Macht frühe Fremdbetreuung unsere Kinder unglücklich?

Ab wann soll ich mein Kind in die Kita geben? Schadet eine frühe Fremdbetreuung?


Fremdbetreuung ist ein Thema, das jeden bewegt - denn irgendwann ist es bei nahezu allen so weit. Und die Frage, die man sich dann stellt, ist: "Was ist denn nun besser - eher früher oder später?"

Ich selbst habe meine Kinder relativ früh fremdbetreuen lassen - mit meiner große Tochter war ich 12 Monate zu Hause - danach haben die Großeltern für ein halbes Jahr an zwei Tagen ihre Betreuung übernommen, so dass ich 20 Stunden arbeiten gehen konnte. Um ehrlich zu sein: Ich war so froh - denn so sehr ich davon ausgegangen war, dass mich nach jahrelangem Kinderwunsch das Kinder haben vollkommen ausfüllen würde - so überrascht war ich, dass das so gar nicht der Fall war. Nach einem Jahr fiel mir die Decke auf den Kopf. Ich wollte auch mal wieder etwas anderes machen, als Windeln wechseln, Brei füttern und pausenlos über Spielzeug stolpern. Ich wollte etwas machen, das mich herausfordert, das mich geistig beansprucht, ich wollte mit Erwachsenen reden. Über Nicht-Kinder-Dinge. 
 
Kinder im Kindergarten

Womit ich auch nicht gerechnet hatte: Mein Kind langweilte sich tatsächlich mit mir. Wir gingen in eine Krabbelgruppe - inmitten der anderen Kinder fühlte sie sich so vollkommen und offensichtlich pudelwohl, dass mir die Entscheidung für eine frühe Fremdbetreuung nicht schwer fiel.  Meine Tochter kam mit 18 Monaten in die Kita und ich begann mit 35 Stunden fast Vollzeit zu arbeiten. Und es gefiel mir! Papa brachte sie morgens hin und ich holte sie um 16 Uhr ab. Zwischendurch hatte ich erwogen, sie schon 15 Uhr abzuholen, da meinte sie zu mir "Aber Mama, da gehen wir gerade raus, ich will nicht so früh abgeholt werden!" Ich habe die Entscheidung nicht eine Sekunde angezweifelt - vor allem, weil ich sah, wie gut es ihr in der Kita gefiel. Mein Sohn kam mit 12 Monaten in die Kita - auch für ihn war es die absolut richtige Entscheidung. Wir haben das große Glück, eine fantastische Kita im Ort zu haben, in der (zumindest ein paar und glücklicherweise in den Gruppen meiner Kinder) wirklich engagierte, liebevolle und geduldige Erzieherinnen arbeiten, die ihre Arbeit mit Leidenschaft und Enthusiasmus ausüben. Man verzeihe mir daher eine leicht tendenziöse Bearbeitung des Themas :-).

Frühe Fremdbetreuung - was sagt die Forschung? 


Es gibt zahlreiche Untersuchungen zum Thema - teilweise mit recht unterschiedlichen Ergebnissen. Je nachdem, welchen Standpunkt man selbst vertritt, wird man zahlreiche Studien finden, die diesen untermauern - und jede einzelne Studie kann man kritisch hinterfragen.

Am häufigsten wird von den Befürwortern einer langen Betreuung zu Hause die NICHD-Studie genannt, die erhöhte Werte an Aggressivität und Störungen bei fremdbetreuten Kindern festgestellt haben will.  Aus dieser Studie stammt auch die Feststellung, dass bei Kitakindern das Stresshormon Cortisol dauerhaft erhöht ist - ob dies aber negative Auswirkungen hat, ist äußerst umstritten (siehe dazu auch dieser Artikel). Mal davon abgesehen, dass es eine amerikanische Studie ist, die nur sehr bedingt auf deutsche (Betreuungs-)Verhältnisse übertragbar ist, sind die festgestellten Unterschiede nur sehr graduell und keineswegs signifikant. Die Auswahl der Stichprobe war nicht repräsentativ und sie verkleinerte sich im Studienverlauf auf  293 Kinder. Mehr Informationen zu den Ergebnissen und der Interpretation findet man auf dieser Seite.

