Warum uns Kinder manchmal so wütend machen

Es ist normal, dass unsere Kinder uns - wie sonst kaum jemand - in Sekundenschnelle "auf die Palme" bringen können. Eltern sind oft erschrocken darüber, wie ausufernd diese negativen Gefühle daherkommen und fragen sich, wo diese ihren Ursprung haben. Warum werden wir manchmal vom Weinen unserer Babys oder den Trotzreaktionen unserer Kleinkinder emotional so extrem aufgewühlt?

Die Idealvorstellungen der Eltern 


In der Schwangerschaft überlegen Mütter und Väter schon Monate vor der Geburt liebevoll, wie ihr Kind wohl werden wird. Neben den ihnen bewussten Fragestellungen wie "Wird er meine Nase erben?", "Hat sie rote oder blonde Haare?" oder "Erbt es meine Liebe zur Musik?" schleichen sich oft klammheimlich ideale Vorstellungen vom zukünftigen Baby in das Unterbewusstsein.


Bei mir war es zum Beispiel so, dass ich fest davon ausging, ein zartes Mädchen zu gebären, obwohl mein Bauchumfang zuletzt bei 110 cm lag und jedem außer mir kristallklar war, dass da ein Riesenbaby heranwuchs. Sie kam dann auch mit 60 (!) cm auf die Welt. Mir war überhaupt nicht bewusst, wie sehr ich auf diese Idee des zarten Mädchens fixiert war, bis dann diese Wuchtbrumme auf mir lag und in die mitgebrachten Strampler der Größe 50 und 56 nicht passte. Ich guckte sie an und dachte "Holla, die Waldfee! Wer bist du denn?"

Mittlerweile weiß ich, dass ich meinen eigenen Wunsch, elfengleicher zu sein, auf meinen Bauchbewohner übertragen  hatte. Es wird vermutet, dass es für werdende Eltern psychologisch notwendig ist, diese inneren Vorstellungen zu entwickeln, weil sie sich sonst auf das "Projekt Baby" nicht einlassen würden (Brisch, 2010: 119). Schließlich ist jedem zumindest theoretisch bekannt, wie anstrengend so ein kleines Kind ist und welche Veränderungen es mit sich bringt. Von Freunden, die schon Kinder haben, hört man oft "Wartet erst mal ab, eurer Leben wird sich komplett ändern!", während die werdende Mutter und der werdende Vater daraufhin innerlich die Augen verdrehen, denn wie schlimm kann es schon werden?

Tja, wie schlimm wird es? Schlimm. Schlimmer als gedacht, zumindest. Es war nicht wirklich so, dass sich mein Leben durch die Geburt unserer ersten Tochter änderte. Oh nein -  ich hatte einfach nur plötzlich kein Leben mehr. Kein selbstbestimmtes jedenfalls. Ununterbrochen hing dieses kleine, hilflose Menschlein an mir und wollte Milch oder Wärme oder in den Schlaf gewiegt werden. Ich kam nicht einmal mehr dazu, zu duschen. Mein Wunschkind brüllte sich angsterfüllt die Lunge aus dem Leib, wenn sie nur eine Sekunde von mir getrennt wurde und so kam es, dass ich gefühlte 24 Stunden am Tag mit ihrem Wohlergehen beschäftigt war und weder zum Essen, noch zum Schlafen, noch zum Anziehen kam. So hatte ich mir das ganz und gar nicht vorgestellt. Mein Baby aus der Schwangerschaft und mein Baby in der Realität hatten nichts miteinander gemein. Ich hatte mir mein Baby unbewusst einfach anders erträumt und war nun enttäuscht.

