die gleiche Größe getragen wird und man dann sprungartig in wenigen Monaten drei Größen durchläuft. In den ersten drei Lebensjahren sollte man daher etwa alle zwei Monate die Schuhe überprüfen. Zwischen drei und vier Jahren sollte das alle vier Monate geschehen. Mit etwa 6 Jahren wachsen die Füße dann langsamer - es reicht dann aus, alle sechs Monate zu schauen, ob der Schuh noch passt.

Was ist mit Billigschuhen? 


Was ist mit Schuhen für 10 EUR beim Discounter oder günstigen von großen Schuhketten? Meine persönliche Erfahrung ist: Wenn ich viel Geld ausgebe, dann kriege ich in der Regel auch vernünftige Schuhe. Das heißt aber nicht, dass die Billigschuhe automatisch nichts taugen. Zwar findet man selten wirklich gute, aber es ist mir tatsächlich schon bei LIDL oder Deichmann gelungen, günstige Schuhe zu finden, die mich absolut überzeugt haben - und meine Kinder auch. Die Winterstiefel von Cortina z. B. sind super bequem (tolle flexible Sohle), wasserfest und warm - und kosten gerade mal um die 13 EUR pro Paar. Die gibt es bei uns jedes Jahr als Zweitpaar für den Winter. Für das Hauptpaar greife ich etwas tiefer in die Tasche und kaufe Marken-Stiefel von Superfit oder diese wirklich tollen von Richter.

Sind gebrauchte Kinderschuhe schädlich? 


Omas und Eltern werden es nie müde, auf die Gefahren gebrauchter Schuhe hinzuweisen. Das Fußbett sei schon verformt, so dass es zu Fehlstellungen kommen wird. Auch wenn man es immer und immer wieder hört - nein - gebrauchte Schuhe sind nicht schädlich, wenn sie in einem guten Zustand sind, das sagen Spezialisten für Kinderfüße ganz klar. Damit ist weniger das Äußere gemeint, als die Sohle und das Fußbett. Entscheidend ist, dass die Schuhe nicht einseitig abgetreten sind - die Sohlen sollten sich in Bezug auf die Abnutzung also nicht unterscheiden. Wenn man ganz sicher gehen will, kann man neue Einlegesohlen kaufen.

Außerdem ist der Kauf gebrauchter Schuhe ökonomisch und ökologisch wirklich sinnvoll. Gute Schuhe bekannter Marken, die nur ein paar Monate getragen wurden, halten ganz sicher noch einen Nachfolger aus.

© Danielle

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Quellen