Unterschiede zwischen fremd betreuten und nicht fremd betreuten Kindern in Bezug auf die Persönlichkeitsentwicklung und die emotionale Entwicklung werden in den meisten Untersuchungen nicht festgestellt. Bei der kognitiven Entwicklung bescheinigt die überwiegende Anzahl der Studien den Kitakindern die schnellere Entwicklung. Sie sind in der Regel sechs bis neun Monate weiter entwickelt. Dieser Vorteil relativiert sich jedoch mit Schulbeginn - hier ist dann der Entwicklungsstand relativ unabhängig von der Betreuung in den ersten Jahren. Auch das Sozialverhalten entwickelt sich unterschiedlich -  die Kitakinder sind selbstbewusster, sozial kompetenter und durchsetzungsfähiger, aber auch aggressiver, gereizter und ungestümer.

Es gibt einige Untersuchungen, die negative Auswirkungen auf die Mutter-Kind-Bindung von fremdbetreuten Kindern nachweisen wollen. Insgesamt 36 % der Kinder, die nicht ausschließlich zu Hause betreut wurden, sollen eine unsichere Bindung zu ihrer Mutter entwickeln - wobei das bei der Vergleichsgruppe immerhin in noch 29 % der Fälle so war. Allerdings ist die Versuchsanordnung der Studien, die dieses Ergebnis geliefert haben, kritisch zu betrachten - Mutter und Kind werden in einen ihn fremden Raum geführt, wo eine andere Frau mit einem Kind spielt. Das hineingeführte Kind darf mit den Spielsachen spielen und seine Mutter verlässt den Raum. Die Forscher beobachteten die Reaktionen der Kinder, als die Mutter wieder zurück kommt und beurteilen die Qualität der Bindung. 

Dass Kinder, die eine Fremdbetreuung gewohnt sind, nun ganz anders reagieren, als Kinder, die ausschließlich zu Hause betreut werden, ist eigentlich vollkommen logisch. Sie reagieren bei der mütterlichen Rückkehr nicht ganz so enthusiastisch, wie die anderen. Dass man deswegen nun auf eine schlechte Bindung schließt, ist für mich etwas gewagt - ich würde denken, dass die Kinder nicht schlecht gebunden, sondern schlicht Trennungssituationen gewohnt sind. Weitere Forschungsergebnisse zur Betreuung von Kleinstkindern ergeben jedenfalls keine gravierenden Abweichungen im Vergleich zu den von Mama betreuten.

Ich möchte das Thema Fremdbetreuung und Forschung an dieser Stelle nicht weiter vertiefen, sondern resümierend feststellen, dass in Studien sowohl positive als auch negative Auswirkungen in verschiedenen Bereichen festgestellt wurden - wirklich signifikante Unterschiede ergaben sich jedoch nicht.

Für mich persönlich ist es mittlerweile nicht mehr interessant, welche Ergebnisse irgendwelche wissenschaftlichen Untersuchungen haben - ich weiß, wie meine Kinder auf die frühe Fremdbetreuung reagiert haben und ich habe ganz und gar nicht den Eindruck, dass es ihnen schadet(e) - ganz im Gegenteil: sie lieben die Kita und gehen unglaublich gerne dort hin. Und das ist in meinen Augen auch der entscheidende Faktor: Die Qualität der Betreuung.

Kind malt in der Kita

Woran erkennt man eine qualitativ gute Fremdbetreuung? 