Es kommt gar nicht so selten vor, dass Eltern auch noch nach der Geburt an der Vorstellung vom "idealen Baby" festhalten und dann frustriert sind, wenn es nicht nach ihren Wünschen funktioniert. Wenn dann das Neugeborene eben nicht den ganzen Tag schläft oder ein so sonniges Gemüt hat, dass man es problemlos zum Brunch ins nächste Restaurant mitnehmen kann, kommt es schnell zu Spannungen und Konflikten bei den Eltern. Diese Spannungen übertragen sich oft auch auf das Kind und dieses wird noch unruhiger und noch unausgeglichener - und die Eltern immer wütender. Ein Teufelskreis (vgl. Brisch, 2010: 126).

Werden die Idealvorstellungen vom Baby nicht irgendwann korrigiert, wird das Verhalten des Kindes manipulativ beeinflusst. Da die Bindungspersonen für das Kind überlebenswichtig sind, wird es versuchen, sich den Erwartungen der Eltern so gut es geht anzunähern - unter der Aufgabe des eigenen Selbst. Psychologen bezeichnen diesen Vorgang als Entwicklung eines "falschen Selbst". Im weiteren Verlauf des Lebens passen sich solche Menschen stark an die Erwartungen anderer an, ohne eigene Meinungen oder Wünsche zu äußern, aus Angst, abgelehnt zu werden (vgl. ebd, 2010:126).

Ein Beispiel aus der Turngruppe meiner Töchter: Dort spielt ein etwa dreijähriges Mädchen mit, die immer von ihrem Papa begleitet wird. Sie ist sportlich sehr fit und klettert und springt, was das Zeug hält. Beim letzten Mal nun fiel sie sehr unglücklich vom Trampolin auf den Po, vermutlich genau auf den Steiß. Nach dem Sturz schaute sie sofort zum etwas abseits sitzenden Vater, der sie nett anlächelte, aber keine Anstalten machte, zu ihr zu gehen und sie zu trösten. Man merkte ihr deutlich an, dass sie große Schmerzen hatte - sie hielt sich den Po und rollte sich auf dem Boden hin und her - aber kein Ton des Schmerzes kam aus ihrem Mund. Keine Tränen. Sie war tapfer wie ein Indianer - weil ihr Vater (ein sehr netter, zugewandter übrigens) ihr das so in der Vergangenheit vermittelt hatte. Wenn man fällt, steht man wieder auf, ohne zu heulen. Es ist doch nicht so schlimm! Sie traute sich nicht, Schwäche zu zeigen, obwohl es diesmal durchaus einen Grund dafür gegeben hätte.

Was bedeutet das nun für uns Eltern? 


Wir müssen uns nach der Geburt ganz bewusst verabschieden von unserem idealen Bauchbaby. Wir sollten uns Zeit nehmen, unserer reales Baby erst einmal in seiner eigenen Persönlichkeit zu entdecken. Dafür ist ja das Wochenbett durchaus auch gedacht - nicht umsonst ereilen einen nach der Geburt die immer gleichen Wünsche für eine "schöne Kennenlernzeit".

Vom idealen Baby Abschied nehmen, bedeutet auch, dem Kind sein eigenes Tempo zuzugestehen. Hat man noch in der Schwangerschaft gedacht, das eigene Kind werde selbstverständlich mit sechs Monaten krabbeln und mit zwölf Monaten laufen, sollte man sich nun zurücklehnen und den Druck rausnehmen. Die Kinder in der Pekip Gruppe schlafen alle schon durch? Egal - wir haben eben Individualisten!

Baby das wütend macht

Übrigens muss man nach einem Jahr den Prozess noch einmal wiederholen und in den Folgejahren sowieso. Man muss Abschied nehmen vom idealen Kleinkind, welches immer folgsam ist, jegliches Essen probiert ohne zu mäkeln, keine Trotzanfälle bekommt und herzensgut sein Spielzeug mit anderen teilt. Abschied nehmen von Kindergartenkind, das sich morgens schnell und ohne zu murren den Schneeanzug selbst anzieht, immer erst das eine Spielzeug wegräumt, bevor es sich ein anderes nimmt, niemals die weißen Wände des Kinderzimmers mit Buntstiften bemalt und nicht im Traum auf die Idee kommt, auszuprobieren, ob die Schere auch die Haare des Bruders abschneidet. Abschied vom idealen Schulkind. Abschied vom idealen Teenager. Abschied nehmen....