Deutschlands führender Bindungsexperte Karl-Heinz Brisch konstatiert zur Frage, ob eine frühe Betreuung in Krippen die Bindungsentwicklung negativ beeinflusst:
"[...] das Risiko für eine unsichere Bindungsentwicklung [erhöhte sich] nur dann, wenn die Zahl der Fremdbetreuungsstunden hoch war, das Kind also schon im ersten Lebensjahr viele Tage in der Woche für viele Stunden in der Krippe betreut wurde, wenn Pflegekräfte ständig wechselten und wenn das Verhalten der Mutter dem Kind gegenüber durch mangende Feinfühligkeit charakterisiert war" (vgl. Brisch, 2010: 138).
Haben Mutter und Kind eine sichere Bindung, hat nach Brisch auch eine schlechte Krippenbetreuung darauf keinen Einfluss. Andererseits kann durch eine feinfühlige, bindungsorientierte Erzieherin in Krippe oder Kindergarten ein Kind sogar wenn es unsicher an seine Mutter gebunden ist, eine sichere Bindung zu der Erzieherin entwickeln, was sich langfristig wiederum positiv auf die Mutter-Kind-Bindung auswirken kann.  Sprich: Durch eine sichere Bindung an die Erzieherin ist es möglich, eine unsichere Bindung an die Mutter in eine sichere Bindung umzuwandeln, wenn ihr Hilfestellung gegeben wird. In diesem Fall profitiert das Kind dann von der Fremdbetreuung ungemein. Da stellt sich nun die Frage, was genau eine gute Fremdbetreuung bedeutet.