...und dem Kind das geben, was es braucht. Zeit, in Ruhe zu wachsen. Zeit, in seinem eigenen Tempo die Welt zu erobern. Zeit, selbst zu entscheiden, wann es schlafen oder essen möchte. Zeit, sich ein eigenes Hobby zu suchen. Wer dem Kind nicht die eigenen Wünsche oder Vorstellungen überstülpt, wird auch nicht enttäuscht. Da muss man als sportbegeisterte Mutter einfach mal in sich gehen, wenn der Sohn partout keine Freude an der Turnstunde hat - vielleicht will er ja lieber malen oder musizieren?

Das Projizieren von eigenen Wünschen auf das Baby 


Bei der Befriedigung der Bedürfnisse meines Babys stieß ich immer mal wieder an Grenzen und wusste nicht, warum. So versuchte ich zum Beispiel Abend für Abend mit unendlicher Mühe und einer großen Portion Sanftmut, meine Tochter in den Schlaf zu wiegen, doch ich schaffte es einfach nicht. Woran lag das?

Ich war selber so müde, dass ich felsenfest davon überzeugt war, dass mein Baby schlafen möchte. Ich hatte meinen eigenen Wunsch auf mein Kind projiziert und ihre Signale falsch interpretiert (Brisch, 2010: 119). Mein Kind war hellwach und dachte gar nicht daran, mir diesen Gefallen zu tun. Es wollte eigentlich spielen. Das machte mich wütend! Richtig wütend sogar! Ich war müde verdammt nochmal! Nun schlaf doch endlich ein!

Erst als ich diesen Prozess des Projizierens von eigenen Bedürfnissen  verstanden hatte und viel entspannter an die Schlaferei heranging (sie blieb mit uns so lange im Wohnzimmer, bis wir selbst schlafen gingen), wurde es besser. Es kam zwar immer mal wieder vor, dass ich vor eine neue Grenze stieß - meine Tochter wollte zum Beispiel partout nicht mit sechs Monaten meinen selbstgekochten Pastinakenbrei probieren, während ich verzweifelt mit dem Löffel vor ihr herumhampelte - aber dann nahm ich mich und meine Wünsche wieder zurück und siehe da, alle entspannten sich.

Das Baby "triggert" die Eltern 


Es ist möglich, dass Babys durch ein bestimmtes Verhalten die Eltern unbewusst an eigene unverarbeitete Emotionen erinnern und diese dann unverhältnismäßig heftig oder für Außenstehende seltsam auf ihr Kind reagieren (vgl. ebd, 2010: 120).

Ich hatte schon kurz im Artikel über Bindung erwähnt, dass große Ängste oder Mißhandlungen im Kindesalter vom Gehirn gleichsam abgespalten werden können, wenn sie eine zu starke seelische Belastung darstellen. Das Kind verdrängt diese nahezu komplett. Erst, wenn sie "getriggert" werden, überschwemmen die alten Gefühle den Erwachsenen und können große Wut, Scham oder Hilflosigkeit auslösen. Solche Momente, die triggern, sind für jeden Menschen individuell. Das kann zum Beispiel dann sein, wenn die große Tochter die kleinere beißt, wenn das Baby vor Freude laut kreischt oder das Laufrad fahrende Kind nicht auf unser Stopp-Signal hört.