Kriterien für eine gute Krippen- und Kindergartenbetreuung sind:
  • Die Erzieherinnen zeigen feinfühliges Verhalten und gehen bedürfnisorientiert auf die Kinder ein. Je jünger das Kind ist, desto wichtiger ist es, dass die Erzieherinnen auf individuelle Hunger- und Müdigkeitszeichen eingehen. Bei Säuglingen unter einem Jahr ist es daher unabdingbar, dass sie z. B. ihre Milch nach Bedarf bekommen. Bei älteren Kindern ist das natürlich nicht mehr ganz so wichtig. Aber auch bei älteren Kindern sollten Erzieherinnen in der Lage sein, altersadäquates Verhalten nicht zu pathologisieren. Beißt ein Kind z. B., sollten ihm die Erzieherinnen im kein aggressives Grundnaturell zuschreiben, sondern die überfordernde Situation erkennen und das (beißende) Kind darin liebevoll begleiten, andere Verhaltensoptionen auszuprobieren. Erzieherinnen sollten deshalb mit der Bindungstheorie so weit vertraut sein, dass sie Bindungsbedürfnisse, die Notwendigkeit von Hilfen zur Affektregulation und Vermeidungsverhalten von kleinen Kindern erkennen und adäquat beantworten können. Eine Zuschreibung von "schlechtem" Verhalten ("Sie weint, um uns zu manipulieren und Aufmerksamkeit zu bekommen.") wird von den Erzieherinnen vermieden.
  • Der Alltag für jedes Kleinkind wird von den Erzieherinnen so gestaltet, dass sowohl Über- wie Unterstimulation - und als Folge davon das Auftreten von Regulationsstörungen - weitgehend vermieden werden. Dabei müssen die Erzieherinnen bei den ihnen anvertrauten Kindern auf individuelle Bedürfnisse und Empfindlichkeiten gegenüber Reizen achten. Sie sollten in der Lage sein, für die Kindergruppe und für jedes einzelne Kind eine anregungsreiche Umgebung zu gestalten sowie Rückzugs- und Erholungsmöglichkeiten bereitzustellen. Sie erkennen Überlastungssignale jedes Kindes und passen, wenn notwendig das Betreuungssetting ihren individuellen Bedürfnissen an (vgl. gaimh.org ).
  • Die Krippe hat einen hohen Betreuungsschlüssel, denn andernfalls ist ein solch feinfühliges Eingehen auf die einzelnen Kinder schlicht unmöglich. Bei Babys unter einem Jahr ist ein Betreuungsschlüssel von 1:2 empfohlen, besteht die Gruppe aus Säuglingen und größeren Kindern, kann das Verhältnis 1:3 sein (z. B. ein Baby, ein zweijähriges und ein dreijähriges Kind). Ein solcher Betreuungsschlüssel wird als  entwicklungsfördernd und nach internationalen Studien als Niveau von hoher Qualität betrachtet. Er sollte möglichst eingehalten werden, um die Kinder vor Über- bzw. Unterstimulation und Stress zu schützen (vgl. die Ergebnisse der NICHD-Studie, Watamura et al. 2003; Friedman & Boyle, 2009).
  • Voraussetzung, damit das Kind eine sichere Bindung zu einer Erzieherin aufbaut, ist eine behutsame individuelle Eingewöhnung. Eine "kurze, schmerzlose Trennung", wie sie in manchen Kindergärten praktiziert wird, ist überhaupt nicht bindungsorientiert und schadet dem Kind, da sie großen Stress und - kindabhängig- sogar eine traumatische Erfahrung bedeuten kann (vgl Brisch, 2010: 136f). Es ist notwendig, dass das Kind zunächst im Beisein der Mutter mit der neuen Erzieherin spielt und sie so langsam als vertrauensvolle Bezugsperson kennenlernt. Später können wickeln und füttern dazukommen. Lässt sich das Kind bei kleineren stressvollen Situationen von der Erzieherin auf den Arm nehmen und trösten, ist der erste Schritt schon geschafft. Sich zum Schlafen ablegen zu lassen, verlangt laut Brisch vom Kind das größte Gefühl von Sicherheit ab, deshalb sollte dies nie zu voreilig versucht werden. In vielen Kindergärten ist mittlerweile eine Eingewöhnung nach dem Berliner Modell Gang und Gäbe und das ist auch gut so, denn dieses zielt auf eine langsame, bindungsorientierte Eingewöhnung ab. Trotzdem ist auch hierbei zu beachten, dass nach den individuell vorliegenden Fakten gegangen wird. Manche Kinder brauchen mehr Zeit, manche weniger. Kommt eine Krankheit oder Ferien dazwischen, muss die Eingewöhnung quasi noch einmal von vorn beginnen, möglicherweise dann aber in etwas schnellerem Tempo, wenn das Kind dies vorgibt.
  • Auch nach der Eingewöhnung ist es wichtig, dass die Präsenzzeiten der Kinder und Erzieher so koordiniert sind, dass kontinuierliche Beziehungen zu Erwachsenen und anderen Kindern aufgebaut und erhalten werden können. Ein konzeptuell vorgegebener Gruppen- bzw. Bezugspersonenwechsel innerhalb der ersten drei Jahre - also in den sensiblen Phasen des Identitäts-, Beziehungs- und Bindungsaufbaus - soll vermieden werden (vgl. gaimh.org). Bei langer Krankheit einer Erzieherin stellt der Kindergarten schnellstmöglich eine langfristige Alternative. Ideal ist es, wenn diese Ersatz- Erzieherin den Kindern schon aus dem Alltag bekannt ist: Vielleicht agiert sie als Springerin zwischen zwei Gruppen und bietet z.B. einen Mal- oder Kochkurs an, so dass sie im Krankheitsfall nicht als völlig neue Person eingeführt werden muss.
  • Altersheterogene Gruppen sind für Kinder anregender, als altershomogene. Kindergruppen mit ausschließlich Gleichaltrigen müssen kein Ausschlusskriterium für einen guten Kindergarten sein, trotzdem sollten Eltern folgendes bedenken: Schon in der Familienkonstellation haben Kinder einen bestimmte, unverrückbare Rolle inne. Sie sind die Erstgeborenen, der große Bruder, die kleine Schwester, das Nesthäkchen etc. Nie werden sie aus dieser Rolle ausbrechen können, sie ist aufgrund der Geburtenabfolge so festgelegt. In altershomogenen Gruppen bilden sich schnell ebensolche Rollenmuster. Es gibt das fürsorgliche große Mädchen, den Rabauken, den Clown, das wilde Mädchen etc. Da alle Kinder gleich alt sind, können sie auch dort kaum aus den einmal entwickelten Rollen ausbrechen. Der Rabauke wird für die Gesamtheit seines Kindergartendaseins der Rabauke bleiben und vielleicht ein Selbstbild entwickeln, das ihm dann in der Schule und im Berufsleben im Weg steht. Anders bei altersgemischten Gruppen. Auch dort gibt es ganz sicher ein Mädchen, das besonders fürsorglich ist und auch dort gibt es Rabauken und Nesthäkchen. Doch ist ein Jahr vergangen, geht das große, fürsorgliche Mädchen vielleicht schon in die Schule und die Rolle wird frei für eins der nachwachsenden Kinder. Auch das Nesthäkchen bleibt nicht immer der Kleinste - schließlich werden jedes Jahr zwei neue Kleinkinder eingewöhnt. So durchlaufen die Kinder in altersgemischten Gruppen im Laufe ihres Kindergartendaseins verschiedene Rollen, können sich darin ausprobieren und ggf. ausbrechen, wenn sie ihnen nicht (mehr) behagt.
  • Damit Kinder sich sicher genug fühlen, ihre Umgebung zu erkunden, in Kontakt mit anderen Menschen zu gehen und Neues zu lernen, müssen die räumlichen Verhältnisse überschaubar, die zeitlichen Abläufe vorhersehbar und der Reizpegel gemäßigt sein. Die Gruppe sollte über drei miteinander verbundene Räume verfügen, so dass es für die verschiedenen Kinder möglich ist, gleichzeitig konzentriert zu spielen, laut zu toben und sich bei Müdigkeit, Angst oder Frustration zurückzuziehen (vgl. gaimh.org ). Das Außengelände sollte gleichzeitig anregend, als auch schützend angelegt sein sowie den Kindern genügend Herausforderungen für selbstwirksames Erforschen bieten. Es muss nicht per se ein eigener Garten vorhanden sein, aber die Kinder sollten jeden Tag so oft wie möglich draußen verbringen können und zwar nicht nur auf einem angelegten Spielplatz, sondern auf etwas wilderem Gelände.
Insgesamt lässt sich festhalten: Ob ein Kindergarten qualitativ gut einzuschätzen ist, hängt nur wenig vom Konzept (Montessori, sportbetont etc.) ab. Auch Zusatzangebote wie Englisch-, Musik-, oder Kunstkurse, Bioessen oder eine eigene Sauna sind nur schmückendes Beiwerk. Von allergrößter Bedeutung sind die Erzieherinnen! Schaut ihr euch also einen Kindergarten, eine Krippe oder eine Tagesmutter an, achtet vor allem darauf, wie feinfühlig sie mit den ihr anvertrauten Kindern umgeht. Sieht sie so aus, als hätte sie Spaß an der Arbeit mit den Kindern? Lächelt sie? Spricht sie leise und freundlich? Geht sie auf die Bedürfnisse einzelner Kinder ein? Entsprechen ihre Einstellungen dem neusten Stand der Forschung bzw. euren persönlichen Vorstellungen (z. B. beim Töpfchentraining, Essen immer probieren müssen ja/nein etc.)? Könnt ihr eurer Kind mit gutem Gefühl bei ihr lassen? Wenn ihr das bejahen könnt, dann herzlichen Glückwunsch: Ihr habt die perfekte Fremdbetreuung für euer Kind gefunden! - Jetzt müsst ihr dort nur noch einen Platz bekommen...