Es kann dann passieren, dass Eltern z. B. die Nähewünsche ihrer Kinder zurückweisen und ohne ein Wort weggehen oder mit dem Kind nicht mehr reden. Oft werden Kinder auch rasend vor Wut in ihr Zimmer getragen und die Tür geschlossen. Es kommt auch vor, dass Eltern sogar selbst gewalttätig werden, indem sie das Baby zum Beispiel schütteln, damit es endlich aufhört, zu schreien. (Bitte schüttle NIEMALS dein Kind, das ist lebensgefährlich!). Oft sind diese Eltern dann ganz erschrocken ob ihres Gefühlsausbruches und sind unglücklich, weil sie diese scheinbar nicht vermeiden können.

Es ist wichtig, selbst ganz ehrlich einzuschätzen, wie stark man sein Kind mit den eigenen ungelösten Geschichten gefährdet. Wird man wütend, sehr sehr, wütend und tritt vor Wut gegen den Schrank? Oder wird man wütend, sehr, sehr wütend und tritt deswegen das eigene Kind? Letzteres (und vielleicht sogar ersteres!) sollte ein deutliches Signal dafür sein, sich bei einer psychologischen Beratungsstelle Hilfe zu holen (Psychotherapeutensuche). Denn dann verstößt man nicht nur gegen das Grundrecht des Kindes auf eine gewaltfreie Erziehung, man gibt sein eigenes schlechtes Verhaltensmuster an die nächste Generation weiter, statt die Gewaltspirale zu durchbrechen.

Wie kann man mit der Wut umgehen? 


Abgesehen davon, die eigenen Probleme tatsächlich mal mit einem Psychotherapeuten oder Analytiker zu besprechen, kann man als wütendes Elternteil versuchen, sich in schwierigen Situationen ganz bewusst zu entspannen. Das funktioniert nicht in den Momenten, in denen die "Geister der Vergangenheit" in uns getriggert werden, sehr wohl aber in vielen anderen Momenten, die uns ebenso wütend machen.

Selbstgespräche und Ich-Botschaften 


Wenn meine Töchter morgens lieber spielen, als sich für den Kindergarten anzuziehen, kann es vorkommen, dass ich mit jeder verstreichenden Minute wütender werde, weil ich Angst habe, zu spät zur Arbeit zu kommen. Ich habe mir deshalb angewöhnt, in den Augenblicken, in denen ich fühle, dass sich Wut in meinem Bauch sammelt, tief durchzuatmen und ruhig und ohne Vorwurf in der Stimme in den Raum hinein zu verkünden: "Ich merke, dass ich wütend werde. Oh je. Ich fürchte, dass ich zu spät zur Arbeit komme und warte deshalb ganz ungeduldig darauf, dass meine Kinder zum Anziehen kommen. Wir müssen jetzt wirklich los." Das hilft mir tatsächlich, den größten Dampf abzulassen, und es gibt meinen Kindern Gelegenheit, meine Gefühlswelt kennenzulernen und verständnisvoll darauf zu reagieren.

Ich bemühe mich stark, das Ganze nur als "Selbstoffenbarungs"-Botschaft zu senden, denn ich möchte nicht, dass meine Kinder es als Drohung auffassen im Sinne von "Wenn du jetzt nicht tust, was ich verlange, werde ich gleich wütend und es gibt ein Donnerwetter!" Ich habe festgestellt, dass diese Art von lautem Selbstgespräch nicht nur mir, sondern auch meinen Kindern wirklich gut tut - war es davor so, dass ich meinen Ärger über die Trödelei stillschweigend ertragen habe, bis ich für meine Kinder völlig überraschend platzte, hören sie nun schon weitaus früher von mir, was mich gerade stört und reagieren darauf überraschend oft empathisch: sie ziehen sich an.