Was sagt die Evolution zur Fremdbetreuung?


Regelmäßige Leser unseres Blogs haben sicher schon bemerkt, dass wir das kindliche Verhalten gerne im Zusammenhang mit der evolutionsbiologischen Entwicklung betrachten. Dies bietet häufig nachvollziehbare und interessante Erklärungsansätze (man kann das Buch "Kinder verstehen - Born to be wild - Wie die Evolution unsere Kinder prägt" von Herbert Renz-Polster in dem Zusammenhang nicht oft genug lobend erwähnen).
 
Wir können nur vermuten, wie sich die Kinderbetreuung in den letzten tausenden Jahren abgespielt hat. Renz-Polster sagt in einem Interview zur Annahme, dass Babys in den ersten Jahren ausschließlich am besten bei der Mutter aufgehoben sind:
"Diese These ist aus evolutionärer Sicht nicht haltbar. Für die Betreuung ihrer Kinder stützten sich Mütter schon immer auf ein Netz von Helfern. Fest steht: Fremdbetreuung ist nicht etwa gegen die menschliche Natur. Denn rund um den Globus entwickeln Babys ihr Urvertrauen, auch wenn sie nicht ausschließlich von einer, sondern von mehreren Bezugspersonen versorgt werden. Viel interessanter ist aus evolutionärer Sicht eine andere Frage, nämlich die nach der Qualität der Betreuung. Denn im ursprünglichen Lebenskontext der Menschen wurden kleine Kinder immer schon von vertrauten, in das soziale System der Eltern eingebundenen Menschen betreut. Das ergab sich ja schon aus der kleinen Gruppengröße von Jäger- und Sammlergemeinschaften. Man kannte sich, war in ein gemeinsames Netz eingebunden. Die „Fremdbetreuung“ fand in einem räumlich und personell vertrauten Umfeld statt."

Man wird es zwar nie mit Sicherheit sagen können, aber es ist anzunehmen, dass die Kinder im Verlauf der Geschichte in den ersten Lebensjahren nicht ausschließlich von ihren Müttern betreut wurden. So lange das Kind ausschließlich gestillt wird, ist es erforderlich, dass es die meiste Zeit bei seiner Mutter ist. Mit der Einführung von Beikost, war es jedoch möglich, dass Mutter und Kind einige Stunden getrennt verbringen. 

Nahrungsbeschaffung war die längste Zeit der Menschheit eine harte und aufwändige Arbeit, bei der jede Hand gebraucht wurde. Dass Mütter in Höhle oder Kate ein bis drei Jahre damit verbrachten, sich ausschließlich aufopferungsvoll um ihr Kind zu kümmern, ist äußerst unwahrscheinlich. Stattdessen wird es vermutlich eine organisierte Kinderbetreuung gegeben haben, bei der einzelne Mitglieder des Rudels für die Arbeitszeit der Mütter die Aufsicht übernahmen. 

Grundsätzlich war der Familienzusammenhalt die meiste Zeit der Menschheit ein ganz anderer, als heute. Es war selbstverständlich, dass Mütter, Großmütter, Tanten, Cousinen und Schwestern nahe beieinander lebten und sich gegenseitig unterstützten. Das Konzept, dass Mama die ersten Jahre ausschließlich mit dem Kind daheim bleibt, ist ein sehr neuzeitliches Konstrukt. Da die Menschheit dennoch relativ unbeschadet überlebt hat, gehe ich persönlich davon aus, dass eine Fremdbetreuung weder unnatürlich ist noch dass sie nachhaltig schadet - eine sehr gute Qualität natürlich vorausgesetzt. Zwar sagen Kritiker, dass eine fremde Person eben keine Verwandte ist und daher die Situation in der Neuzeit nicht vergleichbar ist - nach meiner Erfahrung können sich Kinder durch eine gute Eingewöhnung auch an Bezugspersonen binden, die nicht mit ihnen verwandt sind und die sie erst kurze Zeit kennen.

Die Ist-Situation bei der Fremdbetreuung 


Das Rollen-Modell Mann Alleinverdiener und Frau vorübergehend länger Hausfrau ist übrigens typisch (west)deutsch. Im Nachkiegsdeutschland gab es einen riesigen Aufschwung, der den Männern überdurchschnittliche Gehälter bescherte, die es schlicht nicht erforderlich machten, dass die Frau zum Familieneinkommen beitrug. Die Tätigkeit als Hausfrau galt als Statussymbol - Männer brüsteten sich gerne damit, dass ihre Frau zu Hause bleiben konnte. Diese Situation war weltweit einmalig und wurde bald Normalität in Deutschland. Da die Frauen zunehmend zu Hause blieben, wurden auch keine Betreuungsplätze geschaffen. Deswegen fanden die Frauen - die entgegen des allgemeinen Lebensstils - arbeiten wollten kaum Betreuungsmöglichkeiten. Während 1989 im Osten rund 80 % der Kinder unter 3 Jahren betreut wurden, waren es im Westen gerade mal 2 %.