Entspannungstechniken anwenden 


Eine befreundete Mutter erzählte mir neulich von ihrer Methode, mit Wut umzugehen. (Danke, B.!) Sie hat für sich im Umgang mit ihren Kindern Wut- Regeln aufgestellt:

  • Wut ausdrücken: bei mir bleiben, deutlich sagen, was ich fühle und warum ich es fühle, nicht anklagen
  • bewusst beruhigen vor dem Kind
  • mit dem Kind darüber reden

Das würde dann folgendermaßen klingen:  "Ich bin jetzt richtig wütend! Es macht mich wütend, wenn du deiner Schwester so weh tust, dass sie weint! Ich will das nicht! Ich bin so wütend!" Dabei mit dem Fuß aufstampfen. Dann folgt "Ok, beruhigen. Tief durchatmen und bis 10 zählen. Hilfst du mir dabei?" Mutter und Tochter atmen gemeinsam ein paar Mal ganz tief ein und aus und zählen danach bis 10. Das wiederholen sie, bis es der Mama wirklich wieder besser geht. Sie sagt dann auch mit einem Lächeln: "Jetzt bin ich wieder ruhig." Anschließend reden die beiden darüber. Dass es passieren kann, dass man wütend wird und Wut ein wichtiges Gefühl im Leben ist. Dass man aber auch lernen muss, sich selbst beruhigen zu können, bevor man etwas Unbedachtes tut. Dass auch Mamas und Papas wütend werden und das für Kinder manchmal beängstigend ist. Dass es aber nicht bedeutet, dass wir sie deshalb weniger lieben.

Ich finde diese Methode gleich auf mehreren Ebenen hervorragend, so dass ich sie nun in mein eigenes Repertoire übernommen habe. Zum einen hilft es den Eltern tatsächlich, Luft abzulassen und das Wutgefühl unter Kontrolle zu bekommen, zum anderen lebt man seinen Kindern so aktiv einen guten Umgang mit der eigenen Wut vor. Als Ritual habe ich dieser Methode noch ein Kinderbuch hinzugefügt. Meine Töchter beruhigen sich am besten, wenn man ihnen etwas vorliest, sie fragen in einem Wutanfall sogar explizit nach einem Buch zum Entspannen. Das habe ich für mich selbst aufgegriffen und hole nun nach einem mütterlichen Wutanfall meist das Kinderbuch "Schreimutter" hervor und lese es zusammen mit meinen Töchtern. So kommen wir nach einer Phase der Aufregung gemeinsam zur Ruhe.

Es gibt natürlich noch etliche andere Entspannungsverfahren, die man anwenden kann: Autogenes Training und progressive Muskelentspannung, Fantasiereisen, das Aufsuchen eines imaginären "sicheren Wohlfühlortes" oder auch Bio-Feedback, um nur einige zu nennen. Jedes Elternpaar sollte sich überlegen, was am besten zu einem passt und dieses dann ganz aktiv anwenden, wenn es zu Wutsituationen kommt. Je ruhiger und entspannter wir in schwierigen Situationen sind, desto weniger oft eskalieren sie.

Die Vergangenheit und Gegenwart vergleichen 


Eltern, die selbst Nötigung körperlicher oder emotionaler Art erleiden mussten, erleben ihre Wut gegenüber ihren Kindern oft als Naturgewalt, derer sie nicht Herr werden können. Tatsächlich ist und bleibt eine Verhaltenstherapie und/oder Analyse hier der nachhaltigste Weg heraus aus dem Dilemma. Wenn man dies, aus welchen Gründen auch immer, nicht in Betracht zieht, kann man versuchen, selbst die Erlebnisse der Vergangenheit zu betrachten und diese mit den Wut auslösenden Situationen bei den eigenen Kindern vergleichen. (Danke an L. für diese Strategie!)

Nehmen wir an, eine Mutter wird immer dann besonders rasend, wenn sie sieht, wie ihre große Tochter das kleine Baby schlägt. Insgesamt ist das Hauen ein normales, alterstypisches Verhalten, das oft in der nachgeburtlichen Geschwisterkrise begründet liegt. Für die Mutter aber ist es mehr - nur was? An diesem Punkt ist es sinnvoll, sich daran zu erinnern, wie schwierige Situationen in der eigenen Kindheit von den Eltern gehandhabt wurden. Wurde man bei Ungehorsam geschlagen? Gab es andere Strafen? Vielleicht wurde man ins Zimmer gesperrt? Oder die Eltern haben tagelang nicht mit einem gesprochen? Was konkret wurde von den eigenen Eltern als Ungehorsam angesehen? Was war zuhause streng verboten? Was genau war das Schlimmste an den Strafen? Die Schmerzen? Der Beziehungsabbruch? Die Demütigung des eigenen kleinen Selbst von einer übermächtigen Person? Oder etwas ganz anderes?

Als nächstes sollte man die Situationen, die einen selber als Elternteil wütend machen, genau durchleuchten. Von welchen Aktionen unserer Kinder werden wir getriggert? Vergleiche sie mit den Situationen der Vergangenheit: Wird hier ein hilfloses kleines Kind geschlagen von einem mächtigen Erwachsenen? Nein, das Baby aus unserem Beispiel wird von seiner Schwester gehauen, nicht, um es zu demütigen, sondern aus anderen, nachvollziehbaren Gründen. Das Baby befindet sich nicht in emotionaler Abhängigkeit von der Schwester. Es ist nicht auf ihre Liebe angewiesen, wie ein Kind, das von seinen Eltern geschlagen wird, auf deren Liebe angewiesen ist. Das Baby wird von der Mutter beschützt und auf den Arm genommen, wenn es weint - es geschieht kein Beziehungsabbruch und der Stress wird durch den Körperkontakt verringert. Dadurch kommt es gar nicht erst zu dem Abspalten der negativen Gefühle (wie es bei der Mutter der Fall war), es geht eher gestärkt aus der Situation heraus, da es von seiner Hauptbindungsperson durch die stressvolle Situation begleitet wurde. Die Situationen aus Vergangenheit und Gegenwart haben also rein objektiv gesehen nichts miteinander zu tun.

 
Wenn man diesen wichtigen Schritt erst mal selbständig erarbeitet hat - das geht nach meinen Erfahrungen besonders gut schriftlich - kann man sich ein Mantra suchen, das man in den Situationen, in denen Wut getriggert wird, immer wieder vor sich hin murmelt, bis der Moment der Wut vorüber ist. Für jeden Menschen wirken andere Mantras, deshalb sollte man kurz in sich gehen, und ein eigenes, kurzes, passendes finden. Mantras klingen ungefähr so: "Bleib ruhig!", "Es ist nicht so wie damals!", "Ich bin eine gute Mutter!" ,"Sei stark und hilf deinen Kindern da durch!" oder "Es ist nur eine Phase, nur eine Phase!"

Es ist wichtig, dass das eigene Mantra aus einem selbst heraus kommt und nicht zu lang ist. Man kann ruhig mehrere ausprobieren und gucken, welches sich am authentischsten anfühlt. Nutze das Mantra so früh wie möglich, nicht erst, wenn dich die Wut überkommt, dann entschärft es meist die Situation von vornherein. Wenn das nicht klappt, dann erstmal in der akuten Situation.

Mein ganz persönliches Mantra ist (etwas zu lang) ein imaginärer Satz meiner Kinder an mich: "Liebe mich, wenn ich es am wenigsten verdient habe, denn dann brauche ich es am meisten!" Es führt mir immer wieder vor Augen, dass unsere Kinder uns nicht ärgern wollen, sondern aus inneren Impulsen heraus handeln, die sie selber schlecht steuern können und über die sie selbst oft genauso unglücklich sind, wie wir. Statt dann zu schimpfen oder zu strafen ist es angebrachter, sein Kind in den Arm zu nehmen und ihm Liebe zu schenken.

Das Thema elterliche Wut haben wir übrigens sehr ausführlich in unserem Buch "Der entspannte Weg durch Trotzphasen" behandelt.

© Snowqueen