Die Betreuung von Kindern, die jünger als 3 Jahre sind, hat sich in den letzten Jahren gravierend geändert. Im Jahr 2006 lag die Betreuungsquote in Deutschland bei 8,0 % - seitdem ist sie bis 2011 jährlich um etwa 2-3 Prozentpunkte gestiegen. In den letzten beiden Jahren machte sie Sätze von mehreren Prozentpunkten und beträgt deutschlandweit nunmehr seit dem 1.8.2013 (seit dem es einen Rechtsanspruch auf U3-Betreuung gibt) etwa 40,3%. Allein von März bis August 2013 stieg die Quote um 11 Prozentpunkte - das sind 37,5% mehr Kitaplätze innerhalb von fünf Monaten. 

Dabei gibt es gravierende geografische Unterschiede. In Brandenburg wurden (Stand noch 01.03.2013) insgesamt 53,6 % aller Kinder unter 3 Jahren fremdbetreut, in Berlin sind es 43,7 %, in Mecklenburg-Vorpommern 54,5 %, in Sachsen 47,2 %, in Thüringen 51,4 %  in Sachsen-Anhalt sogar 57,7 %. In den östlichen Bundesländern ist für etwa die Hälfte der Kinder vollkommen normal, früh fremd betreut zu werden. Ganz anders sieht es in den westlichen Bundesländern aus - dort sind es gerade mal 25-30  % - Schlusslichter sind mit  24,8 % Bayern, mit 23,3 % Bremen und mit 19,9 % Nordrhein-Westfalen (Quelle: Statistisches Bundesamt: Statistiken der Kinder- und Jugendhilfe. Kinder und tätige Personen in Tageseinrichtungen und Kindertagespflege 2013 (Stichtag: 1. März)).


Betreuungsquote in Deutschland
Entwicklung der Betreuungsquote in Deutschland (in %)
Stand: 1. März 2013
Äußerst bemerkenswert finde ich die Entwicklung in den letzten 8 Jahren. Die Annahme, dass der Großteil der deutschen Mütter im Grunde ihre Kinder gerne in den ersten drei Jahren ausschließlich zu Hause betreuen will, ist also vermutlich nicht ganz richtig - sie hatte in den letzten Jahren offenbar gar keine andere Gelegenheit, weil die Kitaplätze schlicht gefehlt haben. Werden die Plätze zur Verfügung gestellt, werden sie auch genutzt.

Wie sieht es im Rest Europas aus?

Die Fremdbetreuungsquote von U3-Kindern ist sehr unterschiedlich. Während in Dänemark etwa 75 % aller Kinder unter 3 Jahren fremdbetreut werden (fast 70% auch noch über 30 h wöchentlich), sind es in Teilen des östlichen Europas unter 10%. Der Durchschnitt liegt bei etwa 26%.

Grafik Kleinkindbetreuung in Europa
Kleinkindbetreuung (U3) in Europa - Angabe in %
Quelle: EU-SILC 2011


Eine UNICEF-Studie hat die Lebenszufriedenheit von Kindern ermittelt. Ich habe einfach mal interessehalber die Ergebnisse mit der Betreuungsquote des Landes verknüpft (blaue Zahlen = Betreuungsquote über dem Durchschnitt, grüne Zahlen unter oder gleich dem Durchschnitt) - die Ergebnisse sehen wie folgt aus:
Zufriedenheit von Kindern

Die Verknüpfung der Daten für die U3-Betreuung mit der Zufriedenheit ist sicher nicht sehr wissenschaftlich, weil die allgemeine Zufriedenheit von Kindern auch von unzähligen weiteren Umständen und vor allem dem allgemeinen Lebensniveau beeinflusst ist, weswegen man die Länder diesbezüglich zum Teil nur bedingt vergleichen kann. Was ich für mich aus der Verknüpfung jedoch dennoch definitiv schließe ist, dass eine frühe Fremdbetreuung Kinder keinesfalls auf Dauer unglücklich macht. Die Niederlande hat mit 52% eine der höchsten U3-Fremdbetreuungsquoten - und dennoch sind dort die Kinder europaweit am glücklichsten. Auch Länder, in denen die Quote um die 40% liegt, rangieren auf den vorderen Plätzen. Und deutsche Kinder - vergleichsweise viel daheim behütet - sind im Vergleich erschreckend "wenig" glücklich. 

Die Geburtenrate im Vergleich zur Fremdbetreuung 


Auch interessant ist, dass die Länder mit den höchsten Fremdbetreuungsquoten auch die höchsten Geburtsraten haben. Die Vereinbarkeit von Beruf und Familie scheint sich positiv auf die Fortpflanzungsfreudigkeit auszuwirken. Die Geburtenrate in Deutschland ist mit 8,33 Lebendgeburten auf 1000 Einwohner pro Jahr eine der weltweit schlechtesten - wir belegen damit Platz 218. Man kann sich fragen, warum das so ist. Manch einer mag einwenden, dass das finanzielle Gründe haben wird - das ist jedoch eher unwahrscheinlich. So wurden zu Zeiten des Erziehungsgeldes (300 EUR im Monat) mehr Kinder geboren, als zu Zeiten des vergleichsweise üppigen Elterngeldes (bis zu 1.800 EUR) im Monat. 

Außerdem geht es deutschen Müttern im europäischen Vergleich finanziell außerordentlich gut - das Kindergeld ist eines der höchsten überhaupt und Leistungen für Elterngeld findet man kaum sonst. Französische Eltern erhalten nur 10 Wochen nach der Geburt finanzielle Unterstützung und gehen in der Regel danach arbeiten. Dennoch liegt die Geburtenrate bei 12,7 - das sind über 50% (!) mehr, als in Deutschland. Einen Zusammenhang zwischen den Möglichkeiten für die Kinderbetreuung und der Geburtenrate konnte auch das Ifo-Institut in einer Untersuchung feststellen. 

Kinder im Kindergarten


Lasst uns tolerant sein! 


In Deutschland ist ein wahrer Glaubenskrieg ausgebrochen. Mütter, die drei Jahre zu Hause bleiben müssen (weil sie keinen adäquaten Betreuungsplatz haben), können (weil der Mann genug verdient) und/oder wollen, werfen berufstätigen Müttern nicht selten vor, egoistisch zu sein und ihr Kind zu vernachlässigen. "Wozu hat die Kinder bekommen, wenn sie sie doch die meiste Zeit abschiebt?" wird dann schon mal gehässig gefragt. Viele berufstätige Mütter sagen voller Inbrunst "Ich will arbeiten! Es macht mir Spaß und fordert mich geistig. Und mein Kind fühlt sich sehr wohl". Aus den werktätigen Reihen erschallt gelegentlich verständnislos "Wie kann man sich nur vom Mann aushalten lassen - ewig zu Hause - da verblödet man doch nur". Da wird erbittert gestritten, Argumente ausgetauscht, schnell be- und verurteilt. Vollkommen zu unrecht, wie ich meine!

Wen es glücklich macht, sich zeitintensiv um seine Kinder zu kümmern, wer nicht arbeiten muss oder kein Problem damit hat, sich finanziell einzuschränken, dem sei es gegönnt, dass es ihm möglich ist, zu Hause zu bleiben, wenn er seine Erfüllung dabei findet. Er kann jedoch nicht darüber urteilen, dass frühe Fremdbetreuung nichts für die eigenen Kinder ist - sie haben ja schlicht noch keine kennengelernt. Wem nach einiger Zeit "Nur-Mutter-Sein" die Decke auf den Kopf fällt oder wer arbeiten gehen muss, um finanziell um die Runden zu kommen, der sollte dies tun können, ohne  schlechtes Gewissen und ohne verurteilt zu werden.

Beide Wege sind in unserer Gesellschaft normal, beides sollte uneingeschränkt akzeptiert werden. Kein Kind daheim wird nachhaltig Schaden nehmen, wenn es nur einmal in der Woche eine Spielgruppe besucht - ebenso wenig wie es einem Kind schadet, wenn es liebevoll fremdbetreut wird und seine Mutter nur ein paar Stunden am Tag sieht.

© Danielle


Quellen